„F.A.Z.-Leser helfen“

Spielerisch über Gefühle reden lernen

Von Martina Propson-Hauck
Aktualisiert am 20.11.2020
 - 15:21
Kämpft weiter: Daniel Bunsen hat nach dem Tod seiner kleinen Schwester den Verein Psychosozialbildung gegründet.
Mehr Wissen über psychische Gesundheit gehört in den Lehrplan. Das fordert zumindest Daniel Bunsen. Er hat einen Verein gegründet, nachdem seine kleine Schwester nicht mehr leben wollte.

Tiefe Betroffenheit zeigt sich selten in großen Worten. Bei Daniel Bunsen steht sie unübersehbar im Regal. Dort reihen sich gerahmte Fotografien von Lotti aneinander, seiner kleinen Schwester, die eigentlich Charlotte heißt. Skifahren und Hockeyspielen mochte sie offensichtlich, auch Klavier spielte sie gerne. Bunsen sitzt am Tisch vor dem Regal mit den vielen Bildern und spricht über die Schwierigkeiten einer Vereinsgründung in Zeiten von Corona. Per Zoom-Konferenz hat er das geschafft und damit nach eigener Aussage Rechtsgeschichte geschrieben. Das ist für einen 28 Jahre alten Juristen, der gerade seine Doktorarbeit schreibt, ein interessanter Aspekt. Es ist auch ein Weg, über Umwege ein Gespräch über einen schmerzhaften Verlust zu beginnen.

Er versucht, eine Art Vermächtnis seiner Schwester zu erfüllen. Charlotte hat sich im vergangenen Jahr nach langer psychischer Krankheit das Leben genommen. Sie war erst 21 Jahre alt. Nun hat der Bruder in Frankfurt den Verein Psychosozialbildung gegründet. Darin haben sich Psychotherapeuten und Sozialarbeiter, Kommunikationswissenschaftler und Medizinstudenten zusammengeschlossen. Sie setzen sich ehrenamtlich dafür ein, psychische Gesundheit in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Mit Projekten für Kinder in Grundschulen wollen sie starten und eng mit Lehrern und Erziehern zusammenarbeiten. Kindern einen Raum für ihre Gefühlswelt zu geben sei ein erster Schritt, für mehr psychische Gesundheit zu sorgen, sagt Bunsen überzeugt.

„Mir geht es gut“, „mittel“ oder „schlecht“ zeigen Smileys an, auf deren Rückseite die Namen der Kinder stehen. „Einmal pro Tag soll jedes Kind an solch ein Plakat gehen und dabei lernen, sich selbst und seine Gefühle wahrzunehmen“, sagt Bunsen. Diesen Raum zur Selbstwahrnehmung hätten manche Kinder auch zu Hause oder im Sportverein, viele aber nicht. „Sie werden durch solche regelmäßige Übungen besser darin, sich selbst zu lesen, zu verstehen und auch sich besser zu fühlen“, sagt der Vereinsgründer.

Verein erarbeitet ein Programm für Einrichtungen

Das sei zwar keine bahnbrechend neue Idee, aber ein einfaches Mittel, psychische Gesundheit zu forcieren. „Die Fähigkeit, sich selbst zu spüren, müssen Kinder erst entwickeln. Wird sie nicht trainiert, verschwindet sie.“ 24 Mitglieder hat der Verein bereits, sechs von ihnen erstellen nun gemeinsam einen Leitfaden für Lehrer und Erzieher, die das Programm in ihren Einrichtungen durchführen können, begleitet mit Fragebögen und Auswertungen. Ziel sei auch eine wissenschaftliche Veröffentlichung.

Charlotte war jahrelang und mehrfach „Suizid-Überlebende“, so nennt das der Bruder, so nennen das auch die Fachleute. Seit ihrem 16. Lebensjahr litt sie unter starken Depressionen, einer Persönlichkeitsstörung und einer impulsiven Suizidalität und war deshalb in psychotherapeutischer sowie psychiatrischer Behandlung. „Die meiste Zeit ihres Lebens und den größten Teil ihrer Kraft raubte ihr die Erkrankung“, so beschreibt das der Bruder. „Sie hat sich in der ganzen Zeit ihres langen Leidens aber immer auch dafür eingesetzt, dass psychische Erkrankungen entstigmatisiert werden, und hat anderen geholfen.“ Für jüngere Patienten habe sie auch Anträge für das Sozialamt ausgefüllt. Sie sei auf ihrem Leidensweg vielen erst 14 oder 15 Jahre alten Jugendlichen begegnet, die mit ihrer Erkrankung ganz alleingelassen wurden.

In Frankfurt versuchen jedes Jahr etwa 20 bis 30 Jugendliche, sich das Leben zu nehmen. Drei sind dabei nach Auskunft der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik in den vergangenen zwölf Jahren gestorben. In den sozialen Medien habe seine Schwester andere Jugendliche über psychische Erkrankungen ausführlich informiert, habe auch vor Psychologiestudenten der Frankfurter Goethe-Universität über ihre Erfahrungen mit der Depression berichtet, erzählt der Bruder. „Sie hat sich immer in die Öffentlichkeit gestellt und war stark für andere, dafür hat sie auch eine überwältigende Resonanz erfahren.“ Vor allem in Frankfurt, ihrer Stadt, in der sie geboren wurde, in der sie zur Schule gegangen war. „Sie war ein City-Girl, genoss die Großstadt, ist hier aber auch krank geworden.“

Warum seine Schwester, die wie er, in einem behüteten familiären Umfeld aufgewachsen ist, krank wurde und sich das Leben nahm, kann er nicht erklären. Nichts sei monokausal in einem Lebensweg, der im Suizid endet, ebenso wenig aber auch in anderen Lebenswegen. Grundsteine für ihr Leiden könnten versehentlich, ungewollt und unbemerkt gelegt worden sein. Jeder Mensch sei Belastungssituationen ausgesetzt, die einzeln und miteinander wirkten. Wohlbehütet aufzuwachsen biete keine Garantie für psychische Gesundheit. Mit dem Leidensdruck gehe ein enormer Kraftaufwand für suizidale Menschen einher, sich das Leben nicht zu nehmen. Das Ausmaß dieses Leidens könne man nie vollständig sehen, nicht einmal ansatzweise.

Psychosoziale Bildung im Lehrplan verankern

Er versucht nun, die ganze Kraft der Schwester und ihren schweren Kampf institutionell zu verankern. Dass das für ihn auch eine Art der Bewältigung ihres Todes sei, darüber spricht er offen. „Ich bin ihr dadurch einerseits ganz nah, kann aber andererseits auch auf objektive Missstände hinweisen.“ Extrem viel in der persönlichen Entwicklung eines Menschen hänge von Zufällen ab. „Nicht jeder hat ein Zuhause, in dem er gut gefördert wird.“ Mobbing und die sogenannten sozialen Medien bergen zahllose mögliche Verletzungen für die Psyche junger Menschen. Weil es gerade in Frankfurt bereits einige Initiativen zur Prävention von Suiziden gibt – etwa LoKi (siehe Kasten), ein Projekt, das Menschen niedrigschwellig Hilfe anbietet und für das die F.A.Z. in diesem Jahr Spenden sammelt –, möchte er mit seinem Verein noch viel früher ansetzen: „Bildung und das Wissen über die eigene psychische Gesundheit sollten für jedes Kind eines Tages so selbstverständlich sein, wie das über Drogen und Sexualität.“ Drogenberatungstage und Sexualkunde haben in Schulen längst Einzug gehalten. Er wünscht sich, dass es bald auch Lehrpläne gibt, die psychosoziale Bildung verankern und Projektwochen zum Thema vorsehen.

„Schule ist ein Ort, der fast alle erreicht, und dort gibt es viele herausfordernde Situationen für die psychische Entwicklung von Kindern.“ Die Befähigung, sich gut um sich selbst und seine Gefühlswelt kümmern zu können, müsse selbstverständlich werden. „Deshalb kümmern wir uns mit dem Verein eben nicht um die, die schon krank sind, sondern stärken die eigenen Ressourcen von Kindern.“ Wenn der Smiley eines Kindes über viele Tage hinweg anzeige, dass es ihm schlechtgehe, brauchten diese Kinder schnell einen Ansprechpartner, etwa Klassenlehrer, Erzieher und natürlich auch die Eltern. Dafür entwickelt der Verein nun passende Konzepte. Professionelle Angebote, wie Psychotherapie, könne und wolle der Verein selbst nicht anbieten. „Auch wenn meine Schwester nun doch gestorben ist, war sie jahrelang in guter Behandlung. Wir wissen, es gibt immer Hilfe, man muss nur rechtzeitig merken, wer sie braucht.“

Mehr Informationen gibt es online auf der Homepage des Vereins unter und per E-Mail.

„F.A.Z.-Leser helfen“

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für die Stiftung „Starke Bande“, die Familien in schwierigen Lebenssituationen durch aufsuchende, individuelle Psychotherapie unterstützt, sowie für das Projekt „Lokale niederschwellige Krisenintervention in Frankfurt“ (LoKI) der Universitätsklinik Frankfurt, das Menschen mit Suizidabsichten hilft. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11 - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00 Spenden können steuerlich abgesetzt werden.

Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet.

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für die Stiftung „Starke Bande“, die Familien in schwierigen Lebenssituationen durch aufsuchende, individuelle Psychotherapie unterstützt, sowie für das Projekt „Lokale niederschwellige Krisenintervention in Frankfurt“ (LoKI) der Universitätsklinik Frankfurt, das Menschen mit Suizidabsichten hilft. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11 - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00 Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.
Quelle: F.A.Z.
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