FAZ plus ArtikelBundeswehrkommandeur in Kabul

Der General

Von Peter Carstens
28.08.2021
, 18:21
Porträt von Brigadegeneral Jens Arlt in Taschkent
Elf Tage in Kabul, 5347 Menschen ausgeflogen und dann der Anschlag: Jens Arlt, 52, hat die größte Rettungsmission der Bundeswehr geführt. Wer ist dieser Mann?

Am Flughafen von Kabul ist die Hölle los. Und mittendrin stand knapp zwei Wochen lang auch ein deutscher Offizier und kämpfte gegen Chaos und Verzweiflung. Der Kampf ist kaum zu gewinnen, die Zeit läuft davon. Doch so lange es noch geht in Kabul, zählt jedes Leben. Zehntausende versuchen, vor den Terrormilizen der Taliban zu fliehen, denen die afghanische Hauptstadt wehr- und schutzlos in die Hände gefallen war. Die Taliban haben den Westen geschlagen. Die NATO erleidet die schwerste Niederlage ihrer Geschichte, Amerika erlebt sein zweites Vietnam. Während die Welt die Bilder von Schutzsuchenden sah, die sich verzweifelt an ein startendes US-Flugzeug klammerten, hatte sich aus Deutschland ein kleiner Trupp von Männern und Frauen aufgemacht, um in Kabul zu retten, wer noch zu retten war: Mitarbeiter der deutschen Botschaft und Menschen, die als lokale Helfer für die Bundeswehr, deutsche Polizeien und Organisationen der Entwicklungshilfe gearbeitet hatten, einige Politiker, Menschenrechtler und Journalisten.

Kommandeur des Einsatzes: Jens Arlt, General der Fallschirmjäger. Mit wenigen harrte er in Afghanistan aus, um möglichst vielen noch einen Ausweg zu ebnen. Das gelang – in letzter Minute. Während die letzten Militärtransporter beladen wurden, explodierten am Donnerstag die Bomben der Selbstmordattentäter vor dem Flughafen. Operation Kabul war die größte Rettungsmission in der Geschichte der Bundeswehr. Und die gefährlichste.

Langzeitfolge des Niedergangs der Weltmacht Amerika und der westlichen Allianz

Als Arlt vor gut zwei Wochen erfuhr, dass er und eine kleine Streitmacht deutscher Fallschirmjäger tatsächlich losfliegen sollten, war der 52 Jahre alte Offizier darauf so gut vorbereitet, wie man es nur sein kann. Als junger Kommandosoldat hatte er jahrelang selbst an schwierigen Einsätzen teilgenommen, sie später dann auch geführt. Er war in dieser Zeit, Ende der Neunzigerjahre, mehrfach und monatelang auf dem Balkan. Rund um Sarajevo, später im Kosovo. Seine Aufgaben: Kriegsverbrecher fassen, das deutsche Kontingent vor Anschlägen schützen, den wackligen Frieden sichern. Von 2002 an ging es für die Bundeswehr dann nach Afghanistan, Arlt war mit dabei. Die Tatsache, dass er für seine Einsätze am Hindukusch eine amerikanische Auszeichnung erhielt, spricht bei aller Geheimhaltung sensibler Operationen strikt dagegen, dass er in Kunduz am Schreibtisch gesessen hat.

Als der Abiturient Arlt im Frühjahr 1989 als Wehrpflichtiger zur Bundeswehr kam, konnte er nicht ahnen, wie fundamental sich die Welt und damit die Streitkräfte ändern würden. Mit dem Ende des Kalten Kriegs zerbrach eine Ordnung, die nach Ost und West unterschied. Was Arlt und seine Leute dieser Tage am Flughafen Kabul erlebten, ist eine Langzeitfolge des Niedergangs der Weltmacht Amerika und der westlichen Allianz. Das hatten Anfang der Neunziger nur wenige erwartet. Viele glaubten, westliche Werte, Freiheit, Demokratie und Kapitalismus, hätten sich durchgesetzt; manche Wissenschaftler dachten sogar, die Geschichte habe ein friedliches Ende erreicht.

Sich in dieser Zeit bei einer Armee zu verpflichten, wie Arlt es tat, hatte etwas Unzeitgemäßes. Einige Jahre später wurde die Wehrpflicht ausgesetzt, die Bundeswehr verlor die Chance, junge Leute aus der Pflicht heraus für den Soldatenberuf zu interessieren. Bei Marine, Luftwaffe und Heer gibt es bis heute viele, deren Interesse im Wehrdienst geweckt wurde und die auch eine Art Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft spürten, Heimatliebe, einen unaufgeregten Patriotismus. Der tut dem Land so gut wie den Streitkräften.

Was den jungen Leutnant Arlt damals bewegte, kann man ihn derzeit nicht selbst fragen. Er machte jedenfalls nicht nur Karriere, sondern schlug die Laufbahn ein, bei der physisch und intellektuell am meisten gefordert wird: Nach der Ausbildung zum Kommando-Offizier und Jahren in Auslandseinsätzen absolvierte Arlt die Generalstabsausbildung an der Hamburger Führungsakademie. Dort werden die Generäle von morgen geschult und sozusagen die Besten der Besten unter den Offizieren geformt. Diese Ausbildung zu schaffen erfordert Klugheit und Ausdauer. Dass die Spezialkräfte und deren zuweilen auch eigentümlicher Korpsgeist ihn nicht losließen, wurde berücksichtigt, als man Arlt danach wieder beim Kommando Spezialkräfte (KSK) in Calw einsetzte. Nun aber zunehmend in Stabsverwendungen und nicht mehr ganz vorn mit dabei.

Der erste von vier möglichen goldenen Sternen

Wer in der Bundeswehr ganz nach oben will, kann aber nicht bloß machen, was er am liebsten tut oder wozu er sich berufen fühlt. Im Gegenteil, ein Offizier muss sehr oft Dienste verrichten, die gewaltige Nachteile haben: Berufspendelei, Jahre in entlegenen Kasernen mit mittelmäßig motivierten Mitarbeitern und marodem Fuhrpark. Selbst wenn man dort schon der Chef war, muss man irgendwann auch ins Ministerium und einige Jahre ein Leben als kleines oder mittleres Rädchen im riesigen Getriebe der Wehrbürokratie fristen. Auch eine Art Dschungel. Und so finden sich auf dem Karriereweg von Arlt Stationen wie „Personalführer im Personalamt Abteilung I2 in Köln“. Kann interessant sein, muss es aber nicht. Möglich, dass Arlts Familie die Zeit dennoch genossen hat. Wenn man verheiratet ist und drei Kinder hat wie er, ist es eine glückliche Fügung, wenn man ein paar Jahre nur zwischen Köln, Bonn und Münster versetzt wird.

Brigadegeneral Jens Arlt salutiert vor der deutschen Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen von Taschkent.
Brigadegeneral Jens Arlt salutiert vor der deutschen Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen von Taschkent. Bild: Marc Tessensohn/ Bundeswehr /dpa

General ist Arlt erst seit relativ kurzer Zeit. Mit seiner Ernennung zum „Brigadegeneral“ bekam er den ersten von vier möglichen goldenen Sternen auf die Schulterklappen. Er erhielt ihn als neuer Chef der Luftlandebrigade 1. Die versammelt alles im deutschen Heer, was schnell und aus der Luft eingesetzt wird und mehr Männer und Frauen erfordert als die Kleinkommandos des KSK, die oft mit winzigen Trupps operieren. 4400 Soldaten stehen im saarländischen Saarlouis und weiteren Standorten unter Arlts Kommando. Wenn die Fallschirmjäger in den Einsatz gehen, ist der General aber nur in Ausnahmefällen dabei. Für 200 Leute, so groß war ungefähr die Truppe in Kabul, reicht eigentlich ein kompetenter Oberstleutnant.

Der Einsatz in Afghanistan jedoch war von anderem Zuschnitt, und rasch entschieden Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Generalinspekteur Eberhard Zorn, Arlt persönlich müsse mitfliegen. Denn die Mission in Kabul war von Anfang an äußerst komplex. Es wurde scharf geschossen, die Fallschirmjäger und ihre Kameraden mussten sich Gefechten stellen, falls sie angegriffen wurden. Was vorkam. Die vielen Toten und Verletzten am Abbey-Gate zeugen auf entsetzliche Weise von der Gefahr.

Sachlich, doch keineswegs emotionslos

Andererseits – und dafür benötigte er seinen höheren militärischen Rang – verhandelte Arlt vor Ort mit ausländischen Kommandeuren, Diplomaten, Autoritäten. Wer kontrolliert die Zugangswege, holt wen wo ab? Wie kommt man durch die Sperren der Taliban? Wie wird man mit den Amerikanern fertig, die vor allem sich selbst im Blick haben? Ständig kamen aus Berlin neue Listen mit Schutzbedürftigen. Das Auswärtige Amt wusste nicht genau, was das Innenministerium tat, das Entwicklungshilfeministerium war seit jeher ein Sack Flöhe und wollte anfangs möglichst wenige Personen ausfliegen, dann aber doch am liebsten alle. Und am Ende dieser Reihe stand zuweilen ein Fallschirmjäger, vielleicht ein junger Mann von Anfang Zwanzig, inmitten des Chaos am Tor mit einer sich ständig ändernden Liste, die über Wohl oder Wehe entschied.

Gefährlicher Einsatz: Die Fallschirmjäger nehmen ihre Arbeit am Northgate zum Flughafen auf. Hier befindet sich eine Personenschleuse, die den Zugang zum Flughafen ermöglicht.
Gefährlicher Einsatz: Die Fallschirmjäger nehmen ihre Arbeit am Northgate zum Flughafen auf. Hier befindet sich eine Personenschleuse, die den Zugang zum Flughafen ermöglicht. Bild: Bundeswehr

Nichts in Kabul ist einfach. Arlt musste die Dinge sortieren, analysieren, entscheiden. Und verantworten. Das Risiko war beachtlich, die Aufgabe rechtfertigte den Einsatz. In den letzten Stunden wuchs im Verteidigungsministerium die Nervosität, auch die Sorge ins Unermessliche, ob man die Mission sicher beenden und die Soldaten wohlbehalten nach Hause bekommen würde.

Wer dem General dieser Tag zuhörte, traf auf einen beeindruckend sachlichen Berichterstatter. Arlt wurde per Handy in Hintergrundgespräche zugeschaltet. Man sah ein Foto des drahtig-sportlichen Mannes, ansonsten war da nur die feste Stimme. Und oft Rufe, dröhnende Rotoren, Schüsse im Hintergrund. Sachlich, doch keineswegs emotionslos schilderte Arlt der militärischen Führung und dem Krisenstab im Auswärtigen Amt sowie einem kleinen Kreis von Medienvertretern die Lage vor Ort. Professionell ruhig, aber auch mit einem offensichtlichen Gespür für die Dramatik des Geschehens. Man hörte und sprach einen Mann, der seinen militärischen Job macht, ohne die Angst und die Not der Menschen aus dem Blick zu verlieren.

Herbe Missverständnisse an den Gates

Arlt hatte seinen Befehlsstand in einem Hangar im militärischen Teil des Flughafens aufgebaut. Alles dort war überaus spartanisch, das Essen kam aus der Tüte, Wasser wurde eingeflogen. An Schlaf war für den General eigentlich nicht zu denken. Es hieß, er „ruhe“ zwischendurch mal drei, vier Stunden. Bei rund 300 Starts und Landungen in 24 Stunden, dauerndem Gewehrfeuer und Tausenden Schutzsuchenden auf dem Gelände scheint selbst das kaum möglich. Sein kleiner Stab arbeitete derweil an immer neuen Schleichwegen durch die Stadt und die Gates, um jeden Tag bis zu 1000 Menschen auf das Flughafengelände zu bekommen. Dazu gab es nahezu ununterbrochen Kontakte zu Offizieren anderer Nationen, mit denen man sich absprechen wollte oder musste.

Es hakte an allen Ecken und Enden, der Einsatz war und blieb eine rasche Abfolge riskanter Improvisationen. So ließen, nur ein Beispiel, die Amerikaner tagelang nicht zu, dass die beiden eigens eingeflogenen Hubschrauber der Spezialkräfte genutzt wurden. Am Ende flog man mit einem amerikanischen Helikopter zu einem geheimen Treff mit 21 Schutzsuchenden. Immer wieder gab es herbe Missverständnisse an den Gates, manche wurden mit gezogenen Waffen ausgetragen. KSK-Kommandos, die ebenfalls Arlts Kommando unterstanden, operierten immer öfter in der Stadt, um kleinere Gruppen zum Flugplatz zu bringen.

„Moral damage“: Schreckliche Dinge sehen, die man nicht ändern kann

Schon die Landung des ersten A400M der Luftwaffe war eine Mischung aus Diplomatie und Wagemut gewesen. Stundenlang wurde vergeblich mit den Amerikanern um eine Landeerlaubnis verhandelt; ein erstes Flugzeug, Arlt an Bord, musste abdrehen und nach Taschkent zurückkehren. Die zweite Maschine warf sich dann nach langem Kreisen quasi unbefugt auf die unbeleuchtete Landebahn. Arlt kam ein paar Stunden später am Montagmorgen. Seitdem war er nahezu ununterbrochen auf. Selbst seine hartgesottenen Fallschirmjäger rotierten tageweise raus aus Kabul, um in einem angemieteten Hotel in Taschkent einmal auszuschlafen oder mit einem Truppenpsychologen oder Seelsorger zu sprechen. Arlt blieb. Seine Chefs in Berlin, die Ministerin, alle schenkten Arlt Vertrauen. Ihnen blieb nichts anderes übrig. Sie legten aber auch schwere Verantwortung auf seine Schultern. Für jeden und jede unter seinem Kommando. Und für die Schutzsuchenden. Für Deutschland.

Besonders gefährlich waren die letzten Stunden dieser Kabul-Mission. Viele Geheimdienste sahen die Anschläge kommen, abwehren konnte man sie nicht. Am Donnerstag schaffte es der erste Attentäter bis vor den Zugang, an dem zuvor die Deutschen gewacht hatten. Wenn Arlt und die Frauen und Männer unter seinem Kommando nun wieder zu Hause sind, werden sie mehr als 5300 Menschen das Leben gerettet haben: etwa 1000 deutschen Staatsbürgern und Angehörigen anderer Staaten, über 4000 Afghanen. Viele bleiben aber zurück, gefangen unter islamistischen Terroristen. „Moral damage“ nennt man es beim Militär, wenn Soldaten schreckliche Dinge gesehen haben, die sie nicht ändern, nicht beeinflussen konnten und nicht wieder vergessen können. Arlt und Soldaten haben in den letzten Tagen von Kabul nur gelindert, was Politik und Politiker in Afghanistan mit angerichtet haben. Es wäre gut, wenn das Land zumindest das anerkennen und ihnen danken würde.

Quelle: F.A.S.
Peter Carstens - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Carstens
Politischer Korrespondent in Berlin
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