Schießerei in Berlin

Wer ist Veysel K.?

Von Sebastian Eder
28.12.2020
, 16:13
Nach der Schießerei in Berlin sind Haftbefehle gegen zwei Verdächtige erlassen worden. Einer der Schwerverletzten ist ein alter Freund von Bushido und Arafat Abou-Chaker. Auch ein Bruder des Clanchefs wurde angeschossen.

Nach der Schießerei im Berliner Stadtteil Kreuzberg mit vier Schwerverletzten sind Haftbefehle gegen zwei Verdächtige erlassen worden. Die beiden Männer liegen mit Schussverletzungen im Krankenhaus, wie die Generalstaatsanwaltschaft Berlin am Sonntagabend mitteilte. Einem 30 Jahre alten Mann wird versuchter Mord in drei Fällen zur Last gelegt, einem 39 Jahre alten Mann der unerlaubte Besitz einer Schusswaffe.

Laut Oberstaatsanwalt Martin Steltner war es unter den Männern bei mutmaßlich gemeinsamen illegalen Aktivitäten zum Streit gekommen. Der dreißig Jahre alte Mann sei strafrechtlich vorbelastet, aber nicht so erheblich wie seine Opfer. Er habe unvermittelt das Feuer auf die drei Männer eröffnet, einer habe zurückgeschossen. Der Angreifer sei daraufhin geflüchtet und in den nahen Landwehrkanal gesprungen, aus dem ihn schließlich Rettungskräfte zogen.

Steltner dementierte Medienberichte nicht, laut denen bekannte Berliner Clan-Größen unter den Verletzten sind. Der Angreifer, dem nun versuchter Mord vorgeworfen wird, schoss laut „Bild“ auf einen Bruder von Arafat Abou-Chaker, den Neffen eines anderen Berliner Clan-Bosses sowie Veysel K. Letzterer galt früher als Vollstrecker des Abou-Chaker-Clans und saß wegen eines Messerangriffs schon mehrere Jahre im Gefängnis. Mit dem Clan hatte er sich eigentlich zerstritten, bei dem Konflikt zwischen Arafat Abou-Chaker und Bushido schlug er sich auf die Seite des Rappers. Bushido lud Veysel K. auch zu seiner Hochzeit ein und bezeichnete ihn auf Instagram als „Legende“.

Erst im September wurde K. abermals verurteilt, zu zwei Jahren und neun Monaten Haft, weil er in Charlottenburg siebenmal mit einer Pistole in die Luft geschossen hatte und später mit Kokain erwischt worden war, während er unter Führungsaufsicht stand. Gegen das Urteil legte K. Revision ein. Und so konnte er das Gericht unter Auflagen zunächst als freier Mann verlassen.

Urteile schrecken in dem Milieu nicht ab

Im aktuellen Prozess gegen Arafat Abou-Chaker hätte Veysel K. ein wichtiger Zeuge sein können. Er soll 2018 kurz zu einem Treffen dazugekommen sein, bei dem der Clanchef Bushido eingesperrt und verletzt haben soll. Laut der Aussage des Rappers verteidigte K. ihn, verließ dann aber das Treffen. Dass K. jetzt noch gegen Abou-Chaker aussagt, scheint unwahrscheinlich. Offenbar macht er wieder Geschäfte mit dem Clan.

Auch der verletzte Bruder von Arafat Abou-Chaker steht laut einer Gerichtssprecherin aktuell unter Führungsaufsicht. Er wurde im April 2020 aus der Haft entlassen, nachdem er 2011 zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt worden war, weil er einem Mann „bei einem Kokainkontakt“ mit einem halbscharfen Gegenstand ins Gesicht geschlagen hatte. Dass er seine Haftstrafe offenbar erst Jahre später antreten musste, dürfte in Berlin niemanden mehr überraschen.

Im November hatte die Verhaftung von Wissam R. noch für Verwunderung gesorgt: Monate bevor das Clanmitglied wegen des Vorwurfs verhaftet wurde, in das Grüne Gewölbe in Dresden eingebrochen zu sein, hatte ihn das Landgericht zu viereinhalb Jahren Haft wegen des Einbruchs in das Berliner Bode-Museum verurteilt. Obwohl das Urteil rechtskräftig war, stand die Ladung zum Haftantritt im November noch aus. Eine abschreckende Wirkung haben Urteile in diesem Milieu offensichtlich nicht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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