FAZ plus ArtikelLeben mit HIV

Sogar in der Arztpraxis stigmatisiert

Von Eva Schläfer
01.12.2021
, 15:13
              Engagiert: Bei der Aidshilfe in Lübeck ging Hildegard W.  einst in die psychosoziale Betreuung – heute hilft sie selbst.
Hildegard W. ist seit vielen Jahren HIV-positiv – und kämpft gegen Vorurteile und falsche Vorstellungen, die bis heute verbreitet sind.
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Hildegard W. ist eine freundliche Frau mit honigfarbenen Haaren, ruhiger Stimme und einem Lippenstift, der auf die metallisch glänzende Brille und den Pullover mit schwarz-rotem Muster abgestimmt ist. Aber die friedliche Frau, die bald 75 Jahre alt wird, sagt: „Es gibt immer noch die irrige Vorstellung, dass wir eine Gefahr sind.“ Hildegard W. ist seit 1996 HIV-positiv. Und da auch 40 Jahre nach den ersten Meldungen über Aids immer noch viele Menschen nicht ausreichend darüber informiert sind, wie gut die HIV-Infektion heute medikamentös zu behandeln ist, erlebt sie immer wieder stigmatisierende Reaktionen – vor allem im medizinischen Sektor.

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Das Problem belegen auch Zahlen, die die Deutsche Aidshilfe und das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft im September veröffentlicht haben. Im Rahmen einer internationalen Studie zur Stigmatisierung von HIV-Positiven gaben knapp 1500 Deutsche in Interviews und online Auskunft zu ihrem Leben mit HIV. Dank guter Therapiemöglichkeiten fühlten sich drei Viertel der Befragten gesundheitlich nicht oder nur wenig eingeschränkt. 95 Prozent berichteten jedoch von mindestens einer diskriminierenden Erfahrung in den vergangenen zwölf Monaten. Besonders häufig wurde Diskriminierung im Gesundheitswesen genannt. 56 Prozent der online Befragten machten im vergangenen Jahr mindestens eine negative Erfahrung. 16 Prozent berichteten, dass ihnen mindestens einmal eine zahnärztliche Versorgung verweigert wurde. Acht Prozent passierte das bei allgemeinen Gesundheitsleistungen. Deshalb legt ein Viertel der Befragten seinen HIV-Status im Kontakt mit Ärzten, Pflegern und anderen Angehörigen des Gesundheitssystems nicht immer offen.

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Rund 2000 Neuinfektionen in Deutschland

Im Jahr 2020 haben sich in Deutschland rund 2000 Menschen neu mit dem HI-Virus infiziert. Das sind etwa 300 weniger als 2019. Als Gründe für den Rückgang nennt das Robert Koch-Institut (RKI) die Corona-Kontaktbeschränkungen, die HIV-Prophylaxe PrEP, die seit Herbst 2020 Kassenleistung ist, sowie weniger Übertragbarkeit durch frühe Diagnosen und frühe Therapien. Etwa 300 der Neuinfizierten sind heterosexuelle Frauen. Der Großteil der Infektionen tritt bei schwulen und bisexuellen Männern auf. Nach Schätzungen des RKI wissen 9500 Menschen in Deutschland nichts von ihrer Infektion mit HIV. Unbehandelt kann sie zu schweren Beeinträchtigungen des Immunsystems führen. Sie ist nicht heilbar, und es gibt bislang keine Impfung, die vor der Ansteckung schützt. Übertragen wird das Virus über den Austausch von Blut, Sperma und Schleimhautflüssigkeit. Unter Therapie wird das Virus sexuell nicht übertragen.

Vor 40 Jahren erschienen die ersten wissenschaftlichen und journalistischen Berichte über amerikanische Homosexuelle, die zeitgleich unter Pilzinfektionen und Lungenentzündungen litten. Im Jahr darauf traten die ersten Fälle in Europa auf. Auf einer Konferenz in den USA gaben Wissenschaftler dem Krankheitsbild den Namen Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome). 1983 gelang es französischen Wissenschaftlern, das HI-Virus als Auslöser für Aids nachzuweisen. Weltweit leben laut den Vereinten Nationen heute knapp 38 Millionen Menschen mit HIV. Im Jahr 2020 starben 680.000 Menschen im Zusammenhang mit HIV. Am stärksten betroffen ist das südliche Afrika. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Neu­infektionen in Osteuropa, vor allem in Russland, stark an. (efer.)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schläfer, Eva
Eva Schläfer
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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