Bjarne Mädel im Gespräch

„Warte mal kurz“

25.08.2012
, 19:23
Bjarne bedeutet angeblich „Kleiner Bär“: „Kommt bei Frauen gut an“.
Ernie bei „Stromberg“ oder der „Tatortreiniger“: Keiner spielt unauffällige Typen so auffällig wie Bjarne Mädel. Ein Gespräch über Rollen, Diäten und einen besonderen Namen.
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Herr Mädel, es heißt, Sie sind restlos ausgebucht.

Klingt gut, ne? Aber es stimmt. Gerade habe ich drei Folgen „Tatortreiniger“ in den Kasten geknüppelt, ab nächster Woche drehe ich einen Thriller für das ZDF. Ich freue mich sehr darauf, weil es mal keine komische, sondern eine ernste Rolle ist. Im Oktober spiele ich Theater und im November noch mal drei Folgen „Tatortreiniger“. Das sind alles Sachen, die ich wirklich gut finde, und mittlerweile kann ich auch zwischen Angeboten auswählen.

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Fürs Theater bleibt kaum Zeit?

Leider. Ich habe zehn Jahre nur Theater gespielt, erst in Rostock, dann auch am Hamburger Schauspielhaus. Meine Mutter, eine passionierte Theatergängerin, die noch bei Quadflieg und Gründgens nach Autogrammen angestanden hat, fragt häufig, wann ich mal wieder auf der Bühne bin, aber ich sage: Lieber ein toller Film als ein schlechtes Theaterstück.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie Schauspieler werden wollten?

Die haben sich gefreut. Endlich mal was Konkretes! Ich wusste ja lange gar nicht, was ich will. Als Kind: Profifußballer beim HSV, klar. Später habe ich in Kalifornien Weltliteratur und Kreatives Schreiben studiert. Klingt albern, aber ich wollte Schriftsteller werden. Ich habe immer auf die Eingebung gewartet - vergeblich. Im Nachhinein war das so naiv.

Was hat Sie am Schauspiel fasziniert?

Dass man nie fertig ist. Ich habe auf dem Bau und im Hamburger Hafen gearbeitet, da brauchte man nur den Körper, dann hab ich studiert, da brauchte man nur den Kopf. Als Schauspieler brauchst du alles, Kopf, Körper, Seele. Und bei jeder neuen Rolle weißt du nie, wie’s ausgeht. Gut, es gibt Kollegen, da weiß man schon bei der ersten Probe, wie sie die Premiere spielen werden. Aber ohne das Risiko zu scheitern ist dieser Beruf blutleer.

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Sind Sie schon mal gescheitert?

Das erste Mal Fernsehen war ein Desaster. Ich hatte eine Minirolle bei RTL: „Und tschüss! Schon wieder Mallorca“, ein furchtbarer Schrott. Ich musste einen besoffenen Ballermann-Touristen spielen, der den Satz lallt: „EylassmajetzdasMädchendalos.“ Dafür gab’s 1500 Mark und 14 Tage gratis Mallorca - für mich damals sensationell. Nach der Ausstrahlung hat sich meine Mutter drei Tage nicht gemeldet. Als ich dann anrief, war sie völlig aufgelöst. Sie hatte nicht geschlafen und mit meinem Stiefvater beratschlagt, wo sie Geld auftreiben könnten, dass ich so was nicht mehr machen muss.

Und dann kam die Büro-Sitcom „Stromberg“.

Ein völliger Zufall. Ich spielte in Köln Theater mit der genialen Autorin und Regisseurin Ingrid Lausund, das hat die Casterin Iris Baumüller-Michel gesehen und mich für die Rolle des Ernie in „Stromberg“ vorgeschlagen. Ich fand das ganze Konzept schon beim Lesen super, dazu die tollen Texte und dass man die Kamera anspielen darf. Ich wollte unbedingt dabei sein, und meistens klappt’s dann ja nicht, weil man verkrampft. Zum Glück wusste ich aber genau, wie die Rolle gemeint war. Der Autor hat mir dann hinterher gesagt, dass ihm in dem Moment, als ich zu spielen anfing, klar war, dass ich die Rolle kriege.

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Ernie ist der Volldepp des Büros. Hatten Sie für ihn denn ein Vorbild?

Ich hab die Rolle bei mir selber abgeguckt. Ich hatte am Theater einen Bankangestellten gespielt, der wie Ernie ganz unten in der Hierarchie war. Es gab da eine Szene, wo ich 17 Ohrfeigen kriege und nach jeder denke: Warum scheuert der mir eine? Was hab ich falsch gemacht? Das ist ein genialer Text, eine geniale Situation. Da wird einer immer weiter gedemütigt, und statt sich zu wehren, sucht er nach Erklärungen.

„Für die erste Rolle gab’s 1500 Mark und 14 Tage Mallorca – für mich sensationell“: Bjarne Mädel in Berlin.
„Für die erste Rolle gab’s 1500 Mark und 14 Tage Mallorca – für mich sensationell“: Bjarne Mädel in Berlin. Bild: Julia Zimmermann

Der hilflose, aber irgendwie liebenswerte Trottel scheint Ihre Paraderolle zu sein.

Nein, ihr schreibt das nur immer wieder. Ich versuche mich mit Händen und Füßen dagegen zu wehren. Ich bekomme auch Rollenangebote, die exakt wie Ernie angelegt sind, aber das habe ich doch 46 Folgen lang in „Stromberg“ gemacht. Neulich kam ein Angebot für einen Polizisten, der unter seiner Chefin leidet. Ey, das mach’ ich doch schon in der ARD! Das lehne ich alles ab, solange ich mir das leisten kann.

Der Dorfpolizist Dietmar Schäffer in „Mord mit Aussicht“ hat mit Ernie einiges gemein.

Das sehe ich ganz anders. Ernie ist gefühlte 13, ständig unter Druck und immer noch im Stimmbruch. Dagegen ist Dietmar Schäffer ein Mann. Der ist dick, der hat nen Vollbart, der ist ein Typ, und sein Standardsatz lautet: „Mann, Mann, Mann, hier ist vielleicht wieder was los.“ Der „Tatortreiniger“ wiederum ist ein richtiger Macho. Die drei könnten unterschiedlicher nicht sein. Ernie ist sehr weit weg von mir, und ich hoffe, er kommt bei anderen Rollen nicht durch. Ich versuche, das auch äußerlich deutlich zu machen. Ich fresse mich fett für Dietmar Schäffer, ich hungere mich runter für den Tatortreiniger.

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Wie viel Kilo legen Sie zu?

Sieben Kilo drauf für Schäffer. Das geht ganz schnell, Kuchen, Schokolade, Eis. Wieder runter ist hart. Ich verzichte auf Kohlenhydrate und laufe täglich ums Tempelhofer Flugfeld, sieben Kilometer. Das fällt mir nicht leicht. Aber ich mache alles, um so verschieden wie möglich zu sein, lasse mir beim „Tatortreiniger“ die Haare verlängern, schlafe quasi auf Plastik, und dann heißt es: Ist ja immer dasselbe. Das kann doch nicht wahr sein! Aber ich versuche das jetzt als Lob zu nehmen, anscheinend mach ich’s ja gut.

Alle drei Serien sind sehr erfolgreich. Für den „Tatortreiniger“, den Sie selbst mit entwickelt haben, gab’s den Grimme-Preis.

Und das für eine Serie mit schwarzem Humor. Gleich in der ersten Folge ging’s um eine Prostituierte und die Frage: Kommt es zum Oralsex oder nicht? Im Hintergrund ein mit Blut bespritztes Badezimmer. Die anfängliche Skepsis des NDR hab ich voll verstanden, aber jetzt haben wir uns Vertrauen erarbeitet. Das macht so einen Spaß, es ist fast schon unglaublich, dass man dafür auch noch Geld bekommt.

Kriegen Sie Post aus den Berufen, die Sie spielen?

Von Polizisten bisher nicht. Beim „Tatortreiniger“ kam ein Brief, der war von der Gebäudereiniger-Innung Mecklenburg-Vorpommern. Die haben sehr gelacht und sich gefreut, dass wir ihren Berufsstand so würdig vertreten. Bei „Stromberg“ gibt’s Zuschriften an Sender und Autoren, Tenor: Bei uns im Büro ist alles noch viel schlimmer.

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Das könnte doch als Vorlage dienen.

Nee, unser Autor, Ralf Husmann, mag es nicht, wenn man ihm reinredet. Ich habe in der ersten Staffel mal angeregt: Ernie könnte doch noch dies und jenes machen. Da hat er gesagt: „Warte mal kurz“, ist rausgegangen und tauchte nicht wieder auf. Er war nach Hause gegangen.

Worüber können Sie lachen?

Genau darüber. Und früher hab ich über Otto gelacht und „Nonstop Nonsens“ von Didi Hallervorden, Loriot immer noch, klar. Heute mag ich leiseren Humor. Und ich gucke gern, was andere machen. „The Green Wing“ zum Beispiel ist sehr lustig, eine britische Krankenhausserie, in der es gar nicht ums Krankenhaus geht. Sketchsendungen finde ich oft trostlos; es ist nicht lustig, wenn der Witz bis zum Ende erzählt wird. Auch Stand-Up in Deutschland ist meist nicht komisch, vieles erschöpft sich schnell. Ich war mal beim Comedypreis, da fand ich die Kunstfiguren Horst Schlämmer und Ricky von Anke Engelke witziger als viele Comedians, die versucht haben, witzig zu sein.

Woher kommt eigentlich Ihr Name?

Mein Großvater hat meinen Vater Birger genannt, nach Birger Ruud, dem norwegischen Skispringer, der als Erstes über 100 Meter geflogen ist. Meine Eltern haben das fortgesetzt, meine Schwester heißt Birte und ich eben Bjarne. Das ist die Verniedlichungsform von Björn und bedeutet angeblich „Kleiner Bär“. Kommt bei Frauen immer gut an. „Mädel“ kommt wohl aus dem Süddeutschen. Aber ich wurde deshalb nie gehänselt, gehörte nie zu den Verlierern. Ich war immer sehr sportlich, schnell, habe viel Fußball gespielt.

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Sehr sportlich? Aber Sie wurden doch ausgemustert?!

Ich hatte keine Lust auf Bundeswehr und hab’s einfach probiert. Meine Mutter hatte stark Migräne, da kannte ich die Symptome und habe einfach ein bisschen übertrieben gespielt. Dann haben sie Gehirnströme gemessen, und dabei habe ich mir schlimme Sachen vorgestellt - Mord, Totschlag, nackte Frauen - und hoffte, dass das heftige Ausschläge gibt. Das hat anscheinend funktioniert, die haben mir geglaubt. Und meine Schulfreunde waren sauer.

Bjarne Mädel im Fernsehen

Neue Folgen von „Mord mit Aussicht“ ab 28. August immer dienstags, 20:15 Uhr, im Ersten.

Mit Bjarne Mädel sprach Stefan Locke.

Quelle: F.A.S.
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