Film über Jonas Deichmann

Ein Triathlon um die Welt

Von Bernd Steinle
17.05.2022
, 20:58
„Das Schwimmen war viel härter als die anderen Disziplinen“, sagt Deichmann, hier zu sehen in der Adria.
Von September 2020 bis November 2021 hat Jonas Deichmann die Welt umrundet – per Triathlon. Jetzt kommt ein Dokumentarfilm über das Abenteuer in die Kinos. Bei der Premiere gab es stehende Ovationen.
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Charkiw, zweitgrößte Stadt der Ukraine. Bilder von zerstörten Häusern gehen einem durch den Kopf, von verzweifelten Menschen, von Wut, Trauer, Schmerz. Als Jonas Deichmann nach Charkiw kam, schien er in eine andere Stadt zu fahren, durch ein anderes Land. Einsame Dorfstraßen, stilles Alltagsleben, Straßenmusiker und immer wieder Neugierige, die wissen wollten, woher er kam, wohin er wollte, ob er Hilfe brauchte. Zwei Wochen verbrachte Deichmann im März 2021 in Charkiw, er musste dort auf sein Visum für Russland warten. „Die Rad-Community hat mich aufgenommen, ich habe bei jemandem gewohnt, wurde zum Essen eingeladen, auf Radtouren mit­genommen“, sagt er. „Jetzt kämpft einer von ihnen, eine andere ist geflohen. Viele Gebäude sind einfach nicht mehr da.“

Die Ukraine war nur ein winziger Teil des Projekts, das Deichmann von Sep­tember 2020 bis November 2021 verfolgte: eines Triathlons um die Welt. 450 Kilo­meter Schwimmen, 21.000 Kilometer Radfahren, 5000 Kilometer Laufen. Ein Projekt, das heute, in Kriegstagen, wie aus fernen Zeiten wirkt, weil es ganz auf Internationalität gebaut ist, auf Offenheit, eine Verbundenheit über alle Grenzen. Das Symbol dafür ist die Route auf der Karte, ein Band, das rund um die Welt führt, das alle Länder und Menschen zu verknüpfen scheint. Deichmann hat in den 14 Monaten gewaltige körperliche Strapazen erlebt, aber auch viel Gastfreundschaft, Hilfs­bereitschaft, Herzlichkeit. Auch, das ist ihm wichtig, in Russland. In Tscheljabinsk arbeitete ein Mechaniker sieben Stunden lang an seinem Rad, Geld wollte er dafür nicht. Menschen luden ihn in ihr Heim, in ihre Familien, in ihre Sauna ein. Ein Hotelangestellter überließ dem ausgehungerten Gast sein eigenes Abendessen, weil alle Restaurants im Ort schon zu waren.

Beim Laufen durch Mexiko war Jonas Deichmann 117 Tage am Stück unterwegs.
Beim Laufen durch Mexiko war Jonas Deichmann 117 Tage am Stück unterwegs. Bild: Foto Markus Weinberg

„Ich war schon in mehr als 100 Ländern unterwegs“, sagt Deichmann, „in Iran, Sudan und anderen Staaten mit zweifelhaftem Ruf. Und überall habe ich unglaublich nette Leute getroffen.“ Deichmann hat ex­treme Ausdauer-Abenteuer bewältigt, er hält Rekorde für die drei schnellsten Kontinentaldurchquerungen mit dem Fahrrad, von Portugal nach Sibirien (14.000 Kilometer in 64 Tagen), von Alaska nach Feuerland (23.000 Kilometer in 97 Tagen), vom Nordkap nach Südafrika (18.000 Kilometer in 75 Tagen). Und wenn ihn all die Kilo­meter eines gelehrt haben, dann ist das: optimistisch zu sein. Den Triathlon um die Welt, die 120-fache Ironman-Distanz, bestritt er ohne festes Begleitfahrzeug, ohne Versorgung von außen. Beim Schwimmen zog er in einem wasserdichten Floß Nahrung, Schlafsack, Kleider hinter sich her. Beim Radfahren hatte er alles Nötige am Bike, beim Laufen zog er einen Anhänger mit, an der Hüfte befestigt. Zu essen gab es, was unterwegs kam, Haupt­sache, Kalorien. Wer so aus eigener Kraft um die Welt zieht, das macht der Dokumentarfilm „Das Limit bin nur ich“ über den Triathlon klar, der am Donnerstag in die Kinos kommt – der muss Optimist sein.

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Vor allem auf der Schwimmstrecke in der Adria, 450 Kilometer von Karlobag bis Dubrovnik (Kroatien), habe er sich oft außerhalb seiner Komfortzone bewegt, sagt Deichmann. „Das Schwimmen war viel härter als die anderen Disziplinen.“ Schwer berechenbare Strömungen, die Erfahrung, bei Dunkelheit Kilometer vor der Küste im offenen Meer unterwegs zu sein, die schwierige Versorgung, weil Orte und Läden oft in weiter Ferne von den Übernachtungsstellen an der Küste waren. Und da war die Monotonie, weil es anders als beim Radfahren und Laufen unterwegs außer Wasser wenig zu sehen gab.

Radfahren: Jonas Deichmann am Baikal-See in Russland
Radfahren: Jonas Deichmann am Baikal-See in Russland Bild: Foto Andrej Bavchenkov

Blieb nur: positiv bleiben. „Es geht darum, jeden Morgen aufzuwachen und zu sagen: Ja, heute schwimme ich zwölf Kilometer oder laufe einen Marathon, egal wie die Bedingungen sind.“ An harten Tagen versuchte Deichmann, mit innerer Stärke dagegenzuhalten. „Ich bin hier dabei, meinen Traum zu verwirklichen, ich bin genau da, wo ich sein will“, sagte er sich. Und: „Wenn man ganz unten ist, kann es nur aufwärtsgehen.“ Schönreden muss auch mal sein. 95 Prozent solcher Unternehmungen seien Kopfsache, sagt Deichmann, mentale Stabilität sei der Schlüssel. Vielleicht auch Sturheit. „Man muss es einfach wollen.“ Und Deichmann wollte. „In den 14 Monaten gab es keinen einzigen Tag, an dem ich hätte unterwegs sein sollen und es nicht war, weil die Motivation fehlte.“ Beim Laufen durch Mexiko war er 117 Tage am Stück unterwegs. Jeden Tag ein Marathon. Mal etwas mehr, selten etwas weniger.

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Umso aufreibender waren die sieben Wochen in der Türkei, als die Einreiseerlaubnis für Russland und damit das ganze Projekt wegen Corona auf der Kippe stand – ohne dass Deichmann das groß beeinflussen konnte. „Das war mental die schwierigste Situation. Ein Schneesturm in Sibirien ist nicht angenehm, aber da liegt es an mir. Wenn ich mich durchkämpfe, geht’s weiter. Aber wenn die Grenzen zu sind?“ Damals war sein Umfeld für ihn besonders wichtig, Menschen, die zuversichtlich ­blieben, die daran glaubten, dass es eine Lösung gab. Wie sein Vater, der ihn aus der Schweiz unterstützte, und der Regisseur des Films, Markus Weinberg, der ihn in den 14 Monaten immer wieder ein, zwei Wochen begleitete.

Nach weiteren knapp 4000 Radkilometern ab Lissabon kam er Ende November an seinem Ausgangspunkt München an.
Nach weiteren knapp 4000 Radkilometern ab Lissabon kam er Ende November an seinem Ausgangspunkt München an. Bild: Foto Pheline Hanke

Weinberg war früher selbst Radprofi, er fuhr mit Deichmann unter anderem durch Moldau, Transnistrien, die Ukraine. Und auch auf den letzten 1600 Radkilometern durch Russland, bis Wladiwostok an der Pazifikküste, war er dabei. Abgesehen davon war Deichmann meist allein unterwegs. Weihnachten saß er im Zelt in der Türkei und telefonierte mit der Familie, seinen 34. Geburtstag beging er in einem Zimmer in Zentralsibirien, mit Schoko­keksen aus dem Supermarkt. „Solche Momente gehören dazu“, sagt er. Zu Freiheit und Abenteuer. Das ist sein Lebensstil, und im Moment passt er so für ihn. „Esposa“ heißt sein Fahrrad, spanisch für „Ehefrau“. Seit 2017 hat Deichmann kein festes Zuhause mehr, sieht man vom Fahrrad­sattel ab, nur einige Anlaufstellen wie bei seinem Vater in der Schweiz.

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Er radelte wochenlang durch den russischen Spätwinter, in eisigen Stürmen, auf matschigen Straßen, neben haarscharf vorbeidonnernden Lastwagen. Seine Insta­gram-Posts halfen bei der Suche nach Werkstätten, und sie hielten Fans, Freunde, Familie auf dem Laufenden. Auch das gehört für ihn dazu. „Jonas ist ein akribischer Arbeiter“, hat Markus Weinberg erfahren. „Er beantwortet selbst dann noch E-Mails und macht eine halbe Stunde Büro, wenn er zuvor 200 Kilometer gefahren und eigentlich total kaputt ist.“ Richtig in Fahrt kam die Außenwirkung aber erst beim Laufen durch Mexiko, von West nach Ost. Beim Start in Tijuana, erzählt Weinberg, seien sie noch allein am Grenzzaun zu den USA gestanden, kein Mensch da, bis irgendwann ein junger Mexikaner kam, der über einen Freund von Deichmann gehört hatte und ein Stück mitlaufen wollte. Daraus wurden 15 Kilometer, dann holte er sein Auto, um am Abend wieder da zu sein, später nahm er wochenlang frei, um an Deichmanns Seite zu bleiben. Die ersten Medienberichte erschienen, „der deutsche Forrest Gump“ wurde nationales Ge­sprächsthema, der Typ mit roter Schirmmütze und Wallebart. Einmal hielt eine Mariachi-Band an der Straße und spielte für ihn, Autofahrer reichten ihm in der ­Hitze der Wüste Wasserflaschen, und als er ein Melonenfeld passierte, bekam er drei Melonen überreicht, was den Anhänger nur noch schwerer machte. Bald war Deichmann den ganzen Tag von Mit­läufern umringt, er lief mit Polizeieskorte, und in den Gebieten der Narcos wurden Ab­gesandte der Drogenkartelle vorstellig, die ihm versicherten, sie wüssten, wer er sei, und wenn er sich beim Filmen schön an die Straße halte, werde er keine Probleme kriegen. Schöne Weiterreise noch.

„Irgendwann“, sagt Deichmann, „kam der Punkt, an dem mir das auch zu viel wurde.“ Jeden Tag ein Begleittross, teils mit Sirene und Blaulicht, in Zielorten Hunderte, die Autogramme oder Selfies wollten, Bürgermeister, die Empfänge ausrichteten, Journalisten, die Interviews erwarteten. „Und ich bin gerade 50 Kilometer gerannt, will nur essen, ins Hotel, schlafen und gut ist.“ Viele empfanden Deichmann, der Spanisch, Portugiesisch, Englisch, Schwedisch und etwas Italienisch spricht, als Inspiration, er zeigte ihnen, was möglich ist, dass man groß denken, scheinbar Unmögliches schaffen kann. „Er sagt immer, er sei so unglaublich müde“, erzählt eine mexikanische Frau im Film, „aber er hat immer ein so breites Lächeln im Gesicht, dass man die Müdigkeit gar nicht sieht.“ Heute sagt Deichmann: „Mexiko war das beste Abenteuer meines Lebens.“

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Zurück nach Europa ging es per Flugzeug, wie schon von Russland nach Mexiko. Die Folgen der Pandemie vereitelten den Plan, per Segelboot oder Schiff zu reisen. Nach weiteren knapp 4000 Radkilometern ab Lissabon kam er Ende November an seinem Ausgangspunkt München an. Es folgte der Medienmarathon. Derzeit hält er fünf bis sieben Vorträge die Woche, die Termine bis Ende November stehen schon. Wieder ist er ständig unterwegs, nur diesmal per Zug und in Hotels und Sälen. Bei der Premiere vergangene Woche auf dem Internationalen Dokumentar­film­festival München gab es stehende Ovationen für den Film, der sportliche Leistung, interessante Begegnungen und außer­gewöhnliche Orte fein ausbalanciert, immer verbunden mit der Frage, die sich trotz aller spektakulärer Bilder stellt: Warum macht einer so was?

Nur vom Leiden, der Quälerei, ist wenig zu sehen. Allein beim Laufen durch Mexiko wird sichtbar, welche Spuren Hitze und Anstrengung hinterlassen haben. Noch sei sein Körper nicht ganz regeneriert, sagt Deichmann, gut fünf Monate nach der Ankunft sei immer noch „eine Grundmüdigkeit drin“. In diesem Jahr plant er kleinere Projekte, Ende 2023 will er wieder die Welt umrunden. Wie, verrät er noch nicht. Man darf vermuten: Ohne Leiden wird es kaum abgehen. Wenn auch auf seine Art, die Art des Optimisten. „Ich versuche“, sagt Jonas Deichmann, „mit einem Lächeln im Gesicht zu leiden. Und mit der Vorstellung, dass es morgen besser wird.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Steinle, Bernd
Bernd Steinle
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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