Hohe Geburtenrate in Israel

Seid fruchtbar und mehret euch!

Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem
18.08.2016
, 14:42
Viele Kinder zu haben, gehört zu den 613 „Mizwot“ - Gebote und Verbote, nach denen ein frommer Jude lebt.
Ultraorthodoxe Juden und die arabische Minderheit treiben in Israel die Geburtenrate nach oben. Dabei tut der israelische Staat im Vergleich relativ wenig für seinen Nachwuchs.

Bar Refaeli war schon relativ alt. Mit 31 Jahren war das Model in Israel eine späte Mutter, als vor einer Woche ihre Tochter Liv zur Welt kam. Sie hoffe, dass Liv bald Geschwister haben werde, sagte die stolze Mutter. Und das ist nicht ganz unwahrscheinlich.

In Refaelis kleinem Heimatland haben Frauen durchschnittlich drei Kinder, im Durchschnitt der OECD-Mitgliedstaaten sind es 1,7. Israel, ein Land mit nur gut acht Millionen Einwohnern, hat die höchste Geburtenrate in der westlichen Welt. Frauen bekommen dort mit 27 Jahren ihr erstes Kind.

In Deutschland, nur zum Vergleich, lag das Alter erstgebärender Frauen im Jahr 2014 bei 29,5 Jahren. Und eine demographische Regel besagt, dass es umso mehr Kinder geben wird, je früher die Frauen damit anfangen.

Dabei tut der Staat wesentlich weniger für den Nachwuchs als zum Beispiel die Bundesregierung. Höchstens drei Monate lang zahlt die Sozialversicherung den Müttern ihr Gehalt weiter. Dann müssen sie wieder arbeiten.

Israelischer Staat tut wenig für seinen Nachwuchs

Nur ein Jahr lang haben sie einen Anspruch darauf, auf ihren alten Arbeitsplatz zurückzukehren. Auch das Kindergeld ist im Vergleich zu Deutschland wenig großzügig. Es beträgt umgerechnet rund 40 Euro für jedes Kind, unabhängig davon, wie viele Kinder eine Familie hat. „Israel zeigt, wie wenig Einfluss der Staat auf den Kinderwunsch hat“, meint eine Mutter von drei Kindern.

Gleichzeitig tut der Staat aber wesentlich mehr, wenn sich Eltern schwertun, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Es gibt so lange finanzielle Unterstützung bei der In-vitro-Fertilisation, bis ein Paar zwei Kinder hat.

Die Eltern müssen nur einen minimalen Eigenbeitrag für jeden Versuch leisten, der jeweils rund 3000 Euro kostet. Für den Rest kommen die Krankenkassen auf, bis die Mutter 52 Jahre alt ist. Auch viele jüngere Frauen suchen entsprechende Spezialkliniken auf, von denen es in Israel so viele gibt wie sonst nirgendwo auf der Welt.

Künstliche Befruchtung

Wenn es einer Frau drei Monate lang nicht gelingt, schwanger zu werden, kann sie sich dort behandeln lassen. Da die israelischen Ärzte viel Erfahrung damit haben, sind die Erfolgsraten besonders hoch, und es gibt weniger Komplikationen als anderswo.

Im vergangenen Jahr erregte eine 65 Jahre alte ultraorthodoxe Frau Aufsehen, die ihr erstes Kind gebar. Laut Presseberichten reiste sie dafür zuvor ins Ausland, wo sie eine Eizellenspende erhielt und es zu einer Befruchtung im Reagenzglas kam. Ihre strenggläubige Gemeinde feierte die Geburt als ein Wunder.

Zwei arabische Mädchen in Ostjerusalem: Im Vergleich zur jüdischen Mehrheit ist das Wachstum der arabischen Minderheit in Israel noch höher.
Zwei arabische Mädchen in Ostjerusalem: Im Vergleich zur jüdischen Mehrheit ist das Wachstum der arabischen Minderheit in Israel noch höher. Bild: dpa

Das Beispiel der frommen Mutter zeigt zugleich, dass selbst ultraorthodoxe Rabbiner kaum Einwände haben, wenn es darum geht, Kinder zu bekommen. Das gilt oft auch für die Präimplantationsdiagnostik, deren Kosten in Israel die Krankenkassen übernehmen.

Nicht nur fromme Juden halten sich in Israel an die biblische Aufforderung: Seid fruchtbar und mehret euch! Zugleich spielt in Israel die Erinnerung an den Holocaust eine Rolle, in dem sechs Millionen Juden umkamen.

Im Durchschnitt 6,5 Kinder pro Familie

Kinder und Familie seien danach noch wichtiger geworden, heißt es immer wieder. Drei Kinder sind in säkularen Familien normal, unter den Ultraorthodoxen und in der großen arabischen Minderheit ist die Kinderzahl noch deutlich höher.

Strenggläubige Familien haben im Durchschnitt 6,5 Kinder, obwohl sie sie meistens nicht selbst versorgen können. Für die Väter gibt es nichts Wichtigeres, als Tora und Talmud zu studieren. Die Mütter versorgen die Kinder und versuchen, noch etwas dazuzuverdienen. Ohne Spenden und Kindergeld könnten die Familien nicht überleben.

Für den Staat wird das zunehmend zum Problem. Angesichts der hohen Geburtenrate wird die Zahl der Ultraorthodoxen von heute 830.000 in 20 Jahren auf rund zwei Millionen gestiegen sein. Längerfristig halten es Fachleute für möglich, dass die frommen Israelis ein Drittel der Bürger ausmachen – und das Leben in Israel noch stärker prägen könnten.

Die meisten Israelis sind zufrieden mit ihrem Leben

Im Vergleich zur jüdischen Mehrheit ist das Wachstum der arabischen Minderheit in Israel noch höher. Im vergangenen Jahr betrug es in den arabischen Familien 2,2 Prozent, in der jüdischen Bevölkerung waren es 1,1 Prozent. Gut ein Fünftel aller Israelis sind arabischer Herkunft. Die Geburtenraten beider Bevölkerungsgruppen näherten sich zuletzt langsam an.

Der Kindersegen in arabischen und ultraorthodoxen Familien stellt den Staat vor wachsende Herausforderungen. Im Vergleich zu Industrieländern wie Deutschland ist Israel ein sehr junges Land, in dem ein Drittel Kinder sind. Aber viele Kinder haben unter der Armut zu leiden, die in Israel im OECD-Vergleich weit verbreitet ist, obwohl die Wirtschaft wächst und die Arbeitslosigkeit niedrig ist.

Der Anteil der Bürger, die unterhalb der Armutsgrenze leben, liegt bei 21 Prozent; er ist höher als in der Türkei und in Mexiko. Laut einer Studie des UN-Kinderhilfswerks Unicef stammen vier von fünf der armen Kinder aus der arabischen und aus der ultraorthodoxen Minderheit.

Die meisten Israelis sind zufrieden mit dem Leben in ihrem Land

Ohne große Erfolge bemüht sich die Regierung bisher darum, strenggläubige Juden und Araber stärker in den Arbeitsmarkt zu integrieren und die Bildungschancen für ihre Kinder zu verbessern. In manchen israelischen Klassenzimmern stellen sie schon die Mehrheit.

Trotz dieser Probleme und der hohen Lebenshaltungskosten, mit denen auch viele säkulare Familien zu kämpfen haben, sind die meisten Israelis zufrieden mit dem Leben in ihrem Land. Nach den jüngsten Zahlen des nationalen Statistikamtes belief sich ihr Anteil im Frühjahr auf 89 Prozent der jüdischen und 73 Prozent der arabischen Bürger.

Nur in Skandinavien, der Schweiz und in Kanada ist der Prozentsatz der Zufriedenen noch höher. Ob die Zufriedenheit freilich mit all den Kindern zu tun hat – das muss wohl noch erforscht werden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot