Ihr Leben war ein Fest. Doch dann hatten sie genug

Von EVA SCHLÄFER
Illustrationen: ASUKA GRÜN

6. Mai 2022 · Drei Geschwister unterstützen den Wunsch der betagten Eltern, ihr Leben gemeinsam zu beenden. Ein knappes Jahr später bilanzieren sie: War das richtig? Der Fall führt mitten ins Dilemma der Deutschen mit dem assistierten Suizid.

Am 5. Juli 2021 gegen 19 Uhr verwandelte sich die sonst eher ruhige Heidelberger Poststraße binnen Minuten in einen gewaltigen Einsatzort. Vor einem Mehrfamilienhaus fuhren Polizei-, Feuerwehr- und Rettungswagen mit Blaulicht und Sirene vor. Schwerbepackte Sanitäter stürmten durch das Treppenhaus, hinein in eine Maisonettewohnung im vierten Stock. Kurz darauf trafen Kripobeamte ein; zeitweise drängten sich mehr als 20 Personen in der Wohnung. Eine Szene wie aus einem Film.  

Ausgelöst worden war dieser Großeinsatz durch einen Anruf bei der 110. Der Anrufer meldete zwei tote Personen, einen assistierten Doppelsuizid. Er und seine beiden Schwestern befänden sich bei den Toten. Es handele sich um ihre Mutter und ihren Vater.  

Etwa zwei Stunden zuvor waren Cyn­thia, 85 Jahre, und Rolf Rackles, 90 Jahre, Hand in Hand aus dem Leben geschieden. Sie nahmen dafür die Unterstützung eines Sterbehilfevereins in Anspruch. Die größte und ausdauerndste Unterstützung bei der Umsetzung ihres Wunsches erhielten sie jedoch von ihren drei Kindern: Mark Rackles, geboren 1966, Melanie Vogt, Jahrgang 1968, und der fünf Jahre jüngeren Jennifer Safy. Sie hatten sich über Jahre mit den Plänen der Eltern auseinandergesetzt. Melanie war bis zum letzten Atemzug an deren Seite.  

Die Meldung der beiden Todesfälle war also beileibe kein Notfall. Die dramatische Reaktion jedoch, von den Geschwistern durchaus als Überforderung wahrgenommen, steht in gewisser Weise exemplarisch für das Dilemma, in dem sich Deutschland seit vielen Jahren befindet. Wir als Gesellschaft wissen nicht, wie wir mit Menschen umgehen sollen, die sich ein begleitetes Ende ihres Lebens wünschen. Die Suizidhilfe ist ein hochemotionales Thema, das mit existenziellen Grundfragen des Lebens verknüpft ist – und das Kontroversen hervorruft. Doch die Debatte kommt nicht in Gang. Dabei ist es mehr als zwei Jahre her, dass das Bundesverfassungsgericht das seit Ende 2015 geltende Sterbehilfegesetz für verfassungswidrig erklärte. Spätestens seitdem müssten wir das Für und Wider der Sterbehilfe breit diskutieren. Nach Angaben von Sterbehilfevereinen steigt die Nachfrage nach Begleitung in den selbstbestimmten Tod.  

Jeder Fall von Sterbehilfe ist so individuell wie das Sterben selbst. Trotzdem glauben die drei Geschwister, ein bisschen was über das selbstbestimmte Lebensende erfahren zu haben. Und was es für die Hinterbliebenen bedeuten kann. Aus diesem Grund sind sie bereit, ihre Geschichte zu teilen. Und zu berichten, wie es ihnen ein Dreivierteljahr danach mit der Entscheidung geht, die Eltern bei der Umsetzung ihres Sterbeplans unterstützt zu haben. 


Das Ehepaar, die Familie

Cynthia Lou Lawson und Rolf Rackles begegneten sich im August 1962 in München. Die 26-jährige Amerikanerin Cynthia aus Boston hatte in ihrer Heimat eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert, ein paar Jahre in dem Beruf gearbeitet und war das erste Mal nach Europa gereist. Rolf Rackles, fünf Jahre älter als Cynthia und promovierter Betriebswirt, hielt sich beruflich in der bayerischen Landeshauptstadt auf. Bei ihm war es Liebe auf den ersten Blick. Und auch bei Cynthia Lawson kann es nicht lange gedauert haben, bis ihr klar wurde, dass dieser Deutsche eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen sollte. Nur ein Jahr nach dem Kennenlernen gaben sie sich am 29. August 1963 in Frankfurt das Jawort.  


Bei ihm war es Liebe auf den ersten Blick


Rolf Rackles nahm eine Stelle bei einem großen Unternehmen in Ludwigshafen an. Das Ehepaar zog zunächst in die Nähe von Heidelberg; Mark, Melanie und, mit etwas Abstand, Jennifer kamen auf die Welt. Bald darauf kaufte es ein Haus in der Stadt am Neckar.  

Gegensätze ziehen sich an, besagt eine Redensart, und auf Cynthia und Rolf Rackles traf das zu. Cynthia trat allem und jedem aufgeschlossen gegenüber, war an ihren Mitmenschen interessiert und kam mithilfe ihrer amerikanischen Art leicht mit ihnen ins Gespräch. Out­going nennt man das in ihrer Muttersprache. Rolf Rackles war introvertierter, harmoniebedürftiger, überließ seiner Frau gerne die Rolle als Tonangeberin. Eine Kombination, die sich gut ergänzte. Auf der einen Seite der Ruhepol, strukturiert und organisiert. Auf der anderen Seite die Sprühende, die Abwechslung liebt. „Meine Mutter hat seine Stabilität sehr geschätzt, und mein Vater hat es sehr geschätzt, dass sie Lebendigkeit in sein Leben brachte“, sagt Jennifer.  

Gemein hatten beide den Sinn für Genuss, für guten Wein, für gutes Essen. Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, gingen sie regelmäßig auf Kulturreisen, besuchten kulturelle Veranstaltungen. Die Initiative ging in aller Regel von Cynthia Rackles aus. Ihr Sohn sagt, die Mutter sei „nicht übergriffig dominant gewesen“, aber über die Jahrzehnte habe sich eine klare Rollenverteilung eingeschlichen.  

Eine andere, und zwar die klassische Rollenverteilung der Siebzigerjahre – der Familienvater bringt das Geld nach Hause, die Mutter erzieht die Kinder und kümmert sich um den Haushalt – lebte das Ehepaar Rackles hingegen auch. Den Vater nahmen die Kinder vor allem am Wochenende wahr, die Mutter war die Erzieherin.  


Das Verhältnis innerhalb der Familie war eng

Den Eltern war es wichtig, mit den Kindern zu verreisen. Häufig ging es nach Italien und Frankreich, dorthin, wo es sonnig und schön war. Alle paar Jahre flogen sie auch in die amerikanische Heimat der Mutter, in der Verwandte lebten. Das Verhältnis innerhalb der Familie war eng. Die Kinder, die immer gut mitein­ander klarkamen, schätzten die Eltern, die sich mit allem, was sie hatten, um sie kümmerten. Mark und Jennifer studierten Betriebswirtschaft, Mark zudem Politikwissenschaft, Melanie Slawistik. Sie bewährten sich in ihren Jobs. Und sie fanden Partner. Alle drei sind verheiratet, Mark hat zwei Töchter und einen Sohn, Melanie einen Sohn.

Die Geschwister berichten, Humor sei stets ein wichtiges Thema in der Familie gewesen, auch zwischen den Eltern. Ein leicht sarkastischer Grundtenor habe die Kommunikation geprägt, außerhalb der Familie sei dieser spezifische Humor nicht immer gut angekommen. „Aber für die interne Kommunikation ist der wahnsinnig wichtig gewesen, hat vieles entkrampft, hat uns verbunden“, sagt Mark Rackles.


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Reden über das Lebensende



Reden über das Lebensende

Zu diesem speziellen Familienton gehörte auch, dass das Reden über den Tod, über das Sterben nie ein Tabu war. Als der Sohn in den Achtzigerjahren seinen Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz ableistete und zu Hause von pflegebedürftigen, schwerkranken Menschen berichtete, sprachen sie viel mitein­ander darüber, was sie unter würdigem Sterben verstehen. Mark Rackles sagt: „Was ich damals gesehen habe – Menschen, die von Krebs zerfressen werden, Menschen, die körperlich fit sind, aber geistig verfallen – hat mir früh klargemacht, dass ich für mich selbst ein anderes, selbstbestimmtes Lebensende wählen möchte.“  

Diese Einstellung wurde von den Eltern geteilt. Sie äußerten schon im mittleren Lebensalter, aus einer Situation körperlicher Gesundheit heraus, den Moment nicht verpassen zu wollen, zu dem sie noch selbstbestimmt entscheiden könnten. Cynthia Rackles hatte, wohl auch wegen ihres Berufs als Krankenschwester, klare Bilder vor Augen, wie ein Leben im Alter aussehen kann. Bei ihrer Schwiegermutter hatte sie zudem hautnah verfolgen können, wie deren Geist durch einen Schlaganfall ausgelöscht worden war, während die Organe die Körperfunktionen aufrechterhielten. Das wollte sie sich selbst, ihrem Mann und den Kindern nicht antun. Melanie Vogt sagt: „Unsere Eltern haben immer viele Dinge anders gemacht als andere, sie hatten sehr klare Ansichten. Sie wollten auf keinen Fall in ein Pflegeheim. Und sie konnten sich auch nicht vorstellen, dass jemand zu ihnen in die Wohnung kommt.“  

Hier zeigt sich: Sosehr sich Menschen darin unterscheiden, wie sie Schmerzen wahrnehmen und diese aushalten können, so unterschiedlich ist auch ihre Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Ute Lewitzka, Psychiaterin an der Uniklinik Dresden und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention, glaubt, dass die Deutschen diese Fähigkeit ein Stück weit verlernt haben. „Dass die Lebensspanne auch beinhaltet, alt zu werden, mit allem, was dazugehört, passt in unsere Optimierungsgesellschaft einfach nicht rein“, sagt sie. Es sei nun mal so: Nicht nur das frühkindliche Stadium, auch das Alter mache abhängig von anderen Menschen. Alte Leute empfänden dadurch einen Kontrollverlust, hätten Angst, nicht mehr ihr eigener Herr zu sein, anderen zur Last zu fallen. „Aber es kann doch nicht der Weg sein, ihnen ein Suizidmittel zu verordnen.“ Stattdessen müssten Perspektiven eröffnet und mehr gesellschaftliche Verantwortung übernommen werden. „Alt werden in Würde“ und „Sterben in Würde“ dürften nicht nur Begriffe sein, sondern müssten ausgestaltet werden: „Wie gelingt Altern und Sterben in Würde? Sicherlich nicht in einem Heim mit Versorgungslücken, sicherlich nicht, wenn ich nicht überall palliativmedizinische Einrichtungen habe“, so die Psychiaterin.  

Der Satz „Wenn es so weit ist, gehen wir in die Schweiz“ wurde ein running gag in der Familie Rackles und bei jeder passenden Gelegenheit (und noch mehr unpassenden) geäußert. Die Geschwister sind sich einig, dass er auch damals nicht nur so dahingesagt war von den Eltern – jedoch aus einer gewissen Unbedarftheit heraus formuliert. Als sich Mark Rackles vor vielen Jahren konkret mit der Schweiz beschäftigte, stellte er schnell fest, dass es so einfach nicht sein würde. „Es kostet viel Geld, und man muss Schmerzpatient sein.“  

Viele Jahre – gute Jahre – gingen ins Land. Ab 2016 machte sich das ansteigende Lebensalter zunächst bei Rolf Rackles, dann auch bei Cynthia immer stärker bemerkbar. Am Tag seines 85. Geburtstags erlitt Rolf Rackles eine Blutung zwischen Hirnhaut und Gehirn und musste notoperiert werden. Bald darauf verschlechterte sich sein Sehvermögen massiv. Ab diesem Zeitpunkt, erzählen die Kinder, wurde die Debatte über das selbstbestimmte Sterben im Hause Rackles konkreter.  

Weder Cynthia noch Rolf Rackles litten an einer lebensbedrohlichen Krankheit. Diverse Leiden und Beeinträchtigungen schränkten ihren Bewegungsradius jedoch immer stärker ein. Cynthia Rackles wirkte zwar stabiler als ihr Ehemann, hatte jedoch seit dem Jahr 2019 eine Gürtelrose, auch Zoster genannt, die ihr solche Schmerzen bereitete, dass sie opiatpflichtig wurde. In Folge der Medikamenteneinnahme litt sie unter starkem Schwindel, war unsicher beim Gehen, stürzte einige Male. In der Wohnung brauchten beide einen Stock; draußen einen Rollator.  

Allein gingen sie kaum noch vor die Tür. Rolf Rackles saß den Großteil des Tages auf dem Sofa vor dem Fernsehprogramm, dem er nur noch lauschen konnte. Melanie Vogt sagt: „Früher kannten wir unseren Vater auf seiner Chaiselongue, die Zeitung lesend, unterstreichend, Artikel rausschneidend.“ Jennifer Safy ergänzt, der Vater habe gerne am Computer gearbeitet. Seitdem das durch das schwindende Augenlicht nicht mehr ging, habe er seine Frau sehr in Beschlag genommen. Safy sagt: „Mein Vater war nicht der Typ, der sich selbst ein Hörbuch genommen hätte, sondern er ging zu meiner Mutter und sagte: Was machen wir jetzt? Dadurch war sie immer wieder in der Situation, sich um ihn kümmern zu müssen, und hatte immer weniger Zeit für sich selbst.“ Auch Melanie Vogt sagt: „Mutti wurde die Versorgerin für Papa.“ Das sei eine große, auch psychische Belastung für sie gewesen. Der Vater sei zugleich immer schweigsamer geworden. „Meine Mutter hatte dadurch unter der Woche kaum noch Gesprächsimpulse.“  


Wenn, dann gehen wir zusammen

Nachdem die Eltern nach längerer Planung einen Umzug nach Berlin zur Familie des Sohns ablehnten, beschlossen die drei Geschwister vor etwa fünf Jahren, sich bei den Eltern abzuwechseln. Entweder setzte sich Freitagvormittag Mark in Berlin in den Zug Richtung Heidelberg oder Melanie in München oder Jennifer in Frankfurt. Bis Sonntagmittag verbrachten sie das Wochenende bei den Eltern, redeten viel, erzählten von den Enkeln, sahen gemeinsam fern und drehten mit dem Vater eine Runde durchs Viertel, um der Mutter eine Auszeit zu gönnen: zum kleinen Laden, in dem ein Kaffee getrunken, die Zeitung gekauft und Lotto gespielt wurde. Dann weiter in die Grünanlage, in der die Stadtbücherei liegt, ein Spielplatz und ein Bouleplatz. Zusätzlich dazu riefen die beiden Töchter jeden Tag bei den Eltern an: Jennifer um zwölf, Melanie um viertel vor acht abends. „Wir haben gemerkt, unsere Mutter braucht diesen Austausch“, sagt Jennifer.  

Viel mehr Zuwendung geht kaum. Cynthia und Rolf Rackles zählten nicht zu den vereinsamten Alten, für die sich unsere Leistungsgesellschaft nicht mehr interessiert. Aber die gibt es. Eine im Februar im „Journal of Ethics in Mental Health“ publizierte Studie dokumentiert für die Niederlande, Belgien und Luxemburg, wo 2001 beziehungsweise 2009 der assistierte Suizid, aber auch die Tötung auf Verlangen eingeführt wurden, einen Anstieg der Gesamt-Suizid­rate im Vergleich zu den Nachbarländern mit restriktiveren Gesetzen. Insbesondere ältere Frauen scheinen aufgrund der Selbsttötungsangebote gefährdeter, sich frühzeitig das Leben zu nehmen. Sie überleben häufiger ihre Partner, leben länger allein und leiden unter Einsamkeit oder der Sorge, anderen zur Last zu fallen. Außerdem sind Frauen häufiger von Altersarmut und Depression betroffen. Auch in der Schweiz verdreifachte sich zwischen 2010 und 2018 die Zahl der assistierten Suizide, während im Gegenzug die sogenannten „harten Suizide“ nicht zurückgingen. In allen vier erwähnten Ländern hatten Befürworter der Legalisierung das Argument ins Feld geführt, die Möglichkeit des assistierten Suizids werde harte Suizide verhindern.  

Trotz der Anteilnahme und Verfügbarkeit, die ihre Kinder zeigten, wollten Cynthia und Rolf Rackles nicht am Leben bleiben. Cynthia litt immer mehr unter den Schmerzen der Zostererkrankung. Melanie Vogt sagt: „Ich musste sie nur angucken und wusste, wie es ihr geht, ich wusste am Telefon, ob es ein guter oder ein schlechter Tag gewesen war. Und am Ende waren es einfach zu viele schlechte Tage.“ Das lag auch daran, dass auch bei Cynthia Rackles das Sehvermögen abnahm. Sie, die unglaublich gerne gelesen hatte – Jennifer benutzt das Wort „Lebenselixier“, wenn sie davon erzählt, wie die Mutter in Bücher und damit in andere Welten abtauchte –, hatte eine Makuladegeneration, bekam über einen längeren Zeitraum ein Medikament in die Augen gespritzt, das den Sehkraftverlust verlangsamen sollte. Als sich herausstellte, dass diese sehr unangenehme Behandlung nichts brachte, kam Cynthia Ende des Jahres 2019 an den Punkt, an dem sie keinen Sinn mehr sah in ihrem Weiterleben. Sie fuhr ihre noch vorhandenen sozialen Kontakte fast komplett herunter, beendete zum Beispiel ihre langjährige Teilnahme an einer Bridge-Runde. Mark Rackles sagt: „Da fingen die Gespräche an, ernster zu werden, im Sinne von: Wir möchten tatsächlich gehen.“ Und Melanie Vogt berichtet, die Mutter habe gesagt: „Life was a party, but the party is over. I am ready to go.“  

Aber wie kam es, dass Rolf und Cyn­thia Rackles so entschlossen waren, dies gemeinsam zu tun? Die meisten betagten Ehepaare, die 50, 60 manchmal 70 Jahre verheiratet sind und die auf die Frage, ob sie sich ein Leben ohne den Partner vorstellen können, spontan mit Nein antworten, verfolgen trotzdem nicht den Plan, ihr Leben gemeinschaftlich zu beenden.  

Die Rackles-Kinder sagen, ihre Eltern seien noch im hohen Alter nicht nur ein eingespieltes Team, sondern ein Liebespaar gewesen. Sie hätten die Entscheidung als Konsequenz ihrer Liebesbeziehung und ihrer Ehe gesehen: wenn, dann gehen wir zusammen. „Aber was es wirklich bedeutet, aus unterschiedlichen Lebenssituationen heraus zum selben Zeitpunkt zu dem Schluss zu kommen, jetzt ist es so weit – ob ihnen das so klar war, weiß ich nicht“, sagt der Sohn. Und seine zwei Jahre jüngere Schwester Melanie glaubt: Wäre die Mutter natürlich gestorben, hätte der Vater keinen Suizid begangen. „Aber weil sie sich so nahe waren, wollte er nicht allein zurückbleiben, wenn sie diesen Weg wählt.“


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Der lange Weg



Der lange Weg

Ende Februar 2020 verkündete das Bundesverfassungsgericht ein Urteil, das auch von Cynthia und Rolf Rackles in Heidelberg aufmerksam wahrgenommen wurde. Diverse Einzelpersonen und Organisationen hatten gegen das seit 2015 geltende Gesetz zur Sterbehilfe geklagt. Es verbot die „geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“, was vornehmlich gegen die Aktivität von Sterbehilfevereinen gedacht war. Allerdings gerieten mit dem Gesetz auch Ärzte, die ein paar Mal im Jahr Menschen in den Tod begleiten, in eine rechtliche Grauzone. Infrage stand, ob ihr Verhalten durch eine, wenn auch seltene Wiederholung als geschäftsmäßig eingeordnet werden könnte. Zwischen 2015 und bis zum Urteilsspruch des Bundesverfassungsgerichts im Februar 2020 gab es daher kaum eine Option für Menschen, die sich eine Suizidbegleitung wünschten. Die Karlsruher Richter kippten das Gesetz mit der Begründung, das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasse ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Dieses Recht schließe die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen. Die Richter forderten die Politik auf, diesen Grundsatz in der gesetzlichen Neuregelung zu berücksichtigen.  

Nach dem Urteilsspruch nahmen Sterbehilfevereine und auch die wenigen Ärzte, die Menschen beim geplanten Suizid begleiten, ihre Tätigkeit rasch wieder auf. Unter welchen Rahmenbedingungen sie das zukünftig tun können, ist noch nicht geklärt. Zurzeit liegen drei Gesetzesentwürfe vor. Zwei Entwürfe sehen eine eher liberale Regelung vor, der dritte betont vorrangig Suizidprävention und Lebensschutz. Assistierte Sterbehilfe bliebe nach ihm mit wenigen Ausnahmen grundsätzlich strafbar. Alle Entwürfe haben gemein, dass sie Menschen davor schützen wollen, zum Suizid gedrängt zu werden. Wann es zu einer Abstimmung im Bundestag kommen wird, ist noch nicht abzusehen.  


Das Karlsruher Urteil sehen sie als Chance

Hatten Cynthia und Rolf Rackles bis Anfang des Jahres 2020 noch gedacht, sie müssten ohne Unterstützung aus dem Leben scheiden, sahen sie durch den Urteilsspruch eine Möglichkeit, zu Hause, in ihren eigenen vier Wänden vermeintlich sicher zu sterben. Zuvor war es zu von den Kindern als absurd wahrgenommenen Gesprächen gekommen. Mark Rackles sagt: „Man sitzt bei Wein und Crackern, und sie sagen einem: Wir haben überlegt, Erhängen schaffen wir nicht, Erstechen auch nicht. Wir könnten uns Steine an den Körper binden und in den Neckar springen.“ Er und seine Schwestern hätten immer häufiger gemerkt, dass die Eltern untereinander über alle möglichen Todes- und Sterbeformen sprachen. „Es begann, skurril zu werden. Da haben wir uns gefragt: Gibt es würdige und seriöse Angebote, die eine Prüfung beinhalten, ob das mehr als eine Altersdepression ist?“  

Über persönliche Beziehungen nahm Mark Rackles Kontakt zu dem Berliner Arzt Michael de Ridder auf, der Suizidbegehren unter engen Richtlinien begleitet. De Ridder war einer der Kläger vor dem Bundesverfassungsgericht. Im Juni 2020 traf das Ehepaar Rackles, begleitet von Mark und Melanie, in einem Berliner Hotel auf Michael de Ridder. Ziel dieses Treffens war es, eine sachkundige Einschätzung zu erhalten, ob Rolf und Cynthia Rackles die „Kriterien“ für einen assistierten Doppelsuizid erfüllten. Mark Rackles erinnert sich, bei den Eltern im Angesicht einer greifbaren Todesperspektive einen nicht mehr bekannten Lebenswillen wahrgenommen zu haben. „Man merkte, sie lebten auf, weil sie wussten, es könnte dazu führen, dass sie ‚befreit‘ werden.“  

Zu Beginn eines Telefonats im März 2022, für das sich Michael de Ridder die Unterlagen vom Sommer 2020 herausgesucht hat, ist es ihm wichtig, festzustellen, dass die zentrale Gruppe, bei der er eine Sterbebegleitung in Erwägung zieht, Personen sind, die den Tod mehr oder weniger unmittelbar vor Augen haben. Das trifft vor allem auf körperlich schwersterkrankte Menschen in Akutsituationen zu, wie Krebspatienten mit einem metastasierenden Tumor oder ALS-Kranke, die kurz vor der Beatmung stehen und sich diese Abhängigkeit nicht vorstellen können. „Unerträglichkeitssuizid nennt man das, und das sind die Fälle, um die ich mich primär kümmere.“  

Die zweite Gruppe, zu der auch das Ehepaar Rackles zählt, habe einen „Präventivsuizidwunsch“. De Ridder meint damit: Aus medizinischer Sicht ist die Unerträglichkeit der Situation bei diesen Patienten noch nicht erreicht. Mit solchen Präventivsuiziden tue er sich „sehr, sehr schwer“. Er habe in solchen Situationen zwar schon geholfen und könne den Wunsch teilweise auch nachvollziehen, aber es sei die Ausnahme, dass er sich solcher Fälle annehme.  

Der Internist und Palliativmediziner bestätigt die Erkrankungen, von denen die Kinder berichtet haben: Beide Ehepartner litten unter einer Makuladegeneration. Beide hatten kardiale Probleme, Cynthia Rackles’ Gürtelrose verursachte ihr enorme Schmerzen. Es habe weitere altersbedingte Erkrankungen gegeben – „Multimorbidität“ nennt das der Mediziner –, jedoch keine unmittelbar lebensbedrohliche. „Für beide galt, dass ihr Leiden nicht in dem Sinne akut war, dass das Lebensende absehbar gewesen wäre. Das hat mir zu denken gegeben.“ Ob alle palliativmedizinischen Optionen ausgeschöpft worden seien, habe er sich gefragt. Speziell bei Cynthia Rackles erschien ihm das nicht der Fall, bei diesem ersten Treffen vertiefte er das Thema jedoch nicht. Darauf angesprochen, sagt Mark Rackles, die Mutter habe die Gürtelrose nicht richtig behandeln lassen. „Das war auch meine Mutter: Sie konnte störrisch sein.“ Zu einem Psychiater zu gehen, um sich auf eine Depression untersuchen zu lassen, hatte sie ebenfalls abgelehnt.  

Michael de Ridder stellte im Gespräch mit Cynthia Rackles eine ausgeprägte „Leidensmüdigkeit“ fest. Sohn Mark signalisierte er damals, sich nach Folgegesprächen vorstellen zu können, für sie unterstützend tätig zu werden. Im Gespräch mit Rolf Rackles konnte der Arzt jedoch „keinen klar formulierten Suizidwunsch“ erkennen. Rackles sei zum damaligen Zeitpunkt zwar der Auffassung gewesen, es gehe ihm nicht gut, aber dass er weiterleben wolle. „Für mich lag ein klar erkennbares Ungleichgewicht vor. Frau Rackles erschien mir als die treibende Kraft, die Druck auf ihren Mann ausübte.“ In seiner Wahrnehmung habe ein Dissens bestanden, der das klare Signal einer offenen Situation sendete. „Das Kriterium einer wohlerwogenen Entscheidung war in dieser Situation bei Herrn Rackles nicht erfüllt. Dann kann ich eine Suizidbeihilfe nicht verantworten.“ Damit sei das Gespräch für ihn beendet gewesen.  


Eine gute Pause für alle. Nur Cynthia geht es schlechter

Mark Rackles erzählt, dass der Vater ihnen danach berichtet habe, auf die konkrete Frage „Herr Rackles, wenn Sie die Gedanken an Ihre Frau beiseitelegen, würden Sie weiterleben wollen?“ geantwortet zu haben: Ja, gäbe es seine Frau nicht, würde er weiterleben wollen. Als der Arzt daraufhin das Gespräch abbrach, habe sich der Vater furchtbar geschämt, versucht, ihn im Hotel noch aufzufinden, klarzumachen, dass das ein Fehler gewesen sei, er doch nur intuitiv geantwortet hätte. Rackles erzählt, in seinem Beisein hätte die Mutter ihren Mann vorher explizit aufgefordert: Sag, was du denkst. Das ärztliche Urteil habe dann jedoch trotzdem zu einer Auseinandersetzung der Eltern untereinander geführt. „Meine Mutter konnte das überhaupt nicht verstehen.“  

Für alle anderen in der Familie sei diese zwischenzeitliche Pause aber gut gewesen. „Mutter war vielleicht so weit, wir waren noch nicht so weit.“ Schwester Melanie Vogt berichtet sogar, nach Berlin habe die Mutter gesagt, sie werde es akzeptieren, warten zu müssen, „bis es natürlich passiert. Jenny und ich waren so erleichtert. Das war wie ein Damo­klesschwert, das weg war. Gott sei Dank, geht dieser Kelch an uns vorbei, dachten wir.“  

Doch Cynthia Rackles ging es in den Folgewochen physisch und psychisch schlechter. Wenige Wochen nach der Begegnung in Berlin stellte sie das Dogma, es nur zu zweit zu machen, infrage. Ihrem Mann warf sie vor, er habe seine Chance gehabt. Für sie sei das Leben nicht mehr erträglich, er könne bleiben, sie werde notfalls auch allein gehen. Der Konflikt führte dazu, dass die Eltern untereinander, aber auch in Gesprächen mit einem Kind, mit zweien oder allen dreien immer wieder abklopften: Was heißt das jetzt genau? Ist das eine Erpressung? Drängt sie ihn in den Tod, obwohl er eigentlich gerne weiterleben würde? Jennifer Safy sagt, ihre „Erkenntnis aus Berlin“ sei gewesen, absolut sicherzustellen, „dass mein Vater nicht in einen Sog mitgezogen wird und er denkt, dass er Cindy einen Gefallen tun muss. In den Momenten, in denen wir allein waren, habe ich oft mit ihm darüber gesprochen. Auch um zu hören, ob das morgens vielleicht der eine Tenor ist und abends ein anderer.“ Auch die beiden älteren Geschwister erzählen, sie hätten den Vater in Einzelgesprächen immer wieder befragt. Er habe konsistent gesagt, er wolle nicht mehr leben, einmal auch, das Leben sei eine Qual.  

Im Herbst 2020 brachte Mark Rackles den Stein auf Wunsch der Eltern wieder ins Rollen. Er kontaktierte den „Verein Sterbehilfe“, dessen deutsche Niederlassung in Hamburg ist. Der Verein stammt aus der Schweiz. Das Ehepaar Rackles forderte Mitgliedsunterlagen an, zahlte mehrere Tausend Euro Gebühr pro Person. Dann teilten sie dem Vereinsvorstand mit, sterbewillig zu sein. Zwei Mitarbeiter des Vereins, einer aus Deutschland, einer aus der Schweiz, kamen zu einem ersten Gespräch. Sie begutachteten die Situation: Sind die neuen Mitglieder überhaupt geschäftsfähig? Was ist der Hintergrund des Sterbewunsches? Gibt es Angehörige? Wie stehen sie zu dem Wunsch? Fördern sie ihn vielleicht sogar? Die Mitarbeiter kamen zu dem Schluss, es handele sich um eine seriöse Entscheidung in einem stimmigen Umfeld. Daraufhin wurde ein ärztliches Gutachten in Auftrag gegeben. Sohn Mark fuhr im März 2021 mit den Eltern in die Nähe von Koblenz. Eine Ärztin führte unabhängig voneinander Gespräche, erfragte, warum Cynthia und Rolf sterben wollten. Sie mussten zudem Fragebogen ausfüllen (und amüsierten sich über die Fragen zu sexuellen Präferenzen). Dieses Gutachten ging an den Vorstand des Vereins.  

Ein zweites ärztliches Gutachten wurde angefordert, ein eher untypischer Vorgang. Der zweite Arzt kam aus Bonn zum Ehepaar Rackles nach Heidelberg. Bei diesem Besuch waren die beiden Töchter zugegen. Er stellte ergänzende Fragen. Dann dauerte es etwa einen Monat, bis Mitte Mai die Nachricht kam: Beide Gutachten gaben grünes Licht für den Doppelsuizid. Die Kriterien dafür sind den Geschwistern nicht bekannt.  

Mit diesem grünen Licht signalisiert der Sterbehilfeverein seine grundsätzliche Bereitschaft, beim Suizid zu assistieren. Die Sterbewilligen bestimmen selbst, ob, wann und in welchem Umfeld er stattfindet. Cynthia Rackles wollte diese Entscheidung schnell treffen. Doch es gab familiäre Belange, die ihre Kinder bei der Terminfindung berücksichtigt haben wollten. So war ein Enkelkind für einen längeren Aufenthalt im Ausland, das die Großeltern noch einmal sehen sollte – ohne von den Todesplänen zu wissen. Ein anderes Enkelkind absolvierte gerade sein Abitur. Ein Hochzeitstag stand vor der Tür, der all die kommenden Jahre nicht unter dem Schatten eines kurz zuvor begangenen Suizids stehen sollte. Cynthia und Rolf Rackles folgten der Bitte, ihre Pläne nicht direkt in die Tat umzusetzen.  

Am 25. Mai 2021 wurde der 90. Geburtstag von Rolf Rackles gefeiert. Bis auf die eine Enkeltochter kam die ganze Familie zusammen. Sohn Mark nennt es „eine komische Erfahrung, einen Geburtstag zu feiern in sicherer Gewissheit, dass es der letzte sein wird. Aber die Eltern waren relativ gelöst, haben es auch genossen.“ Im Juni wurde der Termin festgelegt: Montag, 5. Juli. Das gab der Enkelin im Ausland die Gelegenheit, bei ihrer Rückkehr Ende Juni über Heidelberg nach Berlin zu fahren und die Großeltern noch einmal zu sehen. Vater Mark begrüßte die Tochter danach abends zu Hause. Am nächsten Tag, einem Samstag, fuhr er nach Heidelberg. Alle drei Kinder verbrachten das Wochenende mit den Eltern. Dann kam der Montag.


Nächstes Kapitel:

Der Todestag



Der Todestag

Wenn die drei Geschwister vom 5. Juli 2021 erzählen – unabhängig voneinander –, verwenden sie alle drei die gleichen zwei Worte, und das immer wieder: skurril und absurd.  

Melanie Vogt sagt: „Der Tag war absurd. Es war ein ganz normaler Montag, der mit dem Frühstück angefangen hat. Danach habe ich mit Papa den täglichen Spaziergang gemacht, unsere Runde beim Zeitungsmann, wo wir auch Lotto gespielt haben, an diesem Morgen für alle. Alles war wie immer. Als wir gegangen sind, habe ich gedacht: Heute war er das letzte Mal hier.“ Sie erinnert sich auch an den Anruf eines Freundes. Er fragte, wie es ihr gehe. Und sie habe geantwortet, heute sei der Todestag ihrer Eltern. „Das ist ein Moment, der sich mir eingebrannt hat: Dass ich auf dem Sofa saß und gesagt habe: Heute ist der Suizid. Total absurd.“ 


Beim Frühstück wissen: Abends sind die Eltern tot

Jennifer spricht von einem „absolut skurrilen Tag. Morgens zu frühstücken und zu wissen, abends sind deine Eltern tot – das war ganz merkwürdig. Wir haben versucht, mithilfe von Humor einigermaßen damit zurechtzukommen.“ Keiner habe gewusst, was er tun solle. Sie habe angefangen zu putzen, um sich zu beschäftigen, dann habe man gespielt, vielleicht deshalb: „Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern.“  

Mark sagt: „Ich hatte die alte Standuhr vor mir und wusste, um 14 Uhr klingelt es. Um 13.30 Uhr spielten wir noch Rummikub, meine Mutter freute sich, dass sie ein Spiel gewann. Das Skurrilste waren die Minuten, bevor es geklingelt hat. Das hat sich eingebrannt bei mir. Ich sehe diese Uhr vor mir, und wir spielen vor uns hin. Mein Vater hat Fernsehen geguckt, er konnte das Spiel nicht spielen. Das erschien mir wie eine Farce aufs eigene Leben. Der Tod naht, und wir bauen keine Bollwerke auf, sondern wir spielen. Das war absurd.“  

Ein assistierter, über viele Monate geplanter Doppelsuizid ist etwas anderes als ein harter Suizid, der von einem meist psychisch erkrankten Menschen begangen wird. Über diese Spontansuizide berichten Medien so gut wie nicht, um Nachahmungstaten zu verhindern. Für assistierte Suizide gibt es keine klaren Regeln der Berichterstattung, trotzdem wird auch hier empfohlen, zurückhaltend zu kommunizieren, keine Details zu nennen. Daran wollen wir uns halten. Was die Sterbehelfer genau taten, welche Medikamente sie vorbereiteten, wie der Tod des Ehepaars Rackles physiologisch ablief, beschreiben wir nicht.  

Um 14 Uhr am 5. Juli 2021 klingelten zwei Männer. Cynthia und Rolf Rackles wurden gefragt, ob es ihr freier Wille sei, ihr Leben heute zu beenden. Nachdem sie bejaht und diverse Papiere unterschrieben hatten, nahmen sie ein erstes Getränk zu sich. Die Sterbebegleiter verschwanden länger in der Küche.  

Mark und Jennifer hatten zuvor beschlossen, beim Tod der Eltern nicht anwesend sein zu wollen. Melanie hatte es sich offengehalten, wusste nicht, ob sie an dem Tag stark genug sein würde, konnte sich aber nicht vorstellen, sich vorher von den Eltern zu verabschieden. Für ihre Geschwister war es wiederum unvorstellbar, mitanzusehen, wie die Eltern sterben. Mark Rackles berichtet, der Abschied sei intensiv gewesen. „Man hat das Gefühl, man muss sich noch ganz viele tiefsinnige Sachen sagen, aber dann bleibt es bei: Ich liebe dich. Es war sehr unbeholfen. Letztlich zählten nur noch die Berührung und die Tränen.“  

Melanie Vogt begleitete die Eltern in ihr Schlafzimmer. Mittlerweile war auch eine Freundin eingetroffen, eine der wenigen Personen, zu denen Cynthia Rackles in ihren letzten Lebensmonaten noch direkten Kontakt und die sie in den Plan eingeweiht hatte. Als Krankenschwester brachte die Frau Wissen über das Sterben mit und hatte von sich aus die Begleitung in den letzten Stunden angeboten. Cynthia Rackles hatte sich wohlgefühlt bei dem Gedanken, diese Freundin an ihrer und der Seite ihres Mannes zu wissen, wenn es so weit wäre.  


Sie sagten einander: Let's do it

Cynthia und Rolf Rackles setzten sich auf ihr Ehebett, küssten sich ein letztes Mal, sagten einander: Let’s do it. Danach nahmen sie hintereinander ein Betäubungsmittel und das tödliche Mittel ein. Innerhalb von ein paar Minuten schliefen beide nebeneinander auf dem Bett ein. Ihre Tochter war überrascht davon, dass das so schnell ging. „Das hätte ich gerne gewusst, um mich darauf einstellen zu können“, sagt Melanie Vogt.  

Da sie vor Ort war, verließen die beiden Sterbehelfer etwa eine halbe Stunde nach Gabe des Schlafmittels die Wohnung, hinterließen für den Notfall eine Telefonnummer. Melanie Vogt setzte sich noch mal zu ihrem Vater, dann auf einen Stuhl neben die Vertraute der Mutter. „Es kam Wind, dann Regen, und wir haben einfach geredet, während die Eltern geschlafen haben.“ Etwa eine Dreiviertelstunde später setzte bei Cyn­thia Rackles die Atmung aus. Bei Rolf Rackles dauerte das eine weitere Dreiviertelstunde. Melanie Vogt sagt: „Das war ein Sterben, wie es sich meine Eltern gewünscht haben: gemeinsam Hand in Hand einzuschlafen, ohne Schmerzen, harmonisch. Das war eine Erlösung.“  

Sie saßen noch eine halbe Stunde bei dem toten Ehepaar. Vogt ging dann los, um ihre Geschwister in einem nahe gelegenen Hotel über den Tod zu informieren. Die Freundin blieb in der Wohnung, bis alle drei zurückkehrten.


Nächstes Kapitel:

Danach



Danach

Man merkt den Geschwistern mehr als ein halbes Jahr nach dem 5. Juli 2021 noch immer an, wie wenig sie auf das vorbereitet waren, was sich dann abspielte, nachdem Mark Rackles die Notrufnummer 110 gewählt hatte. Aber auch die herbeigeeilten Rettungskräfte waren es nicht. Einer nach dem anderen sei geschockt aus dem Schlafzimmer herausgekommen, einige hätten auf der Terrasse durchatmen müssen. Einer habe gesagt: Einen Doppelsuizid wie den hier hatten wir noch nie.  

Von dem Zeitpunkt an, als zwei Beamte der Kriminalpolizei eintrafen, wurde das Schlafzimmer mitsamt der Eltern zum Tatort deklariert. Die Kripobeamten gingen behutsam mit den drei Hinterbliebenen um. Sie studierten die Einverständniserklärung, die Rolf und Cyn­thia Rackles unterschrieben hatten und die besagte, dass sie freiwillig aus dem Leben geschieden waren. Sie befragten die hinterbliebenen Kinder zum Ablauf. Melanie Vogt bremste sich irgendwann in ihrer Detailtreue; Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland ein heikles Thema. 

Gar nicht behutsam verhielt sich ein Arzt, der von der Kripo gerufen worden war, um die Verstorbenen zu untersuchen. Er äußerte vehement sein Unverständnis für die Suizidentscheidung. Bei den drei Geschwistern kam das in dieser Ausnahmesituation nicht gut an. Sie empfanden es als unsensibel, dass sich der Arzt nicht allein der Aufgabe widmete, die Todesursache festzustellen, sondern den Wunsch der Eltern und ihre Entscheidung, diesen Wunsch zu unterstützen, kommentierte. Gegen 21 Uhr wurde die Wohnung mit einem Siegel verschlossen.  


„Wir haben sehr, sehr viel geweint“

An einem Montag im Februar 2022 sitzen die drei Geschwister rund um den Wohnzimmertisch in ebendieser Heidelberger Wohnung. Die jüngste Tochter, Jennifer Safy, lebt heute hier. Die Wohnung zu verkaufen, davon hatte Rolf Rackles seinen Kindern abgeraten. Aber zieht man einfach so in die Wohnung seiner verstorbenen Eltern? Nach einem Probewohnen entschieden sich Safy und ihr Mann dafür. Sie strichen die Wände, richteten die Zimmer neu ein. „Ich empfinde sie schon jetzt nicht mehr als reine Wohnung meiner Eltern. Gleichzeitig denke ich hier ganz viel an sie, was etwas Schönes, etwas Geborgenes hat“, sagt Safy. Die ganze Familie, auch die Kinder von Mark und Melanie freuen sich, dass die Heidelberger Adresse als vertraute Konstante weiter existiert.  

Gerade sind die drei Geschwister noch einmal Unterlagen der Eltern durchgegangen, haben Fotos sortiert; am Tag zuvor waren sie das erste Mal seit der Beisetzung alle gemeinsam auf dem Bergfriedhof, wo die Asche der Eltern in einem Reihenurnengrab bestattet ist, im Sommer umgeben von Lavendel und Rosen. Nach der Trauerfeier, noch auf dem Friedhof, kamen Menschen auf sie zu, die wissen wollten, wie assistierter Suizid funktioniert. Als Reaktion auf die Todesanzeige meldeten sich auch fremde Paare bei den Kindern und stellten dieselbe Frage.  

Alle drei sagen, die vergangene Zeit, speziell das letzte Jahr, habe sie einander noch näher gebracht. Sie hätten sich mit ihren Stärken und Schwächen ergänzt. Auch mit zeitlichem Abstand denken sie, dass der Suizid der richtige Weg für die Eltern war. Das Vorgehen des Sterbehilfevereins haben sie als professionell empfunden, sorgfältig, wertschätzend. Melanie Vogt spricht auch für die beiden anderen, wenn sie sagt: „Die Eltern fehlen. Ich vermisse die Gespräche, den Humor. Aber sie sind erlöst. Sie haben das, was sie wollten. Das war mir wichtig.“ Sie macht einen glaubhaften Eindruck, aber natürlich ließe sich einwenden, dass sich die Geschwister vielleicht auch bestätigen müssen, richtig gehandelt zu haben.  

Und tatsächlich merkt man ihnen noch immer eine starke Erschütterung an, eine Erschütterung, die möglicherweise weniger ausgeprägt wäre, wenn die Eltern auf andere Weise gestorben wären. Melanie Vogt sagt, ein Doppelsuizid wiege schwer. An einem Tag beide Elternteile zu verlieren sei hart. Sie sagt zudem: „Ich würde auch heute noch gerne jedes dritte Wochenende nach Heidelberg fahren, also lieber, als das mitzumachen, was passiert ist.“  

Besonders auffällig aber ist: Von der langen Zeit der Begleitung ihrer Eltern erzählen Mark Rackles, Melanie Vogt und Jennifer Safy sehr konsistent; die Zeit seit dem Verlust bewerten sie jedoch unterschiedlich. Der Sohn scheint stärker zu kämpfen zu haben als die beiden Töchter. Die Frauen sagen, ihr Trauerprozess haben spätestens in dem Moment begonnen, als vom Sterbehilfeverein grünes Licht kam. „Wir haben schon sehr, sehr viel geweint“, so Jennifer Safy. „Ab der Zusage im Mai habe ich eigentlich die ganze Zeit nur geweint, wenn ich bei meinen Eltern war.“ Häufig hätten Mutter und beide Töchter gemeinsam geweint; die Mutter habe dann meistens irgendwann gesagt: „Jetzt lasst uns aufhören und an was anderes denken.“ Der Bruder habe das so nicht durchgemacht, vielleicht auch, weil er in den letzten drei Monaten seltener vor Ort war und dadurch nicht ständig mit „letzten Malen“ konfrontiert. Safy sagt: „Ich glaube, mein Bruder hat solche Gedanken zu diesem Zeitpunkt nicht gehabt. Und es ist auch die andere Herangehensweise meines Bruders, die ihn etwas überrollt hat am Ende.“  


In dem Gefühl vereint: Es ist vorbei

Mark Rackles beschreibt, dass er nicht damit gerechnet habe, wie abrupt seine Rationalität von Emotionalität abgelöst worden sei. Er habe den Tod seiner Eltern vorbereitet wie eine Reise. Jetzt sei er „bass erstaunt von sich selbst“ und frage sich: Wie konntest du das eigentlich so kühl organisieren? „Im Nachhin­ein, emotional aufgebrochen durch den Verlust, passt diese Kühle des zweckrationalen Organisierens eines Todes überhaupt nicht zum Ereignis des Todes.“ Der gesamte Prozess habe sich so lang gezogen, dass eine Gewöhnung entstanden sei. „Irgendwann wurde es normal. Erst mit dem Tod habe ich gemerkt, dass es überhaupt nicht normal ist.“  

Zudem macht Rackles ein Gedanke zu schaffen, den er in dieser Massivität ebenfalls nicht erwartet hatte. Ihn beschäftigt die Frage, warum die Eltern nicht weiterleben wollten – trotz ihrer Kinder, trotz ihrer Enkel. Er erlebt, wie speziell seine älteste Tochter mit dem Verlust, aber auch mit der Geheimhaltung des Suizids ihr gegenüber zu kämpfen hat. Außerdem sagt er: „Als Kind empfinde ich einen Vertrauensbruch: Ihr habt uns ins Leben geworfen, ihr habt uns Stabilität gegeben – und jetzt geht ihr einfach. Sind wir nicht genug, dass ihr in dieser Welt bleibt?“ Natürlich hätten sie das noch zu Lebzeiten mit den Eltern thematisiert. Beide hätten gesagt: Wir lieben euch, aber es ist nicht mehr genug da, was einen Mehrwert erzeugt. Damit hadert der Sohn: In diesem „Das Leben ist es nicht mehr wert“ steckt für ihn die Botschaft, drei fürsorgliche Kinder und vier Enkel zu haben sei zwar schön, aber nicht lebenserfüllend. Es fällt ihm emotional nicht leicht, das zu schlucken.  

Psychiaterin Ute Lewitzka sagt, die Forschung wisse bislang wenig über die Auswirkungen eines begleiteten Suizids auf die Hinterbliebenen. Der belastende Einfluss sei nicht so gravierend wie bei einem harten Suizid, aber trotzdem anders als bei einer natürlichen Todesursache. Die Themen glichen sich. Es gehe um Schuld, konkret um Fragen wie: Warum konnten wir keinen Halt geben im Leben? Dass Angehörige mit sich haderten, ob sie etwas versäumt hätten, trete auch nach einem begleiteten Suizid auf, aber seltener, da es sich um eine vermeintlich bewusste und wohlüberlegte Entscheidung handele. Sie fordert, dass es für Suizid-Hinterbliebene zumindest in großen Städten spezielle Anlaufstellen geben sollte, „ohne dass die Leute gleich psychiatrisiert werden“. Eine spezielle Trauerbegleitung helfe vielen.  

Am ruhigsten wirkt Jennifer, die in der Phase des Abschieds von den Eltern so viel weinte und sich psychologische Hilfe suchte. Sie hatte sich zunächst über die Entscheidung der Geschwister gewundert, ihre teilweise schon recht erwachsenen Kinder nicht in die Pläne einzuweihen. Heute findet sie, dass das richtig war. Die vielen ups and downs, die unglaubliche Dominanz des Themas auf das tägliche Leben – das wolle man keinem Kind antun. Und trotzdem sagt sie: „Interessanterweise werfe ich meinen Eltern nicht vor, dass sie uns eingebunden haben. Ich bin sogar froh drum. Ich konnte sie unterstützen, begleiten und Abschied nehmen. Es hilft, wenn man Abschied nehmen kann.“  

Als schlimm empfand sie hingegen den Countdown, den sie durchlebte, seit sie den Todeszeitpunkt kannte: „Zu wissen, es sind noch vier Wochen, nur noch eine Woche, das durchzustehen ist schon heftig.“ Safy hätte sich zudem den Austausch mit Angehörigen, die eine vergleichbare Situation bereits hinter sich gebracht haben, gewünscht. „Es war so theoretisch. Auch wenn jede Familie unterschiedlich und jede Sterbehilfe anders ist, hätte es mir geholfen, jemanden zum Reden zu haben. Ich konnte es mir nicht vorstellen, wie sich das anfühlt.“  

Mark Rackles, Melanie Vogt und Jennifer Safy planen, am 5. Juli 2022 in Heidelberg zusammenzukommen. Sie werden sich daran erinnern, wie sie sich ein Jahr zuvor kurz nach dem Verlassen der Wohnung beim Spanier um die Ecke trafen, in einer milden Nacht Rosé tranken, Tapas aßen, auf die Eltern anstießen. Melanie Vogt sagt, es sei ein schöner, intensiver Moment gewesen, zu dritt, in dem Gefühl vereint: Es ist vorbei.

Haben Sie Suizidgedanken oder kennen Sie Menschen, die Suizidgedanken haben?

Bei der Telefonseelsorge ( telefonseelsorge.de) finden Sie Hilfe unter den beiden kostenlosen Hotline 0800/111 01 11 und 0800/111 02 22. Anlaufstellen können immer auch Ärzte und Kliniken sein. Holen Sie sich in jedem Fall Hilfe.

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Ihr Leben war ein Fest. Doch dann hatten sie genug

Von EVA SCHLÄFER
Illustrationen: ASUKA GRÜN

6. Mai 2022 · Drei Geschwister unterstützen den Wunsch der betagten Eltern, ihr Leben gemeinsam zu beenden. Ein knappes Jahr später bilanzieren sie: War das richtig? Der Fall führt mitten ins Dilemma der Deutschen mit dem assistierten Suizid.

Am 5. Juli 2021 gegen 19 Uhr verwandelte sich die sonst eher ruhige Heidelberger Poststraße binnen Minuten in einen gewaltigen Einsatzort. Vor einem Mehrfamilienhaus fuhren Polizei-, Feuerwehr- und Rettungswagen mit Blaulicht und Sirene vor. Schwerbepackte Sanitäter stürmten durch das Treppenhaus, hinein in eine Maisonettewohnung im vierten Stock. Kurz darauf trafen Kripobeamte ein; zeitweise drängten sich mehr als 20 Personen in der Wohnung. Eine Szene wie aus einem Film.  

Ausgelöst worden war dieser Großeinsatz durch einen Anruf bei der 110. Der Anrufer meldete zwei tote Personen, einen assistierten Doppelsuizid. Er und seine beiden Schwestern befänden sich bei den Toten. Es handele sich um ihre Mutter und ihren Vater.  

Etwa zwei Stunden zuvor waren Cyn­thia, 85 Jahre, und Rolf Rackles, 90 Jahre, Hand in Hand aus dem Leben geschieden. Sie nahmen dafür die Unterstützung eines Sterbehilfevereins in Anspruch. Die größte und ausdauerndste Unterstützung bei der Umsetzung ihres Wunsches erhielten sie jedoch von ihren drei Kindern: Mark Rackles, geboren 1966, Melanie Vogt, Jahrgang 1968, und der fünf Jahre jüngeren Jennifer Safy. Sie hatten sich über Jahre mit den Plänen der Eltern auseinandergesetzt. Melanie war bis zum letzten Atemzug an deren Seite.  

Die Meldung der beiden Todesfälle war also beileibe kein Notfall. Die dramatische Reaktion jedoch, von den Geschwistern durchaus als Überforderung wahrgenommen, steht in gewisser Weise exemplarisch für das Dilemma, in dem sich Deutschland seit vielen Jahren befindet. Wir als Gesellschaft wissen nicht, wie wir mit Menschen umgehen sollen, die sich ein begleitetes Ende ihres Lebens wünschen. Die Suizidhilfe ist ein hochemotionales Thema, das mit existenziellen Grundfragen des Lebens verknüpft ist – und das Kontroversen hervorruft. Doch die Debatte kommt nicht in Gang. Dabei ist es mehr als zwei Jahre her, dass das Bundesverfassungsgericht das seit Ende 2015 geltende Sterbehilfegesetz für verfassungswidrig erklärte. Spätestens seitdem müssten wir das Für und Wider der Sterbehilfe breit diskutieren. Nach Angaben von Sterbehilfevereinen steigt die Nachfrage nach Begleitung in den selbstbestimmten Tod.  

Jeder Fall von Sterbehilfe ist so individuell wie das Sterben selbst. Trotzdem glauben die drei Geschwister, ein bisschen was über das selbstbestimmte Lebensende erfahren zu haben. Und was es für die Hinterbliebenen bedeuten kann. Aus diesem Grund sind sie bereit, ihre Geschichte zu teilen. Und zu berichten, wie es ihnen ein Dreivierteljahr danach mit der Entscheidung geht, die Eltern bei der Umsetzung ihres Sterbeplans unterstützt zu haben. 


Das Ehepaar, die Familie

Cynthia Lou Lawson und Rolf Rackles begegneten sich im August 1962 in München. Die 26-jährige Amerikanerin Cynthia aus Boston hatte in ihrer Heimat eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert, ein paar Jahre in dem Beruf gearbeitet und war das erste Mal nach Europa gereist. Rolf Rackles, fünf Jahre älter als Cynthia und promovierter Betriebswirt, hielt sich beruflich in der bayerischen Landeshauptstadt auf. Bei ihm war es Liebe auf den ersten Blick. Und auch bei Cynthia Lawson kann es nicht lange gedauert haben, bis ihr klar wurde, dass dieser Deutsche eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen sollte. Nur ein Jahr nach dem Kennenlernen gaben sie sich am 29. August 1963 in Frankfurt das Jawort.  


Bei ihm war es Liebe auf den ersten Blick


Rolf Rackles nahm eine Stelle bei einem großen Unternehmen in Ludwigshafen an. Das Ehepaar zog zunächst in die Nähe von Heidelberg; Mark, Melanie und, mit etwas Abstand, Jennifer kamen auf die Welt. Bald darauf kaufte es ein Haus in der Stadt am Neckar.  

Gegensätze ziehen sich an, besagt eine Redensart, und auf Cynthia und Rolf Rackles traf das zu. Cynthia trat allem und jedem aufgeschlossen gegenüber, war an ihren Mitmenschen interessiert und kam mithilfe ihrer amerikanischen Art leicht mit ihnen ins Gespräch. Out­going nennt man das in ihrer Muttersprache. Rolf Rackles war introvertierter, harmoniebedürftiger, überließ seiner Frau gerne die Rolle als Tonangeberin. Eine Kombination, die sich gut ergänzte. Auf der einen Seite der Ruhepol, strukturiert und organisiert. Auf der anderen Seite die Sprühende, die Abwechslung liebt. „Meine Mutter hat seine Stabilität sehr geschätzt, und mein Vater hat es sehr geschätzt, dass sie Lebendigkeit in sein Leben brachte“, sagt Jennifer.  

Gemein hatten beide den Sinn für Genuss, für guten Wein, für gutes Essen. Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, gingen sie regelmäßig auf Kulturreisen, besuchten kulturelle Veranstaltungen. Die Initiative ging in aller Regel von Cynthia Rackles aus. Ihr Sohn sagt, die Mutter sei „nicht übergriffig dominant gewesen“, aber über die Jahrzehnte habe sich eine klare Rollenverteilung eingeschlichen.  

Eine andere, und zwar die klassische Rollenverteilung der Siebzigerjahre – der Familienvater bringt das Geld nach Hause, die Mutter erzieht die Kinder und kümmert sich um den Haushalt – lebte das Ehepaar Rackles hingegen auch. Den Vater nahmen die Kinder vor allem am Wochenende wahr, die Mutter war die Erzieherin.  


Das Verhältnis innerhalb der Familie war eng

Den Eltern war es wichtig, mit den Kindern zu verreisen. Häufig ging es nach Italien und Frankreich, dorthin, wo es sonnig und schön war. Alle paar Jahre flogen sie auch in die amerikanische Heimat der Mutter, in der Verwandte lebten. Das Verhältnis innerhalb der Familie war eng. Die Kinder, die immer gut mitein­ander klarkamen, schätzten die Eltern, die sich mit allem, was sie hatten, um sie kümmerten. Mark und Jennifer studierten Betriebswirtschaft, Mark zudem Politikwissenschaft, Melanie Slawistik. Sie bewährten sich in ihren Jobs. Und sie fanden Partner. Alle drei sind verheiratet, Mark hat zwei Töchter und einen Sohn, Melanie einen Sohn.

Die Geschwister berichten, Humor sei stets ein wichtiges Thema in der Familie gewesen, auch zwischen den Eltern. Ein leicht sarkastischer Grundtenor habe die Kommunikation geprägt, außerhalb der Familie sei dieser spezifische Humor nicht immer gut angekommen. „Aber für die interne Kommunikation ist der wahnsinnig wichtig gewesen, hat vieles entkrampft, hat uns verbunden“, sagt Mark Rackles.


Nächstes Kapitel:

Reden über das Lebensende



Reden über das Lebensende

Zu diesem speziellen Familienton gehörte auch, dass das Reden über den Tod, über das Sterben nie ein Tabu war. Als der Sohn in den Achtzigerjahren seinen Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz ableistete und zu Hause von pflegebedürftigen, schwerkranken Menschen berichtete, sprachen sie viel mitein­ander darüber, was sie unter würdigem Sterben verstehen. Mark Rackles sagt: „Was ich damals gesehen habe – Menschen, die von Krebs zerfressen werden, Menschen, die körperlich fit sind, aber geistig verfallen – hat mir früh klargemacht, dass ich für mich selbst ein anderes, selbstbestimmtes Lebensende wählen möchte.“  

Diese Einstellung wurde von den Eltern geteilt. Sie äußerten schon im mittleren Lebensalter, aus einer Situation körperlicher Gesundheit heraus, den Moment nicht verpassen zu wollen, zu dem sie noch selbstbestimmt entscheiden könnten. Cynthia Rackles hatte, wohl auch wegen ihres Berufs als Krankenschwester, klare Bilder vor Augen, wie ein Leben im Alter aussehen kann. Bei ihrer Schwiegermutter hatte sie zudem hautnah verfolgen können, wie deren Geist durch einen Schlaganfall ausgelöscht worden war, während die Organe die Körperfunktionen aufrechterhielten. Das wollte sie sich selbst, ihrem Mann und den Kindern nicht antun. Melanie Vogt sagt: „Unsere Eltern haben immer viele Dinge anders gemacht als andere, sie hatten sehr klare Ansichten. Sie wollten auf keinen Fall in ein Pflegeheim. Und sie konnten sich auch nicht vorstellen, dass jemand zu ihnen in die Wohnung kommt.“  

Hier zeigt sich: Sosehr sich Menschen darin unterscheiden, wie sie Schmerzen wahrnehmen und diese aushalten können, so unterschiedlich ist auch ihre Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Ute Lewitzka, Psychiaterin an der Uniklinik Dresden und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention, glaubt, dass die Deutschen diese Fähigkeit ein Stück weit verlernt haben. „Dass die Lebensspanne auch beinhaltet, alt zu werden, mit allem, was dazugehört, passt in unsere Optimierungsgesellschaft einfach nicht rein“, sagt sie. Es sei nun mal so: Nicht nur das frühkindliche Stadium, auch das Alter mache abhängig von anderen Menschen. Alte Leute empfänden dadurch einen Kontrollverlust, hätten Angst, nicht mehr ihr eigener Herr zu sein, anderen zur Last zu fallen. „Aber es kann doch nicht der Weg sein, ihnen ein Suizidmittel zu verordnen.“ Stattdessen müssten Perspektiven eröffnet und mehr gesellschaftliche Verantwortung übernommen werden. „Alt werden in Würde“ und „Sterben in Würde“ dürften nicht nur Begriffe sein, sondern müssten ausgestaltet werden: „Wie gelingt Altern und Sterben in Würde? Sicherlich nicht in einem Heim mit Versorgungslücken, sicherlich nicht, wenn ich nicht überall palliativmedizinische Einrichtungen habe“, so die Psychiaterin.  

Der Satz „Wenn es so weit ist, gehen wir in die Schweiz“ wurde ein running gag in der Familie Rackles und bei jeder passenden Gelegenheit (und noch mehr unpassenden) geäußert. Die Geschwister sind sich einig, dass er auch damals nicht nur so dahingesagt war von den Eltern – jedoch aus einer gewissen Unbedarftheit heraus formuliert. Als sich Mark Rackles vor vielen Jahren konkret mit der Schweiz beschäftigte, stellte er schnell fest, dass es so einfach nicht sein würde. „Es kostet viel Geld, und man muss Schmerzpatient sein.“  

Viele Jahre – gute Jahre – gingen ins Land. Ab 2016 machte sich das ansteigende Lebensalter zunächst bei Rolf Rackles, dann auch bei Cynthia immer stärker bemerkbar. Am Tag seines 85. Geburtstags erlitt Rolf Rackles eine Blutung zwischen Hirnhaut und Gehirn und musste notoperiert werden. Bald darauf verschlechterte sich sein Sehvermögen massiv. Ab diesem Zeitpunkt, erzählen die Kinder, wurde die Debatte über das selbstbestimmte Sterben im Hause Rackles konkreter.  

Weder Cynthia noch Rolf Rackles litten an einer lebensbedrohlichen Krankheit. Diverse Leiden und Beeinträchtigungen schränkten ihren Bewegungsradius jedoch immer stärker ein. Cynthia Rackles wirkte zwar stabiler als ihr Ehemann, hatte jedoch seit dem Jahr 2019 eine Gürtelrose, auch Zoster genannt, die ihr solche Schmerzen bereitete, dass sie opiatpflichtig wurde. In Folge der Medikamenteneinnahme litt sie unter starkem Schwindel, war unsicher beim Gehen, stürzte einige Male. In der Wohnung brauchten beide einen Stock; draußen einen Rollator.  

Allein gingen sie kaum noch vor die Tür. Rolf Rackles saß den Großteil des Tages auf dem Sofa vor dem Fernsehprogramm, dem er nur noch lauschen konnte. Melanie Vogt sagt: „Früher kannten wir unseren Vater auf seiner Chaiselongue, die Zeitung lesend, unterstreichend, Artikel rausschneidend.“ Jennifer Safy ergänzt, der Vater habe gerne am Computer gearbeitet. Seitdem das durch das schwindende Augenlicht nicht mehr ging, habe er seine Frau sehr in Beschlag genommen. Safy sagt: „Mein Vater war nicht der Typ, der sich selbst ein Hörbuch genommen hätte, sondern er ging zu meiner Mutter und sagte: Was machen wir jetzt? Dadurch war sie immer wieder in der Situation, sich um ihn kümmern zu müssen, und hatte immer weniger Zeit für sich selbst.“ Auch Melanie Vogt sagt: „Mutti wurde die Versorgerin für Papa.“ Das sei eine große, auch psychische Belastung für sie gewesen. Der Vater sei zugleich immer schweigsamer geworden. „Meine Mutter hatte dadurch unter der Woche kaum noch Gesprächsimpulse.“  


Wenn, dann gehen wir zusammen

Nachdem die Eltern nach längerer Planung einen Umzug nach Berlin zur Familie des Sohns ablehnten, beschlossen die drei Geschwister vor etwa fünf Jahren, sich bei den Eltern abzuwechseln. Entweder setzte sich Freitagvormittag Mark in Berlin in den Zug Richtung Heidelberg oder Melanie in München oder Jennifer in Frankfurt. Bis Sonntagmittag verbrachten sie das Wochenende bei den Eltern, redeten viel, erzählten von den Enkeln, sahen gemeinsam fern und drehten mit dem Vater eine Runde durchs Viertel, um der Mutter eine Auszeit zu gönnen: zum kleinen Laden, in dem ein Kaffee getrunken, die Zeitung gekauft und Lotto gespielt wurde. Dann weiter in die Grünanlage, in der die Stadtbücherei liegt, ein Spielplatz und ein Bouleplatz. Zusätzlich dazu riefen die beiden Töchter jeden Tag bei den Eltern an: Jennifer um zwölf, Melanie um viertel vor acht abends. „Wir haben gemerkt, unsere Mutter braucht diesen Austausch“, sagt Jennifer.  

Viel mehr Zuwendung geht kaum. Cynthia und Rolf Rackles zählten nicht zu den vereinsamten Alten, für die sich unsere Leistungsgesellschaft nicht mehr interessiert. Aber die gibt es. Eine im Februar im „Journal of Ethics in Mental Health“ publizierte Studie dokumentiert für die Niederlande, Belgien und Luxemburg, wo 2001 beziehungsweise 2009 der assistierte Suizid, aber auch die Tötung auf Verlangen eingeführt wurden, einen Anstieg der Gesamt-Suizid­rate im Vergleich zu den Nachbarländern mit restriktiveren Gesetzen. Insbesondere ältere Frauen scheinen aufgrund der Selbsttötungsangebote gefährdeter, sich frühzeitig das Leben zu nehmen. Sie überleben häufiger ihre Partner, leben länger allein und leiden unter Einsamkeit oder der Sorge, anderen zur Last zu fallen. Außerdem sind Frauen häufiger von Altersarmut und Depression betroffen. Auch in der Schweiz verdreifachte sich zwischen 2010 und 2018 die Zahl der assistierten Suizide, während im Gegenzug die sogenannten „harten Suizide“ nicht zurückgingen. In allen vier erwähnten Ländern hatten Befürworter der Legalisierung das Argument ins Feld geführt, die Möglichkeit des assistierten Suizids werde harte Suizide verhindern.  

Trotz der Anteilnahme und Verfügbarkeit, die ihre Kinder zeigten, wollten Cynthia und Rolf Rackles nicht am Leben bleiben. Cynthia litt immer mehr unter den Schmerzen der Zostererkrankung. Melanie Vogt sagt: „Ich musste sie nur angucken und wusste, wie es ihr geht, ich wusste am Telefon, ob es ein guter oder ein schlechter Tag gewesen war. Und am Ende waren es einfach zu viele schlechte Tage.“ Das lag auch daran, dass auch bei Cynthia Rackles das Sehvermögen abnahm. Sie, die unglaublich gerne gelesen hatte – Jennifer benutzt das Wort „Lebenselixier“, wenn sie davon erzählt, wie die Mutter in Bücher und damit in andere Welten abtauchte –, hatte eine Makuladegeneration, bekam über einen längeren Zeitraum ein Medikament in die Augen gespritzt, das den Sehkraftverlust verlangsamen sollte. Als sich herausstellte, dass diese sehr unangenehme Behandlung nichts brachte, kam Cynthia Ende des Jahres 2019 an den Punkt, an dem sie keinen Sinn mehr sah in ihrem Weiterleben. Sie fuhr ihre noch vorhandenen sozialen Kontakte fast komplett herunter, beendete zum Beispiel ihre langjährige Teilnahme an einer Bridge-Runde. Mark Rackles sagt: „Da fingen die Gespräche an, ernster zu werden, im Sinne von: Wir möchten tatsächlich gehen.“ Und Melanie Vogt berichtet, die Mutter habe gesagt: „Life was a party, but the party is over. I am ready to go.“  

Aber wie kam es, dass Rolf und Cyn­thia Rackles so entschlossen waren, dies gemeinsam zu tun? Die meisten betagten Ehepaare, die 50, 60 manchmal 70 Jahre verheiratet sind und die auf die Frage, ob sie sich ein Leben ohne den Partner vorstellen können, spontan mit Nein antworten, verfolgen trotzdem nicht den Plan, ihr Leben gemeinschaftlich zu beenden.  

Die Rackles-Kinder sagen, ihre Eltern seien noch im hohen Alter nicht nur ein eingespieltes Team, sondern ein Liebespaar gewesen. Sie hätten die Entscheidung als Konsequenz ihrer Liebesbeziehung und ihrer Ehe gesehen: wenn, dann gehen wir zusammen. „Aber was es wirklich bedeutet, aus unterschiedlichen Lebenssituationen heraus zum selben Zeitpunkt zu dem Schluss zu kommen, jetzt ist es so weit – ob ihnen das so klar war, weiß ich nicht“, sagt der Sohn. Und seine zwei Jahre jüngere Schwester Melanie glaubt: Wäre die Mutter natürlich gestorben, hätte der Vater keinen Suizid begangen. „Aber weil sie sich so nahe waren, wollte er nicht allein zurückbleiben, wenn sie diesen Weg wählt.“


Nächstes Kapitel:

Der lange Weg



Der lange Weg

Ende Februar 2020 verkündete das Bundesverfassungsgericht ein Urteil, das auch von Cynthia und Rolf Rackles in Heidelberg aufmerksam wahrgenommen wurde. Diverse Einzelpersonen und Organisationen hatten gegen das seit 2015 geltende Gesetz zur Sterbehilfe geklagt. Es verbot die „geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“, was vornehmlich gegen die Aktivität von Sterbehilfevereinen gedacht war. Allerdings gerieten mit dem Gesetz auch Ärzte, die ein paar Mal im Jahr Menschen in den Tod begleiten, in eine rechtliche Grauzone. Infrage stand, ob ihr Verhalten durch eine, wenn auch seltene Wiederholung als geschäftsmäßig eingeordnet werden könnte. Zwischen 2015 und bis zum Urteilsspruch des Bundesverfassungsgerichts im Februar 2020 gab es daher kaum eine Option für Menschen, die sich eine Suizidbegleitung wünschten. Die Karlsruher Richter kippten das Gesetz mit der Begründung, das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasse ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Dieses Recht schließe die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen. Die Richter forderten die Politik auf, diesen Grundsatz in der gesetzlichen Neuregelung zu berücksichtigen.  

Nach dem Urteilsspruch nahmen Sterbehilfevereine und auch die wenigen Ärzte, die Menschen beim geplanten Suizid begleiten, ihre Tätigkeit rasch wieder auf. Unter welchen Rahmenbedingungen sie das zukünftig tun können, ist noch nicht geklärt. Zurzeit liegen drei Gesetzesentwürfe vor. Zwei Entwürfe sehen eine eher liberale Regelung vor, der dritte betont vorrangig Suizidprävention und Lebensschutz. Assistierte Sterbehilfe bliebe nach ihm mit wenigen Ausnahmen grundsätzlich strafbar. Alle Entwürfe haben gemein, dass sie Menschen davor schützen wollen, zum Suizid gedrängt zu werden. Wann es zu einer Abstimmung im Bundestag kommen wird, ist noch nicht abzusehen.  


Das Karlsruher Urteil sehen sie als Chance

Hatten Cynthia und Rolf Rackles bis Anfang des Jahres 2020 noch gedacht, sie müssten ohne Unterstützung aus dem Leben scheiden, sahen sie durch den Urteilsspruch eine Möglichkeit, zu Hause, in ihren eigenen vier Wänden vermeintlich sicher zu sterben. Zuvor war es zu von den Kindern als absurd wahrgenommenen Gesprächen gekommen. Mark Rackles sagt: „Man sitzt bei Wein und Crackern, und sie sagen einem: Wir haben überlegt, Erhängen schaffen wir nicht, Erstechen auch nicht. Wir könnten uns Steine an den Körper binden und in den Neckar springen.“ Er und seine Schwestern hätten immer häufiger gemerkt, dass die Eltern untereinander über alle möglichen Todes- und Sterbeformen sprachen. „Es begann, skurril zu werden. Da haben wir uns gefragt: Gibt es würdige und seriöse Angebote, die eine Prüfung beinhalten, ob das mehr als eine Altersdepression ist?“  

Über persönliche Beziehungen nahm Mark Rackles Kontakt zu dem Berliner Arzt Michael de Ridder auf, der Suizidbegehren unter engen Richtlinien begleitet. De Ridder war einer der Kläger vor dem Bundesverfassungsgericht. Im Juni 2020 traf das Ehepaar Rackles, begleitet von Mark und Melanie, in einem Berliner Hotel auf Michael de Ridder. Ziel dieses Treffens war es, eine sachkundige Einschätzung zu erhalten, ob Rolf und Cynthia Rackles die „Kriterien“ für einen assistierten Doppelsuizid erfüllten. Mark Rackles erinnert sich, bei den Eltern im Angesicht einer greifbaren Todesperspektive einen nicht mehr bekannten Lebenswillen wahrgenommen zu haben. „Man merkte, sie lebten auf, weil sie wussten, es könnte dazu führen, dass sie ‚befreit‘ werden.“  

Zu Beginn eines Telefonats im März 2022, für das sich Michael de Ridder die Unterlagen vom Sommer 2020 herausgesucht hat, ist es ihm wichtig, festzustellen, dass die zentrale Gruppe, bei der er eine Sterbebegleitung in Erwägung zieht, Personen sind, die den Tod mehr oder weniger unmittelbar vor Augen haben. Das trifft vor allem auf körperlich schwersterkrankte Menschen in Akutsituationen zu, wie Krebspatienten mit einem metastasierenden Tumor oder ALS-Kranke, die kurz vor der Beatmung stehen und sich diese Abhängigkeit nicht vorstellen können. „Unerträglichkeitssuizid nennt man das, und das sind die Fälle, um die ich mich primär kümmere.“  

Die zweite Gruppe, zu der auch das Ehepaar Rackles zählt, habe einen „Präventivsuizidwunsch“. De Ridder meint damit: Aus medizinischer Sicht ist die Unerträglichkeit der Situation bei diesen Patienten noch nicht erreicht. Mit solchen Präventivsuiziden tue er sich „sehr, sehr schwer“. Er habe in solchen Situationen zwar schon geholfen und könne den Wunsch teilweise auch nachvollziehen, aber es sei die Ausnahme, dass er sich solcher Fälle annehme.  

Der Internist und Palliativmediziner bestätigt die Erkrankungen, von denen die Kinder berichtet haben: Beide Ehepartner litten unter einer Makuladegeneration. Beide hatten kardiale Probleme, Cynthia Rackles’ Gürtelrose verursachte ihr enorme Schmerzen. Es habe weitere altersbedingte Erkrankungen gegeben – „Multimorbidität“ nennt das der Mediziner –, jedoch keine unmittelbar lebensbedrohliche. „Für beide galt, dass ihr Leiden nicht in dem Sinne akut war, dass das Lebensende absehbar gewesen wäre. Das hat mir zu denken gegeben.“ Ob alle palliativmedizinischen Optionen ausgeschöpft worden seien, habe er sich gefragt. Speziell bei Cynthia Rackles erschien ihm das nicht der Fall, bei diesem ersten Treffen vertiefte er das Thema jedoch nicht. Darauf angesprochen, sagt Mark Rackles, die Mutter habe die Gürtelrose nicht richtig behandeln lassen. „Das war auch meine Mutter: Sie konnte störrisch sein.“ Zu einem Psychiater zu gehen, um sich auf eine Depression untersuchen zu lassen, hatte sie ebenfalls abgelehnt.  

Michael de Ridder stellte im Gespräch mit Cynthia Rackles eine ausgeprägte „Leidensmüdigkeit“ fest. Sohn Mark signalisierte er damals, sich nach Folgegesprächen vorstellen zu können, für sie unterstützend tätig zu werden. Im Gespräch mit Rolf Rackles konnte der Arzt jedoch „keinen klar formulierten Suizidwunsch“ erkennen. Rackles sei zum damaligen Zeitpunkt zwar der Auffassung gewesen, es gehe ihm nicht gut, aber dass er weiterleben wolle. „Für mich lag ein klar erkennbares Ungleichgewicht vor. Frau Rackles erschien mir als die treibende Kraft, die Druck auf ihren Mann ausübte.“ In seiner Wahrnehmung habe ein Dissens bestanden, der das klare Signal einer offenen Situation sendete. „Das Kriterium einer wohlerwogenen Entscheidung war in dieser Situation bei Herrn Rackles nicht erfüllt. Dann kann ich eine Suizidbeihilfe nicht verantworten.“ Damit sei das Gespräch für ihn beendet gewesen.  


Eine gute Pause für alle. Nur Cynthia geht es schlechter

Mark Rackles erzählt, dass der Vater ihnen danach berichtet habe, auf die konkrete Frage „Herr Rackles, wenn Sie die Gedanken an Ihre Frau beiseitelegen, würden Sie weiterleben wollen?“ geantwortet zu haben: Ja, gäbe es seine Frau nicht, würde er weiterleben wollen. Als der Arzt daraufhin das Gespräch abbrach, habe sich der Vater furchtbar geschämt, versucht, ihn im Hotel noch aufzufinden, klarzumachen, dass das ein Fehler gewesen sei, er doch nur intuitiv geantwortet hätte. Rackles erzählt, in seinem Beisein hätte die Mutter ihren Mann vorher explizit aufgefordert: Sag, was du denkst. Das ärztliche Urteil habe dann jedoch trotzdem zu einer Auseinandersetzung der Eltern untereinander geführt. „Meine Mutter konnte das überhaupt nicht verstehen.“  

Für alle anderen in der Familie sei diese zwischenzeitliche Pause aber gut gewesen. „Mutter war vielleicht so weit, wir waren noch nicht so weit.“ Schwester Melanie Vogt berichtet sogar, nach Berlin habe die Mutter gesagt, sie werde es akzeptieren, warten zu müssen, „bis es natürlich passiert. Jenny und ich waren so erleichtert. Das war wie ein Damo­klesschwert, das weg war. Gott sei Dank, geht dieser Kelch an uns vorbei, dachten wir.“  

Doch Cynthia Rackles ging es in den Folgewochen physisch und psychisch schlechter. Wenige Wochen nach der Begegnung in Berlin stellte sie das Dogma, es nur zu zweit zu machen, infrage. Ihrem Mann warf sie vor, er habe seine Chance gehabt. Für sie sei das Leben nicht mehr erträglich, er könne bleiben, sie werde notfalls auch allein gehen. Der Konflikt führte dazu, dass die Eltern untereinander, aber auch in Gesprächen mit einem Kind, mit zweien oder allen dreien immer wieder abklopften: Was heißt das jetzt genau? Ist das eine Erpressung? Drängt sie ihn in den Tod, obwohl er eigentlich gerne weiterleben würde? Jennifer Safy sagt, ihre „Erkenntnis aus Berlin“ sei gewesen, absolut sicherzustellen, „dass mein Vater nicht in einen Sog mitgezogen wird und er denkt, dass er Cindy einen Gefallen tun muss. In den Momenten, in denen wir allein waren, habe ich oft mit ihm darüber gesprochen. Auch um zu hören, ob das morgens vielleicht der eine Tenor ist und abends ein anderer.“ Auch die beiden älteren Geschwister erzählen, sie hätten den Vater in Einzelgesprächen immer wieder befragt. Er habe konsistent gesagt, er wolle nicht mehr leben, einmal auch, das Leben sei eine Qual.  

Im Herbst 2020 brachte Mark Rackles den Stein auf Wunsch der Eltern wieder ins Rollen. Er kontaktierte den „Verein Sterbehilfe“, dessen deutsche Niederlassung in Hamburg ist. Der Verein stammt aus der Schweiz. Das Ehepaar Rackles forderte Mitgliedsunterlagen an, zahlte mehrere Tausend Euro Gebühr pro Person. Dann teilten sie dem Vereinsvorstand mit, sterbewillig zu sein. Zwei Mitarbeiter des Vereins, einer aus Deutschland, einer aus der Schweiz, kamen zu einem ersten Gespräch. Sie begutachteten die Situation: Sind die neuen Mitglieder überhaupt geschäftsfähig? Was ist der Hintergrund des Sterbewunsches? Gibt es Angehörige? Wie stehen sie zu dem Wunsch? Fördern sie ihn vielleicht sogar? Die Mitarbeiter kamen zu dem Schluss, es handele sich um eine seriöse Entscheidung in einem stimmigen Umfeld. Daraufhin wurde ein ärztliches Gutachten in Auftrag gegeben. Sohn Mark fuhr im März 2021 mit den Eltern in die Nähe von Koblenz. Eine Ärztin führte unabhängig voneinander Gespräche, erfragte, warum Cynthia und Rolf sterben wollten. Sie mussten zudem Fragebogen ausfüllen (und amüsierten sich über die Fragen zu sexuellen Präferenzen). Dieses Gutachten ging an den Vorstand des Vereins.  

Ein zweites ärztliches Gutachten wurde angefordert, ein eher untypischer Vorgang. Der zweite Arzt kam aus Bonn zum Ehepaar Rackles nach Heidelberg. Bei diesem Besuch waren die beiden Töchter zugegen. Er stellte ergänzende Fragen. Dann dauerte es etwa einen Monat, bis Mitte Mai die Nachricht kam: Beide Gutachten gaben grünes Licht für den Doppelsuizid. Die Kriterien dafür sind den Geschwistern nicht bekannt.  

Mit diesem grünen Licht signalisiert der Sterbehilfeverein seine grundsätzliche Bereitschaft, beim Suizid zu assistieren. Die Sterbewilligen bestimmen selbst, ob, wann und in welchem Umfeld er stattfindet. Cynthia Rackles wollte diese Entscheidung schnell treffen. Doch es gab familiäre Belange, die ihre Kinder bei der Terminfindung berücksichtigt haben wollten. So war ein Enkelkind für einen längeren Aufenthalt im Ausland, das die Großeltern noch einmal sehen sollte – ohne von den Todesplänen zu wissen. Ein anderes Enkelkind absolvierte gerade sein Abitur. Ein Hochzeitstag stand vor der Tür, der all die kommenden Jahre nicht unter dem Schatten eines kurz zuvor begangenen Suizids stehen sollte. Cynthia und Rolf Rackles folgten der Bitte, ihre Pläne nicht direkt in die Tat umzusetzen.  

Am 25. Mai 2021 wurde der 90. Geburtstag von Rolf Rackles gefeiert. Bis auf die eine Enkeltochter kam die ganze Familie zusammen. Sohn Mark nennt es „eine komische Erfahrung, einen Geburtstag zu feiern in sicherer Gewissheit, dass es der letzte sein wird. Aber die Eltern waren relativ gelöst, haben es auch genossen.“ Im Juni wurde der Termin festgelegt: Montag, 5. Juli. Das gab der Enkelin im Ausland die Gelegenheit, bei ihrer Rückkehr Ende Juni über Heidelberg nach Berlin zu fahren und die Großeltern noch einmal zu sehen. Vater Mark begrüßte die Tochter danach abends zu Hause. Am nächsten Tag, einem Samstag, fuhr er nach Heidelberg. Alle drei Kinder verbrachten das Wochenende mit den Eltern. Dann kam der Montag.


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Der Todestag



Der Todestag

Wenn die drei Geschwister vom 5. Juli 2021 erzählen – unabhängig voneinander –, verwenden sie alle drei die gleichen zwei Worte, und das immer wieder: skurril und absurd.  

Melanie Vogt sagt: „Der Tag war absurd. Es war ein ganz normaler Montag, der mit dem Frühstück angefangen hat. Danach habe ich mit Papa den täglichen Spaziergang gemacht, unsere Runde beim Zeitungsmann, wo wir auch Lotto gespielt haben, an diesem Morgen für alle. Alles war wie immer. Als wir gegangen sind, habe ich gedacht: Heute war er das letzte Mal hier.“ Sie erinnert sich auch an den Anruf eines Freundes. Er fragte, wie es ihr gehe. Und sie habe geantwortet, heute sei der Todestag ihrer Eltern. „Das ist ein Moment, der sich mir eingebrannt hat: Dass ich auf dem Sofa saß und gesagt habe: Heute ist der Suizid. Total absurd.“ 


Beim Frühstück wissen: Abends sind die Eltern tot

Jennifer spricht von einem „absolut skurrilen Tag. Morgens zu frühstücken und zu wissen, abends sind deine Eltern tot – das war ganz merkwürdig. Wir haben versucht, mithilfe von Humor einigermaßen damit zurechtzukommen.“ Keiner habe gewusst, was er tun solle. Sie habe angefangen zu putzen, um sich zu beschäftigen, dann habe man gespielt, vielleicht deshalb: „Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern.“  

Mark sagt: „Ich hatte die alte Standuhr vor mir und wusste, um 14 Uhr klingelt es. Um 13.30 Uhr spielten wir noch Rummikub, meine Mutter freute sich, dass sie ein Spiel gewann. Das Skurrilste waren die Minuten, bevor es geklingelt hat. Das hat sich eingebrannt bei mir. Ich sehe diese Uhr vor mir, und wir spielen vor uns hin. Mein Vater hat Fernsehen geguckt, er konnte das Spiel nicht spielen. Das erschien mir wie eine Farce aufs eigene Leben. Der Tod naht, und wir bauen keine Bollwerke auf, sondern wir spielen. Das war absurd.“  

Ein assistierter, über viele Monate geplanter Doppelsuizid ist etwas anderes als ein harter Suizid, der von einem meist psychisch erkrankten Menschen begangen wird. Über diese Spontansuizide berichten Medien so gut wie nicht, um Nachahmungstaten zu verhindern. Für assistierte Suizide gibt es keine klaren Regeln der Berichterstattung, trotzdem wird auch hier empfohlen, zurückhaltend zu kommunizieren, keine Details zu nennen. Daran wollen wir uns halten. Was die Sterbehelfer genau taten, welche Medikamente sie vorbereiteten, wie der Tod des Ehepaars Rackles physiologisch ablief, beschreiben wir nicht.  

Um 14 Uhr am 5. Juli 2021 klingelten zwei Männer. Cynthia und Rolf Rackles wurden gefragt, ob es ihr freier Wille sei, ihr Leben heute zu beenden. Nachdem sie bejaht und diverse Papiere unterschrieben hatten, nahmen sie ein erstes Getränk zu sich. Die Sterbebegleiter verschwanden länger in der Küche.  

Mark und Jennifer hatten zuvor beschlossen, beim Tod der Eltern nicht anwesend sein zu wollen. Melanie hatte es sich offengehalten, wusste nicht, ob sie an dem Tag stark genug sein würde, konnte sich aber nicht vorstellen, sich vorher von den Eltern zu verabschieden. Für ihre Geschwister war es wiederum unvorstellbar, mitanzusehen, wie die Eltern sterben. Mark Rackles berichtet, der Abschied sei intensiv gewesen. „Man hat das Gefühl, man muss sich noch ganz viele tiefsinnige Sachen sagen, aber dann bleibt es bei: Ich liebe dich. Es war sehr unbeholfen. Letztlich zählten nur noch die Berührung und die Tränen.“  

Melanie Vogt begleitete die Eltern in ihr Schlafzimmer. Mittlerweile war auch eine Freundin eingetroffen, eine der wenigen Personen, zu denen Cynthia Rackles in ihren letzten Lebensmonaten noch direkten Kontakt und die sie in den Plan eingeweiht hatte. Als Krankenschwester brachte die Frau Wissen über das Sterben mit und hatte von sich aus die Begleitung in den letzten Stunden angeboten. Cynthia Rackles hatte sich wohlgefühlt bei dem Gedanken, diese Freundin an ihrer und der Seite ihres Mannes zu wissen, wenn es so weit wäre.  


Sie sagten einander: Let's do it

Cynthia und Rolf Rackles setzten sich auf ihr Ehebett, küssten sich ein letztes Mal, sagten einander: Let’s do it. Danach nahmen sie hintereinander ein Betäubungsmittel und das tödliche Mittel ein. Innerhalb von ein paar Minuten schliefen beide nebeneinander auf dem Bett ein. Ihre Tochter war überrascht davon, dass das so schnell ging. „Das hätte ich gerne gewusst, um mich darauf einstellen zu können“, sagt Melanie Vogt.  

Da sie vor Ort war, verließen die beiden Sterbehelfer etwa eine halbe Stunde nach Gabe des Schlafmittels die Wohnung, hinterließen für den Notfall eine Telefonnummer. Melanie Vogt setzte sich noch mal zu ihrem Vater, dann auf einen Stuhl neben die Vertraute der Mutter. „Es kam Wind, dann Regen, und wir haben einfach geredet, während die Eltern geschlafen haben.“ Etwa eine Dreiviertelstunde später setzte bei Cyn­thia Rackles die Atmung aus. Bei Rolf Rackles dauerte das eine weitere Dreiviertelstunde. Melanie Vogt sagt: „Das war ein Sterben, wie es sich meine Eltern gewünscht haben: gemeinsam Hand in Hand einzuschlafen, ohne Schmerzen, harmonisch. Das war eine Erlösung.“  

Sie saßen noch eine halbe Stunde bei dem toten Ehepaar. Vogt ging dann los, um ihre Geschwister in einem nahe gelegenen Hotel über den Tod zu informieren. Die Freundin blieb in der Wohnung, bis alle drei zurückkehrten.


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Danach



Danach

Man merkt den Geschwistern mehr als ein halbes Jahr nach dem 5. Juli 2021 noch immer an, wie wenig sie auf das vorbereitet waren, was sich dann abspielte, nachdem Mark Rackles die Notrufnummer 110 gewählt hatte. Aber auch die herbeigeeilten Rettungskräfte waren es nicht. Einer nach dem anderen sei geschockt aus dem Schlafzimmer herausgekommen, einige hätten auf der Terrasse durchatmen müssen. Einer habe gesagt: Einen Doppelsuizid wie den hier hatten wir noch nie.  

Von dem Zeitpunkt an, als zwei Beamte der Kriminalpolizei eintrafen, wurde das Schlafzimmer mitsamt der Eltern zum Tatort deklariert. Die Kripobeamten gingen behutsam mit den drei Hinterbliebenen um. Sie studierten die Einverständniserklärung, die Rolf und Cyn­thia Rackles unterschrieben hatten und die besagte, dass sie freiwillig aus dem Leben geschieden waren. Sie befragten die hinterbliebenen Kinder zum Ablauf. Melanie Vogt bremste sich irgendwann in ihrer Detailtreue; Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland ein heikles Thema. 

Gar nicht behutsam verhielt sich ein Arzt, der von der Kripo gerufen worden war, um die Verstorbenen zu untersuchen. Er äußerte vehement sein Unverständnis für die Suizidentscheidung. Bei den drei Geschwistern kam das in dieser Ausnahmesituation nicht gut an. Sie empfanden es als unsensibel, dass sich der Arzt nicht allein der Aufgabe widmete, die Todesursache festzustellen, sondern den Wunsch der Eltern und ihre Entscheidung, diesen Wunsch zu unterstützen, kommentierte. Gegen 21 Uhr wurde die Wohnung mit einem Siegel verschlossen.  


„Wir haben sehr, sehr viel geweint“

An einem Montag im Februar 2022 sitzen die drei Geschwister rund um den Wohnzimmertisch in ebendieser Heidelberger Wohnung. Die jüngste Tochter, Jennifer Safy, lebt heute hier. Die Wohnung zu verkaufen, davon hatte Rolf Rackles seinen Kindern abgeraten. Aber zieht man einfach so in die Wohnung seiner verstorbenen Eltern? Nach einem Probewohnen entschieden sich Safy und ihr Mann dafür. Sie strichen die Wände, richteten die Zimmer neu ein. „Ich empfinde sie schon jetzt nicht mehr als reine Wohnung meiner Eltern. Gleichzeitig denke ich hier ganz viel an sie, was etwas Schönes, etwas Geborgenes hat“, sagt Safy. Die ganze Familie, auch die Kinder von Mark und Melanie freuen sich, dass die Heidelberger Adresse als vertraute Konstante weiter existiert.  

Gerade sind die drei Geschwister noch einmal Unterlagen der Eltern durchgegangen, haben Fotos sortiert; am Tag zuvor waren sie das erste Mal seit der Beisetzung alle gemeinsam auf dem Bergfriedhof, wo die Asche der Eltern in einem Reihenurnengrab bestattet ist, im Sommer umgeben von Lavendel und Rosen. Nach der Trauerfeier, noch auf dem Friedhof, kamen Menschen auf sie zu, die wissen wollten, wie assistierter Suizid funktioniert. Als Reaktion auf die Todesanzeige meldeten sich auch fremde Paare bei den Kindern und stellten dieselbe Frage.  

Alle drei sagen, die vergangene Zeit, speziell das letzte Jahr, habe sie einander noch näher gebracht. Sie hätten sich mit ihren Stärken und Schwächen ergänzt. Auch mit zeitlichem Abstand denken sie, dass der Suizid der richtige Weg für die Eltern war. Das Vorgehen des Sterbehilfevereins haben sie als professionell empfunden, sorgfältig, wertschätzend. Melanie Vogt spricht auch für die beiden anderen, wenn sie sagt: „Die Eltern fehlen. Ich vermisse die Gespräche, den Humor. Aber sie sind erlöst. Sie haben das, was sie wollten. Das war mir wichtig.“ Sie macht einen glaubhaften Eindruck, aber natürlich ließe sich einwenden, dass sich die Geschwister vielleicht auch bestätigen müssen, richtig gehandelt zu haben.  

Und tatsächlich merkt man ihnen noch immer eine starke Erschütterung an, eine Erschütterung, die möglicherweise weniger ausgeprägt wäre, wenn die Eltern auf andere Weise gestorben wären. Melanie Vogt sagt, ein Doppelsuizid wiege schwer. An einem Tag beide Elternteile zu verlieren sei hart. Sie sagt zudem: „Ich würde auch heute noch gerne jedes dritte Wochenende nach Heidelberg fahren, also lieber, als das mitzumachen, was passiert ist.“  

Besonders auffällig aber ist: Von der langen Zeit der Begleitung ihrer Eltern erzählen Mark Rackles, Melanie Vogt und Jennifer Safy sehr konsistent; die Zeit seit dem Verlust bewerten sie jedoch unterschiedlich. Der Sohn scheint stärker zu kämpfen zu haben als die beiden Töchter. Die Frauen sagen, ihr Trauerprozess haben spätestens in dem Moment begonnen, als vom Sterbehilfeverein grünes Licht kam. „Wir haben schon sehr, sehr viel geweint“, so Jennifer Safy. „Ab der Zusage im Mai habe ich eigentlich die ganze Zeit nur geweint, wenn ich bei meinen Eltern war.“ Häufig hätten Mutter und beide Töchter gemeinsam geweint; die Mutter habe dann meistens irgendwann gesagt: „Jetzt lasst uns aufhören und an was anderes denken.“ Der Bruder habe das so nicht durchgemacht, vielleicht auch, weil er in den letzten drei Monaten seltener vor Ort war und dadurch nicht ständig mit „letzten Malen“ konfrontiert. Safy sagt: „Ich glaube, mein Bruder hat solche Gedanken zu diesem Zeitpunkt nicht gehabt. Und es ist auch die andere Herangehensweise meines Bruders, die ihn etwas überrollt hat am Ende.“  


In dem Gefühl vereint: Es ist vorbei

Mark Rackles beschreibt, dass er nicht damit gerechnet habe, wie abrupt seine Rationalität von Emotionalität abgelöst worden sei. Er habe den Tod seiner Eltern vorbereitet wie eine Reise. Jetzt sei er „bass erstaunt von sich selbst“ und frage sich: Wie konntest du das eigentlich so kühl organisieren? „Im Nachhin­ein, emotional aufgebrochen durch den Verlust, passt diese Kühle des zweckrationalen Organisierens eines Todes überhaupt nicht zum Ereignis des Todes.“ Der gesamte Prozess habe sich so lang gezogen, dass eine Gewöhnung entstanden sei. „Irgendwann wurde es normal. Erst mit dem Tod habe ich gemerkt, dass es überhaupt nicht normal ist.“  

Zudem macht Rackles ein Gedanke zu schaffen, den er in dieser Massivität ebenfalls nicht erwartet hatte. Ihn beschäftigt die Frage, warum die Eltern nicht weiterleben wollten – trotz ihrer Kinder, trotz ihrer Enkel. Er erlebt, wie speziell seine älteste Tochter mit dem Verlust, aber auch mit der Geheimhaltung des Suizids ihr gegenüber zu kämpfen hat. Außerdem sagt er: „Als Kind empfinde ich einen Vertrauensbruch: Ihr habt uns ins Leben geworfen, ihr habt uns Stabilität gegeben – und jetzt geht ihr einfach. Sind wir nicht genug, dass ihr in dieser Welt bleibt?“ Natürlich hätten sie das noch zu Lebzeiten mit den Eltern thematisiert. Beide hätten gesagt: Wir lieben euch, aber es ist nicht mehr genug da, was einen Mehrwert erzeugt. Damit hadert der Sohn: In diesem „Das Leben ist es nicht mehr wert“ steckt für ihn die Botschaft, drei fürsorgliche Kinder und vier Enkel zu haben sei zwar schön, aber nicht lebenserfüllend. Es fällt ihm emotional nicht leicht, das zu schlucken.  

Psychiaterin Ute Lewitzka sagt, die Forschung wisse bislang wenig über die Auswirkungen eines begleiteten Suizids auf die Hinterbliebenen. Der belastende Einfluss sei nicht so gravierend wie bei einem harten Suizid, aber trotzdem anders als bei einer natürlichen Todesursache. Die Themen glichen sich. Es gehe um Schuld, konkret um Fragen wie: Warum konnten wir keinen Halt geben im Leben? Dass Angehörige mit sich haderten, ob sie etwas versäumt hätten, trete auch nach einem begleiteten Suizid auf, aber seltener, da es sich um eine vermeintlich bewusste und wohlüberlegte Entscheidung handele. Sie fordert, dass es für Suizid-Hinterbliebene zumindest in großen Städten spezielle Anlaufstellen geben sollte, „ohne dass die Leute gleich psychiatrisiert werden“. Eine spezielle Trauerbegleitung helfe vielen.  

Am ruhigsten wirkt Jennifer, die in der Phase des Abschieds von den Eltern so viel weinte und sich psychologische Hilfe suchte. Sie hatte sich zunächst über die Entscheidung der Geschwister gewundert, ihre teilweise schon recht erwachsenen Kinder nicht in die Pläne einzuweihen. Heute findet sie, dass das richtig war. Die vielen ups and downs, die unglaubliche Dominanz des Themas auf das tägliche Leben – das wolle man keinem Kind antun. Und trotzdem sagt sie: „Interessanterweise werfe ich meinen Eltern nicht vor, dass sie uns eingebunden haben. Ich bin sogar froh drum. Ich konnte sie unterstützen, begleiten und Abschied nehmen. Es hilft, wenn man Abschied nehmen kann.“  

Als schlimm empfand sie hingegen den Countdown, den sie durchlebte, seit sie den Todeszeitpunkt kannte: „Zu wissen, es sind noch vier Wochen, nur noch eine Woche, das durchzustehen ist schon heftig.“ Safy hätte sich zudem den Austausch mit Angehörigen, die eine vergleichbare Situation bereits hinter sich gebracht haben, gewünscht. „Es war so theoretisch. Auch wenn jede Familie unterschiedlich und jede Sterbehilfe anders ist, hätte es mir geholfen, jemanden zum Reden zu haben. Ich konnte es mir nicht vorstellen, wie sich das anfühlt.“  

Mark Rackles, Melanie Vogt und Jennifer Safy planen, am 5. Juli 2022 in Heidelberg zusammenzukommen. Sie werden sich daran erinnern, wie sie sich ein Jahr zuvor kurz nach dem Verlassen der Wohnung beim Spanier um die Ecke trafen, in einer milden Nacht Rosé tranken, Tapas aßen, auf die Eltern anstießen. Melanie Vogt sagt, es sei ein schöner, intensiver Moment gewesen, zu dritt, in dem Gefühl vereint: Es ist vorbei.

Haben Sie Suizidgedanken oder kennen Sie Menschen, die Suizidgedanken haben?

Bei der Telefonseelsorge ( telefonseelsorge.de) finden Sie Hilfe unter den beiden kostenlosen Hotline 0800/111 01 11 und 0800/111 02 22. Anlaufstellen können immer auch Ärzte und Kliniken sein. Holen Sie sich in jedem Fall Hilfe.

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