Film über Romy Schneider

Kann ich diesen Schmerz zeigen?

Von Anke Schipp
03.04.2018
, 11:35
Nachgestellt: Marie Bäumer als Romy Schneider
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Mit Romy Schneider ist Marie Bäumer oft verglichen worden. Nun spielt sie die Filmlegende in „3 Tage in Quiberon“, ein großes Wagnis für die Schauspielerin. Wie nähert man sich einer Kino-Ikone an?
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Es ist später Vormittag. Der Journalist lässt eine Flasche Weißwein ins Hotelzimmer kommen. Er taxiert sein Gegenüber kühl wie ein Forschungsobjekt, seine Fragen klingen kalt. Die Frau zieht hastig an ihrer Zigarette, leert ein Glas nach dem anderen. Sie sieht müde aus, sie lacht, sie weint, sie schweigt, aber sie liefert das, was der Journalist hören will, und weil sie berühmt ist, wird es auch dieser Satz, der kurze Zeit später in einem Hamburger Magazin erscheinen wird: „Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider.“

Es ist ein komisches Gefühl, als Journalistin an einem kalten Tag in Berlin Marie Bäumer gegenüberzusitzen, die jene Frau spielt, welche sich im März 1981 in ihrem Kurhotel an der bretonischen Küste vor dem „Stern“-Reporter Michael Jürgs entblößte. Bäumer lehnt entspannt in einem Ledersessel und lächelt: „Ich kann Sie beruhigen, Sie sind ja nicht Michael Jürgs, und ich bin nicht Romy Schneider.“ Trotzdem, es bleibt nicht aus, dass man Bäumer scannt: das ovale Gesicht, die blauen, leicht schrägen Augen, der geschwungene Mund. Würde man ihr Gesicht und das von Romy Schneider als Folien übereinanderlegen, wäre vieles identisch. Seit Marie Bäumer 1995 mit Detlev Bucks Film „Männerpension“ bekannt wurde, hat es deshalb kaum ein Interview gegeben, in dem sie nicht mit der weltberühmten Schauspielerin verglichen wird. Im deutschen Filmgeschäft wie Romy Schneider auszusehen ist allerdings ein bisschen, wie Romy Schneider selbst gewesen zu sein: Fluch und Segen zugleich.

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Gut dokumentierte Tage an der bretonischen Küste

Für Marie Bäumer ist der Filmstar wie ein übergroßer Schatten, der ihr übergestülpt wurde, ohne dass sie etwas dazu beigetragen hat. „Das Romy-Schneider-Thema ist von der Presse gemacht worden, das hat mit meiner Haltung überhaupt nichts zu tun“, sagt sie gleich zu Anfang des Interviews, als wolle sie jedes Missverständnis vermeiden. „Ich habe mich wirklich nicht mein ganzes Leben damit beschäftigt, Romy Schneider zu spielen. Es nervt mich auch nicht, mit Romy Schneider verglichen zu werden, wie viele immer denken. Das Einzige, was mich überrascht, dass es so nachhaltig ein Thema ist. Aber nicht für mich.“

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Trailer
„3 Tage in Quiberon“
Video: Filmladen Filmverleih, Bild: Prokino

Mehrmals lehnte Bäumer Angebote ab, in denen das Leben Romy Schneiders verfilmt werden sollte. „Solange es sich nur um die Interpretation einer Schauspiel-Ikone handelte, hat mich das nicht interessiert“, sagt sie. Und nun der Film „3 Tage in Quiberon“, der am 12. April in den deutschen Kinos startet. Drei Tage im Leben von Romy Schneider, 14 Monate vor ihrem Tod. Kein Biopic. Ein schwarzweißes Kammerspiel mit vier Protagonisten und vielen Nahaufnahmen.

Original: Romy Schneider zwinkert der Kamera zu.
Original: Romy Schneider zwinkert der Kamera zu. Bild: Picture Press/Robert Lebeck

An jenen drei Tagen im März 1981 fühlte Romy Schneider sich in etwa so wie der Himmel über dem Atlantik: grau und kalt. Ihre zweite Scheidung stand an, dazu ein Sorgerechtsstreit um ihren Sohn David, der zum Missfallen von Schneider Halt bei seinem Stiefvater Daniel Biasini suchte, von dem sie sich getrennt hatte. Sie schlief schlecht, trank zu viel, nahm Psychopharmaka. Die Kur an der bretonischen Küste sollte sie stabilisieren. Der nächste Film stand an, die „Spaziergängerin von Sanssouci“.

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Diese Tage in dem bretonischen Kurhotel sind deshalb so gut dokumentiert, weil Schneider Michael Jürgs das Interview gab. Mit dabei waren eine Freundin von Romy aus Deutschland und der Fotograf Robert Lebeck, dessen Fotos später weltberühmt wurden, weil sie die andere Seite des Filmstars zeigten, die zerbrechliche, verletzliche, selbstzerstörerische. Der Film dazu, so Bäumer, sei ein Zoom am Ende ihres Lebens, durch den man zu der Ikone Romy Schneider durchdringen könne. „Für mich geht es mehr um das Gesamte, wie der Film gemacht ist, diese Verdichtung.“ Romy Schneider, der Weltstar, sei Inspiration und Grundlage, aber nicht vordergründig entscheidend gewesen, warum sie den Film gemacht habe.

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Die Schwierigkeiten des Lachens

Nur, wie spielt man eine Frau, die man nie hatte spielen wollen? Der man fast wie aus dem Gesicht geschnitten ist? Anfangs verspürte Bäumer keinen Druck. „Bis zwei Monate vor Drehbeginn habe ich mich gefreut“, erzählt sie. Die Besetzung erschien ihr phantastisch, mit der Regisseurin Emily Atef hatte sie während der Vorbereitungen eine Freundschaft aufgebaut. „Und dann ist mir mit einem Donnerschlag klargeworden, dass es sich eben um Romy Schneider handelt. Ab da war ich nicht mehr entspannt, das war ein latentes Damoklesschwert, das über mir hing, diese Ikone spielen zu müssen, die durch ihren frühen Tod noch mal mehr von diesem Status angenommen hat.“ Bäumer stellte sich Fragen, die ihr Angst machten: „Komme ich da durch? Kann ich dieses innere Leuchten herstellen? Kann ich diesen Schmerz zeigen?“

Ihre Romy Schneider, sagt sie, sei wie eine ganz feine Bleistiftzeichnung. „Ich habe mich ein wenig durch die Sprache angenähert, diese unnachahmliche bourgeoise Wiener Melodie, die Romy Schneider im Französischen wie im Deutschen hatte. Dann habe ich mir Interviews angeguckt und konnte dort etwas über ihre Atmung, ihre Nervosität, ihre ganz bestimmte Attitüde erfahren. Sie hatte zum Beispiel eine eher männliche Art zu rauchen, sie hat sich immer die Lippen geleckt oder Dinge wiederholt.“Bäumer ging die Sache handwerklich an. Sie beschäftigt sich viel mit Körpersprache. „Romy Schneider war die physischste Schauspielerin im Kino, die mir untergekommen ist. Sie hatte eine phänomenale Fähigkeit, von null auf zweihundert in eine Spannung und Entspannung zu gehen, was sie sehr sinnlich gemacht hat. Sie hat sehr viel über den Rücken und den Nacken gespielt und mochte diesen Teil ihres Körpers sehr gerne.“

An der bretonischen Küste: Marie Bäumer und Charly Hübner als Robert Lebeck
An der bretonischen Küste: Marie Bäumer und Charly Hübner als Robert Lebeck Bild: F.A.S.

Doch irgendwann sei sie mit den Vorbereitungen auf die Rolle an einen Punkt gekommen, an dem sie sich sagen musste: „So, jetzt ist Schluss! Und dann habe ich mich einfach auf eine Frau konzentriert, die so und so heißt, so und so alt und in diesem Zustand ist. Ich bin an sie herangegangen wie an jede andere Figur auch.“

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Marie Bäumer lacht viel, sie wirkt wie ein durch und durch positiver Mensch. Sie habe einen Lachreflex, gesteht sie. „Ich muss immer auf Fotos lachen, aber es hilft auch. Wenn man gegen das Lachen angeht und sich sagt: Ich darf nicht lachen, kommt ein Leuchten ins Gesicht.“ Aber das Lachen in einem Film zu spielen sei etwas anderes. „Es gibt 14 Muskeln im Gesicht, die zuständig sind fürs Lachen, und nur einen für das authentische Lachen. Ich weiß nicht, wo der sitzt und wie man den aktiviert, aber man spürt es ja, ob man sich frei fühlt beim Lachen oder nicht. Das freie Lachen ist eine sehr sensible Geschichte, da bin ich sehr viel angreifbarer. Wenn jemand sagt: ,Jetzt mach mal schnell‘, funktioniert das nicht.“ Bei Romy Schneider habe es dieses freie Lachen gegeben, „aber es gibt auch ein Lachen, das geht fast in eine hysterische Richtung“.

„Auch wenn Weinen physisch sehr anstrengend ist“

Der Film zeigt auch die andere Romy, die exaltierte, die mädchenhafte, die für den Fotografen über die Felsen springt wie ein Backfisch. Ihr niedliches, herzhaftes „Sissi“-Lachen, bei dem sich auf der Nase kleine Fältchen bilden und sie den Kopf in den Nacken wirft, war für Romy Schneider auch ein Mittel, die Fassade aufrechtzuerhalten. Es gibt im Film eine Szene, in der sie die drei anderen überredet, auszugehen, obwohl sie keinen Alkohol trinken soll. Es ist Nebensaison, man landet in einer Hafenkneipe mit geschlossener Gesellschaft. Schneider trinkt Champagner, sie tanzt, plappert, fragt den Journalisten aus. Sie ist ausgelassen und überdreht. Man sieht in Bäumer die Romy Schneider von damals, man erinnert sich an das Schwarzweißfoto Robert Lebecks, auf dem sie mit einem Einheimischen engumschlungen tanzt, aber vor allem sieht man eine Frau am Rande des Abgrunds tänzeln. Die Verzweiflung hinter der ausgelassenen Fassade zu zeigen, das gelingt Marie Bäumer vortrefflich.

Im Laufe des Films vergisst man Romy Schneider. Man sieht nicht mehr die berühmte Schauspielerin, wenn sie bei einem Anruf des Sohnes im Hotelzimmer in Panik gerät, weil er nicht mitbekommen darf, dass es seiner Mutter so schlecht geht. In diesem Moment ist es einfach nur eine verzweifelte Frau, die ihrer Freundin weinend den Telefonhörer hinhält und sie darum bittet, an ihrer Statt mit dem Sohn zu sprechen.

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War es schwer für Marie Bäumer, die selbst Mutter eines inzwischen erwachsenen Sohnes ist, diese Szene zu spielen?

„Es war eine einfache Szene, nicht im Sinne von leicht, aber es war eine klare Situation. Schwierig ist immer, etwas zu spielen, wenn es unklar ist. Aber für mich war das alles sehr plausibel.“ Im Gegensatz zum Lachen sei das Weinen ohnehin leichter rauszuholen. „Auch wenn Weinen physisch sehr anstrengend ist. Die biologische Grenze beim Weinen beträgt maximal 20 Minuten. Wenn man über Stunden weinen muss, ist das wahnsinnig anstrengend, und man wird sehr müde.“

Marie Bäumer war 13 Jahre alt, als Romy Schneider starb. Damals verglich sie keiner mit dem Weltstar. Sie selbst wollte ohnehin in andere Fußstapfen treten: in die von Pippi Langstrumpf. „Meine Kindheit war eine Mischung aus geschützt und frei. Letzten Endes war es ein solider mittelbürgerlicher Hafen. Meine Mutter war sehr entspannt, die hat uns viel laufen lassen.“ Es gab keinen Fernseher, mit ihrer Schwester durfte sie aber regelmäßig in das kleine Hamburger Programmkino um die Ecke gehen, wo sie sich alle Pippi-Langstrumpf-Filme anschauten. „Ich war damals hin und weg. Die Filme hatten diese Kraft, das Pferd, das Haus, dieses freie Mädchen. Ich wusste damals: Da will ich hin.“

Diese Unbeschwertheit hat sich Bäumer bis heute bewahrt. Vielleicht auch, weil sie um die Risiken des Berufs weiß, der einen regelmäßig aus seinem Umfeld herausreißt und keinen strukturierten Alltag zulässt. „Ich glaube deshalb nicht, dass Romy Schneider an ihren Filmen gescheitert ist“, sagt sie, „sondern an dem mangelndem Zuhause. Und das ist ein eklatanter Unterschied zwischen uns beiden.“ Romy Schneider, die Getriebene, die von einem Film zum nächsten hetzte und zwischendrin verzweifelt versuchte, ein bürgerliches Familienleben zu führen, woran sie regelmäßig scheiterte.

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Für Bäumer durchaus ein Wagnis

59 Filme drehte sie in ihrem Leben. Einerseits litt sie darunter, ihre Kinder zu wenig zu sehen, andererseits war der nächste Film, das nächste Projekt auch immer so etwas wie eine Erlösung für sie, wenn es ihr besonders schlecht ging. „Wenn man keine Klarheit über das wirkliche Zuhause hat, dann kann ein Dreh-ort auch wieder ein merkwürdiger Zufluchtsort und Schutzrahmen sein“, sagt Bäumer. „Es sind auch eine Menge Leute um einen herum, die sich kümmern, die Maskenbildner und Kostümbildner können mütterliche und väterliche Positionen einnehmen. Ich kann mir vorstellen, dass Romy Schneider das auch immer wieder als eine Form von Erleichterung empfunden hat. Und trotzdem natürlich mit dem Gefühl und Wissen, dass andere Gebiete in ihrem Leben zu kurz kommen.“

Marie Bäumer hat das früh erkannt: Dass es wichtig ist, ein Zuhause zu haben, dass man Freundschaften pflegen muss, dass man nicht abheben darf, wenn es gerade sehr gut läuft. Jungen Kollegen rät die Achtundvierzigjährige immer: „Guckt euch genau an, wo ihr zu Hause seid, nährt das durchgehend, eure Beziehungen können auch über einen langen Abstand existieren.“ Ihr Rückzugsort ist ihr Haus in Frankreich. „Meine Freunde sagen: Du gibst immer 200 Prozent. Nach dem Drehen brauche ich dann auch wieder 200 Prozent mich selbst. Ich genieße das sehr, ich bin wahnsinnig gerne mit mir zusammen, mit meiner Marie privat, und langweile mich nie.“ Ihr Alltag in Frankreich sei „rhythmisch und regelmäßig“, sagt sie. „Ich stehe früh auf und gehe früh ins Bett. Den halben Tag bin ich meistens bei meinem Pferd, dann arbeite ich. Für den Abend nehme ich mir viele Dinge vor und plumpse ziemlich früh wieder ins Bett.“

Entspannt: Marie Bäumer in Berlin
Entspannt: Marie Bäumer in Berlin Bild: Andreas Müller

Für Romy Schneider war Frankreich in den fünfziger Jahren der Schritt in die Unabhängigkeit, die Loslösung von ihrer ehrgeizigen Mutter, die Romys Karriere steuerte und mit Hilfe der Presse das Bild bestimmen wollte, das die Öffentlichkeit von „Sissi“ haben sollte. In Frankreich erst wurde Romy Schneider zur selbstbestimmten Frau und zum Filmstar, der auch in Charakterrollen brillierte.

Gegen Ende hat „3 Tage in Quiberon“ etwas Versöhnliches. Man sieht Romy Schneider, wie sie mit ihrer kleinen Tochter in der Pariser Wohnung herumkaspert. Unter das autorisierte Interview mit dem „Stern“, das ihre Verzweiflung, ihre Ängste, ihre Gefühle auf schonungslose Weise offenbart, schreibt sie mit der Hand: „Ich werde weiterleben – und richtig gut!“ Knapp vier Monate später stirbt ihr 14 Jahre alter Sohn, als er über einen Gartenzaun klettert und von einem schmiedeeisernen Pfahl aufgespießt wird. Romy Schneider versinkt in Depressionen und dreht ihren letzten Film in Berlin, „Die Spaziergängerin von Sanssouci“, in dem eigentlich ihr Sohn hätte mitspielen sollen. Die Spirale aus Alkohol und Tabletten dreht sich weiter. Am 29. Mai 1982 stirbt Schneider in ihrer Pariser Wohnung an Herzversagen.

Für Marie Bäumer war der Film „3 Tage in Quiberon“ durchaus ein Wagnis, denn das Risiko, gerade bei der Rolle zu versagen, die sich jeder immer für sie vorstellte, war durchaus hoch. Für ihren Mut wurde sie belohnt. Die Kritiken fielen glänzend aus, für den Deutschen Filmpreis 2018 ist sie in der Kategorie „Beste weibliche Hauptrolle“ nominiert. Und es wird jetzt auch kein Interview mehr geben, in dem die leidige Frage auftaucht: Frau Bäumer, wann spielen Sie endlich Romy Schneider?

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schipp, Anke
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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