FAZ plus ArtikelAusländische Pflegekräfte

Wenn Oma ruft, ist sie da

Von Carina Frey
10.05.2021
, 11:22
Die Pflege im Land wäre ohne Helferinnen aus dem Osten nicht zu leisten. Doch der Markt ist unübersichtlich, viele Frauen arbeiten unter prekären Bedingungen. Neue Standards sollen Ausbeutung und Chaos verhindern.

Sandra Meihler wollte glauben, dass es funktioniert: Als ihre demenzkranke Mutter im Alltag nicht mehr alleine zurechtkam, engagierte sie eine Betreuerin aus Rumänien, vermittelt über eine Agentur. Die Frau sollte bei ihrer Mutter wohnen, für sie kochen, mit ihr reden, beim Waschen und Anziehen helfen. Immer für drei Monate im Wechsel mit einer anderen Frau. „Eine super Lösung“, fand Meihlers Bruder. „Aber so einfach ist es nicht“, sagt Meihler selbst und ergänzt: „Meine Mutter ist schwierig. Die Frauen wollten nie ein zweites Mal kommen, also hatten wir ständig neue hier.“ Eine Betreuerin suchte Familienanschluss und stand mehrmals täglich vor Meihlers Tür, die nächste sprach nur Brocken Deutsch, was die Verständigung fast unmöglich machte, wieder eine andere war so resolut, dass es immer wieder heftigen Streit mit der Mutter gab. „Ich musste mich sehr viel kümmern“, sagt Meihler.

Peter Schmell kommt ins Schwärmen, wenn er über Ida spricht. Ida aus Mazedonien kümmert sich seit einem Jahr um seine Frau, die nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist. „Wir hatten schon mehrere ausländische Hilfskräfte. Das war zum Teil schwierig, weil meine Frau schlecht Hilfe von anderen annimmt. Aber wenn Ida ins Zimmer kommt, strahlt sie. Das macht mich glücklich“, erzählt Schmell, der eigentlich – wie auch Sandra Meihler – anders heißt.

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Beschäftigungsmodelle und Kosten

Beim Arbeitgebermodell tritt die Familie selbst als Arbeitgeberin auf und stellt die Betreuungskraft an. Das hat den Vorteil, dass sie die Beschäftigungs- und Pausenzeiten bestimmen und festlegen kann, welche Tätigkeiten zu welchem Zeitpunkt erledigt werden müssen. Allerdings ist der Aufwand vergleichsweise groß. Als Arbeitgeberin muss die Familie die Betreuerin offiziell anmelden und Steuern und Sozialabgaben abführen. Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit hilft Familien bei der Vermittlung von Betreuungskräften.

Beim Entsendemodell schließt die Familie mit einem ausländischen Anbieter einen Vertrag ab, meist vermittelt über eine Agentur. Die Firma im Ausland entsendet dann Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter nach Deutschland. Das bedeutet weit weniger bürokratischen Aufwand. Der Nachteil: Nur der Arbeitgeber im Ausland ist weisungsbefugt. Er legt Arbeitszeiten, Urlaub und die Art der Tätigkeiten fest. Rechtlich gesehen dürfte die Familie der Betreuerin also keine Aufgaben übertragen, was in der Praxis aber meist anders gehandhabt wird.

Zusammenarbeit mit Selbständigen: In der EU gilt die uneingeschränkte Dienstleistungsfreiheit. Selbständige dürfen ihre Arbeitskraft überall anbieten. Dafür melden sie im Heimatland oder in Deutschland ein Gewerbe an und führen Steuern und Sozialabgaben ab. Bei diesem Modell schließt die Familie – meist über eine Agentur – einen Vertrag mit einer selbständig tätigen Betreuungskraft ab, die Zeit, Ort und Ausführung der Dienstleistung frei wählen können muss. Fehlt dieser Handlungsspielraum, handelt es sich um eine Scheinselbständigkeit, die mit Bußgeldern geahndet werden kann.

Die Kosten: Für Betreuerinnen aus dem Ausland gilt ein Mindestlohn. Laut den Verbraucherzentralen und der Stiftung Warentest müssen Familien mit monatlichen Kosten zwischen 1500 Euro und 3400 Euro rechnen, hinzu kommen Aufwendungen für Verpflegung, Reisen ins Heimatland und gegebenenfalls die Vermittlung. ­­ Die Broschüre „Ausländische Haushalts- und Betreuungskräfte in Privathaushalten“ der Verbraucherzentralen erklärt ausführlich, worauf zu achten ist.

Die DIN SPEC 33454 „Betreuung unterstützungsbedürftiger Menschen durch im Haushalt wohnende Betreuungskräfte aus dem Ausland – Anforderungen an Vermittler, Dienstleistungserbringer und Betreuungskräfte“ kann kostenlos im Internet heruntergeladen werden.

Quelle: F.A.S.
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