Eine Hundertjährige im Gespräch

„Man wird alt und merkt es gar nicht“

23.08.2013
, 14:48
Ein Leben mit 101 Jahren - wie führt sich das eigentlich? Gerta Scharffenorth, Teilnehmerin der „Zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie“, kann stundenlang darüber erzählen.

Ihre Gäste schon an der Haustür zu begrüßen, lässt sich Gerta Scharffenorth nicht nehmen. Obwohl sie allen Grund dazu hätte, mit 101 Jahren in ihrem Sessel im Wohnzimmer sitzen zu bleiben, durch das große Fenster auf den blühenden Garten zu blicken und zu warten, bis ihre Pflegerin den Besuch ins Wohnzimmer bringt. Aber dies würde nicht zu ihrer Einstellung passen, dass man auch mit über hundert Jahren noch ein „relativ normales Leben in seinen Möglichkeiten“ führen sollte. Also kommt sie mit ihrem Rollator zur Tür geeilt, gerader Gang, perfekt sitzende Frisur, Perlenkette, graue Strickjacke. Mit ihren wachen blauen Augen und einer festen Stimme begrüßt sie den Gast und führt ihn an den großen Holztisch im Wohnzimmer. Auf dem Weg dorthin betrachtet der Besucher die alten Bilder an der Wand und stellt beiläufig die erste Frage.

Frau Scharffenorth, wie geht es Ihnen?

Wissen Sie, einer Hunderteinjährigen geht es jeden Tag ein bisschen anders, da weiß man nie, wie der nächste Tag wird. Aber mir geht es ganz gut heute, ich will nicht jammern. Sie sehen ja, ich stehe noch gut da.

Die meisten können sich gar nicht vorstellen, wie man sich überhaupt mit hundert Jahren fühlt.

Eigentlich versuche ich, in meinen Grenzen ein normales Leben zu führen, aber mit anderen Inhalten. Früher wollte man beispielsweise auf keinen Fall Zeit verlieren. In meinem Alter bekommt man ein anderes Verhältnis zur Zeit.

Vergeht die Zeit langsamer?

Sie vergeht im hohen Alter deutlich langsamer. Es gibt zwar Phasen, in denen ich mir auch noch denke, „Donnerwetter, jetzt ist schon wieder eine Woche vorbei“, häufiger sind jedoch die langsamen Phasen. Aber auch mit hundert Jahren hat man noch Zeitvorstellungen und -erwartungen. Wenn ich beispielsweise den Tag beginne, nehme ich mir Dinge vor, die ich erledigen will. Der große Unterschied zu früher allerdings ist: Was ich mir vornehme, kommt oft nicht zustande. Die Erwartungen, die man an sich selbst stellt, und was man dann wirklich schafft, gehen oft auseinander.

Seit welchem Alter empfinden Sie diese Divergenz?

Das kann ich nicht genau sagen. Das ist ein schleichender Prozess. Es ist für mich aber schon auffällig, dass seit meinem hundertsten Geburtstag vor eineinhalb Jahren alles noch ein bisschen langsamer geworden ist, dass man noch ein paar mehr Dinge vergisst. Ich habe ein Empfinden dafür, dass es nicht gleich bleibt, es sich aber auch nicht radikal verändert.

Wie sieht denn ein normaler Tagesablauf bei Ihnen aus?

Ich versuche mich an einen Rhythmus zu halten. Ich frühstücke um halb neun. Um halb eins gibt es Mittagessen, da hat sich nicht viel verändert. Das Auffällige ist, dass die Abende kürzer geworden sind. Nach fünf, sechs Uhr werde ich müde, da ist nicht mehr viel los. Zu diesen Zeiten versuche ich mir nicht mehr unbedingt große Gespräche oder Dinge vorzunehmen. Man muss im hohen Alter zwar noch Forderungen an sich stellen, aber man muss sich eben auch seiner Grenzen bewusst sein.

Frau Scharffenorths Haushaltshilfe kommt in den Raum und zeigt auf das Thermometer an der Wand. Im Wohnzimmer ist es um die 20 Grad, sehr angenehm, nicht zu kalt, während draußen die Sommersonne den Asphalt wärmt. Die junge Frau will Frau Scharffenorth trotzdem eine braune Wolldecke überlegen. „Über die Beine genügt“, ruft Frau Scharffenorth der Pflegerin entgegen.

Ist Ihnen kalt?

Wissen Sie, meine Pflegerin ist sehr fürsorglich und sie hat recht, denn mit 101 Jahren kann man es sich nicht mehr leisten, leichtsinnig zu sein.

Sie haben davon gesprochen, dass Sie versuchen, Ihre Zeit sinnvoll zu verbringen, wie zum Beispiel?

Ich sitze immer noch viel am Schreibtisch und versuche, im bescheidenen Maße meine Korrespondenzen weiterzuführen. Es ist weniger geworden, geht langsamer, und die Abstände sind größer geworden. Auch die Briefe werden kürzer, manchmal sind sie auch sehr kurz, und aus einem Brief wird nur noch eine Karte. Aber wenn man im Leben viele menschliche Verbindungen hatte, ist es als Glück zu bezeichnen, wenn diese nicht alle abgerissen sind.

Mit Menschen welchen Alters schreiben Sie sich denn Briefe?

Es sind keine anderen Hundertjährigen dabei. Die meisten sind zwischen siebzig und achtzig Jahren. Es sind, von meiner Familie mal abgesehen, vor allem freundschaftliche Beziehungen, die noch aus der Arbeitszeit bestehen.

Glauben Sie, es geht Ihnen besser als anderen Hundertjährigen?

Ich habe schon den Eindruck, dass es mir besonders gut geht. Ich mache mir das oft klar und bin sehr dankbar, dass es mir so geht. Das ist eine besondere Gnade.

Hat eine gesunde Lebensweise für Sie eine Rolle gespielt?

Nein, ich habe nicht besonders gesund gelebt. Ich hatte gar nicht die Zeit, darüber nachzudenken.

Beschäftigen Sie sich jetzt noch mit Ihrer Gesundheit und Ihrem Körper?

Ich muss mich nehmen, wie es mir geht. Ich versuche mich nicht über Dinge aufzuregen, die körperlich nicht mehr gehen. Damit will ich keine Kraft verlieren. Krankheit ist mir im Leben nicht fremd geblieben. Aber es gibt noch ein paar wenige Dinge, die ich noch hinbekommen will.

Sie haben noch Ziele und Pläne?

Bescheidene

Welche?

Ich möchte meinen Kindern gerne noch die Geschichte ihres Vaters in einem Text aufschreiben. Ich habe auch schon begonnen, die Geschichte ist natürlich stark komprimiert. Es eine Biographie zu nennen wäre zu hochgesteckt. Das wäre zu anmaßend. Ich hoffe, dass ich es noch schaffe - den Anspruch habe ich an mich.

Wenn man Ihnen zuhört, bekommt man den Eindruck, dass Ihnen geistige Fitness deutlich wichtiger ist als körperliche.

Das muss ich eindeutig bejahen, allerdings mit der Ergänzung, dass ich mir bewusst bin, dass das nicht unbedingt ein Nacheinander, sondern ein Nebeneinander ist. Körperliches und Geistiges beeinflussen sich. Am wichtigsten ist, sich immer wieder vorzunehmen, dass man das, was man noch kann, auch realisiert.

Sie sind Christin, welche Rolle spielt der Glaube für Sie?

Eine ziemlich wichtige. Das ist eine Grundeinstellung, die mich mein ganzes Leben lang begleitet hat und stets begleitet.

Sind Sie zufrieden mit Ihrem Leben?

Ja, zufrieden bin ich.

Sind Sie glücklich?

Glücklich würde ich nicht eindeutig sagen. Es gibt schon Stunden, in denen ich betrübt bin, wenn ich mal wieder realisiere, dass ich hinter meinen eigenen Erwartungen zurückbleibe. Das ist eine Belastung. Aber ich schaffe es immer wieder, das nicht zu einer Lebenstragik zu steigern.

Gibt es auch etwas, wovor Sie noch Angst haben?

Nicht in dem Sinne, dass sie latent da ist. Aber ich habe Angst, sehr hilfsbedürftig zu werden, das geistige Bewusstsein zu verlieren, ein Wrack meiner selbst zu werden.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Ich habe keine Angst vor dem Tod.

Spielt der Tod denn eine Rolle in Ihrem täglichen Leben?

Zeitweise beschäftige ich mich damit. Weil die Fragen um den Tod auch immer mit der Frage verbunden sind, was einem noch wirklich wichtig ist. Aber es ist nicht so, dass es mein Gesamtbefinden jeden Tag beeinflusst.

Interessieren Sie sich auch noch für politische und gesellschaftliche Themen?

Das interessiert mich alles noch sehr, aber ich bin inkonsequent. Früher habe ich mich intensiv mit Dingen auseinandergesetzt in allen Facetten. Das geht jetzt nicht mehr. Ich habe meine Interessen reduziert. Ich lese aber regelmäßig, zumindest die Überschriften in der Zeitung.

Sie haben ja eine große und wichtige geschichtliche Zeitepoche miterlebt. Zwei Weltkriege, Diktatur und Demokratie. Daneben haben Sie auch alle menschlichen Lebensphasen erlebt, die man sich vorstellen kann. Welche war die schönste?

Ich habe sehr lebhafte Erinnerungen an die verschiedenen Lebensphasen. Als die schönsten muss ich zwei nennen. Die eine ist meine späte Kindheit und das Erwachsenwerden, also das Alter zwischen 13 und 15 Jahren. Da habe ich sehr schöne Erfahrungen gemacht. Die andere Phase sind im Prinzip die letzten Jahre. Es ist nämlich etwas Besonderes, eine junge Generation, also meine Urenkel, kennenzulernen und mich mit ihnen auszutauschen.

Bekommen Sie über Ihre Urenkel noch die neusten technischen Entwicklungen mit?

Ja, zumindest höre ich davon. Was das Internet angeht, habe ich mit achtzig einen großen Irrtum begangen. Ich dachte, das spielt für mich keine Rolle mehr. Rückblickend kann ich sagen, das war falsch.

Es gibt immer mehr Hochbetagte. Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft im Umgang mit Ihnen?

Ich habe keine gravierenden negativen Erfahrungen gemacht. Aber die Gesellschaft sollte doch mehr Fragen an das Alter stellen. Zum Beispiel, ob das Altsein auch zureichend verstanden wird. Es geht nicht nur ums Pflegen, sondern es ist gesellschaftlich notwendig, sich bewusst zu machen, dass es immer mehr Menschen über achtzig gibt, die auch noch vielseitig interessiert sind, es sollte noch mehr nach Lebenseinstellungen gefragt werden.

Wie feiern Sie den 102. Geburtstag?

Ich habe noch keine Pläne.

Aber Sie freuen sich darauf, ihn noch zu erleben?

Ja, das habe ich mir gerade vor ein paar Tagen klargemacht. Man wird alt und merkt es gar nicht.

Zwei Stunden Gespräch ohne Pause. Frau Scharffenorth könnte noch mehr erzählen über das Alter und ihr langes Leben. Ihr Blick wirkt noch hellwach und aufmerksam, aber ein wenig habe sich die Müdigkeit eingeschlichen, gesteht sie. Bei der Verabschiedung fragt sie freundlich, ob man den Weg zur Tür alleine findet, sie würde gerne im Sessel sitzen bleiben.

Ein Lebensweg im Wandel

Gerta Scharffenorth wurde am 8. Januar 1912 als Tochter eines Offiziers und Landwirts in Stuttgart geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Schlesien. Als eines von wenigen Mädchen machte sie, die heute 101 Jahre alt ist, auf einem Gymnasium für Jungen 1931 Abitur. 1936 heiratete die junge Frau einen Seeoffizier und lebte mit ihm und ihren drei Kindern in verschiedenen Städten an der deutschen Küste. Doch mit Beginn des Zweiten Weltkrieges musste ihr Mann an die Front, und Scharffenorth kehrte mit den Kindern zurück auf das Familiengut in Schlesien. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges traf Scharffenorth für die damalige Zeit eine mutige Entscheidung: Sie trennte sich von ihrem Mann und lebte fortan als alleinerziehende Mutter. Keine einfache Aufgabe, wie sie selbst erzählt, denn in den Nachkriegsjahren wurde sie mit den drei Kindern aus Schlesien vertrieben und lebte einige Jahre in den „Resten eines Bunkers in Norddeutschland“, bevor sie dann nach Heidelberg zog. In der Stadt am Neckar arbeitete Scharffenorth erst in einer theologischen Bibliothek, bevor sie sich mit 44 Jahren noch einmal entschied, Politologie und Theologie zu studieren und einige Jahre später auch zu promovieren. Nach Abschluss des Studiums leitete Scharffenorth den Evangelischen Gemeindedienst und wechselte später an die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft. 1970 wurde sie als erste Frau in den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt. Gerta Scharffenorth hat sieben Enkel und acht Urenkel.

Die Fragen stellte Lucia Schmidt.

Quelle: F.A.S.
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