Audienz bei Margarethe II.

Sie liebt das Rauchen und die Selbstironie

Von Matthias Wyssuwa, Kopenhagen
10.11.2021
, 09:41
„Anständiges Mädchen“: Königin Margrethe II. Anfang November mit Kindern, die bei einer Ballett-Inszenierung von „Die Schneekönigin“ tanzen.
Das letzte Mal, als die dänische Königin Margrethe II. einen Staatsbesuch abstattete, war Helmut Schmidt gerade Bundeskanzler geworden. Nun besucht sie Deutschland abermals. Eine Audienz bei einer erstaunlichen Königin.
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Die dänische Königin sagt, sie sei ein anständiges Mädchen gewesen. Sie habe nie heimlich geraucht. Margrethe II. sitzt im Schloss Amalienborg in einem golden verzierten Sessel und erzählt von ihrer ersten Zigarette. Sie habe sehr präzise Erinnerungen, besonders an ihre Kindheit, hat sie gesagt. Und offensichtlich auch an ihre erste Zigarette, mit 17 Jahren. „Wir saßen beim Tee, und meine Eltern fragten: Möchtest du eine Ziga­rette probieren?“ Beide seien große ­Raucher gewesen. „Ich sagte gerne, nahm eine Zigarette, und sie beobachteten mich.“ Sie ahmt nach, wie sie eine Zigarette zum Mund und wieder weg führt. „Mir gefiel es ziemlich gut, und ich begann zu rauchen.“ Die Königin lacht.

An diesem Mittwoch kommt Mar­grethe II. zu einem Staatsbesuch nach Deutschland. Und weil das eine große Sache ist, hat sie einigen deutschen Journalisten vorher eine Audienz in Kopenhagen gewährt. Sie spricht dabei nicht nur über ihre erste Zigarette, sondern über die Corona-Pandemie, die Tücken der deutschen Sprache und das Ver­hältnis ihrer Dänen zu dem großen Nachbarn im Süden. Denn auch wenn dieses Verhältnis heute stets als sehr gut gepriesen wird, war das mal ganz anders. Auch das führt zurück in die Kindheit und Jugend der Königin.

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Die erste Frau auf dem Thron seit 600 Jahren

Bevor es aber zu ihr geht, ist ein Gespräch angesetzt mit Lene Balleby, der Pressesprecherin des Hofs, und Kim Kristensen, dem Protokollchef. Ein Saal in einem Palais, in dem sonst Staatsgäste wohnen dürfen. Ein paar Fakten zum Königshaus, dessen Wurzeln mehr als 1000 Jahre zurück­reichen in die Wikingerzeit und bis zu Gorm dem Alten. Der starb 958 und gilt als erster König Dänemarks. In den Jahrhunderten danach hat sich vieles getan, neue Linien kamen hinzu und verbanden das dänische mit anderen Königshäusern in Europa und vor allem mit dem deutschen Adel. Die Macht der Könige in Dänemark wurde immer weiter eingeschränkt, und weil mit der Verfassungsänderung 1953 die Thronfolge neu geregelt wurde, durfte Margrethe 1972 ihrem Vater, König Frederik, nachfolgen. Sie war die erste Frau auf dem Thron seit 600 Jahren.

Auch ein paar Fakten zum Staats­besuch gibt es, der die 81 Jahre alte Königin gemeinsam mit dem 53 Jahre alten Kronprinz Frederik zunächst nach Berlin führt. Am Freitag reist sie dann ohne ihren Sohn noch nach München. Es ist der 55. Staatsbesuch von Margrethe und der erste seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie. 1974 führte sie der erste – und trotz vieler kleinerer Besuche später bislang einzige – Staatsbesuch in Deutschland, nach Bonn. Damals war Willy Brandt zurückgetreten und Helmut Schmidt als Bundeskanzler gewählt. In einem Bericht der F.A.Z. damals wird vermerkt, die dänische Königin „sieht gut aus“, sie sei hoch­gewachsen „und übertrifft in dieser Hinsicht, außer de Gaulle, jeden anderen vorherigen Staatsbesuch in der Bundesrepublik“.

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Anerkennung hat sich Margrethe II. seither aber nicht wegen ihres Aussehens oder ihrer Größe erworben. Sie ist schlicht eine erstaunliche Königin. Nicht nur wegen ihrer ausgesprochenen Liebe zu den Zigaretten, obwohl sie seit einigen Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit raucht.

Mit ihrem Sinn für Humor und Selbstironie gelang es ihr immer wieder, den richtigen Ton zu treffen, private Einblicke zuzulassen, eigene Mängel einzugestehen und doch eine vornehme Distanz zu wahren. Ihre Interessen sind breit gestreut, ihre Bildung gilt als exzellent, sie hat Bücher übersetzt, sie liebt die Archäologie und die Kunst. Heute gilt das dänische Königshaus als eines der beliebtesten in Europa, die Zustimmung zur Königin ist hoch.

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Pressesprecherin und Protokollchef berichten von ihrem hohen Ansehen. Davon, dass ihre Ansprache 2020 in der Corona-Pandemie 3,4 Millionen Dänen gesehen hätten und damit nicht nur weit mehr als die Hälfte ihres Volks, sondern sogar mehr als 1992 den dänischen Triumph im Finale der Fußball-Europameisterschaft verfolgt hatten – gegen Deutschland. Als die Königin im vergangenen Jahr ihren 80. Geburtstag pandemiebedingt in kleinem Rahmen feiern musste, fanden die Dänen andere Wege, um sie hochleben zu lassen: Kinder malten Bilder, auf den Balkonen im Land wurde gesungen, und digital erreichten sie viele Glückwünsche. Margrethe II. sagt, es sei ein ganz außergewöhnlicher Geburtstag gewesen. „Ich kann mich nicht erinnern, auf so eine bewegende Art gefeiert worden zu sein“, obwohl sie ja schon einige Geburtstage erlebt habe.

Beim Anzünden einer Zigarette im Jahr 1993. Die als starke Raucherin bekannte Monarchin wurde in einer schwedischen Zeitung als „lebende Werbung für Tabak“ kritisiert. Sie raucht nun nicht mehr öffentlich.
Beim Anzünden einer Zigarette im Jahr 1993. Die als starke Raucherin bekannte Monarchin wurde in einer schwedischen Zeitung als „lebende Werbung für Tabak“ kritisiert. Sie raucht nun nicht mehr öffentlich. Bild: picture-alliance/dpa

Schließlich geht es hinüber in den ­Rittersaal von Schloss Amalienborg. Der ganze Raum glitzert golden, ein mächtiger Kronleuchter hängt von der Decke. Auf dem Weg dahin ein Gemälde der jungen Königin mit ihren beiden Söhnen und ihrem Gemahl, Prinz Henrik. 2018 ist er gestorben. Im Rittersaal dann Warten auf die Königin, bis die Flügeltüren aufgestoßen werden. Lächelnd geht Margrethe II. zu ihrem Sessel. Kurz scheint sie sich zu sammeln bei den ersten Fragen, bis ihre Stimme fest wird. Sie erzählt, dass sie sich mit ihrer Familie in der Corona-Krise verhalten habe wie die meisten Menschen. Man habe sich auf das Leben zu Hause beschränkt und sich an Vorsichtsmaßnahmen gehalten. „Und irgendwie haben wir es durch diese Zeit geschafft.“ Trotz der Liebe zur Kunst habe sie nie das Bedürfnis gehabt, Künstlerin zu sein. Aber Archäologie hätte sie gerne studiert. Das hätte damals jedoch mit acht Jahren einfach zu lange gedauert, die Zeit hatte sie nicht.

„Heute sind wir gute Nachbarn“

Margrethe II. erzählt von den langen Gesprächen zu einem Buch, das am Tag der Audienz erschienen ist. Es heißt „Unterwegs“. Darin berichtet die Königin von den Jahren bis zu ihrer Krönung. Davon, wie schwer es ihr gefallen sei, sich in der Schule zu konzentrieren, wie langweilig sie das Jura-Studium fand, und von dem Alkoholproblem ihres Vaters.

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Es werden aber auch erste Erinnerungen geteilt, in denen die Deutschen eine Rolle spielen. Am 16. April 1940 wurde Margrethe in Kopenhagen geboren. Genau eine Woche zuvor hatten die deutschen Truppen das Land besetzt. Diese Jahre hinterließen Wunden. Die Königin erinnert sich im Buch an das letzte Jahr der Besatzung als eine unruhige Zeit, daran, dass ihr Vater versucht habe, seine Angst zu verbergen. Daran, wie es war, als ­alliierte Bomber über die Stadt flogen und die deutsche Flak sie ins Visier nahm, und wie ihr Vater sie beruhigte: Sie würden nur auf Möwen schießen. Heute gebe es natürlich ein völlig anderes Deutschland, sagt die Königin bei der Audienz. „Wir sind gute Nachbarn.“

Nur dass immer weniger Dänen Deutsch sprechen und lernen wollen, sei schade, sagt sie. Die Königin selbst kann Deutsch lesen, verstehen und sprechen. Auch wenn sie sich nicht immer so sicher sei, was sie sage, fügt sie an. Deshalb wird bei der Audienz Englisch gesprochen. Sie habe damals als Kind noch viel Deutsch in der Schule gelernt, auch wenn das Fach nicht sehr beliebt ge­wesen sei. Ein Jahr nach dem Ende der Besatzung ist sie in die Schule gekommen. „Ich vermute, das war auch ein Grund, warum wir die Deutschstunden nicht so sehr genossen haben.“

Dann sind 30 Minuten vergangen, die Audienz ist vorbei. Die Königin erhebt sich und stellt sich für ein Foto noch mitten zwischen die Gäste aus Deutschland. Ein breites Lächeln. Dann geht die Flügeltür wieder auf, die Königin schreitet hindurch, und sie schließt sich hinter ihr.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Wyssuwa - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Wyssuwa
Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.
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