Fat Shaming im Netz

Auf das Gewicht reduziert

Von Anna Kirschner
16.06.2020
, 21:25
Beleidigt und ausgegrenzt: Für viele Dicke ist Fat Shaming Teil ihres täglichen Lebens, insbesondere in den sozialen Medien. Die Autorin Melodie Michelberger und die Grünen-Politikerin Ricarda Lang engagieren sich gegen den Hass.

„Also ich finde es persönlich diskriminierend, dass ich so einen Anblick ertragen muss“: Mit dieser Aussage sorgte die Hotelbesitzerin Angelika Hargesheimer in der vergangenen Woche für Empörung. Denn sie sprach über dicke Menschen. Mittlerweile ist auf der Homepage des Beachhotels Sahlenburg, das Hargesheimer betreibt, ein Statement der Inhaber zu finden. Kein Gast sei je wegen seines Gewichts abgewiesen worden. Das Hotel informiere lediglich aus Haftungsgründen darüber, dass die Designermöbel kein Gewicht über 130 Kilogramm tragen.

Grünen-Politikerin Ricarda Lang schrieb auf Twitter, die Äußerung von Hargesheimer sei „bösartig und verletzend“. Leider habe man sich zu sehr daran gewöhnt, dicke Menschen abzuwerten. Es folgten prompt herabwürdigende Kommentare zu Langs Körper. „Endlich kann ich mich am Buffet bedienen, ohne von Fetten an die Wand gerammt zu werden“, schrieb ein User.

Tatsächlich sind diskriminierende Aussagen über dicke Menschen weit verbreitet. „Fat Shaming“ oder Gewichtsdiskriminierung nennt sich das, wenn Menschen aufgrund ihrer Körperfülle angegriffen, beleidigt oder ausgegrenzt werden. Dicke Menschen, so heißt es dann, seien faul, verfressen, unachtsam. Die gesellschaftliche Ächtung von dicken Personen spiegelt sich im Mobbing auf dem Schulhof und in der Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt wider.

Beleidigungen sind für Dicke Alltag

Für viele Dicke ist Fat Shaming Teil ihres täglichen Lebens. Im Internet, wo Beleidigungen anonym geäußert werden können, erlebe sie besonders viel Dickenhass, sagt Ricarda Lang. Häufig verschränkten sich dabei Frauenhass und Dickenfeindlichkeit, sagt Lang. „Der Körper wird als Möglichkeit eines einfachen Angriffs gesehen, als Möglichkeit, sich nicht mit den Inhalten einer Person auseinandersetzen zu müssen.“

Angesichts der schieren Masse an Beleidigungen gibt es auch Momente der Unsicherheit. „Irgendwann begann ich bei jedem Post zu überlegen: Habe ich die Kraft, die Zeit und den Mut, mich diesem Hass auszusetzen? Ich habe mich dann sehr bewusst dafür entschieden, das offen zu thematisieren und ein klares Zeichen zu setzen. Zu zeigen: Ihr macht mich nicht mundtot.“ Wenn sich aber Menschen wegen Angriffen auf ihre äußeren Merkmale aus der öffentlichen Debatte zurückziehen, sei das natürlich zuallererst ein Problem für die Menschen selbst, aber auch für die Demokratie, meint Lang.

Der Dickenhass im Netz trifft nicht nur Frauen, jede dicke Person kann zur Zielscheibe werden. Peter Altmaier ist ein anderer Politiker, der Beleidigungen und Drohungen wegen seines Körpergewichts erhält. Unter seinen Posts sucht man nicht lange. Auf Facebook findet sich der Kommentar: „Häng dich weg, du fette Inzestsau!“

Engagement gegen den Hass

Gegen den Hass engagiert sich auch Melodie Michelberger. Die Autorin und ehemalige Modejournalistin zeigt auf Instagram selbstbewusst ihren dicken Körper und schreibt über Fat Shaming und Körperakzeptanz. „Ich will das Bewusstsein dafür schärfen, dass es eben einfach verschiedene Körperformen gibt und kein Körper besser ist als ein anderer.“ Mit ihren Posts trifft sie einen Nerv, sie hat über 40.000 Follower. Aber auch auf Instagram wartet man nicht lange auf den Hass: Ständig kommen ungefragt Tipps zum Abnehmen, Michelberger wird beleidigt und bedroht. „Dicke Menschen werden häufig entmenschlicht“, sagt sie. „Ein User hat mich zum Beispiel immer ‚Kreatur‘ genannt.“

Während man mit dem dünnen Schönheitsideal auf Werbeplakaten und im Fernsehen bombardiert werde, so Michelberger, seien dicke Körper kaum sichtbar. Wenn sie doch mal auftauchen, zum Beispiel im Film, dann meist als Running Gag und Stereotyp. Der tollpatschige Dicke, die lustige dicke Freundin. Über dicke Körper zu lachen – das hat Tradition. Verbreitet ist auch die Idee, dicke Menschen seien nicht gesund und man müsse es ihnen nur oft genug sagen, damit sie endlich dünner werden. „Concern trolling“ nennt es sich, wenn User ihre Abwertung hinter vorgeschobener Besorgnis verstecken. „Ich finde das anmaßend. Die kennen mich, meine Geschichte, meinen Gesundheitsstatus überhaupt nicht“, sagt Michelberger. „Und selbst wenn ich mich ungesund ernähren würde, ist das niemals eine Einladung, meinen Körper zu bewerten.“

Ihren Gesundheitszustand kann man Menschen nicht unbedingt ansehen. Auch die Gründe nicht: Natürlich kann der Lebensstil zu hohem Gewicht beitragen, aber auch hormonelle Störungen, genetische Ursachen, chronischer Stress. „In unserer Gesellschaft dick zu sein, ist tatsächlich ein Risiko“, sagt Ricarda Lang. „Aber eher wegen der Feindlichkeit und der Diskriminierung, die man erlebt, die psychologische und damit auch gesundheitliche Auswirkungen nach sich zieht.“ Scham und Selbsthass, die Dicke in einer dickenfeindlichen Welt oft entwickeln, machen keinen Körper gesünder. Denn das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes, also den Krankheiten, die mit Übergewicht in Verbindung gebracht werden, steigt durch chronischen Stress. Und was könnte stressiger sein, als sein Leben lang abgewertet zu werden? Gesundheit ist ohnehin viel komplexer, als die Zahl auf der Waage ausdrücken kann. Gesundheit heißt auch: sich wohlfühlen. Untersuchungen legen zudem nahe, dass das internalisierte Stigma die Motivation zu gesundheitsförderndem Verhalten schrumpfen lässt.

Keine Rechtfertigung für Fat Shaming

Es gibt rechtliche Möglichkeiten, zumindest den strafrechtlich relevanten Beleidigungen und Gewaltandrohungen entgegenzutreten. Ricarda Lang erstattet regelmäßig Anzeige. Es ist ihr wichtig, zu zeigen, dass das Netz kein straffreier Raum ist. Melodie Michelberger empfiehlt, neue Komplimente zu lernen. Natürlich freut sich jeder über positive Rückmeldung über das Aussehen. Aber die Fixierung auf den Körper lässt sich auflockern, wenn man sein Repertoire um Zuspruch erweitert, der den Charakter und die Talente der Person betreffen.

Auch Solidarität mit dicken Menschen kann in den sozialen Netzwerken in Gewichtsdiskriminierung umschlagen. So finden sich unter Ricarda Langs Post zum Cuxhavener Hotel reichlich Beleidigungen gegen die Hotelbesitzerin – auch in Bezug auf deren dünnen Körper. „Ich finde das komplett falsch“, so Lang. „Ich will nicht gegen andere Frauen ausgespielt werden. Ich will nicht anderen Frauen die Schönheit absprechen. Es geht mir nicht darum, in diesem andauernden Schönheitswettbewerb ein bisschen besser dazustehen. Ich will, dass wir den Wettbewerb beenden.“ Schließlich sei Schönheit eine individuelle Frage.

Quelle: FAZ.NET
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