30 Jahre Gletscher-Mumie Ötzi

Wie starb er denn nun?

Von Stephan Löwenstein
18.09.2021
, 10:11
Hinterrücks niedergestreckt: Vor 30 Jahren tauchte der Mann aus dem Eis, der bald als Ötzi bekannt wurde, am Tisenjoch in den Ötztaler Alpen auf.
Vor 30 Jahren stolperte ein Ehepaar über den Mann im Eis. Die Mumie entpuppte sich als archäologische Sensation – seitdem wird sie auch kommerziell ­ausgeschlachtet.
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Ein feuchtkalter Wind treibt Wolken über das Tisenjoch. Genau die richtige Stimmung, könnte man meinen, um die Stelle zu besuchen, an der vor 30 Jahren eine vollständig erhaltene Mumie, den Oberkörper aus dem Eis geschmolzen, von Wanderern auf diesem Übergang zwischen dem Nordtiroler Ötztal und dem Südtiroler Schnalstal gefunden wurde. „Ötzi“, wie der 5300 Jahre alte Tote von österreichischen Journalisten getauft wurde, war eine Sensation und ist es bis heute. Noch immer ist der Fund aus dem Spätneolithikum eine Quelle neuer Erkenntnisse für Paläontologen, Archäologen, Mediziner, Mumienforscher, Mikrobiologen und andere wissenschaft­liche Disziplinen. Zugleich ist er mehr denn je ein Objekt lukrativer Vermarktung. Dass die Interessen zuweilen im Widerstreit miteinander stehen, liegt auf der Hand.

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Da gibt es – nur eine kleine Auswahl als Beispiel – Sportveranstaltungen wie den Ötzi Alpin Marathon, den Ötzi Trailrun und den Ötztaler Radmarathon, den es freilich schon seit 40 Jahren gibt, der aber längst als „der Ötzi“ firmiert. Auch in die Unterhaltungsindustrie hat die Marke Eingang gefunden. Ein Musiker nennt sich DJ Ötzi. Es gibt einen ziemlich handfesten Spielfilm über Leben und Sterben des „Manns aus dem Eis“. Umhausen im Ötztal nennt ein museales „Ötzi-Dorf“ sein eigen, das immerhin bis zu 50.000 Besucher im Jahr hat. Gar 300.000 besichtigen jedes Jahr (wenn nicht Corona alles stillegt) die Mumie selbst, die in einem Glaskasten im Archäologiemuseum der Südtiroler Hauptstadt Bozen ausgestellt wird. Weil das ehemalige Bankgebäude für den Zustrom zu klein ist, wird derzeit heftig über eine Nachfolgelösung gestritten.

Ein Musikprofessor aus Verona?

Die Anfänge waren demgegenüber holprig. Als die Bergwanderer Helmut und Erika Simon aus Nürnberg den mensch­lichen Körper am 19. September 1991 auf etwa 3200 Metern Höhe aus dem Eis ragen sahen, berichteten sie das dem Wirt der nahegelegenen Similaunhütte, der wiederum die Polizei in Sölden im österreichischen Ötztal verständigte. Im Museum in Umhausen sind Kopien der ersten Polizeimeldungen zu sehen: Erst dachte man an das Opfer eines „Alpinunfalls, der schon viele Jahre zurückliegt“, vielleicht ein Musikprofessor aus Verona, der 1938 als „abgängig“ gemeldet wurde. Nein, der sei schon 1952 begraben worden, heißt es in einer handschriftlichen Ergänzung. Quelle: Carabinieri.

Die italienische Polizei war einbezogen, weil der Tote fast genau auf der Grenze zwischen beiden Ländern lag. Zunächst nahm die italienische Seite es gleichsam achselzuckend hin, dass die Österreicher glaubten, er liege auf ihrer Seite und sie seien für die Bergung zuständig. Als die Mumie Berühmtheit erlangt hatte, wurde sie nach langem Streit 1997 nach Bozen überführt. Streiten mussten auch die Simons um ihr Recht, als Finder des „Ötzi“ gelten zu dürfen. Schließlich bekam Erika Simon (ihr Mann kam selbst tragischerweise durch einen Alpinunfall ums Leben) vom Land Südtirol einen Finderlohn.

Wissenschaftler untersuchen 2010 die rund 5000 Jahre alte Gletschermumie „Ötzi“ und entnehmen Proben des Mageninhaltes.
Wissenschaftler untersuchen 2010 die rund 5000 Jahre alte Gletschermumie „Ötzi“ und entnehmen Proben des Mageninhaltes. Bild: dpa

Weil man bei der Bergung noch an ein Unfallopfer aus jüngerer Zeit dachte, ging man recht rabiat vor, hieb die Mumie mit Pickeln frei und brach Gliedmaßen. Der Innsbrucker Archäologe Walter Leitner, der damals noch nicht einbezogen war, sagt: „Wenn Archäologen dort gewesen wären, wäre klar gewesen, dass die Situation en bloc aus dem Eis geschnitten werden sollte. Auch die Bergung an sich war nicht gerade fachgerecht.“ Das sei kein Vorwurf, man habe es in der Situation nicht besser gewusst. Immerhin sei eine schon geplante Obduktion oder gar die erwogene Einäscherung nicht erfolgt, sonst würde man sich heute mit anderen Themen beschäftigen müssen.

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Man brauchte jemanden, der sich auskennt

Wer sofort geahnt hat, dass es sich um ein „historisches Objekt“ handelte, war der alpine Tausendsassa Reinhold Messner, der vor 30 Jahren zusammen mit seinem Bergkameraden Hans Kammerlander zufällig in der Gegend wanderte. Messner vertrat auch die Auffassung, dass der Fund auf italienischer Seite lag, die sich dann durchsetzte. Es klingt – trotz der bewusst distanzierten Bezeichnung als „Objekt“ – nach so etwas wie einer persönlichen Beziehung, wenn er sagt: „Ich halte ihn für einen Halbnomaden, wie ich es auch bin.“

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Der Anatom Othmar Gaber, der an der Innsbrucker Uniklinik mit der Aufbewahrung der Mumie betraut wurde, musste erst einmal eine geeignete Lagerungsmethode finden. Nach Rücksprache mit einem Glaziologen, der die Temperatur im Inneren eines Gletschers mit zwischen minus zwei und minus zehn Grad bezifferte, legte er den Mittelwert fest. „Dann ist mir Crushed Ice eingefallen, wie es im Hotel verwendet wird“, berichtet Gaber. „Ich habe ein OP-Tuch über ihn gelegt, dann Crushed Ice, dann einen Plastiksack, dann Eiswürfel. Das hat funktioniert bis zur Übergabe.“ Alle 14 Tage sei unter sterilen OP-Bedingungen das Eis erneuert worden. „Etwa 150 Mal habe ich so eine Visite gemacht.“

In Bozen kam der Mann aus dem Eis dann in die Obhut von Eduard Egarter Vigl. Bis dahin hatte der damalige Chefarzt der Pathologie über den „Ötzi“ nur en passant gehört. „Im Juni 1997 läutet das Telefon: Der Landeskonservator Südtirol, den kannte ich aus Schulzeiten.“ Man brauche jetzt jemanden, der sich auskennt. „Du bist hier derjenige, der am meisten mit Leichen zu tun hat.“ Vigl verlangte, zuvor für den Umgang mit Mumien ausgebildet zu werden und den Job beizubehalten, dann sagte er zu. „Als die Mumie übergeben wurde, bekam ich einen steifen Plastiksack, mit OP-Klammern fixiert.“ Dann habe man die Vitrine für die Aufbewahrung anfertigen lassen. Im Keller wurde ein Prototyp aufgestellt und anhand einer eigens mumifizierten Leiche aus der Anatomie erprobt. Dann wurde gedrängt: Jetzt müssen wir ausstellen. „Also haben wir es probiert.“ Bei einer Temperatur von minus 6,5 Grad wird der Feuchtigkeitsverlust durch Benebelung ausgeglichen. Bislang, sagt Vigl, sei alles gut gegangen, bei den regelmäßigen Überprüfungen seien weder Pilzsporen, noch Bakterien aufgetreten.

Eine Pfeilspitze im Schulterblatt

Freilich gab es gleich eine aufregende Entdeckung, die den Innsbruckern durch die Lappen gegangen war, auch wenn schon dort Röntgenbilder angefertigt worden waren. In Bozen wurde die Mumie abermals auf den Röntgentisch gelegt. „Der Radiologe ist nach einer Stunde zu mir gekommen“, erzählt Vigl, „und hat das Bild auf meinen Schreibtisch geknallt: Was ist’n das für ein Fremdkörper?“ Er habe ausgemessen: Zehnmal so dicht wie ein Knochen. „Das ist ein Stein.“ Ein CT habe es dann noch genauer gezeigt: Es war eine Pfeilspitze, die von hinten das linke Schulterblatt durchbohrt hatte. Das ist schon auf den ersten Röntgenaufnahmen gut zu erkennen und schon deshalb glücklich, weil damit ein Verdacht entkräftet werden konnte: „Wir können das also nicht in Bozen hineingepflanzt haben.“

Ein Denkmal erinnert an den Fund der Gletschermumie durch das Nürnberger Ehepaar Simon.
Ein Denkmal erinnert an den Fund der Gletschermumie durch das Nürnberger Ehepaar Simon. Bild: dpa

Albert Zink, Biologe und Paläopathologe aus München, ist Leiter des Instituts für Mumien und den Iceman in Bozen, vulgo des Ötzi-Museums, das 2007 gegründet wurde. Mit dem Mann aus dem Eis kam er schon 2003 in Kontakt, als er eine Schnittwunde an der Hand untersuchte. Der Schnitt geht tief ins Fleisch zwischen Daumen und Zeigefinger. „Eine typische Abwehrverletzung.“ Die Mumie ist so gut erhalten, dass man anhand der Wunden bestimmen kann, dass die Handverletzung etwa fünf Tage, die Wunde an der Schulter aber höchstens eine Stunde vor dem Tod entstand. Außerdem erlitt er eine potentiell tödliche Schädelfraktur.

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Ein Mord aus Heimtücke?

Der Mageninhalt zeigt, dass der Mann kurz vor dem Tod noch etwas gegessen hat, getrocknetes Fleisch vom Steinbock, auch Adlerfarn, ein an sich giftiges Kraut, das aber gegen Darmparasiten helfen kann. Auch die 61 Tätowierungen, nicht symmetrisch oder schmückend, sondern in Strichen oder Kreuzen an Stellen, die teils auch heute bei der Akupunktur eine Rolle spielen, deuten auf medizinische Kenntnisse hin. Im Gegensatz zu einem gelegentlich verbreiteten Bild von einem Mann, der todkrank und gehetzt sozusagen den Gnadenschuss bekam, hält Zink den „Ötzi“ anhand des Gelenkapparats und der Muskulatur trotz Verschleißerscheinungen für einen gut trainierten und für sein Alter von etwa 40 bis 50 Jahren rüstigen Mann. Die Ausrüstung, besonders das Kupferbeil, lässt außerdem auf eine hervorgehobene Stellung in seiner Gruppe schließen. Aber warum wurden die wertvollen Sachen bei ihm gelassen? Zink erzählt, man habe Profiler der Münchner Polizei gebeten, ein Tatbild zu erstellen. „Die sagen, das sei typisch für einen Mord aus Heimtücke. Nicht Habgier jedenfalls.“

Das ist eine Theorie, die der Archäologe Leitner weit auszuschmücken versteht. Oben auf dem Tisenjoch deutet er gestenreich auf eine von natürlichen Felszinnen verdeckte Stelle gut 20 Meter vom Fundort der Mumie entfernt, „an der wir mit guten Gründen vermuten können, dass sich der oder die Bogenschützen versteckt gehalten haben, um dann den Mann im Eis aus dem Hinterhalt niederzustrecken“. Leitner glaubt an eine „politische Intrige, ein Mordkomplott“. Seine Vermutung: Das Opfer sei ein Anführer gewesen, dem ein Teil der Gruppe nicht mehr folgen wollte. Nach der Auseinandersetzung, bei der die Handwunde entstanden sei, habe er sich in die Berge geflüchtet, vielleicht um Verbündete aufzusuchen. „Das haben die anderen vereitelt und sind ihm gefolgt – nicht dass er einmal mit Verstärkung zurückkommt. So haben sie ihn beseitigt.“

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Um aber nicht in ihrer Gemeinschaft als Mörder dazustehen, hätten sie die wertvollen Sachen zurückgelassen und nur den tödlichen Pfeil abgebrochen. Leitner stellt zudem eine Beziehung zu einem etwa 500 Jahre jüngeren Fund im Schnalstal her: Ein Menhir mit einer eingeritzten Abbildung. Sie zeigt einen Bogenschützen und vor ihm einen unbewaffneten Mann. Leitners Vermutung: „Dass es sich um einen fast schon berühmten Mord gehandelt hat“, über den man noch Jahrhunderte später erzählte.

So ganz will das freilich nicht zu der Heimlichkeit und dem zurückgelassenen Beil passen. Der Archäologe Leitner hat allerdings noch eine andere Hoffnung: dass unter einer benachbarten Eisplatte etwa von der ­Größe eines Handballfelds, die bis zu acht Meter tief sein dürfte, weitere Funde liegen. Man könnte auf ein Abschmelzen warten, „man hat ja gesehen, dass uns der Klimawandel in dieser Hinsicht entgegenkommt“. Oder jemand finanziert Sondierungen und Grabungen. „Es könnte noch einiges drunter sein, was die Geschichte ändert.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Löwenstein, Stephan
Stephan Löwenstein
Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.
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