Nationalpark in Peru

Goldgräber im Garten Eden

Von Roland Knauer
24.11.2017
, 10:33
Artenreich: Fluss und Regenwald im Amazonasbecken im Nordosten Perus
Im Nordosten Perus soll ein riesiger Nationalpark entstehen. Doch zahlreiche Einheimische lehnen das Projekt ab. Sie sehen ihre Zukunft durch das Naturschutzgebiet gefährdet.
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Die Interessengemeinschaft der indigenen Völker im Amazonasbecken fährt schweres Geschütz auf. „Diktatorisches Vorgehen und Neokolonialismus“ wirft ihr Vorstand der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, dem peruanischen Institut für Gemeinwohl und der für Schutzgebiete in Peru zuständigen Behörde vor. Diese drei Organisationen unterstützen im Amazonasbecken im Nordosten Perus die Entwicklung des Nationalparks „Yaguas“, der mit 8700 Quadratkilometern fast halb so groß wie Sachsen wäre. Und das gegen den heftigen Widerstand von sechs Indianer-Gemeinden dieser Region, aus der auch der Generalkoordinator der Interessengemeinschaft Coica, Edwin Vasquez, stammt. Der Schutz der Natur wendet sich demnach gegen die Interessen der dort lebenden Menschen.

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Falsch ist diese Behauptung für die sechs Dörfer zwar nicht, die ganze Wahrheit aber spiegelt sie auch nicht wider. „Wir möchten, dass die Regierung dort so schnell wie möglich einen Nationalpark einrichtet“, sagt Benjamin Rodriguez Grandez im Namen von 45 Gemeinden der Region. Ähnliches fordert auch Liz Chicaje Churay, die Präsidentin einer Vereinigung von 16 weiteren Gemeinden in diesem Gebiet. Und Rodriguez schiebt auch gleich den Grund für die Forderung nach einem Nationalpark nach: „Dort vermehren sich die Pflanzen und Tiere, die unseren Vorfahren schon immer den Lebensunterhalt garantierten.“

Außerordentlich hohe biologische Vielfalt

Naturwissenschaftler bestätigen der Region eine außerordentlich hohe biologische Vielfalt. Dort leben zum Beispiel mindestens 337 Arten von Fischen, die damit einen Landesrekord für Peru aufstellen. „Auch andere wichtige Tierarten von Seekühen und Flussdelphinen über Riesenotter und Mohrenkaiman bis hin zum Jaguar, Ozelot und dem Großen Ameisenbären prägen die Natur im Einzugsgebiet des Yaguas-Flusses“, sagt der für Peru zuständige Direktor der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), Hauke Hoops, in Cusco. Peru hatte also gute Gründe, auf ausdrücklichen Wunsch der angrenzenden Gemeinden dieses Gebiet am 26. Juli 2011 vorläufig unter Schutz zu stellen.

Wie aber soll die Yaguas-Region dauerhaft geschützt werden? Zu dieser Frage hat die peruanische Naturschutzbehörde Sernanp die 29 Gemeinden konsultiert, die am Rande dieses unbewohnten Gebietes leben. Das Ergebnis war eindeutig: 23 Orte wünschen einen Nationalpark. Abgelehnt wird er gerade einmal von den sechs Gemeinden, die stattdessen ein kommunales Schutzgebiet bevorzugen. Von dem von der indigenen Dachorganisation Coica behaupteten diktatorischen Vorgehen ist da wenig zu spüren.

Zumindest in einem Teil des Schutzgebietes sollen die traditionellen Nutzungsmethoden der Indianer weiter erlaubt bleiben. Dazu gehören zum Beispiel die Jagd und der Fischfang, bei dem die Indianer manchmal ziemlich dicke Beute an Land ziehen, lebt in den Gewässern doch mit dem Arapaima ein Fisch, der mehr als zwei Meter lang und weit über 100 Kilogramm schwer werden kann und der auf dem Speiseplan der Einheimischen eine wichtige Rolle spielt. Zur entfernten Verwandtschaft dieser Art gehören die Arowanas. Diese Raubfische sind in Südostasien bei erfahrenen Besitzern von Aquarien sehr beliebt, weil sie einer verwandten asiatischen Art ähneln, die dort als Glücksbringer gelten und sehr selten geworden sind. Die Indianer fangen daher die Jungfische und exportieren sie lebend nach Asien. Inzwischen erkundigen sich die Dörfler bei den Naturschützern bereits nach den besten nachhaltigen Verfahren, mit denen diese Tiere in Schutzgebieten genutzt werden können.

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Goldgräber verseuchen die Umwelt

Eine Entwicklung aber trübt die Aussichten in dieser Naturregion: Goldwäscher graben mit Saugbaggern auf Flößen das Flussbett um. Aus dem Boden holen sie mit Hilfe von Quecksilber winzige Goldkörner heraus. Ein einziges Floß kann so in acht Stunden Gold im Wert von mehr als 2000 Euro gewinnen. Dabei kehren die Goldwäscher das Unterste nach oben und bringen so das Ökosystem erheblich durcheinander. Obendrein setzen sie große Mengen Quecksilber frei, das für viele Organismen extrem giftig ist. Peru hat also gute Gründe, solche Saugbagger nicht nur in Schutzgebieten, sondern im gesamten Land zu verbieten.

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Im unzugänglichen Yaguas-Gebiet aber fällt eine Kontrolle schwer. Zumal die Kassen der Schutzgebietsbehörde für solche zusätzlichen Ausgaben keine Reserven haben. Ende 2015 sprang daher die ZGF ein und erklärte sich bereit, Kontrollposten und Ausrüstung für die dringend benötigten Parkranger zu finanzieren. Im Oktober 2016 wollten dann ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck, die Südamerika-Chefin der Organisation, Antje Müllner, und der Peru-Direktor Hauke Hoops das neue Projekt besuchen, das allerdings ein wenig abseits der Verkehrswege des 21. Jahrhunderts liegt und nur nach einer dreitägigen Bootsfahrt auf den Regenwaldflüssen zu erreichen ist. Gemeinsam mit dem vorläufigen Chef des Reservats, der aus der Gegend stammt, und weiteren Einheimischen stießen die Besucher dann auf eine Reihe von Booten, die anscheinend die Einfahrt in das Gebiet blockierten. „Ein Boot hielt wohl auf uns zu, dank unseres starken Motors und weil wir flussabwärts fuhren, entkamen wir aber aus dieser brenzligen Situation“, erinnert sich Christof Schenck. Die beiden Ranger auf dem Begleitboot mit der gesamten Ausrüstung aber hatten weniger Glück und wurden festgehalten. Erst als die zuständige Marine eine schwerbewaffnete Einheit schickte, kamen die beiden wieder frei. In einigen Einsätzen beschlagnahmten die Soldaten später illegale Saugbagger, die mitten im Reservat Gold gewannen. Allerdings wurden die Maschinen oft bereits innerhalb von ein paar Tagen wieder ersetzt.

Umweltministerin hofft auf Einigung

Die Menschen in den Gemeinden, die einen Nationalpark wünschen, kennen diese Goldwäscher durchaus. Sie kommen meist aus den Gemeinden Primavera und Huapapa, die den Nationalpark ablehnen. Längst gibt es einige Anzeigen gegen die Beteiligten, betroffen sind auch enge Verwandte des Coica-Generalkoordinators Edwin Vasquez. Gerichtsurteile stehen allerdings noch aus.

Die bisher letzte Anzeige richtet sich gegen sieben Männer. Sie haben Anfang November 2017 schwer bewaffnet den Kontrollposten im vorläufig gesicherten Yaguas-Reservat überfallen. Ihre Beute war ein früher beschlagnahmter Motor für einen der illegalen Saugbagger und weitere Ausrüstung einschließlich Quecksilber für die Goldwäscherei. Auch diese Räuber sollen aus den Dörfern stammen, die sich gegen den Nationalpark wenden. Trotzdem hofft die peruanische Umweltministerin, den Nationalpark bald einrichten zu können. Damit würde sie nur dem Wunsch der überwältigenden Mehrheit der Indianer-Gemeinden folgen.

Quelle: F.A.Z.
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