Autorin Antje Rávic Strubel

„Skifahren hat mit Hingabe zu tun“

Von Bernd Steinle
26.12.2016
, 19:51
Beim Skifahren lernt man etwas fürs Leben. Zum Beispiel, dass bei einem Sturz nicht immer gleich das Leben verloren geht.
Schriftstellerin und Skifahrerin Antje Rávic Strubel über das Stürzen und Wiederaufstehen, das Überwinden von Angst und Sinn und Sinnlichkeit auf der Piste.
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Frau Strubel, was ist eigentlich so schön am Skifahren?

Skifahren ist unglaublich vielfältig. Mit Abfahren und Langlaufen gibt es zwei ganz verschiedene Disziplinen, und abfahren kann man im Tiefschnee, auf der Piste, in der Halfpipe, mit Rockern, Carvern oder Fatboys… Der Geschwindigkeitsrausch und das Gefühl, mit dem Berg gewissermaßen zusammenzuarbeiten, sind etwas Grandioses. Beim Langlauf ist es erhebend, über ein Hochmoor dahinzugleiten. Die Schneekristalle glitzern in der Luft, die Loipe ist perfekt gefräst, das Wachs stimmt. Schwerelos gleitet man durchs Weiß.

Es geht um das Naturerlebnis?

Ja, um die Schönheit, aber auch das Unwirtliche des Winters und darum, den Körper und die eigene Kraft der Kälte auszusetzen, sich an ihr zu messen. Die Verbindung von unterschiedlichsten körperlichen Herausforderungen und ästhetischem Erlebnis – das reizt mich besonders am Skifahren.

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Kann einen das Skifahren verändern?

Auf jeden Fall. Als Skifahrerin bin ich vom Wetter und von den natürlichen Gegebenheiten abhängig. Man entwickelt ein Bewusstsein dafür, dass sich nicht alles kontrollieren lässt, und lernt gute Momente stärker zu schätzen. Skifahren macht auch den Kopf frei. Draußen in der Loipe oder auf der Piste ist es manchmal so, als würde der Schneewind unter die Schädeldecke fegen und die Knoten lösen. Probleme relativieren sich, man wird gelassener. Im Langlaufen sehe ich übrigens eine Parallele zum Romanschreiben. Beides hat mit Ausdauer zu tun und funktioniert nur, wenn das Material stimmt: Schnee und Wachs oder eben die Sprache. Beides verlangt ein gutes Gefühl für Rhythmus. Und man darf nicht aufgeben. Ist man über die Schwachstelle hinweg, gibt es einen zweiten Schub.

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Finden Sie beim Skifahren Inspiration?

Langlaufen hat etwas Meditatives. Die relativ gleichförmige Bewegung führt dazu, dass die Gedanken ungezielt strömen. So kann mir etwas Abwegiges in den Sinn kommen, das sich dann als Lösung für ein Problem in meinem Text herausstellt, an dem ich tagelang erfolglos herumgetüftelt habe. Beim Abfahren geschieht so etwas auch, aber eher im Lift als auf der Piste. Und dann nur, wenn sie nicht schwarz ist.

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Lernt man beim Skifahren was fürs Leben?

Ich denke schon. Das Hinfallen beispielsweise ist das Erste, was man beim Skifahren lernt. Und man macht die Erfahrung, dass beim Sturz nicht immer gleich das Leben verloren geht. Beim nächsten Mal stürzt man schon eleganter oder gar nicht. Ein guter Ansatz für den Alltag, finde ich. Wer das reale Aufstehen nach dem Fall früh trainiert, entwickelt vielleicht im übertragenen Sinn eine größere Sicherheit im Umgang mit Schwierigkeiten. Auch die Überwindung von Angst ist beim Skifahren wichtig. Man lernt, dass es manchmal nützt, sich auf die Gefahr zuzubewegen.

Als Abfahrerin muss ich mich ja dem Abgrund entgegenlehnen, darf nicht davor zurückscheuen. Nur so komme ich sicher unten an. Einmal hatte ich nach einem schweren Sturz einen solchen Schock, dass ich nicht mehr in der Lage war, auch nur eine blaue Piste hinunterzufahren. Ich wusste, wie es geht, konnte das aber nicht in angemessene Bewegungen übersetzen. Mentale Verkrampfungen gibt es ja auch in anderen Situationen, nur weniger anschaulich. Da hilft es, eine Ahnung für den Grund des eigenen Unvermögens zu haben.

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Wann haben Sie Skifahren gelernt?

Langlauf mit drei Jahren. Mein Vater war Sportlehrer, wir fuhren jedes Jahr in den Winterurlaub. Aber in der DDR gab’s kein Hochgebirge, und so bin ich erst mit elf in Bulgarien zum ersten Mal die Piste runtergefahren.

Als Skianfänger ist man schnell mal frustriert: die Stürze, die Kälte, die Anstrengung . . .

Grundsätzlich mochte ich die Anstrengung, die Kälte. Gleichzeitig gab’s Momente, in denen ich es hasste: abgefrorene Zehen, nasse, eisige Klamotten, damals gern noch aus Wolle. Schrecklich! Und die Wut, die ausbricht, wenn man immer wieder hinfällt und die Ski nicht das machen, was man will. Jeder, der anfängt, bricht irgendwann in so ein Wutgeheul aus, als wäre er noch in der Trotzphase. Das gehört dazu. Und nur, wer darüber hinwegkommt und weitermacht, verliebt sich. Die anderen geben auf.

In einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ äußerte die Sexualtherapeutin Ruth Westheimer die Ansicht, Skifahrer seien sexyer und womöglich die besseren Liebhaber, denn: „Sie gehen eine Risiko ein, sind draußen, bewegen den Popo und können sich danach was erzählen.“ Ist da was dran?

Als Skifahrerin stimme ich natürlich sofort zu! Beim Skifahren geht es wie beim Tanzen um Körperbeherrschung, um ein Verständnis von Bewegungsabläufen, auch solchen, die der Intuition zuwiderlaufen. Man entwickelt ein Rhythmusgefühl, auch ein Gespür für die Grenzen der eigenen körperlichen Fähigkeiten und wie sie sich erweitern lassen. Außerdem hat Skifahren mit Hingabe zu tun; ich überantworte mich dem Berg, dem Schnee. Das ist sinnlich. Wer sich selbst in seinem Körper besser versteht, entwickelt auch mehr Feingefühl für die Interaktion mit anderen.

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Wie hoch ist der Flirtfaktor beim Skifahren?

Kommt aufs Alter an, würde ich sagen. Auf jeden Fall steigt er mit dem Alkoholpegel.

Das Flirten hat eher mit dem Alkohol zu tun als mit dem Skifahren?

Den Eindruck habe ich, ja. Beim Skifahren selbst flirte ich bestenfalls mit der Landschaft. Das andere ist dem Après-Ski vorbehalten, dem geselligen Beisammensein, befeuert vom Alkohol. Der wirkt natürlich schneller nach viel Bewegung an frischer Luft. Außerdem ist der Skiurlaub eine Ausnahmesituation, fern vom Alltag. Da steigt der erotische Pegel grundsätzlich. Allerdings sinkt er sofort wieder, wenn der Angeflirtete am nächsten Morgen in Skiunterwäsche beim Frühstück erscheint.

Frau Westheimer sagte in ihrem Interview auch, sie habe viele Ehekräche auf der Skipiste beobachtet, vor allem bei Paaren, die nicht gleich gut im Skifahren sind.

Man sollte als Paar jedenfalls nie versuchen, sich gegenseitig das Skifahren beizubringen. Auch das ist wie beim Tanzen. Ein gemeinsamer Tanzkurs kann für beide zu einer echten Prüfung werden. Wenn sich das skifahrerische Können der Partner sehr unterscheidet, ist es klug, in einer Gruppe unterwegs zu sein.

Inspiration und Lösungen für ihre Bücher findet Antje Rávic Strubel eher im Lift als auf der Piste.
Inspiration und Lösungen für ihre Bücher findet Antje Rávic Strubel eher im Lift als auf der Piste. Bild: dpa

Haben Sie eine Erklärung für den Après-Ski-Wahn beim Skifahren?

Als ich „Gebrauchsanweisung fürs Skifahren“ schrieb, stellte ich fest, dass die Engländer Après-Ski erfunden haben. Ein Dr. Henry Lynn führte Ende des 19. Jahrhunderts die Pauschalreise ein und brachte Engländer nach Chamonix. Nach dem Skitag fand man sich bei gutem Essen und anschließend zum Tanz zusammen. Eigentlich eine schöne Idee. Die Alkoholexzesse von heute, von denen man noch morgens in der Gondel umnebelt wird, sind dagegen eine der negativen Seiten des Skifahrens, neben der Mentalität des Lauter, Größer, Mehr, wie sie in den Riesen-Skigebieten praktiziert wird. Das ist nur noch Massenabfertigung. Selbstbedienungskantinen haben oft die urigen Hütten verdrängt.

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Haben Sie manchmal ein schlechtes Gewissen als Skifahrerin, auch aus Umweltgründen?

Absolut. Ein Skifahrer verbraucht pro Tag etwa so viel Energie wie ein Kühlschrank in zwei Wochen. Wenn man sich den Klimawandel vor Augen führt, leuchtet es ein, warum besonders uns Skifahrern daran gelegen sein sollte, diese Energiemenge zu reduzieren. Sie zerstört schlichtweg die Grundlage für den geliebten Sport. Die Skigebiete schmelzen weg. Ich kann meinen Urlaub bewusster gestalten, mit dem Zug statt mit dem Auto fahren, keine Klamotten mit umweltschädlichen Membranen kaufen, Imprägniermittel vermeiden oder mir Gasthäuser suchen, die Umweltstandards einhalten. Natürlich müssten auch die Betreiber der Skigebiete endlich umdenken. Da gibt es dringend Nachholbedarf.

Antje Rávic Strubel, geboren 1974 in Potsdam, veröffentlichte unter anderem die Romane „Tupolew 134“, „Sturz der Tage in die Nacht“ und „In den Wäldern des menschlichen Herzens“. Auch als Übersetzerin von Autorinnen wie Joan Didion machte sie sich einen Namen. Zuletzt erschien von ihr im Piper-Verlag „Gebrauchsanweisung fürs Skifahren“.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Steinle, Bernd
Bernd Steinle
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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