Gesellschaft und Corona

Weil es nie wieder so wird, wie es mal war

Von Johanna Dürrholz
Aktualisiert am 20.07.2020
 - 13:21
Das neue Normal: Auf Abstand im Park
Wir befinden uns im heruntergefahrenen Zustand, in der Ruhe vor dem Sturm, denn: Keiner weiß, was nach Corona kommt. Und ob es ein Nach-Corona überhaupt gibt. Doch es ist an uns, es mitzugestalten.

Es fing alles so friedlich an: Menschen, die sich brav mit 1,5 Metern Abstand am Sonntagmorgen in die kilometerlange Bäckerschlange einreihten, um hinter vorschriftsmäßiger Maske und mit einem zumindest zu erahnenden Lächeln geduldig zu warten. Umsichtige Nachbarn, die für das ältere Paar im sechsten Stock wochenlang einkaufen gingen, damit diese sich keinem Infektionsrisiko aussetzen mussten. Dankbare Anwohner, die abends auf dem Balkon klatschten, um sich solidarisch zu zeigen mit Krankenhaus- und Pflegepersonal, mit Kassiererinnen und Kassierern, die täglich ihre Gesundheit aufs Spiel setzten, damit das Leben irgendwie weitergehen konnte. Das war kein Krieg, denn alle hatten zu essen, niemand musste mit Waffen kämpfen. Das war eine Ausnahmesituation, die zunächst von allen als eine solche wahr- und auch angenommen wurde: Kurzzeitig ist alles anders.

Doch die Ausnahmesituation blieb und wurde zur Regel, es folgte Resignation, es folgten – auch das muss fairerweise gesagt werden – niedrige Infektionszahlen in Deutschland, es folgten der Sommer und das Gefühl: Niemand kann uns sagen, wie es weitergeht. Es heißt nur immer: So, wie es einmal gewesen ist, wird es nie wieder sein. Die Vor-Corona-Zeit kriegen wir nicht wieder. Es wird nie wieder „normal“. Wie aber wird es dann?

Der Unbeholfenheit, der Ohnmacht dieser Gefühle können sich viele nicht erwehren, außer vielleicht jene, die finanziell ausgesorgt haben oder deren Branche nicht betroffen wäre von einer Rezession. Statt sich brav einzureihen in Bäckerschlangen und zu warten auf eine ungewisse Zukunft, kommen also Corona-Leugner, Verschwörungstheoretiker und Wutbürger zum Zuge. Die Städte werden nachts von Feierwütigen zugemüllt, Abstandsregeln scheinen in Großstadtparks sowieso nicht zu gelten, und das Aggressionspotential scheint zuzunehmen: Sei es der zu Tode geprügelte Busfahrer in Frankreich, der Passagiere ohne Masken nicht mitfahren lassen wollte. Oder die wütenden Kunden eines Schnellrestaurants in Bremen, deren Burger nicht ihren Ansprüchen genügte – am Ende prügelten sie sich mit den Angestellten. Oder die zahllosen Kassiererinnen und Kassierer, die von Beleidigungen durch Kunden berichten.

Plötzlich sind wir nicht mehr rücksichtsvoll miteinander, sondern achtlos. Im Supermarkt ist es kaum noch möglich, Abstand zu halten, oder beim Einsteigen in die Bahn: Da wird wieder gedrängelt und geeilt, auf den Treppen vom Bahnsteig herab gibt es sowieso kein Halten. Überall sieht man Menschen, deren Nasen beinahe unanständig über den so nicht mehr funktionierenden Mund-Nase-Schutz ragen. Dazu der selbstgefällige Blick: Ihr könnt mir gar nix!

Dabei befinden wir uns noch in einer Art runtergefahrenem Zustand – die berühmte Ruhe vor dem Sturm, nicht nur dem Corona-Sturm, sondern allem, was da wirtschaftlich folgen mag: Arbeitslosigkeit, Armut, Ausweglosigkeit. Vielleicht folgen auf diesen Sommer eine ganze Reihe weitere, in denen wir nicht in den Urlaub können – weil uns schlicht das Geld fehlt. Weil auf das Virus ein anderes folgt. Weil die Wirtschaft kollabiert. Nichts scheint mehr unmöglich im Angesicht einer Katastrophe wie der, die die Welt ereilt hat und die niemand so hat kommen sehen. Unsere Prä-Corona-Welt war ausgelegt auf Genuss, auf gedankenlosen Konsum, auf zu viele Termine; die Zeit dafür kaufte man sich mit mehr Konsum und Servicedienstleistungen frei. Die Binnen-Corona-Welt ist chaotisch und fragil. Und die Post-Corona-Zeit? Keiner weiß, was kommt. Doch es ist an uns, sie zumindest menschlich mitzugestalten.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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