FAZ plus ArtikelGenitalverstümmelung

Vernarbte Wüstenblumen

Von Leonie Feuerbach, Berlin
07.09.2018
, 06:41
Rund 65.000 Frauen, die im Intimbereich verstümmelt sind, leben in Deutschland. Im Desert Flower Center in Berlin erzählen sie von ihren Erfahrungen.

Für die Geburt hat man sie aufgeschnitten, aber nur unten. Weiter oben ist ihre Vulva noch immer zugenäht und von einem schmerzenden, juckenden Narbengewebe überzogen. Deshalb will sie sich bald operieren lassen, erzählt die 28 Jahre alte Somalierin mit dem roten Kopftuch. Sie hat ein beinahe kindliches Gesicht, aber ist selbst schon Mutter von vier Kindern. Ob ihr Mann das mit der Operation gut findet, weiß sie nicht so recht: Somalische Männer mögen die Traditionen des Landes, und sie mögen das enge Gefühl beim Sex, erzählt sie lächelnd. Für sie ist das Thema alltäglich und nur eines von vielen neben der Suche nach Arbeit und einer größeren Wohnung.

An einem warmen Sommertag sitzt sie im Garten des Berliner Krankenhauses Waldfriede. Hier wurde vor fünf Jahren, am 11.September 2013, das Desert Flower Center eröffnet, Deutschlands erstes Zentrum für genitalverstümmelte Frauen.

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Die rechtliche Lage in Deutschland

Seit 2013 steht Genitalverstümmelung in Deutschland unter Strafe, seit 2015 auch dann, wenn die Tat im Ausland begangen wurde. Kommt ein Mädchen verstümmelt aus dem „Sommerurlaub“ zurück, kann das für die Eltern seither rechtliche Konsequenzen haben – bisher ist es hierzulande aber noch zu keiner Verurteilung wegen weiblicher Genitalverstümmelung gekommen. Teils wird gefährdeten Mädchen vor einer Reise in die Heimat bescheinigt, unversehrt zu sein – auch das Desert Flower Center stellt solche Bescheinigungen aus. Seit 2016 erlaubt das Gesetz zudem, die Pässe bedrohter Mädchen aus Risikoländern einzuziehen. Eine drohende Genitalverstümmelung kann, ähnlich wie eine Zwangsheirat, ein Asylgrund sein. Es wird aber jeweils im Einzelfall entschieden. Weil eine drohende Verstümmelung kaum nachweisbar ist, lehnt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Anträge meist ab. Oft wird die Gefahr bei Rückkehr ins Heimatland aber zumindest als Abschiebehindernis anerkannt. (lfe.)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Feuerbach, Leonie
Leonie Feuerbach
Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.
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