„Feuchtgebiete“-Darstellerin Carla Juri

Man muss da sein

Von Julia Schaaf
21.08.2013
, 15:40
In der Verfilmung von Charlotte Roches Skandalroman „Feuchtgebiete“ zeigt die junge Schauspielerin Carla Juri alles. Wer ist die Frau, die sich an diese Rolle herantraut?

Frau Juri, haben Sie Angst vor dem Start von „Feuchtgebiete“?

Meinen Sie davor, wie die Leute den Film auffassen?

Ich dachte vor allem an die Überschriften und Fotos in den Boulevardmedien.

Das ist schon ein bisschen einschüchternd. Bisher war es immer mein Beruf, Filme zu drehen. Anscheinend gehört jetzt auch dazu, Fotos zu machen und Interviews zu geben. Das ist für mich neu.

Und das Skandalgetöse? Wie wollen Sie mit den Schlagzeilen zum Thema Sex und Tabubruch umgehen?

Ich fühle mich nicht als Tabubrecherin. Ich finde, der Film hat eine andere Ebene, und das ist die, die mir für die Figur der Helen wichtiger ist.

Für alle, die sich nicht mehr an die aufgewühlte Debatte aus dem Frühjahr 2008 erinnern: Die achtzehn Jahre alte Helen, Hauptfigur in dem Debütroman der Moderatorin Charlotte Roche, liegt mit einer Analfissur und Hämorrhoiden im Krankenhaus. Dort monologisiert sie über nachlässige Intimhygiene, sexuelle Vorlieben und Selbstbefriedigung. Und sie vertreibt ihre Langeweile mit Einfällen, die man in ihrer Überzogenheit lustig, aber auch ekelerregend finden kann. Nur den Fernseher schaltet sie nicht an, weil es sie ärgert, dass Fernsehsex meist prüde endet, indem der Mann von hinten zu sehen ist, während die Frau ihre Brüste bedeckt. Originalton Helen/Charlotte Roche: „Die einzige Ausnahme beim Tittenzeigen im Fernsehen stellen unbekannte Schauspielerinnen dar. Wenn eine obenrum nackt zu sehen ist, kannst du sicher sein, dass sie unbekannt ist. Die Stars zeigen nie was her.“

Die 28 Jahre alte Schweizerin Carla Juri ist so eine unbekannte Schauspielerin, und wenn sie von Donnerstag an im Kino als Helen zu sehen ist, zeigt sie alles her. Man sieht ihre Brüste und ihren Po, man sieht sie beim Oralsex und bei der Selbstbefriedigung, man sieht sie mit der Hand in der Unterhose und wie sie sich anschließend den Finger in den Mund steckt. Für „Schoßgebete“, die Verfilmung des zweiten Charlotte-Roche-Romans, die nächstes Jahr ins Kino kommen soll, ist mit Lavinia Wilson eine namhaftere Kollegin verpflichtet worden. Im Fall von „Feuchtgebiete“ fragt man sich, ob renommierte Darstellerinnen mit diesem Part etwa so viel zu tun haben wollten wie - sagen wir - mit Hämorrhoiden.

Haben Sie je darüber nachgedacht, dass so eine Rolle auch ein Risiko sein könnte? Weniger der Durchbruch für Ihre Karriere als eine Sackgasse?

Carla Juri sitzt kerzengerade auf einem Sofa in einem Berliner Hotel. Sie trägt schwarze enge Jeans und flache Schuhe, in ihr Streifenjäckchen ist, passend zum Schmuck, ein Goldfaden eingewebt. Sie ist hübsch, aber auf die eher markante, rätselhafte Weise, und wenn sie redet, wechselt ihr Gesichtsausdruck zwischen Belustigung, Irritation und Ernst. Sie spricht langsam, aber das mag ihrem eigentümlichen Akzent geschuldet sein, der auch ihre Helen auf angenehme Art als fremdartig markiert. Juri stammt aus einem Bergdorf in der italienischen Schweiz.

Sie sagt, dass sie bei der Entscheidung für „Feuchtgebiete“ weder auf ihre Karriere noch auf ihren Bekanntheitsgrad geschielt habe. Vielmehr habe ihre Agentur ihr die Einladung zum Casting mit spitzen Fingern überreicht - „die wollten mich natürlich auch schützen“. Sie aber habe 2008 nicht in Europa gelebt, deshalb den Hype um „Feuchtgebiete“ verpasst und neugierig zugegriffen. „Mich hat der Stoff einfach interessiert, die Komplexität dieser Figur“, sagt Juri schlicht.

Dann entwirft die Schauspielerin ein Psychogramm dieser Helen, das klüger und genauer ist als all die vielen Artikel von damals, in denen die Feuilletons wahlweise Abscheu zelebrierten oder die Rebellion gegen den zeitgenössischen Hygienewahn feierten. Juri sagt zum Beispiel: „Ich habe ihre Einsamkeit gesehen. Wie sie das ohne Selbstmitleid überspielt. Und wie das auch anstrengend ist.“ Sie spricht davon, dass Helen von ihren Eltern früh gelernt habe, niemandem zu vertrauen. Dass das Mädchen mit den Hämorrhoiden sich unter der Fuchtel der hygienefixierten Mutter selbst wie ein Bakterium gefühlt habe, anders, nie dazugehörig. „Das hat mich berührt an ihr. Sie ist nicht absichtlich anders, um cool zu sein. Im Gegenteil.“ Den offensiven Umgang mit ihrem Körper nutze Helen, um andere Menschen zu testen; sexuelle Provokation als Krisenexperiment: „Wenn ich drei Wochen nicht dusche, und dieser Mensch umarmt mich, dann liebt er mich wirklich.“

Juri lacht auf. Sie wirft ihre Locken zurück, die sie sich für „Feuchtgebiete“ kurz geschnitten hat, verdreht die Augen und lacht kurz und wild, ein Ausbruch, irrlichternd. Auch ihre Helen lacht manchmal so.

Wofür brauchen wir diese Figur, wofür brauchen wir diesen Film?

Man darf nicht vergessen, dass es ein Scheidungskind ist und die Geschichte geht darum, dass sie ihre Familie unbedingt wieder zusammenbringen will, die intakte Familie, Harmonie, Geborgenheit. Das ist das Drama einer ganzen Generation.

Darum geht es? Um das Leid von Scheidungskindern?

Ja. Und um Not. Für mich geht es nicht um das Brechen von Tabus. Das ist einfach. Sexualität ist einfach, Nacktheit ist einfach, vor allem in unserer heutigen Gesellschaft, auch als Frau. Das können wir gut.

Aber Körperhygiene? Fäkalien? Ich habe die erste Viertelstunde im Kino gedacht: Warum muss ich mir das antun? Gleichzeitig sind jüngere Frauen nur so zu den Lesungen von Charlotte Roche gepilgert, weil sie „Feuchtgebiete“ als Befreiung empfunden haben.

Das ist die andere Funktion des Buches, das hat etwas ausgelöst. Da kann Charlotte viel mehr sagen. Aber das ist nicht Helens Thema. Sie macht es aus existentiellen Gründen, aus Not - und nicht, weil sie Feministin ist. Ich könnte es sonst nicht spielen. Ich muss die Bedeutung dahinter sehen, die Begründung. Sonst habe ich keinen Zugang zum tieferen Sinn.

Das Beeindruckende: Juri spielt ihre Helen genau so, wie sie sie beschreibt, selbstbewusst, frech, eigensinnig, trotz allem irgendwie unschuldig. Und zutiefst verletzlich. Wo das literarische Vorbild in die extrovertierte Körperbesessene einerseits und das traumatisierte Kind andererseits zerfällt, schafft Juri eine überraschend glaubwürdige Person. Im Interview lässt sie das Thema Sex mit einer Gelassenheit abperlen, die es anstößig machen würde, weiter darauf herumzureiten. Im Film sieht man sie auf der Toilette und beim Orgasmus - und trotzdem bleibt letztlich vor allem ihr Gesicht in Erinnerung, dieser virtuose Wechsel aus Licht und Schatten, Lust und Schmerz.

Was bringen Sie mit, um sich in so eine Figur einfühlen zu können? Haben Sie geschiedene Eltern? Kennen Sie Not?

Plötzlich wirkt Juri fast verlegen. Schlagartig wird einem klar: Es ist viel persönlicher, über die eigene Biographie zu reden als über den Geschmack von Filmsperma und Intimdoubles.

„Nein. Ich habe eigentlich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Meine Eltern sind nicht geschieden, ich habe sozusagen eine intakte Familie.“ Kurze Pause. „Ich habe nicht so viel gemeinsam mit Helen.“

Die Schauspielerin stammt aus Ambri im Tessin, einem Bergdorf auf etwa 1000 Meter Höhe. Ihr Vater ist Anwalt, die Mutter Bildhauerin, es gibt einen älteren Bruder. Während Helen Drogen nimmt und Partys feiert, ist die Schauspielerin zwischen Wäldern, Almen und Tieren aufgewachsen. Im Alter von 15 Jahren verließ Juri diese Heile-Welt-Idylle für ein Sportcollege in New York. Sie hatte Eishockey gespielt und war von einem kanadischen Coach entdeckt worden, der ihr den Wechsel nach Amerika empfahl, weil Eishockey dort ein Mädchensport ist. „Ich hatte auch Respekt vor dem Ganzen. Aber ich habe instinktiv gedacht, das muss sein, egal ob das jetzt eine gute oder eine schlechte Erfahrung wird. Es ist eine Erfahrung.“ Sie hat es nie bereut. Offenbar hatte Juri schon damals eine gute Mischung aus Mut und dem sicheren Gespür für den eigenen Weg.

Als sie sich dann, in die Schweiz zurückgekehrt, für eine Ausbildung zur Schauspielerin entscheidet, geht sie nach Los Angeles. Für das Mädchen aus den Bergen, das mit Italienisch, Deutsch und ihrem Alpendialekt aufgewachsen war, liegt Amerika jetzt näher als etwa Rom, Zürich oder Berlin. Ungewöhnlicher erscheint das, was sie vorhat. „Für mich war Schauspieler kein Berufsziel“, sagt Juri. Natürlich gebe es Künstler, die aus den Bergen stammen - aber das seien Literaten, Maler, jemand wie Giacometti. Schauspieler? „De Niro kannte ich“, sagt Juri und lacht wieder, vor Heiterkeit berstend, auf.

Sie hätte Eishockeyspielerin werden wollen. Tänzerin. Eine Konditorei eröffnen. Fotografieren, malen oder mit Tieren arbeiten. Dann schlug ihr jemand vor, sich mit Filmen zu beschäftigen, und Juri stellte fest, dass sich in diesem Metier verschiedene Kunstformen und ihr Interesse für Menschen verbinden. Sie sagt: „Ich war immer interessiert am Mystischen, am Unbekannten. Die Natur gibt das vor.“

Wie meinen Sie das?

Da aufzuwachsen. Diese Stille. Die Natur hat eigene Regeln. Verstehen Sie, was ich meine?

Nicht so ganz.

Man muss zugucken. Man muss da sein und beobachten, und dann passiert ganz viel, was man mit bloßem Auge vielleicht nicht sieht. Das ist auch ein bisschen eine Suche nach Wahrheit.

Und diese Suche übertragen Sie auf die Schauspielerei?

Es gibt etwas Größeres als uns kleine Menschen. Ich bin wichtig. Aber die Geschichte und die Figur ist viel, viel größer als ich. Dem muss man gerecht werden.

Das hat etwas Demütiges.

Ja. Die Welt ist größer als du, und wenn man in der Natur ist, wird einem das sehr, sehr bewusst. Die Gewalt der Natur ist bedrohlich. Aber das Unbekannte daran, die Schönheit, zieht uns an.

Seit Juri vor drei Jahren eine weitere Ausbildung in London abgeschlossen hat, ist sie zweimal mit dem wichtigsten Schweizer Nachwuchsfilmpreis ausgezeichnet worden. Sie hat in italienischen Serien gespielt und im englischen Kino, auf der diesjährigen Berlinale wurde sie als europäischer „Shooting Star“ geehrt. Je nachdem, wo das nächste Casting wartet, lebt sie in London, Rom oder Berlin. Wenn das Nomadentum zu anstrengend wird, zieht sie sich in das Bergdorf ihrer Kindheit zurück. Dort hat sie neuerdings eine eigene Wohnung.

Tatsächlich, sagt übrigens Produzent Peter Rommel, sei man auf der Suche nach der idealen Film-Helen bei vielen Agenten und Darstellern auf große Bedenken gestoßen. Die erwünschte Offenheit im Umgang mit dem eigenen Körper habe man später unter anderem durch gemeinsame Saunabesuche geschaffen. Carla Juri aber habe gleich beim ersten Vorspiel mit ihrer Natürlichkeit und Präsenz beeindruckt. Sie sei eine „wagemutige Seelenschauspielerin“.

Und die Abgeschiedenheit der Berge ist zusammen mit der Aussicht auf eine internationale Karriere vermutlich die ideale Voraussetzung, um in Würde den Wirbel um einen angeblichen Skandalfilm zu überstehen, der zum Glück so wenig voyeuristisch geworden ist. Dank ihr.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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