Sensationsfund

Schatzsucherin entdeckt Mini-Bibel aus dem Mittelalter

Von Philip Plickert, London
10.11.2021
, 17:41
Die Heilige Margaret und der Heilige Leonhard, Schutzpatronen der Schwangeren, mit einem Drachen: Die goldene Mini-Bibel ist gerade mal eineinhalb Zentimeter groß.
Auf einem Acker, der einst Richard III. gehörte, hat eine Schatzsucherin in England ein wertvolles Objekt entdeckt: eine winzige, goldene Bibel. Sie könnte gut 100.000 Pfund wert sein.
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Die Krankenschwester Buffy Winship Bailey konnte zunächst kaum glauben, was sie aus dem Feld zog, nachdem ihr Metalldetektor gepiept hatte. Es war ein Goldobjekt in Form einer winzigen aufgeklappten Bibel. Sie ist nur knapp 1,5 Zentimeter hoch, wiegt fünf Gramm, könnte aber eine sechsstellige Summe wert sein.

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Bailey und ihr Mann entdeckten die „Mini-Bibel“ in einem Acker in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire. Das Feld liegt bei der Stadt York an der Kreuzung mehrere historischer Fußwege und in der Nähe eines Anwesens, das einst dem englischen König Richard III. gehörte. Dort waren die beiden Schatzsucher mit Erlaubnis des Grundeigentümers unterwegs.

Am Rande eines frisch gepflügten Ackers habe sie mit ihrem Metalldetektor sofort ein starkes Signal erhalten, berichtet Bailey der F.A.Z. „Ich habe etwa fünf Zoll gegraben, und da lag etwas Glänzendes. Mein Herzschlag fing an zu rasen.“

Acker gehörte einst Richard III.

Das kleine, schwere Objekt stellte sich als spektakulärer Fund heraus: Eine Art „Mini-Bibel“ aus dem 15. Jahrhundert. Am Buchrücken gibt es ein Loch für eine Kordel, so dass man sie um den Hals tragen kann. Auf den beiden aufgeschlagenen Seiten sind der heilige Leonhard und die heilige Margaret mit einem Drachen eingraviert. Sie gelten als Schutzpatrone für Schwangerschaft.

Der Acker, auf dem die Goldbibel in der Erde steckte, liegt nicht weit vom Sheriff Hutton Castle, das im späten Mittelalter König Richard III. (1452 bis 1485) nutzte. Britische Medien spekulieren, das goldene Büchlein könnte einer weiblichen Verwandten des Kurzzeitkönigs oder einer anderen reichen Adeligen gehört haben.

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Fachleute schätzen den Fund als ­große kunsthistorische Kostbarkeit ein. Julian Evan-Hart, Chefredakteur des Magazins „Treasure Hunting“, nannte das kleine Goldbuch ein „außer­gewöhnliches, einzigartiges“ geschichtliches Artefakt. Er schätzt den Wert in einer Auktion auf mehr als 100.000 Pfund (gut 116.000 Euro).

Schatzsuche als Volkssport

„Das Kunstwerk hat eine große Ähnlichkeit mit dem Middleham-Schmuckstück, es ist gut möglich, dass es vom selben Künstler hergestellt wurde“, sagte Evan-Hart der BBC. Das Middleham-Schmuckstück, ein rautenförmiger Goldanhänger mit einer Kreuzigungsszene und einem blauen Saphir, wurde in den achtziger Jahren nahe Middleham Castle, der nördlichen Residenz von Richard III., entdeckt. Später kaufte es das Yorkshire Museum für 2,5 Millionen Pfund.

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Nach dem Gesetz haben Museen ein Vorkaufsrecht für die historischen Artefakte, die Tausende Hobbyarchäologen und Schatzsucher im Land jedes Jahr aus der Erde bergen. Auch Buffy Winship Baileys Mini-Bibel gehört laut „Treasure Act“ formell der Krone. Derzeit prüft das Museum in York das Stück, dann soll ein Auktionator den Wert schätzen. Falls das Museum es kauft, würden die Finderin und der Eigentümer des Ackers den Erlös je hälftig als Finderlohn erhalten.

Historische Schatzsuche ist in Großbritannien ein regelrechter Volkssport. Jedes Wochenende ziehen Tausende Enthusiasten über Wiesen und Felder, wo sie keltische, römische, angelsächsische, normannische und spätere Münzen, Schmuck, Waffen oder Werkzeuge zu finden hoffen. Um die Schatzsuche herum hat sich eine ganze kleine Industrie gebildet, die Metalldetektoren kosten von 200 bis zu 2000 Pfund für absolute Profigeräte. Das Magazin „Treasure Hunting“ hat die nun entdeckte Goldbibel auf die Titelseite gehoben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Plickert, Philip
Philip Plickert
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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