Dürre in China

Tausend Salven für etwas Regen

Von Friederike Böge, Peking
18.08.2022
, 16:17
Eine „Impfung“ für die Wolken: In Shaoyang bereiten Militärangehörige Salven mit Silberjodid für den Abschuss vor.
Kaum Regen und Temperaturen von mehr als 40 Grad: Seit zwei Monaten leidet China unter Extremwetter. Fabriken müssen ihren Betrieb einstellen, Bauern fürchten um ihre Ernte. Die Regierung will das Wetter selbst in die Hand nehmen.
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China geht mit Geschützen, Kanonen und Flugzeugen gegen die extreme Dürre vor, unter der Städte und Gemeinden entlang des Jangtse-Flusses seit mehr als zwei Monaten leiden. In der Provinz Anhui seien in dieser Woche fast 1000 Salven Silberjodid in den Himmel ge­schossen worden, um Regen zu erzeugen, berichtete die Parteizeitung „China Daily“. Die Provinz Hubei setzte ein Spezialflugzeug des staatlichen Wetterdienstes ein, um kleine Partikel Silberjodid in Wolken zu injizieren und sie zum Ab­regnen zu bringen. In der Millionenstadt Chongqing seien zum gleichen Zweck 625 Schuss Spezialmunition aus Kanonen abgefeuert worden, berichtete die Zeitung. Solche Methoden zur Manipulation des Wetters werden in China seit Jahrzehnten eingesetzt. In anderen Ländern, wie den Vereinigten Staaten, gibt es ähnliche Programme, wenn auch in kleinerem Maßstab. In der Vergangenheit hat China die Methode unter anderem an­gewandt, um zu wichtigen politischen Anlässen wie den Olympischen Spielen von 2008 blauen Himmel zu gewährleisten. Ob es in dieser Woche tatsächlich gelang, Regen zu erzeugen, wurde nicht mitgeteilt.

Regenmangel und extreme Hitze haben die Pegelstände im Mittel- und Unterlauf des Jangtse auf das niedrigste Niveau seit dem Beginn der Erhebung im Jahr 1961 sinken lassen. Seit Juli fiel in der Region nur etwa halb so viel Regen wie sonst in der Jahreszeit üblich. In vielen Städten stiegen die Temperaturen auf mehr als 40 Grad. In Chongqing etwa wurden am Mittwoch 44 Grad gemessen. Viele Bauern fürchten nun um ihre Ernten, in manchen Regionen wird das Trinkwasser knapp. Um Abhilfe zu schaffen, sollen in den kommenden Tagen 830 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Drei-Schluchten-Staudamm abgelassen werden. Das Finanzministerium hat Nothilfen gegen Dürreschäden zugesagt. Betroffen sind einige der wichtigsten Reis- und Getreideanbaugebiete des Landes. Vor fast genau einem Jahr war die gleiche Flussregion von einer Flutkatastrophe betroffen gewesen. Laut dem chinesischen Wetterdienst hält die Extremhitze schon seit 67 Tagen an. Der bisherige Hitzerekord lag bei 62 Tagen und wurde 2013 erreicht. Für mindestens 138 Städte wurde am Mittwoch die höchste Hitzewarnstufe ausgerufen. Die Behörden rechnen nicht vor September mit einer Entschärfung der Lage. Die Hitzewelle sei „anhaltend, breitflächig und von extremer Intensität“. In den kommenden zwei Wochen könnte sie noch intensiver werden.

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Zimmer­temperatur nicht unter 26 Grad

Auch der Pegelstand im Poyang-See, Chinas größtem Binnengewässer, sank auf den niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1961. Der See ist ein wichtiges Biotop für Zugvögel. Verursacht wird die Dürre laut Meteorologen durch ein ungewöhnlich großes Hochdruckgebiet über dem westlichen Pazifik. Inzwischen wird der Klimawandel auch in China offen als Ursache für Extremwetterphänomene benannt. Zu einer gesellschaftlichen Debatte über die Klimaschutzmaßnahmen der Regierung führt das aber nicht.

Die Provinz Sichuan, die ihren Strom vor allem aus Wasserkraftwerken bezieht, rationierte den Strom für Unternehmen. Die meisten Fabriken, mit Ausnahme system­relevanter Werke, mussten ihren Betrieb für sechs Tage einstellen. Zu den betroffenen Unternehmen zählen Toyota, Foxconn und der Autobatteriehersteller CATL. In der Metropole Chongqing waren es sogar sieben Tage. Zur Begründung teilte die Provinz Sichuan mit, die Strom­versorgung der Bevölkerung habe Vorrang. Allerdings wurde auch Privathaushalten der Strom stundenweise abgestellt. Die Hitze hat den Stromverbrauch durch Klima­anlagen in die Höhe schnellen lassen. In manchen Behörden wurden die Angestellten angewiesen, die Zimmer­temperatur nicht unter 26 Grad zu senken.

Ein Grund für den Strommangel in Sichuan ist der ineffektive Strommarkt in China. Trotz der Rationierung exportiert Sichuan weiter Strom an andere Provinzen, weil es durch langfristige Verträge gebunden ist. Wegen solcher Fehlanreize bauen viele Provinzen eigene Kohlekraftwerke, obwohl auf dem Markt bereits Überkapazitäten bestehen, die bei regionalen Eng­pässen nicht effektiv verteilt werden. Der stellvertretende Ministerpräsident Han Zheng besuchte am Mittwoch den staatlichen Stromversorger State Grid Corporation und mahnte eine zügige Umsetzung von Reformen an.

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Quelle: F.A.Z.
Friederike Böge
Friederike Böge
Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.
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