Claudia Cardinale im Interview

„Die Schlacht geht weiter“

Von Rüdiger Sturm
12.07.2018
, 09:00
Bildnis der Schauspielerin als junges Model: Claudia Cardinale 1959 in Rom. Ihre Weltkarriere hatte sie da noch vor sich.
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Leinwandlegende Claudia Cardinale über ihren Einsatz für Frauen, eifersüchtige Männer, schneidend enge Korsette und ihre Filmpartner Belmondo, Delon und Kinski.
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Als wir sie vor ein paar Jahren einmal trafen, empfing sie uns in einem Apartment über der Seine, eklektisch gefüllt mit Einrichtungsgegenständen – afrikanische Tische, ein Stoffsessel aus Afghanistan, eine mit einem Tuch bedeckte Kommode; Kenner mögen darin ein Kostümstück aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ erkennen. Die Wohnung war durchzogen vom Rauch ungezählter Zigaretten. Für dieses Interview hat sich kein gemeinsamer Termin in Paris finden lassen, deswegen rufen wir bei Claudia Cardinale an. Was aber auch über diese Verbindung spürbar bleibt, ist ein schelmischer Humor, oft begleitet von einem kurzen Auflachen, und eine ungebrochene Lebensenergie.

Sie sind nur noch selten in der Öffentlichkeit zu sehen, aber in Cannes waren Sie beim Protestmarsch der 82 Frauen gegen die Ungleichbehandlung in der Filmbranche dabei...

Weil es wichtig ist, dass wir uns gegenseitig Mut machen. Ich habe an vielen Demonstrationen für Frauenrechte teilgenommen, habe immer für Frauen gekämpft. Auch in meiner Funktion als Unesco-Botschafterin. Momentan bin ich daran beteiligt, in Tunesien ein Festival für Frauenfilme ins Leben zu rufen.

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Sie unterstützen also auch Bewegungen wie „Me too“ oder „Time’s up“, während sich andere Schauspielerinnen Ihrer Generation wie Catherine Deneuve skeptisch zeigen.

Aber ja. Das ist eine Selbstverständlichkeit für mich. Es geht auch bei weitem nicht nur um die Filmbranche. Die Gewalt an sich gegen Frauen ist horrend. Ich habe durch meine Unesco-Arbeit viele Opfer getroffen, die auf brutalste Weise entstellt worden waren. Vor kurzem habe ich gelesen, wie viele Frauen in Italien von ihren Männern umgebracht werden. Die Schlacht für uns geht also weiter.

Sie wurden mit 17 selbst Opfer, als Sie auf dem Schulweg vergewaltigt wurden.

Es war schrecklich. Auch weil man damals nicht offen darüber sprechen konnte. Ich wurde mit meinem ersten Sohn schwanger, den ich zunächst als meinen kleinen Bruder ausgab.

Aber in der Filmbranche wurden Sie nicht behelligt? Bei Produktionen wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ zum Beispiel waren Sie eine von ganz wenigen Frauen am Set.

Was ich sehr genossen habe. Aber, nein, ich hatte in meiner Laufbahn nie Probleme mit Männern. Ich war auch immer ein sehr selbstbewusstes Mädchen. Ich habe viel Sport gemacht, prügelte mich ständig mit den Jungs. Wenn ich mit dem Zug in die Schule fuhr, dann sprang ich immer erst auf, als er sich schon in Bewegung setzte. Bei uns in der Familie waren auch die Rollen anders verteilt. Meine Mutter hatte die Hosen an, während mein Vater eher der sanfte Romantiker war.

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Gab es Frauen, die für Sie ein Vorbild waren?

Brigitte Bardot war mein Jugendidol. Ich habe mich so gestylt wie sie. Als sie davon erfuhr, schrieb sie mir einen Brief: „Ich liebe dich. Wir sollten einen Film zusammen drehen.“ Was wir dann auch getan haben – „Petroleum-Miezen“. Man erwartete, dass wir uns einen großen Zickenkrieg liefern, die Blonde gegen die Brünette. Die Paparazzi lauerten regelrecht. Aber im Gegenteil, wir waren die besten Freundinnen. Später entwickelte ich dann auch eine Bewunderung für die Politikerin Simone Veil, weil sie viel für Frauen erreicht hat.

Brigitte Bardot macht inzwischen mit kontroversen Aussagen von sich reden, kanzelte auch „Me too“ als lächerlich ab. Wollen Sie ihr nicht mal den Kopf waschen?

Wir haben leider keinen Kontakt mehr. Ich habe mal versucht, sie anzurufen, aber sie will lieber für sich sein.

Zu welchen Ihrer männlichen Kollegen hatten Sie das engste Verhältnis?

Dazu gehört Jean-Paul Belmondo, mit dem ich vier Filme gemacht habe. Wir waren wie zwei kleine Kinder, haben ständig Unsinn gemacht und den Leuten Streiche gespielt. Beim Dreh zu „Cartouche, der Bandit“ sagte er: „Kannst du nicht mal den Hoteldirektor anlächeln?“ Das habe ich getan. Und was machte er? Er klaute irgendwelche Sachen, während der Mann durch mich abgelenkt war. Ein wirklich schlimmer Junge.

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Und Alain Delon, Ihr Partner in Klassikern wie „Der Leopard“?

Der war nicht so verrückt. Aber wir hatten ein sehr gutes Verhältnis.

Angeblich wollte Luchino Visconti, dass Sie Delon vor der Kamera einen Zungenkuss geben.

Ja. Aber ich habe das nicht gemacht. Es war auch nicht ganz ernst gemeint. Ich glaube, dass Luchino eine Wette laufen hatte, dass ich mit Alain ins Bett gehe. Und damit wollte er wohl den Ausgang beeinflussen. Aber er hatte Pech.

Sie hatten nie Affären mit Ihren Co-Darstellern?

Nein. Ein Film ist ein Film, und das Leben ist das Leben. Beides soll man nicht durcheinanderbringen.

Sie waren nie versucht?

Na ja, 1961, am Anfang meiner Karriere, drehte ich „Das Mädchen mit dem leichten Gepäck“ mit Jacques Perrin. Und in den war ich schon etwas verknallt, auch wenn da nichts passiert ist. Das Problem war dabei nur, dass sich Männer davon angezogen fühlen, wenn du sie ablehnst. Sie geben nicht ohne weiteres auf. Wenn du dagegen ja sagst, dann interessieren sie sich nicht mehr für dich. Allerdings gab es da noch ein Hindernis. Denn ich war mit einem Mann zusammen, der ständig bei den Drehs war und auf mich aufgepasst hat.

Sie meinen den mächtigen Produzenten Franco Cristaldi, mit dem Sie von 1966 bis 1975 verheiratet waren.

Irrtum. Verheiratet waren wir nicht. Auch wenn er es gerne so gehabt hätte. Wir haben da zwar eine Zeremonie in den USA gehabt, aber ich habe das nach unserer Rückkehr nach Italien gleich annullieren lassen. Ich habe nie geheiratet. Meine Unabhängigkeit war mir immer wichtiger. Ich habe lediglich eine Konzession gemacht: Als ich von meinem langjährigen Partner, dem Regisseur Pasquale Squitieri, schwanger war, wollte ich unsere Tochter Anya nennen. Aber er bestand auf „Claudia“. Wenn schon nicht ich zu Claudia Squitieri wurde, dann zumindest sie.

„Ich war damals ein selbstbewusstes Mädchen“ – und schon damals rauchend.
„Ich war damals ein selbstbewusstes Mädchen“ – und schon damals rauchend. Bild: culture-images/photo12/

Cristaldi hielt indes die Zügel Ihrer Karriere in der Hand. Hat Sie das bei Ihrem Bedürfnis nach Unabhängigkeit nicht gestört?

Nun ja, ich hatte alles, was ich wollte: Ich lebte in einem schönen Haus samt Autos, konnte wunderbare Filme drehen und die Welt bereisen. Und im alltäglichen Leben ließ ich mir nichts vorschreiben. Ich zog durch die Gegend, wie es mir gefiel, ohne Bodyguards. Ich war wie ein Löwe im Käfig, aber ich habe nicht versucht auszubrechen.

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Sie sagten doch, Sie kämpfen für Frauenrechte. Warum sind Sie damals nicht für die Ihren aufgestanden?

Weil Konflikt nicht in meiner Natur liegt. Aber dann verliebte ich mich in Pasquale Squitieri, und für ihn habe ich mein altes Leben von einem auf den anderen Tag verlassen. Wenn ich gehe, dann gehe ich.

Und das lief ohne Probleme ab?

Absolut nicht. Damals hatte ich keinerlei Geld auf der Bank. Mein Vertrag mit Cristaldi war beendet. Und es war erst mal schwer für mich, Jobs zu finden: Viele Leute wollten sich nicht mit meinem früheren Partner anlegen. Pasquale ging es ähnlich. Es war, als würden wir auf einer schwarzen Liste stehen.

Warum ausgerechnet Pasquale Squitieri, nachdem Ihnen unzählige männliche Kollegen zu Füßen lagen?

Er war sehr intelligent, hatte viel Charakter. Er war leidenschaftlich und hatte wunderschöne Augen. Die sind für mich sehr wichtig. Und er besaß eben auch Mut. Denn er wagte es, einen der mächtigsten Produzenten Europas herauszufordern. Das machte ihn zum einzigen Mann, den ich je geliebt habe.

Ihre Karriere kam dann aber wieder in Schwung. Einer der späteren Höhepunkte war Werner Herzogs „Fitzcarraldo“. Offenbar hatten Sie keine Probleme mit dem Dreh am Amazonas.

Im Gegenteil. Für mich war das das größte Abenteuer überhaupt. Ich bin heute noch dankbar dafür. Ich hatte ein weißes Kleid an, und die Indios beteten mich an wie eine Göttin. Werner Herzog meinte zu mir: „Kannst du trotzdem ans Set kommen, auch wenn du nicht drehst? Denn sie werden nicht arbeiten, wenn du nicht dabei bist.“

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Sind Sie wirklich so hart im Nehmen? Manche Schauspieler stiegen wegen der Strapazen aus.

Ich erzähle Ihnen dazu eine Geschichte: Als ich „Der Leopard“ drehte, schnürte man mir das Korsett so eng, dass es mir ins Fleisch schnitt und ich blutete. Das ging den ganzen Film so, bis Visconti die Blutflecken sah. Er rief: „Warum hast du mir das nicht gesagt?“ Und ich meinte nur: „Das war nicht ich, die geblutet hat, das war Angelica, meine Figur.“ Ich liebe Schwierigkeiten. Wenn alles ganz leicht ist, interessiert es mich nicht.

Und mit Klaus Kinski hatten Sie auch keine Probleme?

Nein, der war zu mir immer fromm wie ein Lamm. Er wusste, dass ich mit Pasquale Squitieri zusammen war. In einem seiner ersten Filme arbeitete Pasquale mit ihm zusammen. Das war ein Italowestern, und in einer Szene wurde Kinski in eine Barschlägerei verwickelt. Am Schluss sollte man ihn hinauswerfen. Pasquale stand draußen vor der Bar und wartete, aber Kinski kam nicht raus. Statt dessen stolperte ein Statist nach dem anderen schreiend nach draußen, alle mit Verletzungen, Knochenbrüchen. Kinski wollte realistisches Kino machen, also verprügelte er die armen Leute. Da schnappte sich Pasquale einen Baseballschläger und schlug Kinski grün und blau. Daher hatte er offenbar einen Heidenrespekt vor Pasquale.

Sie trennten sich aber von ihm.

Wir beide sind eben starke Persönlichkeiten, und deshalb hatten wir auch unsere Streitigkeiten. Aber wir blieben ständig in Kontakt, riefen uns täglich an, auch wegen unserer Tochter.

Pasquale Squitieri ist ja im Februar vergangenen Jahres gestorben...

Das war sehr, sehr schwierig für mich. Wirklich schrecklich. Ich kam natürlich zur Beerdigung. Und er ist immer bei mir. In meiner Wohnung in Paris stehen lauter Fotos von ihm.

Wie empfinden Sie es, wenn ein Weggefährte nach dem anderen geht?

In Cannes wurde vor einigen Jahren eine restaurierte Fassung von „Der Leopard“ gezeigt. Alain Delon war auch dabei. In Tränen aufgelöst, meinte er zu mir: „Wir zwei sind die Einzigen, die noch am Leben sind.“ Und ja, es geht mir nahe, wenn ich mir das bewusstmache. Aber für mich sind diese Menschen nicht verschwunden. Bevor ich einschlafe, schließe ich die Augen und sehe zum Beispiel meinen Vater und meine Mutter vor mir. Das hat immer eine sehr beruhigende Wirkung auf mich.

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Sie scheinen jedenfalls noch viel Energie zu haben. Woher nehmen Sie die?

Aus der Arbeit. Deshalb mache ich ständig weiter. In den vergangenen Monaten stand ich in Italien auf der Bühne. Dort ist es ein bisschen schwieriger als im Film, weil du eben keine Einstellung wiederholen kannst, aber ich wollte mich bewusst herausfordern. Und der Kontakt zum Publikum gibt mir ebenfalls Energie. Das Gleiche gilt für die Arbeit mit jungen Filmemachern. Deshalb arbeite ich gerne mit Debütfilmern. Wenn mir das Drehbuch gefällt, bin ich sofort dabei. Das Einzige, was mich erschöpft, ist Warterei. Deshalb möchte ich ständig in Aktion bleiben.

Seltener öffentlicher Auftritt: Cardinale im Juni dieses Jahres in Brüssel.
Seltener öffentlicher Auftritt: Cardinale im Juni dieses Jahres in Brüssel. Bild: ddp/CrowdSpark/ Olivier Gouallec

Kosmetische Operationen haben Sie keine gemacht. Was tun Sie für Ihre Physis?

Spazieren gehen. Möglichst viel. Und lächeln. Meine Mutter meinte zu mir: „Wenn du lächelst, wirst du nicht alt.“

Wenn Sie ein Resümee ziehen: Haben Sie das Leben geführt, das Sie sich als Mädchen erträumten?

Ja und nein. Ich wollte eigentlich nie Schauspielerin werden, sondern als Entdeckerin um die Welt reisen. Aber andererseits habe ich mir mit meinem Beruf genau diesen Traum erfüllt. Ich habe auf der ganzen Welt Menschen kennengelernt. Solche Begegnungen sind der wahre Reichtum. Und damit will ich nie aufhören. Ich will mit nichts aufhören.

Wie wäre es mit dem Rauchen?

Auch damit nicht.

Vielleicht hätten Sie ohne Zigaretten noch mehr Energie?

Das glaube ich nicht. Abgesehen davon habe ich erst spät angefangen. Die Wirkungen werden nicht so schlimm sein. Und ich rauche sowieso nur Slim-Zigaretten ohne Nikotin.

Nikotinfreie Zigaretten – im Ernst?

Ich will lieber nicht wissen, was da drin ist (lacht laut und schallend).

Claudia Cardinale

Geboren am 15. April 1938 in Tunesien als Nachfahrin sizilianischer Auswanderer. Nach dem Gewinn eines Schönheitswettbewerbs, der sie zum Filmfestival von Venedig führte, feierte sie 1958 ihr Kinodebüt und avancierte zu einer der großen italienischen Diven der Sechziger.

Sie drehte mit legendären Regisseuren wie Luchino Visconti (“Rocco und seine Brüder“, „Der Leopard“) oder Frederico Fellini (“Achteinhalb“); spätestens Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ machte sie zur Ikone.

Ihr Kinder Patrick Cristaldi und Claudia Squitieri wurden 1957 und 1979 geboren. Claudia Cardinale war von 1966 bis 1975 mit dem Produzenten Franco Cristaldi und von 1975 bis 1999 mit dem Regisseur Pasquale Squitieri liiert.

Quelle: F.A.S.
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