Mar Menor in Spanien

Das erste Ökosystem Europas mit eigenen Rechten

Von Hans-Christian Rößler, Madrid
22.09.2022
, 16:04
Tote Fische liegen am Strand am Mar Menor, Europas größter Salzwasserlagune im Südosten Spaniens.
Spaniens größte Lagune wird zur Rechtspersönlichkeit. Doch die Zeit für die Rettung des Mar Menor wird knapp – denn ihr droht der ökologische Kollaps.
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Der größten Salzwasserlagune im westlichen Mittelmeer droht der ökologische Kollaps. Die intensive Landwirtschaft vergiftet das „Mar Menor“ in der spanischen Provinz Murcia, das „Kleinere Meer“ ist dabei zu ersticken: Nur ein schmaler sandiger Landstreifen trennt das einzigartige Ökosystem das einst sehr beliebte Urlaubsgebiet von der offenen See, doch seit vier Jahren bildet sich immer wieder eine faulig stinkende „grüne Suppe“, die den Fischen und anderen Meeresbewohnern die letzte Luft zum Atmen nimmt.

Jetzt ist das Mar Menor wenigstens zu einer Rechtspersönlichkeit mit einklagbaren Rechten geworden. Nach dem Abgeordnetenhaus hat nun auch der Senat in Madrid dem zugestimmt; nur die rechtspopulistische Vox-Partei war wieder dagegen.

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Die Lagune ist damit das erste europäische Ökosystem, das diesen Status erhält. Im Jahr 2017 war der Fluss Whanganui in Neuseeland weltweit zur ersten Rechtspersönlichkeit dieser Art erklärt worden. 640.000 Spanier hatten mit einer Unterschriftenaktion das entsprechende Gesetzgebungsverfahren in Gang gesetzt. Jetzt kann sich jeder Bürger, auch wenn er nicht selbst betroffen ist, an die Justiz wenden, wenn er die Rechte der Lagune verletzt sieht. Wer ihm schadet, kann vor Gericht gebracht werden, um Schadensersatz zu leisten.

Die „grüne Suppe“

Das Gesetz gibt der Lagune das Recht, „als Ökosystem zu existieren und sich auf natürliche Weise zu entwickeln. Ein Komitee, das aus Vertretern der Behörden und der Zivilgesellschaft besteht, soll über den Schutz und die Regenerierung des Mar Menor wachen. Mit der Besteigung des Mount Everest verglich die Professorin für Rechtsphilosophie an der Universität Murcia, Teresa Vicente , die eine der treibenden Kräfte hinter dem Gesetzesinitiative war.

Spanien, La Manga: Ein Mann sammelt tote Fische ein, die am Ufer der Insel Ciervo vor La Manga, einem Teil der Lagune Mar Menor in Murcia, Spanien, aufgetaucht sind.
Spanien, La Manga: Ein Mann sammelt tote Fische ein, die am Ufer der Insel Ciervo vor La Manga, einem Teil der Lagune Mar Menor in Murcia, Spanien, aufgetaucht sind. Bild: dpa

Doch die Zeit wird knapp. Zuletzt kippte das früher kristallklare Wasser, in dem Seepferdchen schwammen, im August 2021 um. Zum ersten Mal hatte sich vor vier Jahren die „grüne Suppe“ gebildet, als sich auf einmal Plankton und Algen rapide vermehrten. Fachleute schlugen Alarm, doch die Behörden unternahmen damals nichts – wie auch im Herbst 2019, als sich apokalyptische Szenen abspielten: Fische und Krebse tauchten damals auf und versuchten, sich an das Ufer zu retten, wo sie schließlich verendeten. An den Stränden breitete sich ein Teppich aus Tonnen von toten Meerestieren aus. Nach einem schlimmen Unwetter waren Wassermassen ins Mar Menor geströmt und hatten alles durcheinandergewirbelt. Sie zeigten, dass 80 Prozent der tieferen Schichten der Lagune tot sind, weil es dort keinen Sauerstoff mehr gibt.

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Von den riesigen Obst- und Gemüseplantagen kommen seit Jahrzehnten Nährstoffe wie Stickstoff, Phosphate und Nitrate in die Lagune. Dort regen sie das Wachstum des Phytoplanktons an. Die einzelligen Algen breiten sich aus, bis nicht mehr genug Sonnenlicht für die Photosynthese zu ihnen durchdringt. Dann sterben sie ab. Bakterien bauen ihre Überreste ab und verbrauchen den letzten Sauerstoff. Fische und Krustentiere retten sich in die oberen Wasserschichten.

„S.O.S. Mar Menor“, steht auf einem Banner während einer Kundgebung zum Schutz des Mar Menor.
„S.O.S. Mar Menor“, steht auf einem Banner während einer Kundgebung zum Schutz des Mar Menor. Bild: dpa

Zunächst schob man es auf das Unwetter, aber bald stellte sich heraus, dass die andauernde Zufuhr von Nährstoffen aus den Düngemitteln und eine Hitzewelle ausreichen, um das Wachstum von Algen und anderen Mikroorganismen zu fördern, die Sauerstoff verbrauchen und das Licht blockieren.

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Aber gegen ein härteres Durchgreifen wehren sich die Bauern im „Garten Europas“, der sich auf mehr als 60.000 Hektar nördlich des Mar Menor erstreckt. Intensiv bewässert und mit Unmengen von Kunstdünger versorgt er auch die deutschen Supermärkte. Laut Umweltschützern sind 10.000 Hektar illegal. Umweltschützer reichten im Oktober 2021 bei der EU eine förmliche Beschwerde über das „anhaltende Versagen“ Spaniens beim Schutz des Mar Menor ein.

Gleichzeitig stellte die Zentralregierung einen mit mehreren hundert Millionen Euro dotierten Plan vor, der bis 2026 helfen soll, die Lagune zu retten. Parallel wurden einem ersten Schritt bestimmte Dünger verboten und das Vorgehen gegen illegale Plantagen verschärft.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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