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Seit 30 Jahren Pflegemutter

„Die Kinder haben den Abschied immer dabei“

Von Anke Schipp
 - 14:34
Sie sagen „Mama“ zu ihrer Pflegemutter – doch viele Pflegekinder wissen nicht, wie lange sie bleiben (Symbolbild).

Frau Pein, Sie haben in den vergangenen 30 Jahren 60 Pflegekinder betreut. Können Sie sich noch an Ihr erstes Pflegekind erinnern?

Natürlich, das bleibt einem im Gedächtnis. Damals stand ich vor der Herausforderung, ob ich dem ganzen überhaupt gerecht werden kann.

Das Kind war misshandelt worden, seine Mutter hatte Zigaretten auf seinem Rücken ausgedrückt.

Ja, und es war damals klar, dass das Mädchen von einer Familie adoptiert wird; die war aber noch verreist. Ich war sehr aufgeregt. Entscheidend war für mich aber, dass ich schnell einen Zugang zu dem Kind gefunden habe.

Und wodurch?

Ich merkte intuitiv, was dieses Kind in diesem Moment braucht. So sollte es die ganzen Jahre bleiben. Ich wusste immer schnell: Braucht ein Kind zum Beispiel intensive körperliche Nähe. Oder lässt man es erst einmal in Ruhe.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es möglich ist, den Kindern in kurzer Zeit ein Urvertrauen zu geben.

Wichtig ist es für die Kinder von Anfang an, dass der Tag immer gleich abläuft. Eine Struktur im Alltag gibt ihnen einen ungeheuren Halt, wenn sie zum Beispiel wissen, dass sie immer zur gleichen Zeit ihre Mahlzeit bekommen oder das Zubettgehritual jeden Abend gleich ist. In diesen ersten Tagen und Wochen gebe ich mir immer ganz große Mühe, so beständig wie möglich mit dem Kind zu Hause zu sein.

Ihre anderen Kinder – die eigenen und die Pflegekinder – fungierten stets als „Integrationshelfer“, wie Sie es nennen. Wie funktioniert das?

Die Kinder, die zu uns kommen, haben oft negative Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht. Und wenn sie bei uns auf Kinder aller Altersstufen treffen und einer von ihnen einfach sagt: „Komm, ich zeig dir mal dein Zimmer“ oder „Komm, wir gehen mal spielen“, dann ist es für das Kind leichter.

Die Kinder haben teilweise ein schweres Schicksal und sind oft misshandelt worden. Wie schafft man es als Pflegemutter, damit zurechtzukommen?

Das musste ich lernen. Ich hätte sonst nicht mehr schlafen können. Denn diese Geschichten können einen abends im Bett einholen. Am einfachsten habe ich mich getan, wenn ich die Hintergründe gar nicht kannte. Manchmal hat man mir von einem auf den anderen Tag ein Kind gebracht. Nach Wochen kam dann ein Ordner, in dem stand, welche psychischen Störungen das Kind hat. Oft dachte ich, dass ich das falsche Kind zu dieser Akte habe.

Haben Sie ein Beispiel?

Es gab mal ein Mädchen, das stand am ersten Nachmittag bei mir im Garten und sah so aus, als überlegte es noch: Will ich jetzt sterben, oder mache ich weiter? Sie war zweieinhalb Jahre alt und hatte einen so toten Blick, das war fürchterlich. Ich habe das Mädchen trotzdem so behandelt, als wäre es das Nachbarskind, das zum Spielen kommt, ganz normal eben. Nach einem Monat schon war es ein hüpfender Gummiball, freudig und begeisterungsfähig. Als dann die Unterlagen kamen, dachte ich: „Zum Glück wusste ich das alles nicht.“ Man kann ein anderes Kind aus ihnen machen, wenn man das alles beiseitelegt. Wenn man aber von vornherein denkt: „Oh, da muss ich aufpassen“, schiebt man dieses Kind wieder auf eine Schiene, auf der es vorher schon war.

Wie sind Ihre beiden eigenen Kinder damit umgegangen, dass fremde Kinder einzogen?

Eigentlich gut, aber da lag auch das Problem. Die zweite Pflegschaft waren Geschwister, und wir bekamen nach einiger Zeit gesagt, dass die Kinder für immer bei uns bleiben. Mein Sohn und der Junge wurden dann sehr eng miteinander. Sie haben zusammen Radfahren und schwimmen gelernt, sind zusammen in den Kindergarten gekommen. Nach vier Jahren stand plötzlich die Mutter vor der Tür. Da konnten wir nichts machen. Sie ist die Mutter, und selbstverständlich hat sie ein Anrecht auf ihre Kinder. Der Junge tobte und wollte nicht weg, und mein Sohn sagte: „Ihr könnt mir doch nicht meinen Bruder nehmen.“ Wir mussten zur Familienberatungsstelle gehen, auch die Gastkinder, damit sie uns helfen, den Abschied zu verkraften. Danach sind wir die Dinge anders angegangen.

Und wie?

Wir haben uns allen klargemacht: Meine Kinder sind meine Kinder, und die haben die Priorität in der Rangordnung. Und die Gäste sind Gäste und haben in ihrem Rucksack immer den Abschied dabei.

Sie wussten ja nie genau, wie lange die Kinder bleiben, ob nur einige Wochen oder doch Jahre.

Ja, deshalb muss der Abschied immer präsent bleiben. Ich habe mich im Laufe der Jahre damit getröstet, dass ich mir all die Kinder angeschaut habe, die danach noch zu mir kamen. Ich hätte sie nie erlebt und nie betreuen können, wenn die ersten geblieben wären.

Sie haben immer versucht, die leiblichen Eltern ins Boot zu holen und sie bei den Kindern in ein gutes Licht zu setzen.

Das war wichtig, man setzt die Kinder sonst zu sehr unter Spannung. Natürlich muss ein Kind begreifen, dass das, was zu Hause gewesen ist, nicht in Ordnung war. Man sollte es nicht schönreden, sonst denkt das Kind, es stimme etwas nicht mit ihm, weil es ja alles ganz anders erlebt hat. Aber man kann ihm sagen, dass jede Mutter auch immer positive Seiten hat. Und den Umgang mit ihr positiv beleuchten: „Schau mal, sie hat sich doch ganz viel Zeit für dich genommen und hat mit dir gespielt.“ Damit kann man die Schreckenseindrücke verblassen lassen.

Viele Kinder verherrlichen ihre Eltern, obwohl sie Schlimmes erlebt haben.

Das ist das Schockierende daran. Sie idealisieren sie und verdrängen ganz viel. Und die, die schon lange Zeit unter den Zuständen gelitten haben, nehmen diese als normal hin. Es dauert, bis sie begreifen, dass das nicht normal ist, was sie erlebt haben. Ich hatte ein einziges Kind, das anfangs wirklich komplett den Kontakt zu seiner Mutter abgelehnt hat. Der Junge hat so geschrien, wenn er sie sah, als ob er in Lebensgefahr wäre.

Was war vorgefallen?

Es hatte vier Jahre in einem Asylbewerberheim gelebt, mit einer Mutter, die psychisch nicht in der Lage war, sich zu kümmern. Mit viel Ausdauer und Geduld haben wir es geschafft, dass der Junge einen sehr guten Kontakt zu seiner Mutter aufgebaut hat. Inzwischen ist er 28 und sieht sie regelmäßig.

Im Buch heißt er Matyao und hat mehr als zwanzig Jahre bei Ihnen gelebt. Ist er nach so einer langen Zeit nicht doch wie ein Sohn für Sie?

Das ist so. Er sagt heute, dass ich ihn gerettet habe und er ohne mich nicht seinen Weg gegangen wäre. Er studiert im Ausland und kommt regelmäßig nach Hause. Seine Mutter kommt dann oft dazu.

Ein Mädchen, das im Buch Sabine heißt, war zwölf Jahre bei Ihnen und ist jetzt 24. Wie ist das Verhältnis heute?

Sie ruft jeden Morgen an und fragt, wie es mir geht. Dann reden wir, meistens über Praktisches wie Kochen. Im Moment holt sie auch sehr ihre Vergangenheit ein, sie macht eine Therapie. Wir haben nach wie vor ein sehr enges Verhältnis. Ich bin ihre Mama, und das werde ich immer sein.

Sagen alle Kinder „Mama“ zu Ihnen?

Ich überlasse es den Kindern, ob sie Mama sagen oder mich beim Vornamen nennen. Ich habe gerade einen Jungen, der ist dreieinhalb. Er sagt auch Mama, aber wir haben die Unterscheidung, dass die leibliche Mutter die „Mami“ ist.

Und was sagen die leiblichen Mütter dazu?

Ich mache Ihnen von Anfang an klar, dass ich ihnen nichts wegnehme. Ich fühle mich für ihre Kinder zuständig, solange ich den Auftrag habe, danach nicht mehr.

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Hatten Sie auch mal das Gefühl, dass es mit der leiblichen Mutter überhaupt nicht funktioniert?

Das war bei der Mutter von Sabine so. Die hat mich jahrelang einfach ignoriert. Sie tat mir leid, sie hätte eigentlich selbst als Kind eine Pflegefamilie oder Unterstützung gebraucht. Aber ich hatte auch mal ein Kind, mit deren Mutter ich mich richtig angefreundet habe. Wir sind sogar mal in Urlaub gefahren. Als hinter uns dann ihr Kind „Mama“ brüllte, sagten wir beide: „Welche meinst du denn jetzt?“

Ihre ersten beiden Pflegekinder kamen vor 30 Jahren zu Ihnen, weil die leibliche Mutter überfordert war. Das klingt ja erst mal harmlos.

Heute würde man so ein Kind nicht aus der Familie holen, sondern ihm einen Familienhelfer an die Seite stellen. Außer bei Familien, in denen Gewalt ausgeübt wird, da werden die Kinder gleich rausgenommen. Manchmal dauert es aber Wochen und Monate, bis klar ist, was man mit den Kindern macht. Die Kinder, die heute zu mir kommen, haben deshalb wesentlich mehr erlebt und einen wesentlich größeren Koffer an schlechten Erfahrungen dabei.

Den Jugendämtern wird oft vorgeworfen, dass sie die Kinder zu lange in den Familien lassen, in denen oft schreckliche Dinge passieren.

Es ist prinzipiell schwer abzuschätzen, ob man die Kinder in der Familie lässt oder sie rausnimmt. Zumal Eltern sich oft anders verhalten, wenn das Jugendamt da ist. Und das Zweite ist: Die Jugendämter sind komplett überfordert und haben zu wenig Mitarbeiter. In den großen Städten wie München müsste es eigentlich ein Rund-um-die-Uhr-Jugendamt geben. Und es ist ja auch nicht so einfach, Pflegeeltern zu finden.

Was auch daran liegt, dass eine Arbeit wie die Ihre zu wenig anerkannt und schlecht bezahlt wird.

Ich muss einiges von dem monatlichen Geld, das ich bekomme, finanzieren. Sei es der Beitrag für den Sportverein oder Reitstunden, wenn ich zum Beispiel das Gefühl habe, dem Kind würde der Umgang mit Pferden guttun. Wir können auch nur zweimal im Jahr alle zusammen essen gehen. Hinzu kommt, dass ich später keine Altersvorsorge habe. Ich bin ja nicht angestellt.

Viele Pflegemütter sind über ihren Ehemann versichert.

Das hatte ich von Anfang an nicht, ich war immer allein. Andererseits konnte ich es auch nur machen, weil ich allein war. Ich weiß nicht, ob es irgendwo ein männliches Wesen gibt, das so was mitmachen würde. Am letzten Wochenende waren wir hier um den Tisch 14 Leute, darunter viele ehemalige Pflegekinder.

Sie sind 63, Ihre eigenen Kinder sind erwachsen. Wie viele Pflegekinder haben Sie noch?

Ich habe vier Kinder, zwei habe ich in Bereitschaftspflege, die sind drei und sieben Jahre alt. Und dann noch zwei Mädels, 13 und 15. Bei beiden ist klar, dass sie hierbleiben werden, bis sie selbständig sind. Also zehn Jahre habe ich bestimmt noch zu tun.

Das Buch „60 Mal Mama. Wie ich als Pflegemutter erkannte, was Kinderseelen brauchen“ von Vera Pein und Shirley Michaela Seul erscheint am 4. November; Knaur-Verlag, 256 Seiten, 12,99 Euro.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schipp, Anke
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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