Bettina Wulffs Verleger

Knalleffekt

Von David Klaubert
15.09.2012
, 19:59
Startauflage von 100.000 Exemplaren: Nach vier Tagen im Handel rutschte das Buch von Christina Wulff in den Verkaufslisten von Amazon um mehrere Plätze ab
Der Medienhype um Bettina Wulffs Werk „Jenseits des Protokolls“ war lange geplant. So was können ihre Verleger Jund und Kuhn.

Der laute Rumms, mit dem ihr neues Buch auf den Markt kam, liegt hallend über ganz Deutschland, und so sind die Münchner Verleger Christian Jund und Oliver Kuhn sehr zufrieden - eigentlich. Die beiden fläzen sich an den Konferenztisch in den Räumen ihres Verlags, zweiter Stock, Treppenhaus Nummer drei eines grauen Gewerbeblocks in München-Neuhausen. Von hier haben sie die Veröffentlichung des Erstlingswerks von Bettina Wulff koordiniert, das in der vergangenen Woche ziemlich plötzlich da war, ein Kracher. Doch so wollen es die beiden nicht formuliert wissen, es bleibt der Satz: „Das Buch ist ein Erfolg.“

Die Chefs der Münchner Verlagsgruppe, zu der der Riva-Verlag gehört und damit auch die 223 Seiten „Jenseits des Protokolls“, sind vorsichtig geworden. Im Vergleich zu den Großen der Branche ist Riva ein Zwerg, das wissen Jund und Kuhn vermutlich selbst. Doch das, was in den vergangenen Tagen sonst noch über sie geschrieben wurde, macht sie ziemlich wütend.

Riva sei ein Krawallverlag, mussten sie lesen, eine Frischtheke für leicht verderbliche Ware. Harald Schmidt machte sich über ihr Programm lustig (darunter Titel wie „Arschlöcher kommen immer zuerst“, „Und in der Hölle mach ich weiter“, „Überleben unter Opfern“), und Claus Kleber erwähnte nicht ohne Häme, dass das Buch der Ex-Bundespräsidenten-Gattin neben den Erinnerungen eines Bordell-Besitzers erscheint. Das Buch sei ein Schnellschuss, schrieben andere, überhastet und unprofessionell habe Riva den Erscheinungstermin von November vorgezogen - nur um die Aufregung rund um Bettina Wulffs Klagen gegen Google und Jauch auszunutzen.

„Keine Minute hätten wir Ruhe gehabt“

Alles Quatsch, sagen Jund und Kuhn und erzählen ihre eigene Geschichte: Schon im Frühjahr hätten Bettina Wulff und ihre Co-Autorin Nicole Maibaum dem Verlag das Buch angeboten. Die Idee dazu, sagt die Journalistin Maibaum, die auch Bücher mit Iris Berben und Veronica Ferres geschrieben hat, stamme von ihr. Über Ferres habe sie den Kontakt zu Bettina Wulff gesucht, und nur einen Tag nach dem Großen Zapfenstreich, mit dem die Wulffs Anfang März aus Schloss Bellevue verabschiedet wurden, habe sich diese per SMS bei ihr gemeldet. Wenig später legten die beiden los. Und als sie sich im Mai mit den Verlegern Jund und Kuhn in Hamburg trafen, hatten sie, anders als bei Promi-Büchern üblich, nicht nur ein kurzes Exposé dabei, sondern schon mehrere Kapitel fertig.

Entsprechend schnell einigten sich die Autorinnen und die Verleger. Als Erscheinungstermin wurde laut Jund und Kuhn von Anfang an der 12.September festgelegt. Dass noch bis zum vergangenen Wochenende bei Händlern wie Amazon und in den Medien der 9.November genannt wurde, dazu der Arbeitstitel „Meine Sicht der Dinge“, war demnach ein bewusster Schachzug. Die Verleger wollten so den Medienansturm im Voraus möglichst klein halten. „Keine Minute hätten wir Ruhe gehabt und unsere Autorin erst recht nicht. Diesen Druck wollten wir von ihr nehmen“, sagt Kuhn. Was er nicht sagt: Nur durch die überraschende Veröffentlichung war der Knalleffekt so groß.

Dass Jund und Kuhn dieses Spiel mit der Öffentlichkeit besonders gut beherrschen, haben sie schon früher bewiesen. Beide sind Quereinsteiger. Jund, Bankenlehre und abgebrochenes BWL-Studium, verdiente sein Geld als Börsenhändler, ehe er 1997 den Finanzbuch-Verlag gründete. Als Ableger kam bald Riva hinzu, außerdem kaufte Jund drei weitere Verlage (Redline, MVG und MI). Kuhn, Journalist und lange Jahre Reporter beim „Playboy“, stieg 2009 ein.

Promi-Biographien als Blitzeinsteiger

Mit Riva brachten die beiden vor allem Humor-, Lifestyle- und (wahre) Kriminalgeschichten auf den Markt, dazu Promi-Biographien. Nach Oliver Kahn und Bushido verlegten sie im Februar dieses Jahres das (viel gelobte) Buch von Rudi Aussauer. Pünktlich zur Erscheinung wurde bekannt, was zuvor nur die engsten Vertrauten Assauers wussten: Der einstige Fußball-Macho ist an Alzheimer erkrankt. Die „Bild“ titelte mehrfach, der „Stern“ druckte Auszüge, das ZDF sendete eine lange Reportage – und das Buch verkaufte sich im ersten Monat fast 70 000 mal.

Solche Blitzeinstiege in die Bestsellerlisten sind mit keinem anderen Genre eher zu schaffen als mit Promi-Biographien. Philipp Lahm gelang das im vergangenen Jahr mit seiner vermeintlichen Abrechnung mit dem deutschen Profi-Fußball (gut 190 000 verkaufte Bücher), und auch Gaby Kösters Geschichte vom Leben nach ihrem Schlaganfall stieg gleich ganz oben ein (und verkaufte sich mehr als 200 000 mal). Eine der erfolgreichsten Biographien schrieb 2002 Dieter Bohlen: „Nichts als die Wahrheit“ brachte es auf mehr als eine Million Exemplare.

Doch noch eines haben die Promi-Geschichten gemeinsam: Sie sind tatsächlich verderbliche Ware. „Shortseller“ in gutem Verlegerdeutsch. Sobald sie aus den Schlagzeilen sind, brechen die Verkaufszahlen in aller Regel ein. Gerade deshalb ist die Medienarbeit vor der Veröffentlichung so wichtig.

Hohe Startauflage von 100.000

Und das ist Jund und Kuhn – zumindest quantitativ – auch bei ihrem neusten Coup gelungen. Dreimal widmete „Bild“ dem Buch die Schlagzeile auf Seite eins. „Das ist das Buch von Bettina Wulff!“ posaunte die Zeitung hinaus, daneben das Cover wie in einer Anzeige. Der Titel des „Stern“ sah aus, als sei er Teil einer Werbekampagne, und dann schusterten auch noch „Bunte“, „Gala“ und „Brigitte“ große Interviews zusammen – jedes natürlich „exklusiv“. Am kommenden Dienstag steht ein Besuch bei „Maischberger“ auf dem Plan (einen zweiten Talkshow-Auftritt bei Giovanni di Lorenzo sagte Bettina Wulff kurzfristig ab).

Diesen Plan haben die Verleger lang im Voraus erarbeitet und mit der Autorin abgesprochen. Eine offizielle Zusammenarbeit mit „Bild“, die zwei Tage vor der Veröffentlichung die schlagzeilentauglichsten Auszüge aus dem Werk abdruckte, soll es nicht gegeben haben. Dass es aber durchaus zum Kalkül gehörte, dass das Boulevardblatt sich das Buch auf anderem Weg beschafft, etwa über die Händler, die frühzeitig beliefert werden müssen, verhehlen Jund und Kuhn nicht. Nur dass Bettina Wulffs Klagen gegen Google und Jauch, die genau in der Woche vor dem Buchstart bekannt wurden, zur PR-Strategie zählten, streiten die beiden ab. „Wir wussten gar nichts davon“, sagt Jund.

Ob die enorme Medienpräsenz aus „Jenseits des Protokolls“ tatsächlich einen Bestseller macht und die hohe Startauflage von 100.000 Exemplaren vor ihrem Verfallsdatum verkauft werden kann, muss sich noch zeigen. Nach vier Tagen im Handel rutschte das Buch – ein erster, wenn auch schwacher Indikator – in den Verkaufslisten von Amazon um mehrere Plätze auf den 19. ab.

Überholt wurde es unter anderem von „Fit ohne Geräte: Trainieren mit dem eigenen Körpergewicht“. Seit mehr als einem Jahr zählt dieses Buch zu den meist verkauften, es ist einer der typischen „Longseller“. Es ist eines der leisen Bücher aus dem durchaus vielfältigen Sortiment von Christian Jund und Oliver Kuhn – für die sich die beiden im Trubel um ihren neuesten Kracher plötzlich auch mehr Aufmerksamkeit wünschten.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Klaubert, David
David Klaubert
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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