Flugt-Museum in Oksbøl

Wo einst die deutschen Flüchtlinge lebten

Von Matthias Wyssuwa
26.06.2022
, 18:01
Mit Schere eröffnen sie das Museum: Claus Kjeld Jensen mit Königin Margrethe II.
Weg von den Zahlen, hin zu den Menschen und ihren Geschichten – diesen Ansatz verfolgt das neu eröffnete Flugt-Museum in Oksbøl. Es erzählt die Geschichte von Geflüchteten in Dänemark. Auch Deutsche waren darunter.
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Claus Kjeld Jensen steht im Hof seines neuen Museums und erzählt, wie er das erste Mal von dem Lager für die deutschen Flüchtlinge gehört hat. Davon, wie einst die Weltgeschichte in die dänische Provinz geplatzt ist. Fünf Jahre sei er alt gewesen, als er bei seinem Opa hier in Oksbøl an der Westküste war und ihm diese seltsamen Stempel aufgefallen seien. Der Opa war ein Schneider, und Jensen saß auf seinem groben Arbeitstisch, auf dem er die Stoffe schnitt und auf dem sich all die deutschen Stempel befanden. Der Opa hatte den Tisch gekauft, als das Flüchtlingslager aufgelöst worden war. Heute, gut 50 Jahre später, stehe der Tisch in seiner Küche, erzählt Jensen. Und er selbst ist der Direktor des neuen Flugt-Museums in Oksbøl.

Es ist der Tag vor der Eröffnung, überall huschen noch Handwerker und Techniker herum, um alles fertig zu bekommen. Kaum 24 Stunden später wird Jensen der dänischen Königin Margrethe II. die Schere geben, auf dass sie feierlich das rote Band zur Eröffnung durchschneide. Die Geschichte vom Arbeitstisch seines Opas wird er auch in seiner Rede erzählen.

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Seit dem Wochenende gibt es in Dänemark ein sehr sehenswertes Museum, das eine Geschichte erzählt, die sowohl im Königreich als auch in Deutschland lange kaum mehr erzählt worden war. Bis zu 36.000 deutsche Flüchtlinge lebten in dem Lager nahe der Nordsee zwischen 1945 und 1949. Das Museum will aber nicht nur die Geschichte der deutschen Flüchtlinge erzählen, sondern eine universelle Geschichte der Flucht, von der Vergangenheit bis heute. Was die Flucht für Menschen bedeutet, was die Flüchtlinge verbindet. „Jetzt stehen wir hier nach monatelangem Krieg in Europa“, sagt die Königin bei der Eröffnung, „und plötzlich sehen wir, dass Flucht nichts ist, dass lange her ist oder nur Menschen passiert, die weit von uns entfernt sind.“

Am Tag vor der Eröffnung führt Jensen durch sein Museum. Es ist in dem alten Krankenhaus des Lagers eingerichtet, eine neue Eingangshalle, entworfen von einem dänischen Stararchitekten, verbindet die beiden Flügel nun. Auch die Bundesrepu­blik und Schleswig-Holstein haben bei der Finanzierung geholfen, bei der Eröffnung hält Vizekanzler Robert Habeck eine Rede. Gleich im ersten Raum stehen an der Wand in vielen Sprachen Auszüge der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951. Gegenüber leuchten auf einer Weltkarte Punkte und Zahlen auf – sie zeigen, woher in den vergangenen 100 Jahren alles Flüchtlinge nach Dänemark kamen. Die ersten kamen aus Russland, sie flohen vor dem Zaren. Der aktuellste Eintrag ist den Flüchtlingen aus der Ukraine gewidmet. „Der Krieg“, sagt Jensen, „macht unser Museum noch relevanter, als wir uns das vor einem halben Jahr gedacht hätten.“

Die deutschen Flüchtlinge kamen von Anfang 1945 an, als Dänemark noch von der Wehrmacht besetzt war. Sie flohen aus dem Osten vor der Roten Armee. Zwischen Februar und Anfang Mai kamen etwa 250.000, es waren vor allem Frauen, Kinder und Alte. Die deutschen Besatzer waren für sie zunächst verantwortlich. Die Dänen hielten sich zurück, die Besatzung hatte ­tiefe Wunden geschlagen, und die Dänische Ärztekammer lehnte es ab, deutsche Flüchtlinge zu versorgen.

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Als die Besatzer besiegt waren, blieben die Flüchtlinge. Gerne hätte Kopenhagen sie gleich nach Deutschland geschickt, aber die Alliierten ließen das nicht zu. Die Dänen mussten sich kümmern, und sie taten es. Sie sammelten die Flüchtlinge in Lagern. Aus der früheren Kaserne der Wehrmacht in Oksbøl wurde das größte Lager. Es entstand eine Stadt mit Schule, Theater und dem Krankenhaus. Die Flüchtlinge wurden versorgt, unterrichtet und unterhalten. Nur Dänen sollten aus den Deutschen nicht werden, das Lager durften sie nicht einfach so verlassen, es war eingezäunt.

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Wenn sie schließlich eine Unterkunft und Arbeit in Deutschland nachweisen konnten, durften sie gehen. Die letzten deutschen Flüchtlinge verließen 1949 Dänemark. Danach geriet die Geschichte in Vergessenheit, der Wald holte sich das Lager zurück. Die meisten Baracken gibt es nicht mehr, und das alte Krankenhaus war über Jahrzehnte eine Jugendherberge. Am Rand des alten Lagers erinnern aber bis heute lange Reihen mit Grabsteinen an die Flüchtlinge, die hier starben. Viele Kinder waren unter ihnen.

Besucher aus aller Welt

Als Jensen immer weiter durch sein Museum führt, begegnen dem Besucher immer mehr Menschen aus der ganzen Welt und ihre Geschichten. Jensen erzählt, dass man oft diese großen Zahlen höre, wenn es um Flüchtlinge gehe. In dem Museum wollten sie aber weg von den Zahlen und hin zu den Menschen und ihren Geschichten, egal ob es Flüchtlinge aus Ungarn, Syrien oder Deutschland seien. Warum sind sie geflohen, wie fiel die Entscheidung und wie fanden sie wieder Ruhe und eine Heimat?

In einem Raum kann man hören, wie Jörg Baden seine Geschichte erzählt. Er war als Kind mit seiner Familie nach Dänemark geflohen und schließlich in Oksbøl gelandet. Eine kleine Figur im Museum soll ihn als Jungen zeigen, wie er nach der Rückkehr nach Deutschland im Garten seines Opas schaukelt – im Audioguide kann der Besucher hören, wie Baden sich an den Geschmack der ersten Schokolade in der Heimat er­innert. Baden selbst spricht auch bei der Eröffnung des Museums. Er erzählt, wie dankbar er den Dänen sei für die humane Behandlung der deutschen Flüchtlinge.

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Das Museum zeigt aber auch, wie unterschiedlich Flüchtlinge in Dänemark empfangen worden sind und wie darüber in den Medien diskutiert worden ist. Von den Blumen für Flüchtlinge aus Ungarn bis hin zu dem Bild eines Dänen, der 2015 auf syrische Flüchtlinge spuckt. Mit einem harten Kurs in der Asylpolitik seit 2015 hat Kopenhagen auch international für Auf­sehen gesorgt, die Flüchtlinge aus der Ukraine werden nun aber mit offenen Armen empfangen.

„Wir sind kein politisches Museum“, sagt Jensen. Man wolle zeigen, dass es ein schwieriges Thema sei und es verschiedene Weg gebe, darauf zu sehen und damit umzugehen. Viele Kollegen hätten ihm geraten, so ein Museum nicht zu machen, das würde nur Probleme bereiten. „Aber wenn ein Thema schwierig ist, sollten wir unbedingt ein Museum dazu machen“, sagt Jensen. Er hoffe, dass sein Museum den Besuchern die Augen öffne, dass die Flucht noch immer ein sehr aktuelles und wichtiges Thema sei.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Wyssuwa - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Wyssuwa
Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.
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