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Labia Theatre in Kapstadt

Kino der heimlichen Rekorde

Von Claudia Bröll, Kapstadt
 - 15:19
Auf Zeitreise: Filmfans schätzen die Atmosphäre im Labiazur Bildergalerie

Ein Kino in Afrika? Die auf dem Festival in Cannes versammelten Filmproduzenten staunten Anfang dieses Jahres nicht schlecht, als die Anfrage von Ludi Kraus eintrudelte. Da wollte der Besitzer eines kleinen unabhängigen Lichtspielhauses namens Labia den Elton-John-Film „Rocketman“ zeigen, und zwar mehrere Wochen vor dem offiziellen internationalen Kinostart. Der Grund war ganz einfach: Das Kapstädter Kino feierte seinen 70. Geburtstag.

Große Hoffnungen habe er damals nicht gehabt, gibt Kraus zu. Normalerweise würde man auf so eine Anfrage noch nicht einmal eine Antwort erhalten, denn über Filmstarts verhandeln die Mächtigen der Branche ungern. Doch er hatte Glück: Kurz vor dem Geburtstag, als er schon fast nicht mehr mit einer Zusage gerechnet hatte, kam „Rocketman“ an. Und das Labia war möglicherweise das erste Kino, das den Film nach seiner Weltpremiere in Cannes zeigte. Kraus’ geladene Gäste freuten sich.

Es ist eine von vielen Anekdoten, die der Unternehmer im Jubiläumsjahr aus der Geschichte des „ältesten unabhängigen Programmkinos in Südafrika“ gerne erzählt. Das Labia ist heute nicht nur eine Institution in Kapstadt. Es ist auch ein Beispiel, wie ein traditionsreiches Kino den Herausforderungen der Moderne trotzt: erst dem Fernsehen, dann den internationalen Kinoketten, dem Internet, der Filmpiraterie und jüngst den Streaming-Diensten wie Netflix.

Ein Kinobesuch wie eine Zeitreise

Ein Besuch in dem Kino in der Nähe des Mount-Nelson-Hotels ist auch eine Zeitreise. Der Verkaufsschalter für die Karten ist aus Massivholz und genauso alt wie das Kino, ein Projektor in einer Ecke stammt aus den sechziger Jahren, und auf einer wandhohen Sponsorentafel finden sich Persönlichkeiten, von denen die meisten vor langer Zeit in Vergessenheit geraten sind.

Seinen Namen verdankt das Kino einer Prinzessin Labia. Ida Robinson, die Tochter eines südafrikanischen Bergbaumoguls, hatte in den zwanziger Jahren den Grafen Natale Labia, einen nach Südafrika versetzten italienischen Diplomaten, geheiratet. Er wurde von Mussolini später zum „Ersten bevollmächtigten Minister“ ernannt und soll vergeblich versucht haben, den Diktator von einem Einmarsch in das heutige Äthiopien abzuhalten. Nach seinem Tod verlieh ihm König Viktor Emanuel III. als Anerkennung den Prinzentitel, den auch seine Gattin tragen durfte. Auch aus Dankbarkeit, dass die Familie während des Zweiten Weltkriegs in Südafrika nicht in Gefangenschaft geraten war, spendete die Prinzessin großzügig und eröffnete 1949 das Labia Theatre neben dem damaligen Sitz der italienischen Botschaft. Es wurde zunächst als Theater, Kino und wohl auch als Ballsaal für rauschende Feste genutzt.

Von diesem Glamour sei nicht mehr viel übrig gewesen, als er das Kino 1989 übernommen habe, erinnert sich Kraus. Dunkel und muffig sei es gewesen. „Am Eingang stand ein kaputtes rotes Sofa, aus dem Hühnerknochen herausfielen.“ Die Leinwand war so weit von den Zuschauern entfernt, dass man ein Opernglas benötigte. Untertitel konnten nur die Besucher auf den Außenplätzen entziffern. Es gab auch nur einen Lautsprecher. Wenn Mäuse das dünne Kabel anknabberten, fiel der Ton aus.

Doch die Mängel hatten Kultcharakter. So stieß der neue Eigentümer auf ungeahnten Widerstand, als er beispielsweise die Sandauffahrt zum Kino teeren ließ. Auch den Einbau einer Damentoilette hielten viele für überflüssig. Bis heute sei Perfektion in diesem Kino unerwünscht, sagt Kraus. „Die Leute sagen, es müsse nett sein, aber bitte nicht zu nett.“

Ludi Kraus – seine Vorfahren stammen aus Deutschland – wuchs quasi in Kinosälen auf. Sein Vater hatte Anfang der sechziger Jahre das Alhambra-Kino in Windhuk in Namibia eröffnet. Er selbst verkaufte schon in jungen Jahren Eintrittskarten und bediente den Projektor. Später, während seines Jurastudiums in Kapstadt, zog er als „Travelling Showman“ durch die Theater und zeigte europäische Filme. Als das Labia zum Verkauf stand, musste er daher nicht lange nachdenken. Kraus gab die Anwaltskarriere auf und wurde Kinobetreiber.

Heute hat das Labia vier Vorführsäle, eine Bar und eine Terrasse. Das rote Sofa gibt es nicht mehr, aber die Sitze im größten Saal stammen von 1949, wurden allerdings mehrmals neu bezogen. Einige Mitarbeiter sind schon seit Jahrzehnten dabei, länger als der Besitzer. Sie können sich an die Tage erinnern, als die Polizei in der Zeit der Apartheid nicht genehmigte Filme konfiszierte und Besucher während der Vorstellung rauchen durften.

„Grand Budapest Hotel“ in Dauerschleife

Die Tatsache, dass sich das Kino noch immer hält, liegt auch an der loyalen Fangemeinde, die beispielsweise vor einigen Jahren in einer Crowdfunding-Aktion Geld für einen digitalen Projektor aufbrachte. Kraus hält aber auch seit Jahren die Ticketpreise mit umgerechnet drei Euro niedrig und kooperiert mit nahegelegenen Restaurants. Wie viele andere verdient das Kino Geld mit dem Verkauf von Popcorn, Süßigkeiten und Getränken. Auch dass es eine Schanklizenz besitzt, hilft. Die Besucher können sich mit einem Glas Rotwein oder einem giftgrünen Slush-Drink mit Gin in die Samtsessel fallen lassen. Regelmäßige Festivals, etwa über Horror- oder Dokumentarfilme, ziehen Filmenthusiasten an.

Den Annehmlichkeiten und der eigenwilligen Atmosphäre ist es wohl geschuldet, dass das Labia schon einige Rekorde aufgestellt hat. „Bohemian Rhapsody“ beispielsweise sahen dort über sechs Monate hinweg rund 30 000 Zuschauer, mehr als in jedem anderen Kino im Land. Den Rekord der längsten Laufzeit, zumindest im eigenen Haus, stellte „Grand Budapest Hotel“ auf, mit 51 Wochen.

Das sei allerdings eher der Not geschuldet gewesen als der Begeisterung für den schönen Hauptdarsteller Ralph Fiennes, gibt Kraus zu. Die Umstellung von analoger auf digitale Kinotechnik war damals schneller erfolgt als erwartet. „Wir hatten keine digitalen Projektoren und nur drei neue Filme auf Zelluloid.“ Einer war „Grand Budapest Hotel“. Und so lief der Film einfach in einer Dauerschleife – bis das Kino das Geld für den Sprung ins digitale Zeitalter zusammen hatte. Für viele unabhängige Kinos sei die Umstellung ein Kraftakt gewesen, sagt Kraus. Heute erleichtere die moderne Technik das Geschäft, weil Filme schneller und günstiger aus aller Welt geliefert werden können.

Ein Programmkino in Afrika, dessen treue Fans sich fast ein Jahr lang mit einem einzigen Film begnügen: Vielleicht hat auch diese Geschichte bei der Erfüllung des „Rocketman“-Wunsches zum Geburtstag geholfen. Einen weiteren Rekord stellte der Film zwar nicht auf. Trotzdem war das Jubiläumsjahr wegen zahlreicher anderer Filme eines der besten in der 70 Jahre langen Geschichte. Skeptiker mögen um die Zukunft von Lichtspielhäusern wie anno dazumal bangen. Ein Kino an der Südspitze Afrikas aber läuft und läuft und läuft.

Quelle: F.A.Z.
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Claudia Bröll
Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.
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