Mütter in der Politik

Britische Abgeordnete wegen Baby im Saal ermahnt

Von Jochen Buchsteiner, London
24.11.2021
, 14:53
Labour-Politikerin Stella Creasy sitzt mit ihrem Baby im Parlament.
Die Labour-Politikerin Stella Creasy bringt ihren Sohn mit zu einer Debatte im Unterhaus – und wird deshalb ermahnt. Nun übt sie Kritik an der Haltung des Parlaments.
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Ist die vielzitierte „Mutter der Parlamente“ – das britische Unterhaus – mütterfeindlich? Diese Frage stellte die Labour-Abgeordnete Stella Creasy, nachdem sie am Dienstag von der Spitze des Unterhauses ermahnt wurde, ihr Baby nicht mehr in den Plenarsaal zu bringen. Creasy war um so überraschter, als sie nicht nur ihren Sohn, sondern vorher schon dessen Schwester mehrmals in Debatten mitgenommen und dort gestillt hatte. Offiziell untersagen die Statuten dies, aber bisher hatte niemand protestiert.

Die Ermahnung kam von einer Frau, der in Ritterwürden stehende Dame Eleanor Laing, die wiederum dem stellvertretenden Parlamentspräsidenten zuarbeitet. Creasys Verhalten, schrieb Laing, stehe nicht im Einklang mit den Hausregeln über „Benehmen und Höflichkeit“. In den erst unlängst überarbeiteten Passagen heißt es: „Wer von einem Kind begleitet ist, sollte seinen Sitz in der Kammer nicht einnehmen und auch nicht am Rand der Kammer stehen.“

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Als erste Frau hatte vor sieben Jahren die damalige Libdem-Abgeordnete Jo Swinson das Tor aufgestoßen. Sie forderte, dass Frauen ihre Babys in Debatten mitbringen dürfen und erhielt dafür viel Zustimmung, aber auch Ablehnung – nicht nur unter Männern. Eine prominente Fernsehjournalistin bezeichnete Swinsons Vorstoß damals als „Gaga“. Ein Baby im Parlament würde die Frauen von der Arbeit abhalten, weil Muttersein ein Vollzeitjob sei, schrieb sie. Swinson überzeugte das nicht, und vier Jahre später tauchte sie als erste Abgeordnete mit einem Baby im Plenarsaal auf.

Stillen, „wenn nötig“

Seither wurde die Angelegenheit liberal gehandhabt. Die Labour-Abgeordnete Alex Davies-Jones versicherte der BBC, der „Speaker“ des Unterhauses habe ihr persönlich versichert, dass sie ihr Baby in der Kammer stillen dürfe, „wenn nötig“. Auch Justizminister Dominic Raab, Stellvertreter des Premierministers, warb am Mittwoch für Pragmatismus. Er habe „eine Menge Sympathie“ für Creasy und halte es für wichtig, „dass unser Beruf in die moderne Welt gebracht wird“. Ein Baby im Unterhaus „würde mich nicht ablenken oder meiner Arbeit im Wege stehen“, sagte Raab, konzedierte aber der Parlamentsführung, dass sie „die richtige Balance“ finden müsste.

Creasy unterstützt eine Initiative mit dem Namen „This Mum votes“ (Diese Mama wählt), die Müttern den Weg in die Politik erleichtern will. Am Mittwoch kritisierte sie „das System“. So stehe ihr als Abgeordnete kein Mutterschutz zu, was schlecht sei für die Demokratie. „Ich versuche nur mein Bestes, um sicherzustellen, dass (ihr Wahlkreis) Walthamstow weiterhin eine Stimme hat.“ Creasy fügte an: „Ich habe ein Baby – damit aber nicht mein Gehirn verloren oder meine Fähigkeit, Dinge zu tun, und unsere Politik sowie unsere politischen Entscheidungen wären besser, wenn wir mehr Mütter am Tisch sitzen hätten.“ Die Unterhausleitung wollte sich am Mittwoch nicht zu dem Fall Creasy äußern und ließ ausrichten, sie befinde sich „in Kontakt“ mit der Abgeordneten.

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Quelle: F.A.Z.
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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