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Roman Polanski

Er klagt an

Von Maria Wiesner, Venedig
 - 17:03
Seinen letzten Auftritt auf einem Filmfestival hatte Polanski 2017 in Cannes.

Kein Film in Venedig erregte vor seiner Premiere mehr Aufsehen als Roman Polanskis „J’accuse“. In den Wochen vor Beginn des Festivals gab es vor allem Kritik daran, dass der Regisseur, der in den siebziger Jahren wegen der Vergewaltigung einer Minderjährigen in den Vereinigten Staaten angeklagt und vor Gericht gestellt worden war, überhaupt einen Film in den Wettbewerb des ältesten Filmfestivals der Welt schicken darf.

Während der Eröffnungspressekonferenz der Jury lieferten sich Festivaldirektor Alberto Barbera und die diesjährige Jurypräsidentin, die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel, sogar einen Schlagabtausch. Barbera verteidigte seine Entscheidung, den Film zu zeigen. Man müsse Kunst und Künstler voneinander zu trennen wissen: „In der Kunstgeschichte gibt es zahllose Künstler, die Verbrechen begangen haben, trotzdem bewundern wir ihre Werke noch immer.“ Polanski sei für ihn einer der letzten Meister des europäischen Kinos, der noch aktiv sei.

Martel entgegnete, sie trenne den Menschen nicht von seiner Kunst, dennoch sei Polanskis Fall nicht so leicht zu beurteilen. Allerdings sei er für seine Tat verurteilt worden, sein Opfer mit der Entschädigung zufrieden gewesen. „Wir müssen uns mit Menschen auseinandersetzen, die bestimmte Taten begangen haben und für die sie verurteilt wurden. Diese Fragen gehören zur Debatte, die wir derzeit führen.“

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Filmclip
"J'Accuse"

Mit der #MeToo-Bewegung wurde die Debatte wieder entfacht

Polanskis Verbrechen geschah 1977. Damals wurde er in Amerika unter dem Verdacht verhaftet, mit einer Dreizehnjährigen Intimverkehr gehabt zu haben, der Vorwurf der „Vergewaltigung unter Verwendung betäubender Mittel“ wurde erhoben. Polanski bekannte sich schuldig, ihm wurde eine Bewährungsstrafe in Aussicht gestellt. Als sich abzeichnete, dass das Strafmaß höher ausfallen könnte, floh er einen Tag vor der Urteilsverkündung über London nach Paris, wo er seither lebt.

Für die amerikanische Justiz ist der Fall noch immer nicht abgeschlossen. Vor zehn Jahren wurde Polanski auf dem Flughafen in Zürich festgenommen, die Staatsanwaltschaft Los Angeles forderte seine Auslieferung. Internationale Künstler wie Martin Scorsese, David Lynch, Julian Schnabel und Wim Wenders forderten die Freilassung Polanskis. Der Regisseur wurde unter Hausarrest gestellt. Aufgrund von Verfahrensfehlern entschied die Schweizer Justiz dann, ihn nicht an die Vereinigten Staaten auszuliefern.

Mit der MeToo-Bewegung wurde die Debatte über Polanskis Vergehen abermals entfacht. Im Mai 2018 entzog ihm die Oscar-Akademie die Mitgliedschaft und lud stattdessen seine Frau ein, die französische Schauspielerin Emmanuelle Seigner. Sie lehnte die Einladung aber mit scharfen Worten ab. Im April 2019 wurde bekannt, dass Polanski gegen seinen Ausschluss aus der Akademie gerichtlich vorgeht.

Welche Chance hat er auf einen Preis?

Vor der Premiere seines neuen Films in Venedig wurde viel spekuliert: Würde Polanski es wagen, nach Italien zu kommen? Würde es eine Erklärung von ihm geben oder würde er sich per Skype zur Pressekonferenz zuschalten lassen? Und ist sein Film „J’accuse“ über die Dreyfus-Affäre Ende des 19. Jahrhunderts in Paris nicht eigentlich ein Verweis auf seinen eigenen Fall? In Polanskis Film allerdings wird ein Unschuldiger angeklagt und verfolgt, seine Familie diskreditiert und Alfred Dreyfus’ Name in der Öffentlichkeit beschmutzt. Polanski hingegen hat seine Schuld nie bestritten, sondern sich zu der Tat bekannt.

Der 1933 in Krakau geborene Regisseur kam nicht, weder zur Pressekonferenz, noch zur Premiere seines Films. Es gab auch keine Erklärung und keine Skype-Befragung. Stattdessen hat sich Polanski von dem französischen Philosophen und Schriftsteller Pascal Bruckner für das Pressematerial des Films interviewen lassen. Bruckner stellt ihm Fragen wie: „Sie als Jude, der während des Kriegs gejagt und als Filmemacher unter den Stalinisten in Polen verfolgt wurde, werden Sie den heutigen neofeministischen McCarthyismus überleben, der Sie auf der gesamten Erde verfolgt und die Vorführung Ihres Films verhindern will und Sie aus der Oscar-Akademie werfen ließ?“ Polanski antwortet darauf: „Arbeiten und einen Film zu machen hilft mir sehr.“ In der Geschichte über Alfred Dreyfus sehe er einige Parallelen zu Dingen, die er selbst erlebt habe. „Ich sehe die gleiche Entschlossenheit, die Fakten zu bestreiten und mich für Dinge zu verurteilen, die ich nicht getan habe.“ Die meisten, die ihn verurteilten, würden ihn und den Fall zudem überhaupt nicht kennen.

Im weiteren Verlauf des Interviews erzählt Polanski, dass er bereits seit dem Manson-Mord an seiner damals hochschwangeren Frau Sharon Tate 1969 im Fokus der Presse stehe und dass ihm schon damals ein Image verpasst wurde, weil man nicht wusste, wie man mit der Grausamkeit des Verbrechens umgehen sollte. „Es wurde unter anderem impliziert, dass ich vor dem Hintergrund des Satanismus eine Verantwortung am Mord an ihr trug. ’Rosemaries Baby’ war ein Beweis dafür, dass ich mit dem Teufel im Bunde stehe.“ Den Künstler von seinem Werk trennen – es ist offensichtlich kein neues Problem.

In Venedig bekam „J’accuse“ stehenden Applaus vom Publikum, bei der internationalen Filmkritik liegt der Film weit vorne. Jurypräsidentin Lucrecia Martel ließ aber schon vor der Premiere durchblicken, dass für sie der Film wenig Chancen habe zu gewinnen. Ob sie sich von den anderen sechs Jury-Mitgliedern doch noch umstimmen lässt, wird sich am 7. September zeigen, dann werden am Lido die Löwen vergeben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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