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Martin Sonneborn über Brexit

„Fehlen würde mir nur britische Musik“

Von Sebastian Eder
 - 10:16

Herr Sonneborn, die Abgeordneten der Britischen Unabhängigkeitspartei (Ukip) sitzen seit Jahren mit Ihnen im Europäischen Parlament, obwohl sie ihr wichtigstes Ziel, den Brexit, längst erreicht haben. Bald sind sie weg. Haben Sie Angst, dass es auffällt, wenn Sie dann der Einzige sind, der nur wegen des Geldes da ist?

Wie kommen Sie darauf, dass ich nicht arbeite? Ich habe gerade ein 435 Seiten dickes Buch über meine Zeit im Parlament geschrieben. Dabei habe ich festgestellt, dass ich zwar gern behaupte, ich hätte nachweislich nur vier Minuten gearbeitet in den vergangenen vier Jahren. Aber eigentlich ist doch einiges zusammengekommen.

Na gut. Was fühlen Sie als hart arbeitender Abgeordneter, wenn Sie an den Brexit denken?

Ich bin gespannt, wie es danach weitergeht. Ich kenne sowohl Fachleute, die behaupten, dass England einen Abschwung erleben wird, als auch Wirtschaftsspezialisten, die sagen, der Brexit sei gut für das Land und die Löhne gingen bereits jetzt hoch. Mir persönlich werden die Ukip-Leute auf der einen Seite fehlen, weil sie mit ihren lustigen Zwischenrufen eine andere Kultur im Parlament vertreten haben. Andererseits freut es mich, dass die Briten aus der EU austreten, denn sie haben uns schon einiges eingebrockt, von Tony Blairs Drittem Weg bis zur Zerstörung unseres Bildungssystems durch den Bologna-Prozess.

Was verlieren wir durch den Brexit?

Was vermisst man schon aus England? Marmite? Das einzige, was mir fehlen würde, ist britische Musik, und die bekomme ich im Internet. Ich habe allerdings Bedenken, dass die EU ihren Charakter zum Negativen verändert, wenn die Engländer gehen, die uns politisch und kulturell nahestehen, und auf der anderen Seite weitere Osteuropäer dazustoßen.

Wen würden Sie gerne aus der EU schmeißen?

Immer mehr Staaten: Dass Irland die Steuervermeidungspolitik der Firma Apple unterstützt, sollte für einen Rauswurf reichen. Apple wurde dort 2014 mit einem Steuersatz von 0,005 Prozent bedient. Ebenso Steueroasen wie Malta, Luxemburg, Holland... Über Deutschland wollen wir hier nicht sprechen. Dann die illiberalen Demokratien Ungarn und Polen. Die Demokratisierungsphase, die wir jahrzehntelang durchexerziert haben, kann offensichtlich nicht so einfach übersprungen werden. Bulgarien und Rumänien sind hochkorrupte Länder, die in dieser Form in der EU nichts zu suchen haben. Danach knöpfen wir uns die amerikanischen IT-Konzerne vor, die uns genug Unheil beschert haben: Facebook muss fairstaatlicht werden, wie ich das nenne, es gehört zur öffentlichen Grundversorgung. Wir brauchen auch ein europäisches Google: „Eugle“.

Die EU ist auch ein Friedensprojekt. Bereitet Ihnen der Brexit in dieser Hinsicht Sorgen?

Nein, die EU ist eher ein Wirtschaftsprojekt. Die Erzählung, dass die EU Frieden garantiert, soll davon nur ablenken. Erstens hätten wir auch ohne die EU keinen Krieg in Europa, und zweitens haben wir ihn trotzdem, wenn Sie an Jugoslawien denken.

Die konservative englische Abgeordnete Nadine Dorries hat sich zuletzt empört darüber gezeigt, dass die Briten keine Sitze mehr im EU-Parlament haben werden, wenn sie nicht mehr in der EU sind. Könnten Sie die britischen Interessen mitvertreten?

Das sichere ich gerne zu. Es sieht ja so aus, als könnte „Die Partei“ bei der Europawahl in diesem Jahr zwei Sitze erringen. Da müssen wir uns neu ausrichten. Nico Semsrott kann die tagesaktuelle Arbeit übernehmen, und ich setze mich für die Briten ein.

Auf was freuen Sie sich in der nächsten Legislaturperiode?

Ich freue mich, dass Semsrott kommt. Er steht nach mir auf Nummer zwei unserer EU-Liste und hat versprochen, 60 Filme aus Europa zu liefern, jeden Monat einen. Dafür gibt es genug komischen Stoff. Die weiteren Kandidaten auf unserer Wahlliste heißen mit Nachnamen Göbbels – allerdings mit „ö“ –, Speer, Eichmann, Bormann, Heß, Keitel, Bombe und Krieg.

Was ist die Idee dahinter?

In Deutschland wird kaum thematisiert, dass es in der EU starke Remilitarisierungsbestrebungen gibt. Im nächsten EU-Haushalt sind erstmals mehr Gelder für Grenzsicherung, Waffenentwicklung und das Aufstellen einer EU-Armee vorgesehen als für die Entwicklungshilfe. Dabei ist das nach dem Vertrag von Lissabon eigentlich alles verboten. Wir wollen mit diesen Namen auf der Wahlliste an die gute alte Zeit erinnern, in der in Europa noch geschossen wurde.

Wie steht es um Ihren Plan, dass nach dem Brexit im Parlament nur noch Deutsch gesprochen wird?

Schlecht. Leider verliere ich in diesem Jahr einen meiner Mitstreiter, Günther Oettinger, an die Privatwirtschaft. Ich stehe sowieso gerade unter Schock, nicht wegen des Brexits, sondern wegen des Broxits: Die CDU hat Elmar Brok abserviert, das bereitet mir Kopfzerbrechen.

Welche Gegner bleiben Ihnen noch?

Sie gehen mir langsam aus. Ich hatte drei dicke Kumpels im Parlament: Elmar Brok von der CDU, der ist weg, Jo Leinen von der SPD, der steht nur auf Platz 27 der Liste, also auch weg, und Herbert Reul von der CDU, der ist Innenminister in Nordrhein-Westfalen geworden. Unterhaltsam sind jetzt nur noch die Ukip-Leute. Es war schon lustig, einen britischen Schirmmacher hinter mir sitzen zu haben. Die vertreten eine ganz andere Bevölkerungsschicht, was ja auch nicht so schlecht ist.

Bleiben Ihnen noch ein paar skurrile Gestalten?

Naja, es gibt noch meine Sitznachbarin, eine Antisemitin aus Ungarn. Der Pole, der das Frauenwahlrecht abschaffen wollte, weil sich Frauen nicht für Politik interessierten, hat leider sein Mandat niedergelegt. Das Parlament wird in der nächsten Legislaturperiode jünger, gesichtsloser und weniger unterhaltsam sein. Auch wegen des Brexits.

Für Deutschland sehen Sie aber eine Zukunft in der EU?

Klar, wir sind das Land, das am meisten von ihr profitiert. Die ganz banale Schlussfolgerung aus den viereinhalb Jahren, in denen ich mich jetzt mit der Europäischen Union auseinandergesetzt habe, ist folgende: Das Konstrukt funktioniert – es ist nur mit den falschen Leuten besetzt. Wir haben eine konservative Mehrheit im EU-Parlament, wir haben eine konservativ geführte EU-Kommission, und wir haben einen mit konservativen Regierungschefs besetzten Rat. Das führt dazu, dass die EU ein Verbund ist, in dem große Wirtschaftsunternehmen 28 Länder auf dem Serviertablett vorgelegt bekommen. Die EU nutzt nicht die Vorteile, die ein 500 Millionen Köpfe zählender Verbund im Umgang mit Großkonzernen hätte. Man könnte sie ganz anders führen. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat, als er mal nüchtern war, gesagt, dass die Neoliberalität gar nicht festgeschrieben sei im Lissabonner Vertrag. Man könnte die EU also auch viel sozialer führen, dazu müssten die Menschen in Europa nur linker und grüner wählen.

Das ist aber immer noch deren Entscheidung.

In der Tat, so ist das demokratische System beschaffen. Ich sage ja: Meine Schlussfolgerung ist ganz banal.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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