„Star Wars“-Star Christie

„Ich fürchte, ich habe alle sehr genervt“

Von Christian Aust
Aktualisiert am 16.12.2015
 - 12:57
Muss sich selbst ständig in den Arm kneifen: Aktrice Christiezur Bildergalerie
Gwendoline Christie kann es selbst nicht fassen: Sie ist Teil der neuen „Star Wars“-Episode „Das Erwachen der Macht“. Im Interview erzählt sie, wie sie an die Rolle kam – und wie es ist, 1,91 Meter groß zu sein.

Wer einen Eindruck davon bekommen möchte, wozu Gwendoline Christie imstande ist, sollte sich ansehen, wie sie in der vierten Staffel der Serie „Game of Thrones“ als Brienne of Tarth den gefürchteten Krieger Sandor „Bluthund“ Clegane im Duell mit einem Langschwert erledigt. Dabei wirkt sie gleichzeitig entschlossen und erstaunt über ihre eigenen Kampfkünste. So emotional ambivalent, wie sie in anderen Szenen gleichzeitig grimmig und schüchtern verliebt (in Jaime Lannister) spielen kann. Nun wird die 1,91 Meter große britische Schauspielerin auch im neuen „Star Wars“-Abenteuer die meisten ihrer Kollegen um einige Zentimeter überragen. Zum Interview in einem Londoner Luxushotel trägt sie High Heels.

Wenn Sie die entscheidenden Stufen Ihrer Karriere beschreiben, benutzen Sie am häufigsten die Formulierung „Abwarten und nicht zu früh freuen“. Sind Sie erst mal misstrauisch, wenn Träume in Erfüllung gehen?

Ich würde mich in dieser Hinsicht nicht grundsätzlich als misstrauisch bezeichnen. Aber meiner Erfahrung nach ist das Leben ständig in Bewegung, eine Glückssträhne ist nicht immer von langer Dauer. Ich halte es daher für absolut außergewöhnlich und frappierend, dass ich in „Star Wars“, „Game of Thrones“ oder „Die Tribute von Panem“ gelandet bin.

Warum genau?

Es ist absolut gar nichts normal daran, Teil von „Star Wars“ zu sein. Das ist ein einmaliges Erlebnis. Und ich bin, auch wenn es sich wie eine Floskel anhört, unglaublich dankbar, dass ich es irgendwie geschafft habe, dabei zu sein. Ich freue mich so sehr darüber, ich muss mich selbst jetzt, wenn wir hier sitzen, ständig in den Arm kneifen, um zu begreifen, dass es wirklich passiert, was ich gerade erlebe. Dieser Rummel um „Star Wars“ ist ja ein globales Phänomen.

Wann haben Sie das erste Mal das Bedürfnis gespürt, anderen Menschen etwas vorzuführen?

Ich habe in der Schule eine Menge klassisches Theater gespielt. Und davor habe ich schon gerne getanzt. Ich mochte Ballett und Gymnastik. Was ich daran geliebt habe, war die Kombination aus Disziplin und Ausdruck. Aber als ich elf war, bin ich so schnell gewachsen, dass man mir sagte, ich müsse mit dem Tanzen aufhören.

Und wie haben Sie das verarbeitet?

Ich dachte: Na gut, dann werde ich eben Schauspielerin.

Das klingt nach einer sehr rationalen Entscheidung für eine Elfjährige.

Dabei bin ich gar nicht so praktisch veranlagt. Wenn ich heute darüber nachdenke, war das die praktischste Entscheidung, die ich in meinem ganzen Leben getroffen habe. Das könnte ich heute gar nicht mehr. Aber diese eine Sache habe ich damals systematisch organisiert. Erst war ich im Schultheater und habe außerhalb der Schule Theater gespielt, und später bin ich dann auf die Schauspielschule gegangen, auf das Drama Centre London. Die unterrichten nach dem Prinzip des Method Acting. Sie wissen schon, Strasberg und Stanislawski. Es war sehr intensiv, zwölf Stunden am Tag und sieben Tage die Woche haben wir trainiert. Ich habe danach am Theater gearbeitet, wollte aber unbedingt zum Film.

Eine Branche, in der ebenfalls kleinere Frauen gefragt sind.

Auch da sagte man mir, das wird sehr schwierig, weil ich so groß bin.

Aber Sie haben sich nicht aufhalten lassen.

Für mich machte das überhaupt keinen Sinn. Zu groß für den Film? Was für ein Unsinn. Ich wollte einfach so lange warten, bis die richtige Rolle kommt. Und nur zehn Monate später standen die Sterne für mich in der richtigen Konstellation, und man verhandelte mit mir über meine Rolle in „Game of Thrones“. Und jetzt bin ich schon fünf Jahre dabei. Nach der Schauspielschule eröffnete man mir, ich werde als Schauspielerin in erster Linie arbeitslos sein. Dafür habe ich es nicht schlecht getroffen.

Sie sind in einem Dorf aufgewachsen.

Das war manchmal nicht einfach. Natürlich bin ich wegen meiner Größe gehänselt worden. Ich habe diese Erfahrungen später auch zum Beispiel in die Rolle der Brienne of Tarth in „Game of Thrones“ eingebaut. Aber eigentlich möchte ich nicht darüber sprechen.

Warum nicht?

Weil es schmerzhaft für mich war. Und die Konsequenz dieses Schmerzes ist, dass ich nicht öffentlich darüber sprechen mag. Ich möchte lieber darüber reden, wie ich diese Hindernisse überwunden habe.

Wie denn?

Aufgeben war für mich einfach keine Option. Das wollte ich um keinen Preis. Ich bin so richtig auf dem Land groß geworden, bevor ich später nach London gezogen bin. Aber ich war schon als Kind fasziniert davon, was draußen in der Welt passiert. Ich habe Magazine und Zeitungen verschlungen, alles, was ich in die Finger bekommen habe. Ich habe viel ferngesehen, hatte immer dieses Gefühl, informiert sein zu müssen. Das Leben schien mir so viel mehr bieten zu können, und das wollte ich auf irgendeine Weise erleben. Deswegen musste ich nach London und auf die Schauspielschule. Auch wenn es mir einiges abverlangt hat.

Was genau?

Es war das Härteste und Aufwühlendste, was ich jemals getan habe. Denn es ging darum, mich zu verändern. Ich musste mich einem völlig neuen Umfeld, einem neuen Leben anpassen. Und das war zunächst sehr schwer für mich. Bis sich dann in den Theater-Workshops eine neue Welt für mich öffnete. Da war ich nicht mehr allein. Ich bin da plötzlich Menschen begegnet, die sich alle so ähnlich wie ich fühlten. Wenn mehrere Außenseiter zusammenkommen, bist du kein Außenseiter mehr. Und das liebe ich bis heute an diesem Beruf. Dieses Gefühl, eine Gemeinschaft zu sein, in der man sich gegenseitig unterstützt. Jeder gibt sein Bestes, um auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten. Es fühlt sich gut an, mit einbezogen zu sein. Ich hatte wirklich den Eindruck, nach Hause zu kommen. Einige Kollegen von dieser Schule sind bis heute meine besten Freunde. Wir haben uns irgendwie ineinander verliebt.

Und Ihre Parallelwelt der kindlichen Phantasie wurde plötzlich Realität?

Ich war daran beteiligt, Parallelwelten zu schaffen. Und ich habe es schon immer geliebt, in vollkommen andere Welten abzutauchen. Ich habe Modemagazine gelesen oder nachts Filme auf Channel 4 gesehen, die für mein Alter noch gar nicht geeignet waren, und mir alles Mögliche dazu vorgestellt.

Womit wir wieder bei „Star Wars“ wären. Auch ein Paralleluniversum.

Ich habe als kleines Kind ein Buch in die Hand genommen und bin vollkommen in die Geschichte eingetaucht. Ich erinnere mich bis heute an dieses Gefühl, wie ich mir wünschte, die Geschichte möge nie enden, weil ich mich weiter in dieser Welt aufhalten wollte. Und ich fand es faszinierend, dass es offenbar zwei Leben gibt: das alltägliche und das Leben, das nur in unserer Phantasie existiert. Ich werde ja im Moment ständig gefragt, was das Besondere an „Star Wars“ ist.

Ich bin sehr an Ihrer Antwort interessiert.

Was ich so reizvoll finde, ist die Tatsache, dass es ein ganz eigenes, in sich geschlossenes Universum ist, das dem unseren ähnelt, aber dann eben doch wieder überhaupt nicht. Und dann gibt es Roboter in der Wüste. Das war erst einmal ein Schock für mich, im positiven Sinne. Dieses Bild hat mich immer fasziniert.

Wer hat Sie auf Ihrem Weg inspiriert, wenn Sie Unterstützung brauchten?

Die beiden passen auf den ersten Blick vielleicht nicht so ganz zusammen. Aber ich mochte immer Tilda Swinton und Marilyn Monroe. Tilda Swinton, weil sie nicht nur eine tolle Schauspielerin ist, sondern weil ich das Gefühl hatte, dass sie immer alles auf ihre ganz eigene Art durchgezogen hat. Sie hat künstlerisch mutige Entscheidungen getroffen und entwickelt sich immer weiter, erfindet sich neu.

Und wie passt Marilyn Monroe in dieses Team?

Marilyn hat mich magisch angezogen, als ich noch ein Kind war. Denn sie war ein echter Star. Trotzdem war da immer diese bebende Verletzlichkeit. Sie hat immer dagegen gekämpft, wie die Menschen um sie herum sie limitieren und definieren wollten. Sie wollte als Schauspielerin akzeptiert werden. Und es gibt in „Bus Stop“ diese eine Szene, in der sie in einer Bar zusammenbricht. Als ich das gesehen habe, habe ich es wirklich geglaubt. Beide Frauen sind gegen Widerstände ihren eigenen Weg gegangen. Das hat mich inspiriert. Und ich hatte großes Glück, auf der Schauspielschule in Simon Callow einen Mentor zu finden, der mich immer unterstützt hat. Sein Credo war immer: Man darf nie aufgeben. Erst recht nicht, wenn es um Kunst geht.

Und was ist heute Ihr Credo?

Ich weiß nicht . . . (Sie überlegt.) Ich finde es einfach interessanter, durchzuhalten, als aufzugeben. Wie kommt es eigentlich, dass wir die ganze Zeit über mich sprechen und kaum über „Star Wars“?

Weil wir Sie so sehr schätzen, ,dass wir mehr über Sie erfahren wollen. Wird es Ihnen zu persönlich?

Ich hatte das nur nicht erwartet. In den anderen Interviews hat man mich immer nur zum Film befragt. Ich habe die ganze Zeit gewartet, wann Sie endlich damit anfangen . . . (Sie lacht.) Ihre Fragen berühren mich sehr. Und mich hatte einfach niemand darauf vorbereitet.

Filmstart
„Star Wars - Das Erwachen der Macht“: Rückkehr einer Legende
© AP, afp

Dann sprechen wir über „Star Wars“. Sie spielen eine gewisse Captain Phasma. Was ist das für eine Frau?

Sie ist der erste weibliche Schurke im „Star Wars“-Universum. Und sie ist Captain der sogenannten „Sturmtruppen“ und gehört definitiv zur dunklen Seite der Macht. Wissen Sie, ich wollte unbedingt dabei sein. So sehr, ich fürchte, ich bin damit allen sehr auf die Nerven gegangen. Und sobald ich gehört hatte, dass weitere Teile gedreht werden, habe ich mich sofort mit meinen Agenten in Verbindung gesetzt, um mein größtes Interesse anzumelden. Ich wollte Teil dieses Films sein, wie ein Hund einen Knochen will. Dummerweise wollte das jeder, wie sich bald herausstellte.

Warum wollten Sie unbedingt dabei sein?

Da ist diese emotionale Bindung zu dieser Welt, denn ich habe „Star Wars“ als Mädchen an einem der Weihnachtsfeiertage gesehen. Und es war nicht nur der Look, der mich komplett fasziniert hat. Ich war ein großer Fan von Prinzessin Leia, denn sie hatte ihren eigenen Willen und war stark genug, ihn durchzusetzen. Und dann waren da noch Figuren wie R2D2 und C3PO, mit denen ich Verbindung gespürt habe.

Was für eine Verbindung?

Das ist schwer zu beschreiben. Ich habe R2D2 angebetet. Wirklich. Wenn er in Gefahr geraten ist, hat mich das zutiefst beunruhigt. Ich war richtig in ihn verliebt.

Also war Ihre erste Leinwand-Liebe ein Roboter?

(Sie lacht.) Ja, auf jeden Fall. Das können Sie so aufschreiben.

Sie haben jetzt sogar Ihre eigene Captain-Phasma-Actionfigur.

Als ich gehört habe, dass das passieren soll, dachte ich erst einmal: Abwarten und nicht zu früh freuen. Und jetzt kann man mich tatsächlich kaufen. Das ist ziemlich überwältigend. Aber ich habe noch nicht mit der Figur gespielt.

Gwendoline Christie

Geboren 1978 in Sussex, England, aufgewachsen in einem kleinen Dorf in den South Downs; nach dem Schulabschluss Studium am Drama Centre in London.

Seit 2007 erste Rollen; bekannt wurde sie 2012 in der Serie „Game of Thrones“, wo sie die kämpferische Brienne of Tarth spielte; in „Die Tribute von Panem - Mockingjay Teil 2“ wurde sie als Commander Lyme besetzt.

Seit Ende April ist bekannt, dass Christie die Rolle von Captain Phasma in „Das Erwachen der Macht“, der siebten „Star Wars“- Episode, übernommen hatte, die am 17. Dezember in die Kinos kommt.

Die Fragen stellte Christian Aust.

Quelle: F.A.S.
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