Kika-Moderator Eric Mayer

„Wissen kann Ängste nehmen“

Von Kerstin Mitternacht
Aktualisiert am 27.11.2020
 - 21:03
Wie funktioniert ein Stunt beim Film? Eric Mayer hat es ausprobiert.
Eric Mayer moderiert seit zwölf Jahren die Kindersendung „Pur+“ auf dem Kinderkanal. Im Interview spricht er über die Vermittlung von Fakten, warum Mädchen genauso interessiert sind wie Jungs, und wie man Kindern Corona erklärt.

Herr Mayer, Sie sind seit zwölf Jahren Moderator und Reporter bei „Pur+“, dem Entdeckermagazin für Kinder auf Kika, und waren mittlerweile auf über 400 Entdeckungsreisen. Was treibt Sie an?

Mein Wissenskribbeln irgendwo in der Magengegend, das trifft es, glaube ich, ganz gut. Wenn ich ein Thema spannend finde, dann will ich immer mehr dazu erfahren. Und dann fange ich an, im Internet oder in Büchern zu lesen, rede mit Menschen und mache Experimente. Ich will Wissen erleben und den Themen auf den Grund gehen, das macht mich glücklich.

Was war das Spannendste, was Sie als Wissenschaftsreporter erlebt haben?

Schwer zu beantworten, denn jede Wissensreise ist auf ihre eigene Art einzigartig und kann auf so vielen verschiedenen Ebenen spannend sein.

Das müssen Sie genauer erklären. Welche Ebenen sind das?

Ich liebe es, neue Sichtweisen zu sammeln und meine eigenen zu hinterfragen. Das habe ich oft, wenn ich Menschen und ihre Geschichte kennenlerne. Wir haben beispielsweise in Indien zum Thema Stoffproduktion gedreht, und ich habe Näherinnen interviewt. Danach stand ich zu Hause vorm Kleiderschrank, habe meine vielen Klamotten angeschaut und war mir selbst ein bisschen peinlich. Solche neuen Sichtweisen bereichern mich – und hoffentlich auch alle, denen ich davon erzähle.

Das klingt gut. Aber Sie erleben ja selbst auch ganz viel.

Das ist eine weitere Ebene, die Selbstexperimente. Wie beispielsweise der Schlafentzug, da habe ich 48 Stunden nicht geschlafen, oder das Langeweile-Experiment: zwei Tage Wäscheklammern sortieren und schauen, was Langeweile mit meinem Gehirn macht. Da habe ich viel über den Körper, aber auch über mich selbst gelernt.

Sie erklären Kindern ja zum Teil sehr komplexe Sachverhalte. Wie bringt man Kindern Wissen nahe, damit es Spaß macht?

Der erste Schritt ist, dass man es selbst versteht. Und dann muss man all das freilegen, was das Herz berührt. Spannendes Wissen berührt nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz. Da wirst du überall fündig, auch in der Physik. Wenn du erklärst, was Schwerkraft ist, und dabei sagst, dass man beim Trampolinspringen kurz schwerelos ist, schaffst du einen emotionalen Aha-Moment, den Kinder in ihrer Lebenswelt finden. Und die volle Aufmerksamkeit ist dir sicher.

Einige Themen können Kindern ja auch durchaus Angst machen, wie beispielsweise derzeit Corona. Wie klärt man über solche Themen auf?

Wichtig ist, diese Ängste mit den Kindern zu besprechen. Gut eingeordnete Informationen geben dabei Sicherheit und helfen gegen ein diffuses Angstgefühl im Bauch. Das ist eine wichtige Aufgabe für Medienmacher, Eltern und Menschen im Bildungssystem generell. Unser Job ist es nicht, zu entscheiden, was Kinder wissen wollen, sondern das, was sie beschäftigt, adäquat aufzubereiten. Gerade auch schwierige Themen. Der falsche Schluss wäre, nicht darüber zu reden.

Um bei Corona zu bleiben, wie würden Sie vorgehen?

Sich an die Fakten halten. Eine große Angst von Kindern ist beispielsweise oft, dass die Eltern krank werden könnten. Da hilft es zu erklären, dass die Wahrscheinlichkeit dafür bei den richtigen Schutzmaßnahmen eher gering ist. Und dass die meisten Krankheitsverläufe mit einer vollen Genesung enden. Wenn sich Kinder Sorgen um Risikopersonen wie die Oma machen, können Eltern erklären, dass diese deshalb auch sehr vorsichtig ist und derzeit lieber nicht besucht werden sollte. Also aufzeigen, dass man nicht machtlos ist, dass diese Zeit vorübergehen wird und wir gemeinsam da durchkommen. Man findet fast immer einen Weg, Kindern ein positives Gefühl mitzugeben.

Neben Ihrer Sendung Pur+ haben Sie auch zwei Wissensbücher für Kinder geschrieben. Davon gibt es grundsätzlich eine Menge auf dem Markt. Ich selbst bin mit der Reihe „Was ist was“ großgeworden. Was hat Ihnen bei anderen Büchern gefehlt?

Das war tatsächlich eine Frage, die ich mir auch gestellt habe: Wozu noch eine Sachbuchreihe? Ein neuer Ansatz musste her, und rausgekommen sind sehr persönliche Bücher, die Informationen vermitteln, aber auch voller Emotionen und Abenteuer stecken. Mit einem Schuss Phantasie, wie meinem sprechenden Hund Caramelo, und liebevollen Illustrationen. Mir war es wichtig, ein schönes Leseerlebnis zu schaffen und dabei Wissen zu vermitteln.

In Ihrem ersten Buch, in dem es um das Weltall geht, beschreiben Sie sehr anschaulich, wie es Ihnen bei einem vierstündigen Parabelflug ergangen ist. Nicht jeder würde zugeben, dass er sich auf der Hälfte des Fluges nur übergeben hat. Sind Ihnen solche Geschichten peinlich?

Ganz ehrlich, ich liebe es, peinliche Geschichten von mir zu erzählen. Ich finde es auch nicht schlimm, wenn ich schlecht dabei wegkomme, sondern eher lustig. In so vielen Situationen im Leben steckt doch Humor, und den muss man einfach herauskitzeln. Über sich selbst zu lachen ist sehr befreiend! Im Loopingflugzeug beschreibe ich, wie mir wegen der starken Kräfte ein Spuckefaden aus dem Mund hing. Ich mag solche kleinen Dinge, die auch die Absurdität des Lebens zeigen.

Neben den Fakten zum Thema Weltall zeigen Sie in Ihrem Buch auch, mit welchen Fragen Sie sich auf den Weg machen und wie Sie Antworten finden. Wollen Sie damit auch zeigen, wie man Fakten recherchiert und diese von Fake News unterscheidet?

Ich glaube, es ist wichtig, den Erkenntnisweg offenzulegen. Wissen fällt nicht vom Himmel, man muss es sich immer wieder erarbeiten. Diesen Erkenntnisweg transparent zu machen finde ich wesentlich, gerade in Zeiten von Fakten versus Fake News. Wir werden ständig überhäuft mit Infos, Standpunkten, Meinungen, und da ist es wichtig, selbst herauszufinden: Zu welchem Ergebnis komme ich denn? Neugierig und flexibel im Kopf zu bleiben, dazu will ich mit meinen Büchern ermutigen.

In Ihrem zweiten Buch, das im Dezember erscheint, berichten Sie von Ihren Erlebnissen mit wilden Tieren. Sie haben dabei unter anderem auch Geparden besucht und bei der Umsiedlung von Giraffen geholfen. Was war für Sie das Beeindruckendste, was Sie mit Tieren erlebt haben?

Die Erlebnisse mit den Geparden haben mich tatsächlich sehr mitgenommen, da mir vorher gar nicht so bewusst war, dass sie für immer von der Erde verschwinden könnten. Das hat mich emotional total aufgewühlt. Als ich sie dann in freier Wildbahn gesehen habe, war ich einerseits geflasht von diesen schönen Katzen, aber auch einfach traurig. Deswegen habe ich im Buch ein Zwischenkapitel zur Diversität eingefügt, um klarzumachen, wie wichtig die Vielfalt auf der Erde und wie sehr sie bedroht ist.

Wenn man zum Beispiel Ihre Berichte zu den giftigen Tieren in Australien liest, kann einem schon bange werden. Hatten Sie bei Ihren Recherchen schon einmal richtig Angst?

Ja, klar! Als ich einem Nashorn ein Handtuch über die Augen legen sollte, da hatte ich total Angst und habe es dann schließlich auch nicht gemacht. Als ich mich auf ein Krokodil geschmissen habe, um es zur Auswilderung einzufangen, da habe ich meine Angst aber überwunden und es einfach getan. Ich frage mich im Nachhinein dann oft, warum ich bestimmte Dinge gemacht habe. Es ist wie ein Reportagerausch, ich mache dann wohl Sachen, die ich sonst vielleicht nicht tun würde.

Wie bereiten Sie sich auf die Reportagen und Reisen vor?

Wir sind ein großes Team, da wird im Vorfeld lange über die Themen gesprochen. Dann lese ich viel und tauche in die Themen ein. Es gab übrigens auch schon Selbstexperimente, die ich zunächst nicht machen wollte. Vor meinem Tauchgang mit Haien, da war ich so verunsichert, dass ich schließlich einen renommierten Hai-Experten auf den Bahamas angerufen und ihn gefragt habe: Was mache ich denn, wenn mich ein Hai angreift? Da hat er sich totgelacht und gesagt: Der Hai greift dich nicht an, das ist eine falsche Denkweise. Er hat mir viel erklärt und dadurch Sicherheit gegeben. Für mich ein Beispiel, dass fundiertes Wissen zu einem Thema Ängste nehmen kann.

Es heißt ja immer wieder, dass sich Mädchen weniger für Technik interessieren, sie ergreifen ja auch immer noch seltener naturwissenschaftliche Fächer. Wie sieht das bei Ihren Zuschauern aus, haben Sie mehr Jungs oder Mädchen als Fans?

Der Sender Kika, auf dem „Pur+“ läuft, wird etwas mehr von Mädchen eingeschaltet. Uns beschäftigt daher schon, mit welchen Themen wir Jungs mehr packen können, um sie als Zuschauer nicht zu verlieren. Wobei ich die Unterscheidung Mädchen- und Jungenthemen für nicht zielführend halte, denn es gibt keinen grundsätzlichen Unterschied, was die Wissbegierde bei Kindern betrifft. Die Interessen sind durch soziales Umfeld, Erziehung und den jeweiligen Charakter geprägt. Ich plädiere dafür, einfach Lust auf Wissen zu vermitteln. Das ist die Aufgabe der Erwachsenen, die zugegebenermaßen nicht immer einfach ist.

Sie haben ja parallel zum Buch auch einen Podcast für Kinder gestartet. Warum noch ein Podcast?

Die Idee war, etwas zu schaffen für Kinder, die Lust auf spannendes Wissen haben, aber vielleicht nicht direkt zum Buch greifen. Podcasts sind da ein supertolles Medium, denn man kann sie Kindern ganz einfach kostenlos zur Verfügung stellen. Wir haben ein bisschen ausprobiert und sind bei einer Mischung aus Hörspiel und spannenden Interviewgästen gelandet: Astronauten, eine Tiefseeforscherin oder auch eine Weltraumarchitektin.

Das Buch „Eric erforscht . . . die wilden Tiere“ erscheint am 3. Dezember (148 Seiten, Carlsen Verlag, 10 Euro).

Quelle: F.A.S.
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