90. Geburtstag von Buzz Aldrin

Der Mond war der Gipfel seiner Welt

Von Sibylle Anderl
20.01.2020
, 06:09
Buzz Aldrin hatte als Astronaut das größte Abenteuer der Menschheit zu bestehen. Sein Leben danach war bestimmt von Verpflichtungen, Höhenflügen und Krisen. An diesem Montag wird er 90 Jahre alt.

Seit vergangenem Jahr kennen wieder alle die Heldengeschichte der ersten Mondlandung vor 50 Jahren, das größte Abenteuer der Menschheit. Drei Männer, zum Zeitpunkt der Mission 38 und 39 Jahre alt, denen das schier Unvorstellbare glückte, die den Wettlauf zum Mond zugunsten der Vereinigten Staaten entschieden. „Großartige Trostlosigkeit“ fanden sie dort in einer völlig fremdartigen Umgebung, zwischen schroffen Kratern und Mondgestein – so beschrieb es Edwin „Buzz“ Aldrin, der nach Neil Armstrong als zweiter Mann die Mondlandefähre verließ. Zu diesem Zeitpunkt ahnte Aldrin nicht, dass diese Landschaftsbeschreibung einmal über den Mond weit hinausreichen und zur Charakterisierung seines eigenen Lebens würde, so treffend, dass 2009 seine zweite Autobiographie diesen Titel trug.

Die Öffentlichkeit lechzte schon damals nach Helden. Und die amerikanische Raumfahrtbehörde (Nasa) konnte das Bedürfnis befriedigen. Ihre Heldengeschichte fand 1969 mit der bejubelten Wiederankunft von Michael Collins, Buzz Aldrin und Neil Armstrong ein strahlendes Ende. Dass die wahren Herausforderungen den Astronauten aber erst noch bevorstehen würden, konnte man da leicht übersehen. Es ist eine Ironie der Mondexpeditionen, die einiges darüber lehrt, wie komplex die Wechselwirkung von äußeren Anforderungen und menschlicher Psyche sein kann und wie unweigerlich der Figur des Helden sein Alter Ego, der Scheiternde, stets schon im Nacken sitzt.

Die Schattenseiten des Heldentums

Buzz Aldrin hat sein Ringen mit den irdischen Herausforderungen seines Heldenstatus in einer beinahe selbstzerstörerischen Intensität durchlebt. Seit früher Kindheit wollte er Pilot werden. Nach Abschluss der Militärakademie in West Point ging er zur Air Force, wo er in 66 Kampfjet-Einsätzen im Korea-Krieg mit dem Abschuss zweier feindlicher Flugzeuge zum ersten Mal zum Helden wurde. Mit seiner Frau verbrachte er danach drei Jahre in Bitburg und studierte dann Luft- und Raumfahrttechnik am Massachusetts Institute of Technology, wo er 1963 über das Rendevouz-Manöver im Orbit promovierte – ein Manöver, das er mit Apollo 11 später selbst beim Wiederandocken der Mondlandefähre an das Kommando- und Servicemodul im Schwerefeld des Mondes vornahm. Auf dem Weg in die Raumfahrt stand ihm im Weg, dass er nicht an der Testpilotenschule gewesen war. Erst 1963 wurde er von der Nasa als einer von 14 Astronauten der dritten Astronautengeneration akzeptiert – als erster mit Doktortitel.

1966 flog er als Kopilot mit Kommandant Jim Lovell als Teil der Mission Gemini 12 ins All und stellte mit drei insgesamt fünfeinhalb Stunden dauernden Außenbordeinsätzen einen Rekord auf. Schon damals zeigte sich die schonungslose Kehrseite seiner Berühmtheit: Im Mai 1968 beging Aldrins depressive Mutter Marion, geborene Moon, Suizid, angeblich weil sie mit dem Ruhm des Sohns und der öffentlichen Aufmerksamkeit nicht umzugehen wusste und fürchtete, nach einer Mondlandung würde all dies noch schlimmer werden.

Die vermeintliche Verantwortung für den Tod der Mutter, Aldrins strenge Erziehung, ein seine Karriere stets überwachender Vater und die Kränkung, in der Öffentlichkeit immer hinter Neil Armstrong als erstem Mann auf dem Mond zurückgesetzt zu sein – all das verfolgte ihn nach eigener Auskunft in der Zeit nach der Mondlandung. Destruktiv wirksam wurde aber die existentielle Grundfrage, mit der sich Aldrin 1969 konfrontiert sah. „Ich war erst 39 Jahre alt und hatte schon auf dem Gipfel meiner Welt gestanden. Was war für mich noch übrig? Was sollte ich mit dem Rest meines Lebens anfangen?“, erinnerte er sich 2009 an die Zeit nach Apollo 11. Dem von der Nasa forcierten Medienrummel habe er sich als Ingenieur nicht gewachsen gefühlt. Er fühlte sich von anderen ausgenutzt und in seiner Kompetenz zu wenig wertgeschätzt und ernst genommen – ein weiteres Motiv, das sich durch sein Leben ziehen sollte.

In den Folgejahren versuchte sich Aldrin an vielem: Nach seinem Austritt aus der Nasa im Juli 1971 leitete er zunächst die Testpilotenschule der Edwards Air Force Base in Kalifornien, die er selbst nie besucht hatte, ließ sich aber schon 1972 in den Ruhestand versetzen. Danach war er Berater verschiedener Firmen, machte Werbung. Währenddessen litt er unter starken Depressionen, die er 1971 erstmalig während eines vierwöchigen Klinikaufenthalts behandeln ließ. Dass er sich für seine psychischen Probleme professionelle Hilfe suchte, war seiner Meinung nach der Grund, dass er in der Air Force keine weiteren Karriereaussichten hatte.

Im Jahr 1972 schrieb er seine erste Autobiographie, in der er seine Depressionen und seine privaten Probleme – er hatte seine Frau betrogen und beinahe seine Geliebte geheiratet – offenlegte. Seine Depressionen konnte er dadurch allerdings nicht hinter sich lassen. Stattdessen wurde Alkohol sein vielleicht noch größeres Problem. Seine erste Ehe scheiterte, genau wie seine zweite zwischen 1975 und 1978.

Als Wendepunkt beschreibt Aldrin den Oktober 1978, als er es schaffte, sich vom Alkohol abzuwenden. Sein Leben aber, von 1988 bis 2011 in Begleitung seiner dritten Ehefrau, blieb weiterhin bestimmt von vielfältigen Projekten und Verpflichtungen, Höhenflügen und Krisen. Er betrieb Sucht- und Depressionsaufklärung, wurde zu einem der hartnäckigsten Lobbyisten für die Planung bemannter Marsmissionen und tauchte ansonsten regelmäßig mit oft auch skurrilen Meldungen in der Presse auf – beispielsweise im Kontext verschiedener juristischer Prozesse, die er gegen Geschäftspartner und Familienmitglieder anstrengte. Dass Aldrin einerseits nach eigenen Aussagen stark unter der Öffentlichkeit litt und sich ihr trotzdem bereitwillig auslieferte, ist einer der Widersprüche, die sein Leben bestimmen.

In seiner zweiten Autobiographie von 2009 zitierte Aldrin den Psychologen Carl Gustav Jung: „Raumflüge sind lediglich ein Entrinnen, eine Flucht vor sich selbst; es ist ja so viel leichter, den Mars oder den Mond zu erreichen, als das eigene Wesen zu erkennen.“ Buzz Aldrins Leben kann tatsächlich als Verkörperung dieser Erkenntnis gelesen werden. Heute feiert er seinen 90.Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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