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Berliner Feuerwehrmann

„Geh aus dem Weg, sonst bringe ich dich um“

Von Sebastian Eder
 - 09:37
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Herr Kirstein, seit Silvester hört es sich in manchen Medienberichten an, als müsste die Berliner Feuerwehr bei jedem Einsatz in den Krieg ziehen. Haben die Angriffe auf Rettungskräfte wirklich so stark zugenommen?

Ich bin seit 1997 auf Wachen in Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain eingesetzt worden – also dort, wo das Leben tobt. Die Zahl der Einsätze hat extrem zugenommen. Da ist es ganz logisch, dass auch die Zahl der Übergriffe steigt. Wir rücken ja nicht nur aus, wenn es brennt, in 80 Prozent geht um medizinische Notfälle. Es gibt heute öfter spektakuläre Fälle: Im letzten Vierteljahr ist es zweimal passiert, dass eine Rettungswagenbesatzung bedroht wurde. In einem Fall ging es um die Wiederbelebung eines Kindes, also den schlimmsten Fall. Passanten wurden aggressiv: „Fahrt mal euren Rettungswagen weg, ich will hier ausparken!“ Dabei sind wir doch die Menschen, die helfen wollen. Aber: Insgesamt haben wir ein gutes Image, uns wird meistens positiv begegnet.

Die jüngste Aufregung wurde durch die Silvesternacht ausgelöst: Ihre Feuerwehr hat 57 Angriffe auf Einsatzwagen gemeldet, acht Beamte wurden körperlich attackiert. War das keine neue Dimension?

Es kam schon in den Vorjahren zu vielen Beschüssen mit Feuerwerkskörpern. Wir wurden danach oft gefragt: Wie viele Angriffe gab es? Das wurde aber statistisch nie erfasst. Deswegen haben wir Ende 2017 unseren Einsatzkräften gesagt, dass sie Angriffe an Silvester dokumentieren und anzeigen sollen. Dadurch haben wir erstmals diese Zahlen. Stand heute gibt es zwei verletzte Kollegen.

Was sind das für Verletzungen?

Einmal ist ein Löschfahrzeug an der Weiterfahrt gehindert worden, weil eine Feuerwerks-Batterie auf der Straße abgeschossen wurde. Ein Kollege ist ausgestiegen, um die Batterie zur Seite zu räumen – und hat ohne Warnung einen Faustschlag ins Gesicht bekommen. Diese unvermittelte Gewalt ist eine neue Dimension. Ein anderer Kollege hat nach einem Raketenbeschuss Verbrennungen am Gesäß.

Woher rühren die Aggressionen?

Es ist statistisch belegt, dass die Angriffe ganz oft von männlichen Tätern unter Alkohol- oder Drogeneinfluss ausgehen. Das ist für uns die Haupterklärung. Aber noch mal: Auch an Silvester gab es Einsätze, bei denen die Feuerwehr bejubelt und zum Essen eingeladen wurde, weil sie einen Balkonbrand gelöscht hatte.

Was haben Sie persönlich schon Negatives erlebt?

Zu mir hat mal jemand bei einem medizinischen Notfalleinsatz gesagt: „Geh‘ aus dem Weg, sonst bringe ich dich um.“ Das habe ich zur Anzeige gebracht. Ich war aber auch oft an Silvester im Einsatz und bin in Kreuzberg aus dem Wagen gestiegen, als die Raketen quer geflogen sind. So etwas habe ich nie zur Anzeige gebracht oder gemeldet, wenn es keine Beschädigung am Fahrzeug gab.

Also ist die neue Entwicklung vor allem, dass solche Fälle gemeldet werden?

Ja, seit 2014 werden die Angriffe auf Einsatzkräfte in Berlin statistisch erhoben. Das ist in den letzten Jahren gleichbleibend im unteren oder mittleren zweistelligen Bereich. So um die 40, 50 Angriffe oder Bedrohungen haben wir im Jahr.

Bundesweit ist die Zahl der Angriffe auf Rettungskräfte laut der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2011 bis 2016 um ein Drittel gestiegen.

Es wird einfach besser dokumentiert. Dann hat man immer eine Steigerung. Letztes Jahr haben wir Silvester nicht dokumentiert, da hatten wir null Vorfälle. In diesem Jahr haben wir es dokumentiert, da haben wir natürlich eine drastische Steigung. Aber wenn ich irgendwo lese, dass es bundesweit „nur“ acht Angriffe mit verletzten Rettungskräften gab, muss ich ganz klar sagen: Jeder Angriff ist einer zu viel. Die Zahl muss null sein. Die Zeit, die wir zur Eigensicherung brauchen, fehlt uns in der Rettungskette. Letzte Woche wurde ein Rettungswagen in Berlin von Passanten mit Böllern beschossen. Die Kollegen mussten sich in den Wagen zurückziehen und die Polizei rufen. Einer wurde festgenommen. Aber unsere Leute waren deswegen 15 Minuten später als möglich am Patienten. Das ist der eigentliche Knackpunkt.

Ein ehemaliges Mitglied der Bundeswehr-Spezialeinheit KSK will Rettungskräften ihr „antrainiertes Helfersyndrom“ abtrainieren und fordert, dass immer erst die Polizei einen Einsatzort sichern müsse, bevor die Helfer sich um Verletzte kümmern dürfen.

Es ist positiv, dass das Thema so in der Öffentlichkeit ist und die Menschen dafür sensibilisiert werden. Aber was dieser KSK-Mann sagt, ist völlig unsachlich. Er meint ja auch, wir hätten nach dem Anschlag am Breitscheidplatz alles falsch gemacht, weil die Polizei den Platz nicht erst gesichert hat. Ich war auf dem Breitscheidplatz. Wenn wir da nicht sofort reingegangen wären, hätten wir nicht zwölf Tote gehabt – sondern 60. Es gibt ein Berufsrisiko, das gehört dazu und kann man nicht abstellen. Genauso unsachlich ist die angebliche Forderung, dass alle Rettungskräfte Schutzwesten tragen sollen. Das ist nicht das Ziel, das wir verfolgen.

Müssten Rettungskräfte in der Ausbildung besser auf Angriffe vorbereitet werden?

Es gibt ein Deeskalationstraining für jeden Feuerwehrmann, der in der Ausbildung ist. Das sind ganz einfache Sachen, die man da lernt: Wenn man in eine Wohnung geht, immer das Licht anmachen, zum Beispiel. Licht ist ein Stück weit Sicherheit. Unser Ziel ist es, noch sensibler für Gefahren zu werden und auf Deeskalation zu setzen.

Hat man Angst bei Einsätzen?

Ich habe immer weniger Angst gehabt, wenn es irgendwo gebrannt hat, als wenn ich in eine Wohnung reingegangen bin und nicht wusste, ob da irgendwo ein Toter liegt. Eine gewisse Angst ist wichtig, die darf gar nicht verloren gehen. Gerade bei alkoholisierten Patienten muss man hellwach sein.

Es werden jetzt noch mal schärfere Strafen für Angriffe auf Rettungskräfte gefordert. Von Ihnen auch?

Die Politik hat ja 2017 schon reagiert. Bei tätlichen Angriffen auf Rettungskräfte drohen bis zu fünf Jahre Haft. Was man verbessern könnte: Dass die Rettungskräfte, die Fälle anzeigen, eine bessere Rückmeldung bekommen. Wenn man nicht als Zeuge geladen ist, bekommt man ja gar nicht mit, was aus der Anzeige wird. Für viele wäre das aber wichtig.

Mit was für einem Gefühl fahren Sie heute durch Neukölln oder Kreuzberg?

Angst oder Sorge habe ich da nicht, ich erinnere mich vor allem an die Einsätze. Die Angriffe sind nicht auf einzelne Viertel beschränkt. An Silvester gab es Vorfälle in der ganzen Stadt. Unvermittelt ins Gesicht geschlagen wurde dem Kollegen in dem dünnbesiedelten Ortsteil Lichtenrade. Das kann überall passieren.

Warum macht man trotzdem weiter?

Die Leidenschaft von Feuerwehrleuten ist es, Menschen in Not zu helfen. Dabei lassen wir uns von nichts und Niemandem beirren. Während eines Einsatzes nimmt man Beschimpfungen oder Bedrohung oft kaum wahr, das prallt an uns ab. Erst im Nachhinein denkt man sich: Das hätte eigentlich nicht sein müssen. Aber die positiven Rückmeldung überwiegen, und das macht einen Stolz.

Quelle: FAZ.NET
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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