Frauenhäuser in Corona-Zeiten

Warum häusliche Gewalt nun zunimmt

Von Leonie Feuerbach
29.03.2020
, 17:04
Sara, die eigentlich anders heißt, ist sich sicher: Hätte sie ihren gewalttätigen Ex-Mann nicht schon verlassen, spätestens jetzt würde sie es versuchen.
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Frauenhäuser erwarten wegen Corona eine steigende Nachfrage. Doch das Personal ist knapper denn je, wenn Mitarbeiter in Quarantäne müssen. Und die Plätze reichen selbst in normalen Zeiten nicht aus.
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Sara ist sich sicher: Wäre es ihr nicht schon gelungen, vor ihrem gewalttätigen Ex-Mann ins Frauenhaus zu fliehen, würde sie es jetzt tun. „Ohne Corona hatte man wenigstens noch mit anderen Menschen Kontakt“, sagt sie. „Jetzt wäre ich nur noch mit ihm zusammen, Tag und Nacht, und das wäre nicht auszuhalten.“

Noch ist es zu früh zu sagen, wie viele Frauen so denken und vor allem handeln. Aber Frauenhäuser und Frauenrechtsorganisationen wie Terre des Femmes gehen davon aus, dass in Corona-Zeiten der Andrang auf Schutzunterkünfte zunehmen wird. Für Sylvia Haller von der Zentralen Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser sprechen dafür drei Gründe. Erstens wird der Informationsstelle berichtet, dass die Telefonanrufe bei Hotlines für betroffene Frauen zunehmen. Zweitens hat in China die Gewalt gegen Frauen und Kinder während der Ausgangssperre merklich zugenommen – in der Quarantäne-Stadt Wuhan soll sie sich gar verdreifacht haben. Und drittens beobachten Frauenhäuser, dass sich die Anzahl der Hilferufe wegen häuslicher Gewalt an Weihnachten und anderen Feiertagen, zu denen Menschen viel Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen, immer erhöht.

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Anders als an Weihnachten sind die Menschen aber nun verunsichert, haben finanzielle Sorgen, fühlen sich eingesperrt und sind von der Kinderbetreuung bei geschlossenen Kitas und Schulen womöglich überfordert. In so einer Extremsituation könne schon vorhandene psychische Gewalt leicht in physische umschlagen, warnt Haller. Doch auch Frauen, die bereits von Gewalt betroffen sind, aber es bisher nicht geschafft haben, ihren Partner zu verlassen, haben es nun schwerer. Sie sind noch stärker isoliert als sonst. Dadurch fällt der Kontakt zu Menschen weg, die den Frauen helfen könnten. Etwa Erzieherinnen oder Lehrerinnen, die sich oft zuerst bei Hilfestellen melden, wenn sie bemerken, dass eine Mutter geschlagen wird.

Sie durfte nur zum Deutschkurs gehen

Saras Mann erlaubte ihr kaum, ohne ihn das Haus zu verlassen. Nur zum Deutschkurs durfte die 33 Jahre alte Iranerin gehen. Dort bat Sara ihre Lehrerin um Hilfe, nachdem ihr Mann sie beinah zu Tode gewürgt hatte. Dieser Weg wäre ihr nun verschlossen; Sprachkurse finden wegen der Ansteckungsgefahr schon seit Wochen nicht mehr statt.

Wenn Frauen es dennoch schaffen, ein Frauenhaus zu kontaktieren, stehen dessen Mitarbeiterinnen vor ungewohnten Herausforderungen. Es fehlt an Personal, weil manche Mitarbeiterinnen Vorerkrankungen haben und sich deshalb nicht zur Arbeit trauen, andere in einem Risikogebiet waren und in Quarantäne müssen. Sonst holen die Mitarbeiterinnen betroffene Frauen zudem oft mit dem Auto am Bahnhof ab – so wird dafür gesorgt, dass die Adressen der Schutzunterkünfte nicht bekannt werden. Das ist jetzt schwierig, weil im Auto nicht der nötige Abstand eingehalten werden kann. Auch können die Unterkünfte derzeit keine Frauen aufnehmen, die in einem Risikogebiet waren oder Erkältungssymptome haben. Und manche Gemeinden erwägen einen generellen Aufnahmestopp in Frauenhäusern. Denn die dort herrschende Enge ermögliche es nicht, Hygienevorschriften und Abstandsregeln einzuhalten.

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Besonders problematisch wird das werden, wenn der erste Corona-Fall aus einem Frauenhaus gemeldet wird. In den Unterkünften teilen sich meist ein Dutzend Frauen Bad und Küche, sie von den anderen Bewohnerinnen zu isolieren ist so gut wie unmöglich. Im Frauenhaus von Kassel, in dem Sara gewohnt hat, leben nicht nur vor Gewalt geflohene Frauen, dort haben auch die Mitarbeiterinnen ihre Büros. „Müsste eine Frau in Quarantäne, wären wir alle betroffen“, sagt Irmes Schwager. Sie und ihre Kolleginnen versuchen, in kleinen, immer gleichen Gruppen zusammenzuarbeiten, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Ihre wöchentliche Hausversammlung halten sie im Garten mit zwei Metern Abstand zueinander ab. Sie bereiten sich auf den Ernstfall vor – und beschaffen Räume außerhalb des Hauses, über die Stadt oder hilfsbereite Privatleute, in denen erkrankte Frauen im Zweifelsfall unterkommen könnten. „Die werden wir in Anspruch nehmen, wenn es so weit kommt“, sagt Schwager. Die Debatte um den nun zu erwartenden Andrang kann sie dennoch nicht ganz nachvollziehen: Die Nachfrage nach Schutzräumen sei ohnehin immer größer als das Angebot. Tatsächlich sind die rund 6400 Plätze in deutschen Frauenhäusern seit Jahren immer belegt, auch ohne Corona.

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Die Enge im Frauenhaus hat früher auch Sara zu schaffen gemacht, ganz ohne Ausgangsbeschränkungen und Infektionsgefahr. Zweieinhalb Jahre hat sie im Frauenhaus in Kassel verbracht, seit einem halben Jahr hat sie eine eigene Wohnung – und ist erleichtert, dass sie die Corona-Epidemie dort aussitzen kann. Manche ihrer Mitbewohnerinnen teilten sich ein Zimmer mit ihren vier oder fünf Kindern. Und nun dürfen die Kinder nicht in die Kita oder zur Schule. „Jetzt im Frauenhaus zu sein wäre bestimmt sehr schwer.“

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Was tun? In einer Mitteilung vom Freitag erklärte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), die Hilfetelefone blieben erreichbar, im Sozialschutz-Hilfspaket der Bundesregierung seien auch Instrumente zur Unterstützung der Frauenhäuser enthalten, und eine kurzfristige Anmietung von Hotels und Ferienwohnungen für von Gewalt betroffene Frauen solle geprüft werden. Diese Maßnahmen decken sich zum Teil mit den Forderungen der autonomen Frauenhäuser, sind ihnen aber zu unkonkret. Deshalb haben sie Nachfragen zur Umsetzung ans Familienministerium gesendet. Sie fordern generell eine bessere Finanzierung der Frauenhäuser und konkrete Pläne für den Quarantänefall. Und wenn eine Frau abgewiesen werden müsse, etwa, weil sie Erkältungssymptome hat, müsse die Kooperation mit der Polizei besser werden. Diese müsse dann den gewalttätigen Mann der Wohnung verweisen – so lange, wie es das Gesetz erlaubt.

Im Frauenhaus von Kassel haben sich bisher noch nicht mehr Frauen gemeldet als sonst. Irmes Schwager und ihre Kolleginnen sagen, dass es ruhiger geworden sei, obwohl die Bewohnerinnen jetzt alle fast immer im Haus sind. Die Frauen seien in Schockstarre, verbrächten viel Zeit auf ihren Zimmern, gingen nur noch zum Einkaufen raus. Ein bisschen fühle es sich an wie die Ruhe vor dem Sturm.

Hilfe bei häuslicher Gewalt

Diese Hotlines helfen bei Gewalt in der Familie: „Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen“ (08000 116 016), „Nummer gegen Kummer“ für Kinder und Jugendliche (116 111) und das „Elterntelefon“ (0800 111 0550).

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Feuerbach, Leonie
Leonie Feuerbach
Redakteurin in der Politik.
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