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Das unterschätzte Problem

Todesursache Suizid

Von Peter-Philipp Schmitt
 - 17:09
Fast 2000 Menschen in Deutschland vergifteten sich 2010 selbst

Alle 40 Sekunden tötet sich ein Mensch selbst. In der Altersgruppe der Fünfzehn- bis Vierundvierzigjährigen ist der Suizid inzwischen eine der drei häufigsten Todesursachen, bei den Zehn- bis Vierundzwanzigjährigen sogar die zweithäufigste Todesursache. Mit diesen Zahlen will die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wenige Tage vor dem Internationalen Suizidpräventionstag am 10.September auf ein auf der ganzen Welt unterschätztes Problem aufmerksam machen. Die Suizidraten sind nach WHO-Angaben in den vergangenen 45 Jahren um 60 Prozent gestiegen. Im Schnitt kommen auf 100.000 Menschen etwa 16 Selbsttötungen im Jahr. In Deutschland haben sich die Zahlen zwischen 1980 und 2007 zwar nahezu halbiert, steigen seither aber wieder.

Risikofaktoren: Depressionen, Alkoholsucht und Gewalt

Die Gründe dafür sind vielfältig, allerdings werden sie meist nicht eigens aufgeführt, da für die Todesursachen-Statistiken auch in Deutschland als Grundlage nur die Leichenschau-Scheine herangezogen werden. Die Risikofaktoren sind allerdings bekannt: psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen, Alkoholsucht und sexueller Missbrauch, dazu Gewalt. Mit wenigen Ausnahmen (etwa China) töten sich in fast allen Ländern der Welt wesentlich mehr Männer als Frauen. Die gesellschaftliche Stellung spielt dabei keine Rolle.

Der Suizid, das Wort leitet sich vom Lateinischen „sui caedes“ ab und bedeutet so viel wie „sich töten“, wird bis heute in fast allen Gesellschaften tabuisiert. In vielen Fällen wird ein sich andeutender Suizid darum auch nicht ernst genommen: Nach WHO-Angaben töten sich Menschen fast nie plötzlich, sondern erst, nachdem sie ihrer Umgebung eindeutige Signale gegeben haben. Die Mehrheit der Gefährdeten wolle auch nicht unbedingt sterben. So liegt die Zahl der Selbstmordversuche auf der ganzen Welt laut WHO auch 20 Mal höher als die Zahl der vollzogenen Selbsttötungen von derzeit etwa 900.000 im Jahr.

Die höchsten Suizidraten verzeichnet die WHO in den Ländern des ehemaligen Ostblocks, aber auch in einigen Industrienationen Europas. Allerdings basieren die Angaben auf Daten aus den Ländern, in denen sie selbst erfasst wurden, zudem sind sie in einigen Fällen schon mehrere Jahre alt. Besonders hohe Suizidraten von mehr als 30 Selbsttötungen auf 100.000 Einwohner melden Litauen, Ungarn, Weißrussland, Lettland, Japan, Südkorea und Russland. In Europa töten sich mehr als 120.000 Menschen im Jahr, 80 Prozent von ihnen sind Männer.

Doppelt so viele Tote wie durch einen Verkehrsunfall

Jahr für Jahr kommen auch in Deutschland noch mehr als doppelt so viele Menschen durch eine „vorsätzliche Selbsttötung oder Selbstschädigung“, wie es offiziell heißt, zu Tode als durch einen Verkehrsunfall (4009 im Jahr 2011). Allerdings sank die Zahl der Suizide seit 1980 kontinuierlich von 18.451 (Männer: 11.789, Frauen: 6662) auf 9402 im Jahr 2007. Seither steigt sie wieder auf zuletzt 10.021 im Jahr 2010. Mehr als die Hälfte der Selbstmörder in Deutschland sterben durch Erhängen, Ersticken oder Strangulieren (4550), eine Selbstvergiftung (1933), durch „Sturz in die Tiefe“ (850), durch eine Handfeuer- oder andere Schusswaffe (772), durch „Sichwerfen oder Sichlegen vor ein sich bewegendes Objekt“ (766). Männer wählen häufiger als Frauen eine der sogenannten „harten“ Methoden (etwa Erhängen, Erschießen, Sturz in die Tiefe). Zudem wählen junge Menschen besonders oft eine dieser Selbsttötungsarten - im Jahr 2006 lag zum Beispiel der Anteil bei den Zehn- bis Fünfzehnjährigen bei 81,5 Prozent. Der größte Teil der freiwillig aus dem Leben Geschiedenen ist aber 50 Jahre und älter. In der Europäischen Union insgesamt werden die meisten Suizide bei Menschen über 65 Jahre verzeichnet - 21,9 auf 100.000 Einwohner.

Ausgerechnet Bayern verzeichnete viele Jahre lang die höchste Selbstmordrate in Deutschland, was selbst Fachleute sich nicht recht erklären konnten. Gemeinhin steigen die Zahlen, wenn die Arbeitslosigkeit hoch und die Zukunftschancen in einem Land gering sind. Bis zur Mitte der neunziger Jahre waren die Selbstmordraten im Osten der Republik am höchsten gewesen, danach sanken sie stark. Dort sind sie in den vergangenen Jahren wieder gewachsen, wohl auch weil die Bevölkerungszahlen sinken und der Anteil älterer Menschen steigt. 2010 lag Sachsen mit 15,5 Selbsttötungen auf 100.000 Einwohner auf Platz eins, gefolgt von Thüringen (14,7), Bayern (14,1), Schleswig-Holstein (13,7) und Mecklenburg-Vorpommern (13,4). Die niedrigsten Raten hatten Nordrhein-Westfalen (10,2), Bremen (10,3), Berlin (10,45), Niedersachsen (11,6) und Rheinland-Pfalz (12,0).

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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