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Fotograf Steve McCurry

Das Licht und der Augenblick

Von Julia Schaaf
Aktualisiert am 02.03.2016
 - 09:25
Das Etikett Kriegsreporter mag McCurry nicht: Kamele vor brennenden Ölfeldern auf der Suche nach Wasser (Kuweit 1991).zur Bildergalerie
Steve McCurry war schon „embedded“, bevor es den Begriff gab. Auf seinen gefeierten Fotografien versucht er, festzuhalten, was vielleicht unwiederbringlich verlorengeht. Eine Begegnung in Berlin.

Die nächste Kamera liegt direkt vor ihm auf dem Tisch. „Ich zeige Ihnen ein paar meiner Bilder“, sagt Steve McCurry, „versprochen.“ Der Mann ist seit vierzig Jahren Fotograf. Sein „Afghanisches Mädchen“, das Porträt eines grünäugigen Flüchtlingskindes aus dem Jahr 1984, ist eine Ikone zeitgenössischer Fotografie. Der Fünfundsechzigjährige arbeitet für die maßgebliche Agentur „Magnum“, gerade ist er in Berlin, um sein jüngstes Buch vorzustellen, einen großformatigen Indien-Band. Jetzt jedoch greift McCurry nach dem silbernen Smartphone auf dem Tisch, so banal und beiläufig, wie das heutzutage auch Jugendliche vor dem Einkaufszentrum tun, Eltern auf dem Spielplatz, Pärchen im Restaurant.

Nichts gegen Selfies. Anders als früher macht auch McCurry heute regelmäßig Schnappschüsse, um sich an ein nettes Essen oder einen geselligen Abend zu erinnern. Aber deshalb, sagt er, hätten solche Bilder noch lange keine Bedeutung. Auch eine Textnachricht sei nicht automatisch ein Gedicht.

„Die meisten Bilder, die Menschen heute machen, enthalten nur Informationen: Klick-klick – wir sind auf einer Party.“ McCurry scrollt durch seinen Foto-Ordner: der Markusplatz in Venedig, nur wenige Tage zuvor. Man erkennt ihn nicht sofort; Nebel verhüllt eines der beliebtesten Touristenziele Europas. „So eine Chance kriegt man nur einmal im Leben“, sagt McCurry. Auf den ersten Blick ist klar: Mit dem üblichen Selfiewesen haben diese Bilder nichts gemein.

Im Vordergrund wölben sich die Säulen eines Arkadengangs, zwischen zwei Pfeilern stehen Menschen, hier ein Paar, dort eine Gruppe, in der Bewegung aufgenommen und doch wie Scherenschnitte arrangiert. Dahinter Nebel im Schein einer altmodischen Laterne. Auf McCurrys Lieblingsbild wendet ein Mann dem Betrachter seine hochgezogenen Schultern zu, einen Arm hält er nach oben ausgestreckt, wie ein grotesker Priester sieht er aus.

Alles ist da, was McCurry-Bilder ausmacht: magisches Licht, eine perfekte Komposition, der besondere Augenblick. Den ganzen Abend, sagt McCurry, habe er sich dafür in der Lagunenstadt herumgedrückt und auf das richtige Motiv, den richtigen Moment gehofft. Irgendwann sei er sogar ins Hotel zurückgegangen, um eine richtige Kamera zu holen.

Steve McCurry ist ein freundlicher, unscheinbarer Mann von durchschnittlicher Statur. Er kleidet sich blass und spricht leise. Für das Interview wählt er den Tisch in der dunkelsten Ecke der Hotelbar. Helles Licht möge er nicht, sagt er. Wie bei vielen guten Fotografen ist eine gewisse Unsichtbarkeit vermutlich hilfreich für seinen Job. Trotzdem scheint es ihm Spaß zu machen, über sein Leben und seine Arbeit zu sprechen. McCurry betreibt ein Studio in New York, wo er mehrere Mitarbeiter beschäftigt. Nach wie vor ist er den Großteil des Jahres auf Reisen.

Nach einer durchschnittlichen Mittelklassekindheit in der Nähe von Philadelphia, einem Filmstudium und den Anfängen als freier Fotograf für eine Lokalzeitung porträtierte er die Mudschahedin im Afghanistan-Krieg – als eine Art embedded journalist, noch bevor dieser Begriff Karriere machte. Seine Schwarzweißbilder der Kämpfer gingen um die Welt. Schnell wurde McCurry nicht nur als Afghanistan-Experte gehandelt, sondern auch als Kriegsreporter, wobei ihm dieses Etikett nie behagte: Das Geschehen jenseits der Kampfhandlungen, das Leben der Zivilbevölkerung, sagt er, hätten ihn immer mehr interessiert.

Folgeaufträge führten ihn nach Kambodscha, Pakistan und Beirut, schließlich kristallisierte sich seine persönliche Leidenschaft für Indien und den Buddhismus heraus. „Diese zwei kurzen Reisen nach Afghanistan waren der Ausgangspunkt dafür, dass ich mein ganzes Leben überwiegend im südlichen Asien gearbeitet habe“, sagt McCurry.

Dabei faszinierte ihn von Anfang an alles, was ihm fremd, ursprünglich und einzigartig vorkam, und wenn man ihn fragt, ob er ein Nostalgiker sei, bejaht er prompt. „Es gab eine Zeit, als unterschiedliche Länder und Regionen ihre jeweiligen Besonderheiten hatten. Heute produzieren die Chinesen Kleidung für die ganze Welt, und selbst in Tibet und im tiefsten Afrika tragen alle die gleichen Trainingsanzüge. Ich fürchte, die Welt wird wie ein einziger großer Flughafen enden.“ Seine Fotos sieht er auch als Versuch, etwas festzuhalten und zu bewahren, was womöglich unwiederbringlich verlorengeht.

Immer wieder ist ihm vorgeworfen worden, die Opulenz, die Harmonie, die Ästhetik seiner farbsatten Aufnahmen romantisiere das Elend der Welt. McCurry zuckt mit den Schultern: Einfache Leute auf der Straße seien eben leichter zu fotografieren als die Superreichen hinter ihren geschützten Mauern.

Er bevorzuge nun mal sparsames, mildes Licht. Und wenn er in New York unterwegs sei, zwischen Studio und Lunch, immer mit der gleichen U-Bahn, sei alles so vertraut, dass sein Geist abschweife und er die Umgebung gar nicht richtig wahrnehme. In einer Stadt wie Kalkutta hingegen, wo ihm das Essen und die Gerüche fremd seien, müsse er seine Komfortzone verlassen, dort fühle er sich auf eine andere Art präsent. „Das ist eine reichere Art zu leben“, sagt er.

Das allerdings bezieht er ausschließlich auf sich selbst und nicht auf die Menschen, die er fotografiert. McCurry ist sich bewusst, dass ein Leben ohne Krankenversicherung und Geld nirgendwo auf der Welt ein Vergnügen ist. Und dass kulturelle Differenz auch verstören kann, beschreibt er selbst, wenn er davon erzählt, wie er sich mit 18 Jahren Abstand auf die Spuren seines berühmtesten Fotomotivs begab. Anstelle des namenlosen Flüchtlingsmädchens von einst fand er in Afghanistan eine erwachsene, verheiratete Frau mit dem Namen Sharbat Gula, die einen Ganzkörperschleier trug.

McCurry durfte sie erneut fotografieren, sowohl sie selbst als auch ihr Ehemann hatten zugestimmt. Aber er sagt: „Als ich ihr Gesicht sah, traf mich der Schock.“ Wo er den wachen Blick einer zwölfjährigen Schönheit in Erinnerung hatte, begegnete er nun dem verhärmten Ausdruck einer Frau, der man ihr entbehrungsreiches Leben ansah.

„In einem anderen Teil der Welt hätten wir uns umarmt oder wenigstens Hände geschüttelt. Oder wir hätten zusammen Tee oder Kaffee getrunken und ein Stündchen Zeit miteinander verbracht. Aber in ihrer konservativen Kultur war es ihr nicht wirklich erlaubt, zu lächeln oder zu reden.“ Nichtsdestotrotz unterstützt McCurry Sharbat Gula und ihre Familie bis heute finanziell, seine Schwester hält persönlichen Kontakt.

Der Fotograf selbst hat nie eine Familie gegründet. „Wir treffen Entscheidungen, wie wir leben wollen“, sagt er nur, wenn man wissen will, ob er diesen Umstand bedaure. Einsam jedenfalls, so wie damals in den langen Abendstunden bei den Mudschahedin, zwischen Einbruch der Dunkelheit und Schlafenszeit, fühle er sich heute nie.

„Es ist nicht so, dass ich mich überall zu Hause fühle. Aber ich fühle mich überall wohl.“ McCurry ist voller Pläne: Iran. Madagaskar. Kuba. Gibt es etwas, das ihn dazu bringen könnte mit dem Fotografieren aufzuhören? Steve McCurry lacht. Dann antwortet er mit einer Gegenfrage: „Gibt es etwas, das Sie dazu bringen könnte, aufzuhören zu essen oder zu atmen?“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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