Musikauswahl der Kanzlerin

Für sie soll’s rote Rosen regnen

Von Jörg Thomann
29.11.2021
, 07:32
Hier lief wohl eher Weihnachtsmusik: Angela Merkel bei der Aufstellung des Weihnachtsbaums vor dem Kanzleramt.
Am Donnerstag wird Angela Merkel mit einem Großen Zapfenstreich von der Bundeswehr verabschiedet. Mit ihrer Musikauswahl demonstriert sie Geschmackssicherheit.
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Am Donnerstag wird Angela Merkel von der Bundeswehr mit dem Großen Zapfenstreich ver­abschiedet. Die Lieder, die sie sich dafür gewünscht hat, sind schon bekannt geworden, und auch diesmal darf man konstatieren: Sie hat sich keine Blöße gegeben. Ihr Vorgänger Gerhard Schröder hatte für sich, wie hätte es anders sein können, Frank Sinatras „My Way“ geordert, die Vereinshymne aller Männer, die gern von sich selbst gerührt sind; dass er überdies auch noch „Die Moritat von Mackie ­Messer“ wählte, wirkte dagegen fast schon selbstironisch bei einem Mann, der zu einem Haifischgrinsen durchaus in der Lage war, wobei er seine Gegner nicht mit dem Messer meuchelte.

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Auch andere Politiker offenbarten bei ihrem Zapfenstreich ihre Neigung zur sentimentalen Ballade, so die scheidenden Verteidigungsminister Franz Josef Jung („Time to Say Goodbye“) und Ursula von der Leyen („Wind of Change“). Für Karl-Theodor zu Guttenberg durfte es mit „Smoke on the Water“ etwas rockiger sein – auch wenn ein Song, in dem es um Rauch überm Wasser und Feuer am ­Himmel geht, eine leicht makabre Note bekommen kann, wenn ihn ausgerechnet Soldaten darbieten.

Pflichtübung für die Pfarrerstochter

Angela Merkel hingegen demonstriert mit ihrer Auswahl souveräne Geschmackssicherheit. Gut, das Kirchenlied „Großer Gott, wir loben dich“ ist Pfarrerstochters Pflichtübung und frommer Gruß an ihre Partei, mit der sie und die mit ihr bisweilen doch fremdelte. Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“: schon auch sentimental, gewiss, aber auch wunderschön und würdevoll, und eine Ansage. „Ich kann mich nicht fügen / Kann mich nicht begnügen / Will immer noch siegen“: Das klingt nicht nach jemandem, der sich still zur Ruhe setzt, und erklärt vielleicht auch die üppige Personalausstattung für die baldige Altkanzlerin. Musikalischer Clou aber ist „Du hast den Farbfilm vergessen“, der Song über einen unseligen Ausflug nach Hiddensee, mit dem Nina Hagen 1974 einen glücklichen Ausflug in den Schlager unternahm. Weil Micha, ihr Micha, besagten Farbfilm nicht eingepackt hatte, waren all die Urlaubserinnerungen genauso schwarz-weiß, wie der DDR-Alltag einem Paradiesvogel wie der Sängerin seinerzeit vorkommen musste.

Die vortreffliche Humoristin Katja Berlin hat auf Twitter kommentiert: „Liebe es sehr, dass sich Merkel am Ende ihrer Amtszeit das Lied einer wütenden Frau wünscht, die sich über einen schlecht vorbereiteten Mann ärgert.“ Wobei man Merkel selbst eigentlich nie wütend erlebt hat – und auch das schmollende Lamento der enttäuschten jungen Hiddensee-Urlauberin auf der Hagen’schen Emotionsskala im untersten Bereich zu verorten ist. Wie es aussieht, wenn Nina Hagen wirklich wütend wird, das hat auch Angela Merkel einmal miterlebt, aus nächster Nähe als Bundesministerin für Frauen und Jugend bei einer „Talk im Turm“-Runde zur Drogenpolitik 1992. „Ich schrei Sie so lange an, wie ich will“, ging Hagen da die neben Merkel sitzende Vorsitzende des Bundeselternrats an, sie habe „die Schnauze voll von ihrer Lügerei, von ihrer Heuchelei“. Weil sich niemand für ein von ihr propagiertes Elektroschock-Verfahren zur Heilung von Heroinsucht zu interessieren schien, verließ Hagen zwischenzeitlich gar das Studio.

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Es wächst zusammen, was zusammengehört

Angela Merkel trägt ihr den Auftritt offensichtlich ebenso wenig nach wie die Tatsache, dass Hagen sich mal als An­hängerin der Grünen, mal der Linken bekannte und Merkel selbst der „Floskeldrescherei“ bezichtigte. Dass die scheidende Bundeskanzlerin Hagens Song wählte, dürfte freilich gar nicht unbedingt als Versöhnungsgeste und auch nicht zuvorderst als feministisches Zeichen zu lesen sein (auch wenn die Tatsache, dass zwei ihrer drei Wunschsongs von Frauen gesungen wurden, nicht zu unterschätzen ist). Vor allem nämlich erinnert Merkel sich und uns an ihre Jugend und an das untergegangene Land, in der sie diese erlebt hat.


              Den Farbfilm vergessen: Nina Hagen ist schon  im Sommer 1957 in Ost-Berlin auf dem Arm ihrer Mutter Eva-Maria unzufrieden mit der Gesamtsituation.
Den Farbfilm vergessen: Nina Hagen ist schon im Sommer 1957 in Ost-Berlin auf dem Arm ihrer Mutter Eva-Maria unzufrieden mit der Gesamtsituation. Bild: dpa

„Du hast den Farbfilm vergessen“ hatte schon in der jüngsten Staffel der RTL-Show „Let’s Dance“ ein Comeback erlebt, als das erste rein männliche Tanzpaar ihn zu seinem „Signature Song“ machte. Nina Hagen hat das Lied in ihrer Autobiographie „Bekenntnisse“ als ihren vielleicht nicht besten, fraglos aber populärsten Song bezeichnet, als „Schlager durch Zerstörung von Schlager“. Das von Michael Heubach (Musik) und Kurt Demmler (Text) geschriebene Lied besinge die „Fluchten ins private Glück“, die zum „Guckloch ins Paradies“ würden: „Aber das Paradies wird eingeholt von der banalen Alltagserfahrung in einem Staat, der knattrige, stinkende Plastikautos, beknackte Badeanzüge und Jahr für Jahr zu wenig Farbfilme hervorbringt.“ Der lauten, unangepassten Nina Hagen reichten die kleinen Fluchten bald nicht mehr aus, Ende 1976 ging sie in den Westen; Angela Merkel, die Stille, damals noch Angepasste, blieb.

Am Tage ihres Zapfenstreichs wächst mit diesen beiden so unterschiedlichen Ost-West-Biographien zusammen, was zusammengehört. Die Fotos, die bei Merkels Verabschiedung entstehen, werden in Farbe sein, wie es heute selbstverständlich ist; dass man vor langen Jahren dafür eigens einen Film in eine Kamera einlegen musste, werden manche Jüngeren gar nicht mehr wissen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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