Hailee Steinfeld im Interview

„Ich bin bereit, mehr Risiken einzugehen“

Von Patrick Heidmann
08.01.2021
, 06:56
Auch für die zweiten Staffel „Dickinson“ war Hailee Steinfeld als Produzentin und Hauptdarstellerin tätig. Im Interview erzählt sie, was sie an Emily Dickinson schätzt und ob sie noch mit dem Berühmtsein ringt.

Gerade einmal zehn Jahre alt war Hailee Steinfeld, die als Tochter einer Inneneinrichterin und eines Fitnesstrainers im Großraum Los Angeles aufwuchs, als sie mit der Schauspielerei begann. Mit Kurzfilmen und Werbespots ging es los, bevor sie 2010 in einer tragenden Rolle neben Jeff Bridges im Western „True Grit“ von den Coen-Brüdern zu sehen war und prompt für den Oscar nominiert wurde. Seither feierte sie nicht nur Kino-Erfolge wie „Can a Song Save Your Life?“, „Pitch Perfect 2“, oder „Bumblebee“, sondern schaffte es auch als Sängerin („Starving“) bereits mehrfach gold- und platinprämiert in die weltweiten Charts. Seit vergangenem Jahr spielt die heute 24-Jährige außerdem die Titelrolle in der charmanten Serie „Dickinson“. Anlässlich des Starts der zweiten Staffel (am 8. Januar bei AppleTV+) konnten wir mit ihr telefonieren.

Miss Steinfeld, Sie spielen in „Dickinson“ eine – natürlich fiktionalisierte – Version der großen amerikanischen Dichterin Emily Dickinson. Was bewundern Sie an dieser Frau?

Ich bin inzwischen ein großer Bewunderer ihrer Lyrik. Aber vor allem finde ich es enorm beeindruckend, dass sie zu allem etwas zu sagen hatte beziehungsweise. über die unterschiedlichsten Themen schreiben konnte. Ganz unabhängig davon, ob sie das nun für sich behalten oder mit ihrem Umfeld geteilt hat. Sie war als Künstlerin ziemlich furchtlos und hat für das gekämpft, was sie liebt. Und darum, gehört und wahrgenommen zu werden. Das finde ich vorbildhaft.

Haben Sie noch andere Vorbilder?

Mein Größtes war und bleibt meine Mutter. Wenn ich irgendwann einmal eine halb so tolle Mutter und Person werde wie sie, dann kann ich auf mich stolz sein. Aber es gibt natürlich auch noch andere tolle Frauen, die ich bewundere. Katharine Hepburn zum Beispiel, oder Lady Di. Stilvolle, kluge und wunderschöne Frauen, die sich mit Stärke und Leidenschaft ihren Aufgaben verschreiben. So hoffe ich auch zu sein.

Sie haben an anderer Stelle mal gesagt, dass Dickinson zu spielen und an dieser Serie beteiligt zu sein Sie als Künstlerin mutiger gemacht habe. Wie meinten Sie das?

Ich würde nicht sagen, dass ich in der Vergangenheit langweilig oder zu vorsichtig war. Aber dank Emily bin ich vielleicht noch etwas mehr bereit dazu, Risiken einzugehen. Oder übe mich weniger in Zurückhaltung. Ich merke das vor allem, wenn ich Songs schreibe. Früher hatte ich eher Schwierigkeiten damit, mich mit mir unbekannten Songschreibern oder Musikproduzenten zusammenzusetzen und an Songs zu arbeiten, die teilweise von wirklich persönlichen Emotionen und Erfahrungen handelten. Heute habe ich viel mehr Vertrauen in mich selbst und meine Fähigkeiten, aber auch in die anderen. Und merke, dass meine Arbeit immer dann besonders gut ist, wenn ich besonders offen bin.

Und dieses neue Selbstvertrauen entspringt der unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Künstlerin Emily Dickinson? Oder doch eher der Tatsache, dass Sie auch als Produzentin an der Serie beteiligt sind und entsprechend mehr Verantwortung denn je tragen?

Beides, würde ich sagen. Vor allem im Zusammenspiel. Zu sehen, wie eigenwillig und selbstbestimmt Emily mit ihrer eigenen Kunst umgegangen ist, ist auf jeden Fall inspirierend. Aber natürlich hat mich auch die Aufgabe wachsen lassen, gleichzeitig bei einer Serie Hauptdarstellerin und Produzentin zu sein. Zumal wir da unter ziemlichem Zeitdruck standen. Zwischen der ersten und der zweiten Staffel lag wenig Zeit. Aber ich liebe Herausforderungen. Es ist ja kein Geheimnis, dass sie es sind, die einen letztlich weiterbringen.

Eigene Songs schreiben, Produzieren – was kommt als nächstes? Wollen Sie auch mal ein Drehbuch schreiben oder Regie führen?

Beides interessiert mich sehr, flößt mir aber auch ordentlich Respekt ein. Schon allein im so genannten Writers’ Room von „Dickinson“ zu sitzen, war eine bemerkenswerte Erfahrung, die mir noch einmal verdeutlicht hat, wie gerne ich künftig noch intensiver in die Projekte involviert sein will, die mich wirklich interessieren. Vielleicht sogar ohne selbst vor der Kamera zu stehen. Aber für den Moment bin ich mit der Schauspielerei, der Musik und dem Produzieren erst einmal ganz gut ausgelastet.

Eines der Themen, von denen die zweite Staffel „Dickinson“ handelt, ist Ruhm. Sie selbst stehen im Rampenlicht seit Sie vor zehn Jahren in „True Grit“ mitspielten und im Alter von 14 Jahren zu einer der jüngsten Oscar-Nominierten aller Zeiten wurden. Ringen Sie noch manchmal mit dem Berühmtsein?

Eigentlich ist das nichts mehr, womit ich mich groß beschäftige. Ich habe akzeptiert, dass es dazugehört, erkannt zu werden, wenn ich als Schauspielerin und Sängerin tätig sein will. Ich übe diese Berufe aus, weil ich die Kunst liebe, nicht weil ich berühmt oder erfolgreich werden wollte. Aber ich sträube mich auch nicht dagegen. Alles, was über meine Arbeit hinausgeht, ist ein netter Bonus, auf den ich kaum Einfluss habe.

Zuletzt hielt sich das mit dem Erkanntwerden vermutlich ohnehin in Grenzen, schließlich war und ist ja Zuhausebleiben angesagt. Wie schwer ist Ihnen als jemandem, der es gewohnt ist, viel zu arbeiten und zu reisen, gefallen?

Anfangs fand ich es eigentlich ganz schön. Ich war zu Hause bei meinen Eltern, mein Bruder auch, und mir wurde erst einmal klar, wie viel ich sonst unterwegs bin. Plötzlich wusste ich meine Familie noch mehr zu schätzen als sonst und freute mich wirklich, nicht an hundert Orten gleichzeitig sein zu müssen. Denn so sehr ich meinen Job liebe, so sehr musste ich auch feststellen, dass ich mir selbst nicht immer genug Ruhe gebe. Oder den Menschen in meinem Umfeld genügend Wertschätzung. Trotzdem kam dann nach dem Frühjahr irgendwann auch die Zeit, wo ich das Gefühl hatte, dass ich verrückt werde. Mir fiel die Decke auf den Kopf, und plötzlich fehlte es mir wieder, etwas zu tun zu haben. Die Höhen und Tiefen kamen also in Wellen.

Für eine Fotostrecke der britische Ausgabe des Magazins Glamour mussten Sie sich sogar zu Hause selbst fotografieren …

Ich fand es schon sehr faszinierend, dass das tatsächlich möglich war. Magazintaugliche Bilder zuhause selbst hinzubekommen – das wäre mir vor einem Jahr als vollkommen irrsinnig erschienen. Erstaunlich, was alles geht, wenn es sein muss. Trotzdem vermisse ich die Tage der echten Foto-Shootings, die mir immer viel Spaß gemacht haben. An einer tollen Location zu sein, mit einer grandiosen Garderobe zur Auswahl und umgeben von meinem Team, von hervorragenden Visagisten und Hairstylisten, das ist schon immer eine sehr besondere Sache.

Inzwischen ist zumindest ein bisschen Normalität zurückgekehrt: Vor einigen Wochen haben Sie mit den Dreharbeiten zur Marvel-Serie „Hawkeye“ begonnen. Wie erleben Sie das Drehen in Zeiten der Pandemie?

Es ist wunderbar und ein Segen, wieder arbeiten zu können. Aber schräg anfühlen tut es sich ohne Frage auch. Ich arbeite bei „Hawkeye“ zum Teil mit Crew-Mitgliedern zusammen, die schon von früheren Projekten kenne. Doch das habe ich teilweise erst nach Tagen realisiert, weil ich alle immer nur mit Maske sehe und zum Teil gar nicht erkannt habe. Auch dass zum Beispiel manche Szenen in engen Räumen nicht wie gewohnt gedreht werden konnten, weil sonst der Abstand nicht gewährleistet wäre, war manchmal ganz schön mühsam. Von Normalität kann also keine Rede sein. Aber wir ziehen alle am gleichen Strang und finden Wege, damit umzugehen.

Quelle: FAZ.NET
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