Die Frau hinter Emily Doe

Sie hat nun einen Namen

Von Leonie Feuerbach
22.10.2019
, 09:54
Vor Gericht verlas sie einen Brief an ihren Peiniger und wurde so als anonymes Opfer im „Stanford Rape Case“ weltbekannt. Jetzt hat Chanel Miller ein Buch veröffentlicht.
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Die erste Welle des Entsetzens spürte Chanel Miller, als sie am 18. Januar 2015 im Universitätskrankenhaus von Stanford auf die Toilette ging, sich unter dem Klinikkittel den Slip herunterziehen wollte – und ins Leere griff. Sie konnte sich an nichts erinnern und hatte sich bis dahin eingeredet, es sei ein Missverständnis, dass man sie wegen eines sexuellen Übergriffs ins Krankenhaus gebracht hatte. Sie wurde eingehend untersucht. Fotos zeigten Kiefernnadeln im Haar, Abschürfungen an Nacken, Schlüsselbein und Po. Man fragte sie, ob sie Anzeige erstatten wollte. In den Gerichtsakten wurde sie zu Emily Doe.

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Anderthalb Jahre später, nach zermürbenden Prozesstagen und unzähligen Wellen immer tieferer Verzweiflung, wurde der Täter zu sechs Monaten Haft verurteilt. Eine längere Strafe, so der Richter, wäre ein „schwerer Schlag“ für den jungen Mann gewesen, der als „vielversprechender“ Student und Schwimmer in Stanford galt. Das Urteil im „Stanford Rape Case“ rief damals in aller Welt Aufsehen hervor. Die Erklärung, die Emily Doe vor Gericht verlas, wurde millionenfach gelesen und geteilt. An diesem Dienstag erscheint Chanel Millers Buch „Ich habe einen Namen“ im Ullstein-Verlag: Die Siebenundzwanzigjährige lässt das Pseudonym aus den Akten hinter sich.

Chanel Miller durfte 2014 während des Amoklaufs von Isla Vista ihr Zimmer auf dem Campus der University of California nicht verlassen, bei dem Elliot Rodger sechs Personen tötete, weil er sich vom anderen Geschlecht abgewiesen fühlte. Nachdem ihr Peiniger mit einer milden Strafe davongekommen war, wurde Donald Trump zum Präsidenten Amerikas gewählt und Brett Kavanaugh von ihm zum Obersten Richter ernannt, obwohl beiden sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden. „Erst beim Schreiben wurde mir klar, wie all das zusammenhängt“, erzählt Chanel Miller. „Es sind alles Symptome eines größeren Problems, eines Musters von männlichem Anspruchsdenken, das besagt: ,Wenn ich nicht kriege, was ich will, wirst du dafür bezahlen.‘ Und dieses sexuelle Anspruchsdenken hat nichts damit zu tun, welches Kleid eine Frau trug oder wie betrunken sie war. Aber indem sie sich immer wieder auf solche Fragen stürzt, trägt die Gesellschaft zu diesem Muster bei.“

„Twenty minutes of action“

Am 17. Januar 2015 hatte Chanel Miller, damals 22 Jahre alt, ihre jüngere Schwester und deren Freundinnen auf die Party einer Verbindung in Stanford begleitet. Miller hatte das College schon verlassen und arbeitete bei einem Start-up in ihrer Geburtsstadt Palo Alto in Kalifornien. Sie hatte viel getrunken, vertrug aber weniger als zu College-Zeiten. In jener Nacht wurde sie halb nackt, ohne Handy oder Portemonnaie, bewusstlos hinter einer Mülltonne in der Nähe des Verbindungshauses aufgefunden. Ein Mann, der schon mit den Fingern in sie eingedrungen war und sich wohl gerade an seiner Hose zu schaffen machte, als zwei schwedische Austauschstudenten ihn entdeckten und überwältigten, kam in Untersuchungshaft.

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Vor Gericht bat der Vater des Täters den Richter, „twenty minutes of action“ nicht das Leben seines Sohns ruinieren zu lassen. Als der erste Artikel zum Fall erschien, war Brock Turner schon gegen eine Kaution in Höhe von 150.000 Dollar freigelassen worden. In dem Text stand, dass der Neunzehnjährige, Student im ersten Semester, in der Highschool zweimal den Rekord seines Bundesstaats im Freistil gebrochen hatte. Die Kommentare darunter lauteten: „Was hatte eine College-Absolventin auf einer Verbindungsparty zu suchen?“, „Wieso betrinkt sich irgendeine Frau dermaßen?“ und „Es gibt Frauen da draußen, die echten Missbrauch erleiden.“

Das Muster sollte sich im Prozess wiederholen. Der Verteidiger befragte Miller ausführlich zu ihrem Alkoholkonsum an jenem Abend und hob Turners Talente hervor, seinen Wunsch, als Schwimmer bei Olympia anzutreten. Millers Ziele und Talente spielten hingegen keine Rolle.

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„Die Unis sind um ihren Ruf besorgt“

Als sie ihre wortgewaltige Erklärung verlas, wurde spekuliert, ein professioneller Anwalt für misshandelte Frauen habe es verfasst. Niemand wusste, dass Millers chinesische Mutter eine in ihrem Heimatland berühmte Autorin ist und Miller selbst schon immer geschrieben hatte. Schließlich war sie nur ein Opfer ohne Namen, eine junge Frau, die einen Fehler begangen und zu viel getrunken hatte. In den Augen mancher Männer schien dieser Fehler nicht weniger schwer zu wiegen als das Verbrechen Turners – in den Augen mancher Frauen aber auch.

„Frauen wollen sich mit Opfern nicht identifizieren“, vermutet Chanel Miller. „Sie wollen im Glauben weiterleben, dass ihnen selbst so etwas niemals passieren könnte, weil sie sich nicht so leichtsinnig verhalten würden.“ Viele schreckten davor zurück zu erkennen, dass auch sie jederzeit Opfer werden könnten.

Es spricht aber vieles dafür, dass genau das die traurige Realität ist. Manchen Umfragen zufolge werden 20 Prozent aller Studentinnen an amerikanischen Universitäten Opfer sexueller Belästigung. „Wenn jede fünfte Frau auf dem Campus eine schlimme Krankheit hätte, würde die Universitätsleitung laut und deutlich sagen, dass es so nicht weitergeht und etwas dagegen unternehmen“, sagt Chanel Miller. „Sexuelle Übergriffe hingegen werden meist verschwiegen behandelt, denn die Unis sind um ihren Ruf besorgt.“

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So klar war vor drei Jahren auch ihre Erklärung vor Gericht, formuliert als ein Brief von Emily Doe an ihren Peiniger. Er begann mit den Worten: „Du kennst mich nicht, aber du warst in mir und deshalb sind wir heute hier.“ Und es endet mit: „An die Mädchen auf der ganzen Welt: Ich bin bei euch.“ Im Internet wurde ihre Erklärung millionenfach gelesen, und Hillary Clinton zitierte daraus in ihrer Rede zum Eingeständnis ihrer Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen.

Die MeToo-Bewegung nahm erst ein Jahr später Fahrt auf, trotzdem betrachten viele Millers Erklärung als eine von vielen Initialzündungen. „Jede Stimme hat einen Einfluss, auch wenn der vielleicht nicht immer messbar ist“, sagt Miller dazu. „Mir hat MeToo Mut gemacht, meine Geschichte unter meinem richtigen Namen zu veröffentlichen. Denn als alle diese Frauen mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit gegangen sind, habe ich sie nicht nur als Opfer gesehen, sondern als komplexe, beeindruckende Persönlichkeiten.“

Jahrelang hat dennoch vor allem das Chanel Millers Leben dominiert: dass sie Opfer geworden war. Sie verbarrikadierte die Fenster, konnte nur bei Licht schlafen, drückte sich jeden Morgen einen eiskalten Löffel mit der Unterseite auf ihre vom Weinen geschwollenen Augen, wollte nicht mehr weiterleben. Noch heute stellt sie sich jedes Mal, wenn sie abends ausgeht, vor, wie sie den Abend vor Gericht erklären würde: Warum sie ein zweites Glas Wein getrunken habe und warum war sie nach Hause gelaufen sei, statt ein Taxi zu nehmen? Doch die Stimmen in ihrem Kopf werden leiser. Es war hilfreich, die künstliche Spaltung ihrer Identität in Emily Doe und Chanel Miller zu beenden.

Und auch der weitere Verlauf der Dinge half ihr: Der Richter, auf den ihre Erklärung wenig Eindruck gemacht hatte, wurde im Juni 2018 abgewählt. Außerdem wurde die Gesetzeslage in Kalifornien verändert und die Definition von Vergewaltigung erweitert, die Strafen verschärft. Brock Turners Berufung scheiterte im August 2018 vor Gericht, es wird keine weiteren Verhandlungstage geben. „Ich kann jetzt machen, was ich will“, sagt Chanel Miller. Vor allem will sie weiter Bücher schreiben, am liebsten für Kinder, und sie selbst illustrieren: „Die Zukunft gehört mir.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Feuerbach, Leonie
Leonie Feuerbach
Redakteurin in der Politik.
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