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Geburtenrückgang in China

Der lange Schatten der Ein-Kind-Politik

Von Friederike Böge, Peking
 - 15:34
Chinesische Kinder nehmen an einem Wassermelonen-Wettessen in einem Kindergarten in der Provinz Hebei teil. (Archivbild)

Chinas Statistikamt hatte am Freitag eine schlechte Nachricht zu verkünden: Die Geburtenrate ist auf den niedrigsten Stand seit 1961 gefallen. Im vergangenen Jahr wurden fast vier Prozent weniger Kinder geboren als im Jahr zuvor. Insgesamt waren es 14,65 Millionen – und damit fast so wenige wie zum Ende der großen Hungersnot vor fast 60 Jahren.

Demographen warnen schon seit Jahren vor den dramatischen Folgen des Nachwuchsmangels. Das wird oft auf die Formel gebracht: China wird alt, bevor es reich wird. Prognosen zufolge wird die Zahl der Erwerbstätigen bis zum Jahr 2050 um 24 Prozent gegenüber 2018 sinken. Im Jahr 2030 wird der durchschnittliche Chinese 43 Jahre alt sein. Entsprechend dramatisch dürften die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und das Rentensystem sein. Die Gefahr der Altersarmut vor allem für Frauen wird deutlich steigen.

Kündigung wegen des dritten Kinds

Weil sich das seit langem abzeichnet, hatte China im Jahr 2016 – und damit viel zu spät – seine Ein-Kind-Politik abgeschafft. Doch der erhoffte Effekt blieb aus. Die Geburtenrate ist seither kontinuierlich gesunken, statt zu steigen. Das hat zum einen mit der Modernisierung der Gesellschaft zu tun. Chinas Frauen heiraten später, bekommen später ihr erstes Kind und wollen ihre Karriere und ihre Freiheit nicht durch ein zweites Kind beschränken. Die Zahl der Single-Frauen und die Scheidungsrate sind parallel zum Bildungsstand der Frauen gestiegen. Ein weiterer Faktor sind die hohen Kosten der Eltern für Bildung, Gesundheit, Wohnen und die Versorgung. Zudem mangelt es an Kindergartenplätzen und an Kündigungsschutz für Mütter. Die Ein-Kind-Politik, die 1980 eingeführt wurde, hat die Einstellungen in der Gesellschaft zum Kinderkriegen nachhaltig geprägt. Nur ein Kind zu haben, ist zur Norm geworden. Viele junge Eltern haben selbst nie erlebt, was es heißt, Geschwister zu haben.

Trotz des erklärten Ziels der Regierung, die Geburtenrate zu steigern, hält das Land offiziell noch immer an seiner Zwei-Kind-Politik fest. Das führt zu der absurden Realität, dass Eltern in vielen Fällen noch immer hohe Bußgelder bezahlen müssen, wenn sie ein drittes Kind bekommen. Außerdem droht ihnen der Verlust ihres Arbeitsplatzes, wenn sie beim Staat angestellt sind. Das chinesische Online-Magazine „Sixth Tone“ beschrieb am Freitag den Fall eines Polizisten und einer Lehrerin in der Provinz Guangzhou, die beide wegen der Geburt ihres dritten Kindes entlassen wurden. Dabei hatte die Provinzregierung auf Druck des Volkskongresses 2018 ihre Richtlinien so angepasst, dass darin keine Aufforderung an öffentliche Arbeitgeber mehr enthalten war, in solchen Fällen die Kündigung auszusprechen. Ein Provinzgericht in Guangzhou entschied, dass Eltern ihren Arbeitgeber in solchen Fällen verklagen könnten. Doch die Arbeitgeber des besagten Ehepaars ließen sich davon nicht beeindrucken und der Vater bemühte sich vergeblich, eine Klage vor Gericht einzureichen.

Eine für Familienplanung zuständige Mitarbeiterin der Gesundheitsbehörde hatte dem Ehepaar vor der Geburt seines dritten Kindes sogar versichert, dass es keine Kündigung zu fürchten habe. Später wurde es von der gleichen Mitarbeiterin informiert, dass sie eine Geldbuße von umgerechnet 20.000 Euro zahlen müssten.

Wohl des Menschen statt staatlicher Steuerung

Grund dafür ist ein Wirrwarr an widersprüchlichen Richtlinien, in denen zum Teil noch die Logik der Familienplanung zum Vorschein kommt. So gehört die Einhaltung der Zwei-Kind-Politik in vielen Staatsbetrieben noch immer zu den Maßgaben, an denen der Erfolg einer Führungskraft gemessen wird. Zudem stemmen sich viele Mitarbeiter der einst mächtigen Familienplanungsbehörde, die 2018 ins Gesundheitsministerium integriert wurde, gegen Neuerungen.

In einem viel beachteten Artikel forderte der Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts Evergrande, Ren Zeping, in dieser Woche eine sofortige Abschaffung der Zwei-Kind-Politik und Maßnahmen zur Förderung junger Familien wie Steueranreize, Subventionen für die medizinische Versorgung von Schwangeren und jungen Müttern sowie den Ausbau von Kindergartenplätzen. Zuallererst aber sei es nötig, das überkommene Konzept einer Bevölkerungssteuerung durch Ideen zu ersetzen, bei denen das Wohl des Menschen im Mittelpunkt stehe. Solche Vorschläge sind nicht neu, in vielen Provinzen wird längst mit verschiedenen Maßnahmen zur Förderung junger Familien experimentiert. In der Regierung und in der Partei gibt es dafür viel Zuspruch. Doch offenbar auch viele Widerstände.

Der Leiter der Statistikbehörde, Ning Jizhe, bemühte sich am Freitag, den Zahlen etwas Positives abzugewinnen. Der Rückgang habe sich im Vergleich zu den Vorjahren verlangsamt, sagte er. Das sei eine Folge der Zwei-Kind-Politik. 57 Prozent der Neugeborenen seien Zweitgeborene. Glaubt man Kritikern wie dem Wissenschaftler Yi Fuxian, dann sind selbst die schlechten Zahlen noch geschönt. Der Mediziner von der University of Wisconsin-Madison wirft dem Statistikamt vor, die demographischen Daten seit Jahren zu fälschen, um die frühere Ein-Kind-Politik und die heutige Zwei-Kind-Politik zu rechtfertigen. „Sie müssen die demographischen Daten im Einklang mit der Vergangenheit halten, sonst würden sie nachträglich zur Verantwortung gezogen“, sagt Yi Fuxian im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Als Belege verweist er unter anderem auf Zensusdaten und das Gesundheitsjahrbuch. Dort wird die Zahl der Geburten Jahr für Jahr niedriger angegeben, als dies beim Statistikamt bei der Fall ist.

Quelle: F.A.Z.
Friederike Böge
Friederike Böge
Politische Korrespondentin für Ostasien.
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