FAZ plus ArtikelFernbeziehung in Kriegszeiten

Wie hält eine Liebe den Krieg aus?

Von Petra Ahne, Berlin und Melanie Mühl, Odessa
07.06.2022
, 06:01
Heimweh: Sobald es geht, möchte Karyna sie zurück nach Odessa.
Sie sind jung, sie sind ein Paar, sie hatten Pläne. Jetzt lebt Karyna in Berlin und Maxim in Odessa. Eine Geschichte aus einer Generation, die der Krieg besonders hart trifft.
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Maxim war zu Hause, als die Rakete in ein Nachbarhaus einschlug. Ein lauter Knall schreckte ihn hoch, das Haus wackelte, als bebte die Erde. Er eilte zum Fenster, und eine zweite Rakete flog vorbei. Sie explodierte auf dem nahen Friedhof. Wenig später erfuhr er, dass die erste Rakete auch eine Frau und ihr Kind getötet hatte. Die Fotos der glücklichen jungen Mutter und ihres Babys, die der Ehemann später in den sozialen Medien veröffentlichte, gingen um die Welt. Das Gefühl, dass es auch ihn hätte treffen können, ließ ihn nicht mehr los, sagt Maxim. In dem Moment habe er erst richtig verstanden, dass dieser Krieg real ist.

Karyna hat heute eine Reihe in Beige gestrickt, denn es war ein guter Tag. Sie hat lange geschlafen. Sie hat sich von den Bildern und Nachrichten über den Krieg in den sozialen Medien ferngehalten. Sie hat nicht immer wieder Maxims Nummer gewählt, so lange, bis er ranging und ihr sagte, dass alles in Ordnung sei, sie sich keine Sorgen machen solle. Dreiundvierzig Reihen hat der Schal bislang, jeden Tag kommt eine dazu, jeden Abend entscheidet sie, in welcher Farbe. Außer Beige gibt es Wolle in Blau, Grau und Schwarz. Blau steht für „fast den ganzen Tag geschlafen“, was auch gut ist, denn Schlaf, sagt Karyna, hilft ihr jetzt. Grau bedeutet, dass der Tag okay war. Schwarz, dass es ihr schlecht ging. Die meisten Reihen sind beige, grau oder blau, nur eine ist schwarz. Da konnte sie nicht aufhören, durch die Bilder auf Telegram und anderen Kanälen zu klicken und sich anzusehen, was der Krieg mit ihrem Land und den Menschen dort macht.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ahne, Petra
Petra Ahne
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