Deutsche Emmy-Gewinnerin

Sie weiß, was sie will

Von Julia Schaaf
Aktualisiert am 21.09.2020
 - 09:33
Maria Schrader als Regisseurin im August bei den Dreharbeiten zu der Fernseh-Rom-Com „Ich bin dein Mensch“.zur Bildergalerie
Maria Schrader wurde als erste deutsche Regisseurin überhaupt bei den Emmy Awards ausgezeichnet. Dabei ist sie doch eigentlich Schauspielerin. Wie hat sie das geschafft? Unsere Autorin hat sie wenige Tage vor der Verleihung getroffen.

„Die Kommandos gebe ich!“ Eine Stimme schallt über den Platz. Sie brüllt nicht, gellt nicht, kreischt nicht, kippt nicht. Sie ist laut. Und klar.

So klingt das also, wenn eine Frau, die es für selbstverständlich hält, dass sie das Sagen hat, sich Gehör verschafft.

Die Sonne glitzert auf der Spree, das Berliner Futurium unweit des Hauptbahnhofs, ein Museum, das der Zukunft gewidmet ist, dient für Filmaufnahmen als Eingang einer Universität. Gedreht wird eine dieser Szenen, die für die Handlung wenig Bedeutung haben, aber trotzdem eine Menge Aufwand erfordern. In wohlchoreographierter Zufälligkeit kreuzt und quert ein gutes Dutzend Komparsen den Platz.

Erst macht sie Witze. Dann legt sie ihr Machtwort ein.

Während der Probe noch hat Maria Schrader sich über einen transportablen Regiebildschirm gebeugt und Witze gemacht: „Das ist wie so ein Wimmelbild. Wo ist das Kind mit dem gelben T-Shirt? Und wer ist hier die Schauspielerin?“ Jetzt, nach dem ersten Take, lehnt sie sich zu dem Chef der Komparserie hinüber und erklärt ihm, warum er seinen Statisten kein Startsignal geben dürfe ohne Aufforderung von ihr. Verbindlich, fast ein bisschen entschuldigend wirkt sie und hegt dadurch ihr Machtwort sozialverträglich ein.

Schon ist man mittendrin in dem großen gesellschaftspolitischen Drama mit dem Titel „Frauen und Film“, in dem Maria Schrader aktuell eine besonders interessante Figur verkörpert. Sonntagnacht sind in New York die Emmys verliehen worden, die Oscars des amerikanischen Fernsehens, und Maria Schrader war nicht nur als erste deutsche Regisseurin ever nominiert. Sie hat tatsächlich gewonnen. Die umjubelte vierteilige Netflix-Serie „Unorthodox“ über die Flucht einer ultraorthodoxen Jüdin aus New York nach Berlin, frei nach dem Memoir von Deborah Feldman, ist Schraders dritte Regiearbeit.

Jenseits der Filmwelt kennt man ihr Gesicht vor allem von der Leinwand. Dunkler Spirelli-Schopf zu schrägem Mund: Schon als junge Frau hat Schrader sich mit Filmen wie „Keiner liebt dich“ und „Aimée und Jaguar“ in die erste Liga ihrer Zunft gespielt. Ende September wird sie 55 Jahre alt. Wenn nun von nächster Woche an mit „Deutschland’89“ bei Amazon Prime die dritte Staffel des international erfolgreichen Spionagekrimis aus den Endwirren des Kalten Krieges zu sehen ist, besetzt Schrader darin eine der coolsten Frauenrollen, die das zeitgenössische deutsche Fernsehen zu bieten hat: die DDR-Agentin Lenora Rauch. Nicht nur der britische „Guardian“ war hin und weg von so viel Skrupellosigkeit und Eleganz.

Führen Frauen anders Regie?

Wie, bitte schön, hat diese Frau das geschafft in einer Branche, in der Regisseurinnen noch immer viel zu selten sind? In der fast ausschließlich männliche Schauspiel-Stars hinter die Kamera wechseln, um sich dann gerne selbst als Hauptdarsteller zu inszenieren? Und führen Frauen eigentlich anders Regie?

„Ja. Äh. Nein.“ Maria Schrader ist kein Typ fürs Plakative. „Ich glaube, dass Frauen zuweilen andere Schwerpunkte in Geschichten suchen oder auch andere Geschichten erzählen“, sagt sie. „Aber dass es einen grundsätzlich anderen, weiblichen Zugang zu der Arbeit geben würde, kann ich aus meiner Erfahrung nicht bestätigen. Ich habe schlimme Situationen auch mit Regisseurinnen am Set erlebt. Und ebenfalls eine Feinheit und Sensibilität bei Männern, die ich wiederum bei Frauen vermisst habe.“ Fazit: „Ich kann nur über Personen sprechen.“

Am Set vor dem Berliner Futurium kann man Ende August die Person Schrader als Regisseurin erleben. „Ich bin dein Mensch“ ist eine Produktion für das SWR-Fernsehen, Maren Eggert spielt eine Wissenschaftlerin, die einen Partnerschaftsroboter testen soll – eine romantische Komödie mit technikphilosophischem Twist. Neuland für die Regisseurin, die vor ihrem Netflix-Erfolg den als unverfilmbar geltenden Roman „Liebesleben“ von Zeruya Shalev ins Kino gebracht und mit „Vor der Morgenröte“ einen formal eigenwilligen, von der Kritik gefeierten Film über die Exiljahre des Schriftstellers Stefan Zweig gemacht hat. Fragt man Schrader nach ihrer Handschrift, ihrem Stil, redet sie von der Lust, sich auszuprobieren.

„Und bitte!“

„Cut!“

„Ja! Genau! Spitze!“

„Let’s do it!“

Schon ihr Tempo ist beeindruckend. Ständig springt Schrader von ihrem Regiestuhl auf, um den Schauspielern den ein oder anderen Satz vorzuspielen oder eigenhändig ein paar verlassene Stühle so im Bildausschnitt der Kamera zu verteilen, dass eine arrangierte Hörsaalszene echt nach Uni aussieht.

Dann wieder trommelt sie mit lauter Stimme die Crew zusammen: Für einen Nebendarsteller, dessen Dreh vorüber ist, organisiert sie zum Abschied Applaus. Der Oberbeleuchter wird mit einem spontanen Geburtstagsständchen bedacht. Das Team ist ihr wichtig. Schrader sagt über sich: „Ich nehme Stimmungen sehr stark auf, manchmal nervt mich das, meine Abhängigkeit von Harmonie.“ Aber auch das hat für sie weniger mit Weiblichkeit zu tun als mit dem jahrelangen Wahrnehmungstraining als Schauspielerin. Als ihr nach dem Mittagessen die Kostümbildnerinnen Ideen vorlegen, lobt sie mit so viel Begeisterung, dass kaum auffällt, wie sie den Entwürfen nebenbei ihren eigenen Stempel aufdrückt.

„Sie ist einfach richtig gut“, sagt Lisa Blumenberg von der Filmproduktion Letterbox, die nicht erst seit „Bad Banks“ selbst eine Vorzeigefrau der Branche ist und zur selben Generation wie Schrader gehört, in der frau weniger über Macht- und Geschlechterverhältnisse nachgedacht hat als eben ihren Weg gegangen ist.

Blumenberg erzählt am Rande der Dreharbeiten, wie das überwältigende Echo auf „Unorthodox“ ihnen Türen geöffnet hat und sie für „Ich bin dein Mensch“ den britischen Beau Dan Stevens („Die Schöne und das Biest“) gewonnen haben. Normalerweise würden internationale Castingagenturen auf Anfragen für so einen kleinen deutschen Fernsehfilm gar nicht reagieren. Blumenberg ist überzeugt: „Maria wird eine große internationale Karriere machen.“ Sie sei schnell im Kopf, habe einen exzellenten Blick und, vielleicht das Wichtigste: „Sie weiß, was sie will.“

Zweieinhalb Wochen später, der Film ist abgedreht, die Emmy-Verleihung noch zehn Tage hin. Maria Schrader hat das verabredete Treffen vom Abend auf den Morgen verlegt, um im Schneideraum nach hinten raus keine zeitliche Begrenzung zu haben. Schon bei der Begrüßung ist sie so herzlich, als habe man es mit einer Freundin zu tun. Sie wirkt offen und sehr präsent und antwortet ausführlich und differenziert. Zunächst jedoch schiebt die Mutter einer erwachsenen Tochter, Arbeits- und Lebensgefährtin des Regisseurs und Schriftstellers Jan Schomburg, ihren Stuhl zurück und will zum Tresen. „Ich sitz hier doch schon fünf Minuten“, entrüstet sie sich, als man ihr versichert, der Kellner komme gleich. Sie setzt sich wieder und lacht. „So bin ich“, sagt sie. „Tut mir leid. Nach fünf Wochen Zeitstress braucht es ein bisschen, um wieder einen Gang runterzuschalten.“

Wäre sie keine Künstlerin, würde man sie vielleicht als Workaholic bezeichnen. Wer aber sein Tun als Glück empfindet, kann mit Konzepten wie Ehrgeiz und der Frage nach dem vermeintlich notwendigen Ausgleich nichts anfangen. „Ich verdiene mein Geld mit etwas, das ich liebe. Da habe ich auch nicht den Eindruck, in der siebten, achten Stunde wird der Tag richtig lang und ich sehne mich nach meiner Yoga-Stunde.“ Auch wenn ihre Selbstorganisation besser sein könnte. „Ich kompensiere alles mit Over-hours, damit, dass ich die Nächte durchsitze oder Dinge einfach so lange aufschiebe, bis ich nicht mehr schlafen kann und sie dann irgendwann in so einem Hauruck-Akt erledige.“ Schrader erzählt von ihren Eltern, beide Künstler, und dass der Vater – im Brotberuf Lehrer – eben nachts das gemacht habe, was ihm eigentlich wichtig war. „Ich glaube schon, dass mich das geprägt hat“, sagt sie. Ihre eigenen beiden Berufe ergänzten sich gut.

„Ein eigener Film war irgendwie logisch“

Dabei staunen manchmal selbst Schauspielkollegen über ihr zweites Standbein: „Dass du dich das überhaupt traust“, heißt es dann, wie Schrader erzählt. Aber die Schauspielerin aus Hannover, die das Gymnasium abgebrochen hat für ein Studium am Max Reinhardt Seminar in Wien, hat sich ja nicht aus heiterem Himmel eines Tages als Regisseurin versucht. Eher im Gegenteil: Schon ihre allerersten Filmrollen schrieb sich die junge Theaterfrau in den späten achtziger und neunziger Jahren selbst. Damals war sie mit dem Regisseur Dani Levy liiert, das Paar hatte in Berlin den Status von „Film-Royals“. Heute bezeichnet Schrader diese Zeit als „filmemacherische Schule“. An Levys Seite schrieb sie Drehbücher, führte Ko-Regie, lernte schneiden und betreute Filme von A bis Z. „Von Projekt zu Projekt habe ich mehr Selbstbewusstsein bekommen“, sagt sie rückblickend. „Einen eigenen Film zu machen war ein großer Schritt, aber aus heutiger Sicht irgendwie logisch.“

Wie genau ihre Vorstellung ist von dem, was sie will, hat sie dann allerdings selbst verblüfft. Schrader erzählt von den Vorbereitungen für „Liebesleben“. Nachdem sie mit ihrem selbstgeschriebenen Drehbuch auf Motivsuche in Israel unterwegs war, wurde ihr bewusst, dass sie vor ihrem inneren Auge die ideale Kulisse förmlich vor sich sah – was am Ende dazu führte, dass in einem eigens gebauten Studio gedreht wurde.

„Ich hab gelernt, dass ich doch schon viel mehr weiß, als ich weiß“, sagt Schrader. Die Schauspielerin in ihr hat immer schon die komplette Szene im Kopf. Die Drehbuchautorin und Regisseurin hat die Dialoge im Vorfeld durchgespielt. „Es gibt Momente, wo ich denke, das ist ja Wahnsinn. Das ist wie aus meinem Kopf gestiegen und materialisiert.“

Und diese Emmy-Nominierung jetzt? Was bedeutet ihr das?

Schrader lupft Messer und Gabel aus ihrem Spiegelei-mit-Avocado-Frühstück. „Ich freu mich sehr“, sagt sie. „Es bedeutet ja, dass meine Arbeit wahrgenommen und geschätzt wird.“ Dabei hat die Resonanz auf „Unorthodox“ sie überrascht, gerade weil ihr die Brisanz des Unterfangens so bewusst war. Eine deutsche Regisseurin inszeniert Judentum in New York als Gefängnis für eine junge Frau, die dann ausgerechnet in Berlin ihre Freiheit findet. „Dünnes Eis?“, fragt Schrader und nickt bedeutungsvoll. „Ja. Absolut. Klar. Ängste auf allen Seiten.“

Sie könnte jetzt stundenlang darüber reden, warum das offenbar mehr als gutgegangen ist, angefangen von frühen persönlichen Erfahrungen in Israel und einer Filmographie, in der jüdische Figuren und Bezüge immer wieder eine Rolle spielten und sich eines aus dem anderen ergab. Aber sie wird im Schneideraum erwartet, die Zeit ist knapp. Also sagt sie: „Es gab eine wirklich große Aufgabe, nämlich“ – 15 Sekunden Stille zum Nachdenken – „auf eine Art zu erzählen, die am Ende keinen Platz für Hass und Vorurteile lässt, sondern Menschen verbindet und nicht trennt.“ Also Respekt und Neugier statt Manipulation und Bewertung und das Wissen darum, dass der große emotionale Konflikt der Protagonistin nur entsteht, weil sie die Welt, die sie verlässt, auch liebt. „Und ich glaube, das haben wir hingekriegt“, sagt Schrader.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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