Erinnerung an Luftbrücke

Im Paket steckte Glück

Von Christian Geinitz
Aktualisiert am 27.11.2020
 - 09:37
Blick zurück: Anita Stapel, hier am Mittwoch in ihrer Wohnung in Berlin-Lichtenrade, unterstützt die Arbeit von Care.
Vor 75 Jahren wurde die Hilfsorganisation Care gegründet. Anita Stapel profitierte während der Berlin-Blockade 1948 von ihren Paketen – und hilft nun im Alter von 92 Jahren als Ehrenmitglied selbst.

Die Kenntnis der Vergangenheit schärft den Blick auf die Gegenwart. Anita Stapel hat einen sehr scharfen Blick auf das Gestern und Heute. Das liegt daran, dass sie 92 Jahre alt ist, dazu „topfit“, wie sie sagt, dass sie viel liest und zuhört – und vielleicht liegt es auch daran, dass sie zeit ihres langen Lebens in Berlin gewohnt hat, an einem Kristallisationspunkt der Weltgeschichte.

Heute ist Anita Stapel Ehrenmitglied der Hilfsorganisation Care, deren Gründungsdatum, der 27. November 1945, sich an diesem Freitag zum fünfundsiebzigsten Male jährt. Stapel hat einem Care-Paket selbst viel zu verdanken, während der Berlin-Blockade 1948 halfen die Nahrungsmittel aus den Vereinigten Staaten der jungen Mutter über die Mangelernährung hinweg.

Wenn Anita Stapel davon berichtet, bettet sie die Erzählung in ihre eigene Geschichte und in die ihrer Heimatstadt ein. Anita Jablonski, wie sie damals hieß, wurde 1928 in der Weimarer Republik geboren, erlebte als Kind in Neukölln den Aufstieg der Nationalsozialisten, dann den Zweiten Weltkrieg, die Bombenangriffe, die Niederlage, den Einmarsch russischer Truppen, deren Übergriffe auf deutsche Frauen. Es folgten die amerikanische Besatzung, die Teilung, die Blockade, der Mauerbau, der Kalte Krieg und schließlich die Wiedervereinigung mit der Rückkehr Berlins als Hauptstadt.

„Die haben noch nichts erlebt“

„Der nächste große Einschnitt ist Corona“, sagt Anita Stapel, die in einem Haus mit Wintergarten in Lichtenrade wohnt. „Das Virus ist schlimm, aber die Einschränkungen sind es nicht.“ Verglichen mit früheren Entbehrungen, die ihre Generation ertragen musste, sei der heutige Verzicht gut zu verkraften. „Die Leute halten es schon für eine Zumutung, in der U-Bahn eine Maske zu tragen. Die haben noch nichts erlebt“, sagt sie. Durch ihre Formulierungen zieht sich ein ironischer Unterton, die feinste Ausprägung der „Berliner Schnauze“: „Damals war es einen Zahn schärfer als heute. Wir waren schon froh, wenn wir lebend aus dem Luftschutzkeller kamen und das Haus noch stand.“

Einmal stand das Haus nicht mehr, es brannte nach einem Bombentreffer lichterloh. Auch aus der neuen Wohnung musste die Familie ausziehen, vertrieben durch die russische Armee, weil ein fanatisierter Nationalsozialist aus einem oberen Stockwerk einen russischen Soldaten erschossen hatte. Das Gebäude wurde zwar nicht, wie angedroht, niedergebrannt, wohl aber geplündert. Schon bald ging der Familie, wie so vielen Berlinern in der Nachkriegszeit, die Nahrung aus. „Erst kamen die Russen, dann kam der Hunger“, sagt Stapel, „das sind meine schlimmsten Erinnerungen.“ Ihr Vater, vor dem Krieg Arbeiter in der Schultheiß-Brauerei, saß in englischer Gefangenschaft fest, ihre Mutter musste die Siebzehnjährige und die erst drei Jahre alte Schwester allein durchbringen.

Zu essen gab es Brot, Kartoffeln, Trockengemüse, meist aber nur „Klütersuppe“, Wasser mit eingerührtem Mehl. „Hin und wieder hatten wir ein bisschen Fett dazu.“ Der Schwarzmarkt im „abgeholzten Tiergarten“, dessen Bäume als Feuerholz dienten, gab für die Familie wenig her, da die Jablonskis nach Ausbombung und Plünderung kaum etwas zum Tauschen hatten. Immerhin fand sie in dieser Zeit ihre große Liebe: den Nachbarsjungen Joachim, der als kaufmännischer Angestellter in einer Elektro- und Sanitärgroßhandlung arbeitete, deren Miteigentümer er später werden sollte. Kaum achtzehnjährig, verlobten sie sich, 1948 stand die Hochzeit an. „Wir mussten heiraten, wie man das damals nannte“, sagt Stapel.

Fast wäre die Eheschließung geplatzt

Fast wäre die Eheschließung in Berlin geplatzt, denn Anita begleitete ihren Joachim im Juni 1948 nach Passau, wo er für seinen Betrieb Filmscheinwerfer abholen sollte, die er allein nicht tragen konnte. Der Zug zurück war der letzte, bevor die Sowjets alle Wege nach Berlin kappten. Die Berlin-Blockade hatte begonnen. In den folgenden Monaten bereiteten die Familien mit Mühen die Vermählung der minderjährigen Brautleute vor. Einige Unterlagen aus Westdeutschland waren nicht zu bekommen, weil keine Postwege mehr bestanden. Ein Brautkleid ließ sich beschaffen, aber keine Schuhe, Anita lieh sich ein Paar von ihrer Mutter. Gäste von außerhalb durften nicht anreisen, am Ende kam nur ein alter Onkel und musste als Trauzeuge einspringen. Das Festessen bestand aus Kraut mit etwas Fleisch, das sie ambitioniert „Szegediner Gulasch“ nannten. Dafür hatten die Familien alle Fleischmarken zusammengespart. „Es gab natürlich keinen Sekt oder Wein. Man kann auch ohne Alkohol Hochzeit feiern.“

Mit der Luftbrücke kamen auch Care-Pakete in die Stadt, bis zum Ende der Blockade im Mai 1949 insgesamt 250000 Stück. Doch war es nicht leicht, eine Berechtigung dafür zu erhalten, viele Familien kannten die „Liebesgaben“ aus Amerika gar nicht. „Ich hatte noch nie davon gehört“, sagt Anita Stapel, „zum Glück aber der Arzt auf der Geburtsstation.“ Nachdem Anita ihren Sohn Armin zur Welt gebracht hatte, wog sie nur noch 48 Kilogramm und konnte das Neugeborene kaum tragen. Der Mediziner bat die Krankenschwester, die junge Mutter für ein Care-Paket „vorzuschlagen“. In der Ausgabestelle des Roten Kreuzes in Dahlem wartete schon eine lange Reihen Frauen: „Die meisten hatten Tuberkulose, aber ich sah auch nicht besser aus.“

Die Zwanzigjährige hatte doppeltes Glück. Jedes zehnte Paket, so hatte die Rot-Kreuz-Schwester gesagt, enthalte eine Schlackwurst, eine Art Salami. Mit Mühe wuchtete Anita den Karton nach Hause und wartete mit dem Auspacken, bis ihr Mann von der Arbeit heimkehrte. Dann kamen die Köstlichkeiten zum Vorschein: Schokolade, Kaffee, „vollfettiges Milchpulver“ – und die Wurst. „Das war ein Festtag, eigentlich waren es viele Festtage, das Paket reichte zwei, drei Wochen.“

Anita Stapel ist der Organisation Care und den Amerikanern bis heute dankbar. „Armin ist mit Trockenmilch aus den Vereinigten Staaten groß und stark geworden, da möchte ich gern etwas zurückgeben.“ Daher engagiert sie sich als Ehrenmitglied bei Care, das sich zu einer führenden internationalen Hilfsorganisationen entwickelt hat. In der Covid-19-Krise ist Care in 69 Ländern aktiv, versorgt Millionen Menschen mit Trinkwasser, Nahrung, Hygieneartikeln und Informationen über das Virus. Gemeinsam mit ihrem Sohn Armin, dem „Care-Kind aus der Berlin-Blockade“, hat Anita Stapel ein eigenes Hilfsprojekt ins Leben gerufen, das sie in Erinnerung an ihren verstorbenen Mann Joachim-und-Anita-Stapel-Stiftung genannt hat. Die Organisation fördert das Sprach- und Darstellungsvermögen von Kindern und Jugendlichen, zum Beispiel durch Theaterspielen. „Es muss ja einen Sinn haben, dass ich so alt geworden bin“, sagt Anita Stapel. „Von mir aus kann es noch ein bisschen so weitergehen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Geinitz, Christian
Christian Geinitz
Wirtschaftskorrespondent in Berlin
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