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Interview zur Mathe-Olympiade

„Da gibt es wirklich Aufgaben, die zu schwer sind“

Von Thiemo Heeg
 - 12:41
Ist ziemlich gut in Mathe: Norman Bitterlichzur Bildergalerie

Herr Bitterlich, Zehntausende Schüler protestieren, weil ihr Mathe-Abitur angeblich zu schwer war. Kann das sein?

Ich kenne die Aufgaben nicht, aber ich habe tiefes Vertrauen, dass die Aufgabenkommission dem Lehrplan angepasste Aufgaben auswählt. Ich habe eher die Sorge, dass die Abiturienten viel gelernt haben, viel wissen, aber nicht mehr wissen, wie sie bei einem fremden Aufgabentext ihr Wissen anwenden. So erscheinen die Aufgaben so schwer, dass sie behaupten, das hätten sie nie im Unterricht gehört.

Diese Schüler können nur auswendig Gelerntes und versagen im Transfer?

Das könnte schon dahinterstecken. Für einige können die Aufgaben sicher zu schwer gewesen sein, das ist jedes Jahr der Fall, aber nicht für 60.000 Abiturienten. Schließlich hat jeder, der die Aufgaben gestaltet, eine Basis, den Lehrplan. Das ist in Wettbewerben wie der Mathematik-Olympiade ganz anders. Da gibt es wirklich Aufgaben, die zu schwer sind. Dann gewinnt man eben mit einer Aufgabe weniger und ist trotzdem der Beste. Aber für die Abiturienten habe ich schon Verständnis, das ist tragisch für sie, das würde ich nicht wegreden wollen.

Fachleute wie der OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher sagen, es gehe im Abitur auch darum, wie ein Mathematiker zu denken. Ist diese Kunst in der Schule abhandengekommen?

Dieser Anspruch ist nicht mehr realistisch. Dass die Masse der Schüler wie Mathematiker denkt, das kann die Schule nicht mehr leisten.

Was bedeutet das eigentlich: wie ein Mathematiker denken?

Es geht darum, Zusammenhänge zu erkennen, sich selbst Dinge wieder zu erarbeiten. Wenn man mal eine Formel vergisst, muss sich ein Mathematiker die Formel wieder erarbeiten können. Die Schulrealität sieht anders aus, das habe ich bei meinen eigenen Kindern erlebt: Es ist ein schematisches Lernen. Ein schönes Beispiel: Pythagoras kennt jeder Schüler, a2+b2=c2. Dann legt der Lehrer ein Dreieck hin mit den Seiten x, y und z, und schon ist dieses Wissen nicht mehr da. Die Schüler haben nicht verstanden, was sie da gelernt haben, und können es nicht anwenden.

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Woran liegt das?

Der Schule geht die Zeit verloren, die man braucht, hinter die Dinge zu schauen. Beweise gibt es ja fast gar nicht mehr. Damit sind die Schüler nicht mehr in der Lage, ihr Wissen in Situationen anzuwenden, wo die Lösung nicht gleich auf der Hand liegt. Viele verlieren auch das Zahlengefühl. Sie können nicht mehr interpretieren, was sie herausbekommen haben. Das liegt auch daran, dass sie technikgläubig sind. Was auf der Anzeige steht, ist richtig, da muss ich nicht nachdenken, ob das Komma an der richtigen Stelle steht.

Also sind die Taschenrechner schuld?

Ich würde nie den Taschenrechner oder den Computer verteufeln. Aber man darf nicht verlernen, wie man es per Hand rechnen müsste. Das macht zum Beispiel die Mathematik-Olympiade aus: Nicht dass man ein Ergebnis findet, ist entscheidend. Die Teilnehmer müssen die Korrektoren vielmehr überzeugen, dass ihre Gedankengänge lückenlos sind und man zwangsläufig auf dieses Ergebnis kommen muss. Das lässt sich richtig üben, das geht auch verloren, wenn man nicht richtig übt.

Die Mathematik-Olympiade startet alljährlich mit rund 200.000 Schülern, und nach drei regionalen Aufgabendurchgängen bleiben aus allen Bundesländern 200 übrig, die in die Bundesrunde eingeladen sind. Wie kommt man so weit?

Sie trainieren erfolgreich. Das sind Profis wie im Sport. Sie trainieren nicht Aufgaben, sondern Lösungsansätze. Die Schüler können an einer Aufgabenstellung recht schnell erkennen, was ein erfolgreicher Lösungsweg sein kann. Das zeichnet sie aus. Das geht über Schulstoff eindeutig hinaus. Vielleicht braucht man auch Begabung, weil man es wohl mit Fleiß alleine nicht schafft. Und man braucht Zielstrebigkeit, Hartnäckigkeit.

Die Mathe-Olympiade ist eine der wenigen Erfindungen der DDR, die es ins vereinte Deutschland geschafft haben.

Da sind wir stolz drauf. Die DDR nahm als eines der ersten Länder an der internationalen Olympiade (IMO) teil. Man glaubte, dort wegen des Schulsystems Erfolg zu haben. Das Ergebnis jedoch fiel unbefriedigend aus. Daraufhin wurde die nationale Mathematik-Olympiade als Fördersystem entwickelt. Damit war man in den weiteren IMOs dann auch erfolgreich.

Im Westen gab es das nicht?

In der alten Bundesrepublik setzte man auf den Bundeswettbewerb Mathematik, dessen Aufgaben alleine zu Hause gelöst werden. Im Osten machten wir die Erfahrung, dass unsere Schüler die Klausurwettbewerbe nicht missen wollen mit ihren sozialen Kontakten, mit Gleichgesinnten und der Möglichkeit, neue Freunde kennenzulernen. So hat es nach der Wiedervereinigung nur fünf Jahre gedauert, bis alle Bundesländer mitgemacht haben.

Es ist auch ein Wettkampf der Bundesländer untereinander?

Eigentlich ist es ein Einzelwettbewerb. Aber jedes Bundesland schickt eine Mannschaft. Wir Sachsen waren in den letzten Jahren immer unter den ersten drei.

Sie sind ein direkter Nachfahre von Adam Ries, auch bekannt als Adam Riese.

Ja, in 14. Generation.

Stolz darauf?

Stolz ist nicht das richtige Wort. Für mich als Mathematiker ist das ein schöner Aufhänger. Wenn ich im Kostüm in die Klassen komme, gehört mir die erste Viertelstunde vollends, da sind die Viert- und Fünftklässler sehr beeindruckt.

Im Kostüm?

Ja, ich trete als der alte Rechenmeister auf, der zu einer historischen Rechenstunde einlädt. Ich erkläre, warum Ries im 16.Jahrhundert so wichtig war als Rechenmeister. Für Kinder wird das erlebbar, wenn man über die unterschiedlichen Längenmaße in den vielen Kleinstaaten damals erzählt. Sie vergleichen zum Beispiel ihre eigenen unterschiedlich langen Ellen – und erfahren, dass man dafür rechnen können muss.

Wie oft treten Sie auf?

Ich habe ja noch einen Beruf als Statistiker in einem Medizinservice-Unternehmen, mache das also in der Freizeit. Sogar die Leiterin einer Rentnergruppe hat mich einmal zu einer Weihnachtsfeier eingeladen. Als mich die Senioren sahen, wurden die Gesichter müde. Das soll der Ehrengast sein? Welcher Senior will auf der Weihnachtsfeier rechnen? Trotzdem gelang es, mit Mathematik eine unterhaltsame Veranstaltung zu machen. Am Ende waren die Zuhörer begeistert.

Sehen Sie sich in der Pflicht, das Erbe von Ries fortzuführen?

Das wäre ein bisschen hochtrabend formuliert. Ich sehe mich in der Pflicht, um Nachwuchs zu werben. Der kommt nicht von allein, dafür nutze ich die historische Schiene. Einige Schüler aus den fünften Klassen treffe ich später wieder, die kennen mich als Herrn Ries, meinen wirklichen Namen haben sie vergessen.

Wie lassen sich eigentlich 14 Generationen nachverfolgen?

Über den Adam-Ries-Bund. Es gab in Annaberg, wo Ries gestorben ist, schon zu DDR-Zeiten Ries-Forscher. Das funktioniert vor allem über Kirchenbücher, die man bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen kann. Heute sind 25.000 Ries-Nachfahren bekannt. Mein Großvater war Erzgebirger. Da fiel die Prüfung leicht.

Man sagt immer „nach Adam Riese“. Manche sprechen da von einem „riesigen Fehler“. Also Ries oder Riese?

Riese ist das Dativ-E, also „nach dem Adam Riese“, so erklären es die Erzgebirger. Staffelstein, sein Geburtsort in Oberfranken, nennt sich „Adam-Riese-Stadt“, Annaberg „Adam-Ries-Stadt“. Aber wir sind natürlich überzeugt, dass unsere Theorie stimmt.

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Quelle: F.A.Z.
Thiemo Heeg - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thiemo Heeg
Redakteur in der Wirtschaft.
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