Sein letztes Bild

Von EVA SCHLÄFER
Fotos: BILL BIGGART

10. September 2021 · Der Fotograf Bill Biggart war der einzige Journalist, der beim Angriff auf das World Trade Center ums Leben kam. Er hinterließ eine Familie – und 154 Aufnahmen.

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um Wesen eines Foto­reporters gehört es, nah dran zu sein an dem Geschehen, das er abbildet. In vielen Krisenregionen dieser Welt birgt eine solche Nähe Gefahr. Bill Biggart aus New York City nahm dieses Risiko in Kauf. Dass sein Beruf ihn sein Leben kosten könnte, wusste er. Was er nicht ahnte: dass das direkt vor seiner Haustür passieren würde. 

Sommer 2000:  Bill in Italien – natürlich mit der Fototasche über der Schulter
Sommer 2000: Bill in Italien – natürlich mit der Fototasche über der Schulter Foto: Wendy Doremus
Am Morgen des 11. September 2001, einem Spätsommertag mit strahlend blauem Himmel, führt Bill Biggart gemeinsam mit Ehefrau Wendy Doremus die Hunde im Union Square Park im südlichen Teil von Manhattan aus. Es ist ein paar Minuten vor neun Uhr, als ein Taxifahrer dem Ehepaar zuruft, gerade sei ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen. Bill, der immer eine Kamera neben seinem Bett liegen hat, um zu jedem Zeitpunkt einsatzbereit zu sein, hastet zurück in die Wohnung an der Kreuzung von 18. Straße und Broadway, greift seine Tasche und läuft los. Darin befinden sich seine Presseausweise, Filmrollen und drei Kameras: zwei analoge Canon-Modelle und eine digitale Canon D30.

Zwei Monate zuvor ist Biggart 54 Jahre alt geworden. Mit Wendy ist er seit 1980 verheiratet. Mit ihren Kindern Kate, 16, und dem 13-jährigen Peter leben sie in der Nähe der Union Station, etwa dreieinhalb Kilometer nordöstlich des World Trade Center. Die Familie wird komplettiert von Bills ältestem Sohn, Bill Jr., den der Vater zunächst allein großzog. Die Mutter des Jungen, Biggarts erste Ehefrau, verließ Mann und Sohn ohne Vorankündigung Anfang der 1970er Jahre. Bill musste daraufhin seinen Plan, als Pressefotograf zu arbeiten, um viele Jahre zurückstellen, verdingte sich als Werbe- und Modefotograf, sein Ausbildungsberuf. Das war mit der Betreuung eines Kleinkindes besser vereinbar und finanziell einträglicher. Von 1985 an aber arbeitete er dann journalistisch, vor allem für die Fotoagentur „Impact Visuals“ und für „The City Sun“, eine unabhängige Wochenzeitung.

Anhand der Fotos lässt sich nachvollziehen, welchen Weg Bill an diesem Morgen wählt. Er läuft zunächst zur 5th Avenue und diese dann Richtung Süden. Kurz nachdem er losgelaufen ist, sieht er, wie das zweite Flugzeug, eine Boeing 767 von United Airlines, den Südturm zwischen 77. und 85. Etage trifft. 

Er biegt nach rechts zum Hudson River ab und läuft die West Street hinunter. Mutmaßlich wechselt er häufig zwischen den drei Kameras hin und her. Auf der West Street reiht sich bereits eine lange Schlange an Feuerwehrzügen, die auf das Kommando warten, sich zur Unglücksstelle zu begeben.

Als der Südturm um kurz vor zehn Uhr einstürzt, fotografiert Biggart die gigantische Staubwolke, die auf ihn zurast.
Als der Südturm um kurz vor zehn Uhr einstürzt, fotografiert Biggart die gigantische Staubwolke, die auf ihn zurast.

Eine Minute vor zehn hält er fest, wie eine riesige, weiße Wolke auf ihn zukommt. Der Südturm ist in sich zusammengestürzt. Die nächsten Bilder zeigen Passanten, Feuerwehrleute, Polizisten unter einer massiven weißen Schicht – ein häufiges Motiv dieser unfassbaren Tragödie. Besondere Bekanntheit hat „Dust Lady“ von Stan Honda erlangt, das die damals 28-jährige Marcy Borders abbildet. Die elegant gekleidete, schwarze Frau ist voller Staub auf Haaren und Haut und blickt verstört in die Kamera. Ein anderes ikonisches, aber auch umstrittenes Bild ist „The Falling Man“ von Richard Drew, das eine in den Tod stürzende Person zeigt – eines von 2763 Opfern in Manhattan. 

Es gibt keine Zahlen, noch nicht einmal Schätzungen, wie viele Profi-Fotografen die brennenden und einstürzenden Twin Towers dokumentiert haben. Klar aber ist: Der perfide Plan der Al-Qaida-Terroristen beruhte auch auf der Wirkung der Bilder. Öffentlichkeitswirksamer – so zynisch der Begriff in diesem Zusammenhang anmutet – kann man Selbstmordattentate kaum verüben: als spektakuläres Ziel das Machtsymbol der führenden Wirtschaftsnation der Welt, über Kilometer hinweg sichtbar, zu einer Tageszeit, zu der viele Menschen unterwegs sind. Und an einem Ort, an dem nationale und internationale Fernseh­sender zuhauf mit Studios vertreten sind und Hunderte Fotografen für Nachrichtenagenturen arbeiten. Sichtbarkeit als strategischer Faktor des Terrors. 

Das ist das erste Bild des Morgens, aufgenommen kurz nach dem Einschlag des zweiten Fliegers.
Das ist das erste Bild des Morgens, aufgenommen kurz nach dem Einschlag des zweiten Fliegers.

Wendy Doremus läuft unterdessen ebenfalls Richtung World Trade Center. Auch sie beobachtet aus der Entfernung, dass der erste Turm kollabiert. „Direkt danach erreichte ich Bill auf seinem Mobiltelefon“, erzählte sie dem amerikanischen Nachrichtenmagazin „Newsweek“ später. Sie hatte mittlerweile von dem Crash eines weiteren Flugzeugs ins Pentagon gehört – kurz darauf sollte zudem ein gekaperter Flieger auf ein Feld in Pennsylvania stürzen, was zusammen zusätzliche 233 Tote forderte – und warnte Bill vor möglichen weiteren Attacken. „Er sagte mir: Ich bin sicher, ich bin mit Feuerwehrleuten unterwegs.“ Sie entgegnete, sie habe Angst um ihn. Er antwortete: „Mach dir keine Sorgen. Ich drehe gleich um und treffe dich in 20 Minuten im Studio.“ Und legte auf. 

Die wartenden Löschzüge hielt Biggart auf der West Street am Hudson River fest.
Die wartenden Löschzüge hielt Biggart auf der West Street am Hudson River fest.

Peter Biggart, Bills jüngster Sohn, ist heute 34 Jahre alt. Er arbeitet als Architekt in einem renommierten Büro in New York City und Los Angeles und freut sich, als die Anfrage zu seinem Vater aus Deutschland eintrifft. Auch seine Mutter Wendy hat für diesen Artikel in einer E-Mail Fragen beantwortet. 

An jenem 11. September, einem Dienstag, beginnt für den damals 13-Jährigen nach langen Sommerferien sein erster Schultag als Achtklässler. Seine High School liegt fünf Kilometer nördlich seines Zuhauses, rund acht Kilometer vom World Trade Center entfernt. „An diesem Morgen war für kurze Zeit zunächst alles normal“, sagt Peter – „bis unsere Klasse und alle Schüler auf einmal in die Turnhalle gebracht wurden.“ Dort habe es keine offiziellen Informationen gegeben, doch alle seine Freunde hatten bereits etwas aufgeschnappt, das meiste davon nicht den Tatsachen entsprechend: Von Hunderten von Flugzeugen über dem ganzen Land sei geredet ­worden, alle abgeschossen, bis auf eines, das es bis Manhattan geschafft habe. „Ich erinnere mich, dass es ziemlich chaotisch war.“

Etwa zur gleichen Zeit macht Wendy, der eine PR-Agentur gehört, kehrt und steuert, wie von Bill vorgeschlagen, das gemeinsame Studio an, das in der Weehawken Street direkt am Hudson River liegt, etwa anderthalb Meilen nördlich des WTC. Sie hört ein monströses Geräusch, dreht sich um – und sieht den Nordturm kollabieren.


„Instinktiv nahm ich die Kamera ans Auge, obwohl eine Stimme in meinem Kopf sagte: Renn weg!“
DAVID HANDSCHUH, Fotograf

Der Fotograf David Handschuh, der für seine Aufnahmen vom 11. September für den Pulitzerpreis nominiert war, berichtete in einem Interview auf dem Sender NBC, was in ihm vorging, als der erste Turm in sich zusammenstürzte: „Ich stand vor dem Südturm und hörte ein lautes Geräusch, das sich anhörte, als würden hundert Güterzüge auf einmal an mir vorbei­rauschen. Ich schaute nach oben und sah, dass der Südturm wie in Zeitlupe anfing einzustürzen. Instinktiv nahm ich die Kamera ans Auge, obwohl eine Stimme in meinem Kopf sagte: Renn weg!“ 

Kurz vor zehn Uhr stehen noch beide Türme des World Trade Center.
Kurz vor zehn Uhr stehen noch beide Türme des World Trade Center.

Als Bill Biggart nicht wie angekündigt im Studio eintrifft, versucht Wendy immer wieder, ihn auf seinem Mobiltelefon zu erreichen, kommt aber nicht durch: „Ich schob es darauf, dass das Handynetz bestimmt überlastet sei.“ Nach einer Weile verlässt die mittlerweile ziemlich besorgte Ehefrau das Studio und läuft zurück zur Wohnung, in der Hoffnung, Bill dort anzutreffen. 

In der High School treffen mittlerweile die ersten Eltern ein. Peter wird von seinem Bruder abgeholt. Dieser hatte an dem Morgen bereits an seinem Arbeitsplatz bei einer kanadischen Bank in einem Gebäude gegenüber dem World Trade Center gesessen, als der erste Flieger einschlug. Das Bankgebäude wurde evakuiert, Bill Jr. lief zur Wohnung der Eltern, um sich die Autoschlüssel zu holen und zur Schule zu fahren. Auf der Rückfahrt hört Peter von seinem Bruder, was tatsächlich passiert ist. Und dass ihr Vater am World Trade Center war, als der Nordturm kollabierte. Zu Hause angekommen, werden sie von Wendy und Kate empfangen, die eigentlich am Packen ist, da sie kurz vor einem einjährigen Aufenthalt in Spanien steht. Wer fehlt, ist Bill. Und das bleibt auch so, den Nachmittag, den Abend, die Nacht über.  

Vom nächsten Morgen an ist Wendy Doremus wie Tausende andere Einwohner New Yorks in Krankenhäusern und Notfallzentren unterwegs, um nach ihrem Ehemann zu suchen. Sie schickt eine Kopie seines Presseausweises an Nachrichtenagenturen, da Fotografen in brenzligen Situationen oft zusammen unterwegs sind. Sie hängt missing person-Plakate auf. Sie fährt zu Feuerwachen, in der Hoffnung, dass einer der Feuerwehrleute Bill gesehen haben könnte. Sie gibt Fernsehsendern Interviews, um auf ihn aufmerksam zu machen. Alles ohne Erfolg. Freitags hört sie, dass mehrere tote Feuerwehrleute gefunden wurden, gemeinsam mit einem zivilen Opfer. Wendy denkt, dass das ihr Mann sein könnte, der seinen Beruf so sehr liebte. Wie so viele firefighters auch. 

Nach dem Einsturz des Südturms liegt das Gebiet rund um das WTC unter einer dicken Staubschicht.
Nach dem Einsturz des Südturms liegt das Gebiet rund um das WTC unter einer dicken Staubschicht.

Für Bill Biggart war es, so erzählt es seine Familie, selbstverständlich, bei empfundenen Ungerechtigkeiten ganz genau hinzuschauen und nicht abzulassen. Neben zig Tausenden von Fotos, auf denen er das Leben in New York City festhielt – Rassismus und andere Diskriminierungserfahrungen waren Themen, die ihn bewegten –, dokumentierte er ab Mitte der 1980er Jahre Geschichten von geteilten Gesellschaften und ihren Konflikten. Unter anderem berichtete er aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen über die erste Intifada und aus Belfast über die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Nordirland, dem Land seiner Vorfahren. Und er kehrte zum Mauerfall nach Berlin zurück, der Stadt, in der er am 20. Juli 1947 als zweites von zwölf Kindern katholischer Eltern geboren worden war und sein erstes Lebensjahr verbrachte. Biggarts Vater war als Angehöriger des amerikanischen Militärs in der geteilten Stadt stationiert. Wendy Doremus berichtet, dass er 1989 in der Nacht des 8. November nach Berlin flog und die Öffnung der innerdeutschen Grenze am Abend des 9. November miterlebte. 

Peter erinnert sich, dass sein Vater, der politisch linke Positionen vertrat, ständig darüber sprach, was in der Welt passierte. In den Geschichten, die er dokumentierte, habe er die immer gleichen Muster erkannt: „Er sagte, dass die negativen Effekte, die Rassismus, Krieg und andere Konflikte auf Menschen haben, nuancieren, aber nahezu universell sind.“ Und er hätte es mutmaßlich absurd gefunden, dass die Taliban genau jetzt die Macht in Afghanistan wieder an sich gerissen haben, kurz vor dem 20. Jahrestag der Anschläge, in deren Folge ihnen die Vereinigten Staaten mit ihren Verbündeten den Krieg erklärten. 


„Er sagte, dass die negativen Effekte, die Rassismus, Krieg und andere Konflikte auf Menschen haben, nuancieren, aber nahezu universell sind.“
PETER BIGGART, Sohn von Bill Biggart

Am 15. September erhält Wendy einen Anruf von der Gerichtsmedizin, den sie „mit einer merkwürdigen Mischung aus Furcht und Erleichterung“ entgegennimmt. Der Anrufer bestätigt ihre Vermutung: Bill Biggarts sterbliche Überreste sind geborgen, seine Identität anhand der Fingerabdrücke bestätigt. Von einem Abschied vom Leichnam rät der Gerichtsmediziner ab. Doch die Familie erhält die Kleidung des Ehemanns und Vaters zurück, seine Brille, sein Portemonnaie, seine angekokelten Presseausweise. Eine weitere Woche dauert es, bis Doremus erfährt, dass auch die drei Kameras gefunden wurden, die nicht allzu schwer beschädigt sind, sowie sieben Rollen Film. Für viele Jahre waren die Kameras im Washingtoner „Newseum“ zu sehen, einem Museum über Journalismus. Seit es Ende 2019 schloss, sucht Bills Witwe nach einem neuen Platz für die Apparate und die öffentliche Erinnerung an ihren Mann. 

In den ersten Tagen des Schocks und der Trauer fasste Wendy die Kameras nicht an. Sie erinnert sich, dass sie nicht wusste, was sie damit machen sollte: „Ich hatte Angst davor, was ich finden würde. Es ist eine sehr seltsame und verstörende Situation, das zu sehen, was dein Mann in den letzten anderthalb Stunden seines Lebens gesehen hat.“

Der Südturm kollabiert.
Der Südturm kollabiert.

Irgendwann kommt Chip East, ein Freund von Bill und ebenfalls Fotograf, zu Besuch. Er hat Wendy angeboten, die Kameras und Filmrollen zu inspizieren. Ein paar der analogen Fotos können entwickelt werden. Und in der Digitalkamera entdeckt East die unbeschädigte Speicherkarte, die er in das Lesegerät seines Notebooks steckt. Nichts passiert. Er wirft sie aus und versucht es erneut. Eine Fotodatei erscheint, dann werden es immer mehr. Am Ende werden 154 Bilder angezeigt, die mit einer Aufnahme des bereits zwei Mal getroffenen World Trade Center aus der Entfernung beginnen. 

Die letzten beiden Fotos, die Bills Digitalkamera abgespeichert hat, tragen die Zeitstempel 10:28:13 und 10:28:24. Der Fotograf ist die West Street weiter hinuntergelaufen und befindet sich unter der Fußgängerüberführung, die das World Trade Center und das World Financial Center verbindet. Das vorletzte Bild zeigt Feuerwehrleute und Polizeifahrzeuge. Wendy Doremus findet es erstaunlich, dass alle Personen einen so ruhigen Eindruck machen: „Da war keine Panik unter den Feuerwehrleuten. Sie schienen nicht zu ahnen, dass ihnen der Tod droht.“ 

Für das letzte Foto ist Bill noch ein paar Schritte weitergegangen. Man sieht Wabenteile des Südturms und ein beschädigtes Hotelgebäude, das Sekunden später durch den Kollaps des Nordturms komplett zerstört werden wird. Der Staub in der Luft lässt dem Tageslicht kaum eine Chance. Es ist ein apokalyptisches Foto und entsteht, Sekunden bevor Biggart unter dem einstürzenden Nordturm des World Trade Center begraben wird.

In seinen letzten Momenten hatte er die Apokalypse vor Augen: Diese Aufnahme entstand wenige Sekunden, bevor Bill Biggart vom einstürzenden Nordturm erschlagen wurde.
In seinen letzten Momenten hatte er die Apokalypse vor Augen: Diese Aufnahme entstand wenige Sekunden, bevor Bill Biggart vom einstürzenden Nordturm erschlagen wurde.

„Oh verdammt, Bill, warum bist du so nah dran?“
WENDY DOREMUS, Ehefrau von Bill Biggart

„The digital journalist“, ein amerikanisches Onlinemagazin für digitalen Fotojournalismus, interviewte Bills Fotografenkollegen Chip East, nicht lange nachdem dieser Biggarts Bilder entdeckt hatte. East erzählte damals, beim Betrachten der Fotos habe er gehört, wie Wendy sagte: „Oh verdammt, Bill, warum bist du so nah dran?“ Bill Jr. wiederum antwortete „Newsweek“ auf die Frage, was gewesen wäre, wenn sein Vater nach dem Telefonat mit seiner Frau wie versprochen gen Norden gelaufen wäre: „Das ist einfach zu beantworten. Bis an sein Lebensende hätte er rumgemeckert, dass wir ihn davon abgehalten haben, das Foto zu machen, das den Einsturz des zweiten Turms zeigt.“ 

In der fotografischen Auf- und Nachbereitung der Katastrophe wurden einige Aufnahmen anderer Fotojournalisten veröffentlicht, die sich an diesem Morgen um halb elf ganz in Biggarts Nähe aufhielten. Sie alle überlebten. Bill Biggart war der einzige Medienschaffende, der am 11. September getötet wurde.


„Bis an sein Lebensende hätte er rumgemeckert, dass wir ihn davon abgehalten haben, das Foto zu machen, das den Einsturz des zweiten Turms zeigt.“
BILL BIGGART JR., Sohn von Bill Biggart

Am 20. Jahrestag der Terrorangriffe, sagt Peter Biggart, werde er versuchen, die Nachrichten zu meiden und mit seiner Mutter und seinen Geschwistern zu sprechen – zumindest telefonisch. Eine „Familienroutine“ haben sie nicht für diesen Tag. Seinen Vater habe eine Art Schwerkraft umgeben, die die Familie eng zusammenhielt. Wendy schreibt: „Bill sagte immer, er brauche keine Freunde, er habe Familie.“ Bei zwölf Geschwistern ein naheliegender Gedanke. Für die Familie, die Bill selbst gründete, war der Verlust des Vaters und des Ehemanns eine enorme Herausforderung und hat, so drückt Sohn Peter es nüchtern aus, jedem Familienmitglied andere Probleme bereitet. Es klingt, als sei es ihnen nur ansatzweise gelungen, dieses Trauma gemeinsam aufzuarbeiten. Peter sagt, er persönlich habe Jahre gebraucht, um zu akzeptieren, was geschehen ist: „Ich habe versucht, es zu ignorieren und hart zu sein. Gleichzeitig hatte ich eine große Wut in mir, dass er nicht mehr bei uns war.“ Bei der Verarbeitung hätten ihm Bills Fotos geholfen. Speziell während seiner Zeit im College ging Peter sie immer und immer wieder durch: „Das hat mich glücklich gemacht, weil ich auf diesem Weg große Teile seines Lebens nachempfinden konnte.“ Mit seinem Vater verbunden fühlt er sich zudem, wenn er Billard spielt. Das taten sie früher fast jeden Abend. 

Bill Biggart starb, weil er dort sein wollte, wo man als Fotoreporter sein sollte: nah dran am Geschehen. Der Tod ereilte ihn aus der Luft. Seine Asche verstreute die Familie in der Nähe von Shelter Island im Long Island Sound, Bills bevorzugtem Segelrevier. 


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