Hilfe vom Jugendamt

„Das war wie Auftanken“

Von Theresa Weiß
Aktualisiert am 24.11.2020
 - 17:59
Eine Geschichte, die sie immer wieder einholt: „Ich komme mir vor wie in einem kleinen Boot im Ozean.“
Viele haben Angst vor dem Jugendamt. Es nimmt die Kinder weg, heißt es. Sidika entschied sich zu vertrauen – und fand so auch therapeutische Hilfe bei der „Starken Bande“.

Alles steht Kopf. Sidika lebt in Frankfurt, ihr Mann ist tot, die Kinder schwänzen die Schule, eins zündet sogar mal die Bude an. Sidika schafft es nicht mehr, den Alltag zu organisieren. Es ist irgendein Tag im Jahr 2013, und die Frau vom Jugendamt sagt der Mutter von vier Kindern: Entweder Sie geben Ihren Job auf und kümmern sich, oder die Kinder werden in Obhut genommen.

Die Frau vom Jugendamt, das ist Sonja Wittig, und sie ist keine Peinigerin, sondern eine einfühlsame und erfahrene Sachbearbeiterin des Frankfurter Jugendamts, Bezirk Bonames. Eines Tages lag auf ihrem Schreibtisch der Fall Sidika, für Wittig natürlich mit dem Nachnamen der Mittvierzigerin und vielen Details, die nicht in der Zeitung stehen sollen. Klar war: Sidika war überfordert. Und Wittig musste, um die Kinder zu schützen, etwas Druck aufbauen, um die Frau davon zu überzeugen, Hilfe anzunehmen.

Sidika ließ sich darauf ein. Sie gab ihre Stelle als Putzfrau auf und versuchte, zu Hause wieder Ordnung zu schaffen. Doch allein kam sie nicht aus dem tiefen Loch, in dem sie saß. Hilfen zur Erziehung, Beratung für Anträge und Formulare, Familienhilfe – das Jugendamt fuhr alles auf. „Ich habe mich gefühlt, als hätte ich eine ganze Mannschaft nur für mich“, sagt Sidika heute. Aber Wittig merkte, dass es mehr brauchte. Sie vermittelte Sidika daher an die „Starke Bande“. Denn ihr wurde klar, dass ihre Klientin an Traumata leidet, die in einer Therapie bearbeitet werden müssen. Das kann kein Beratungsgespräch leisten.

Die eigene Geschichte verarbeiten

Das Jugendamt arbeitet öfter mit den Therapeuten der „Starken Bande“ zusammen. „Wenn in der Mutter-Kind-Beziehung etwas im Argen liegt, zum Beispiel“, sagt Wittig. Die Therapie ist für die Klienten des Jugendamts wichtig, um einen Blick für die Bedürfnisse der Kinder zu bekommen und die eigene Geschichte zu verarbeiten, wie Wittig sagt. Gerade bei der „Starken Bande“ klappt das nach ihren Worten gut: Die Zusammenarbeit stimmt, und die Ausgestaltung der Therapie ist durch Hausbesuche und die große Nähe eine, in der die Klienten sich schneller öffnen können und Erfolge erzielen.

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„Anfangs dachte ich: Ich bin nicht verrückt, ich brauche das nicht“, sagt Sidika. Doch dann ging sie hin. „Das war wie Auftanken.“ Sie bemerkte, dass sie mit ihrer Therapeutin alles besprechen konnte, was ihr vor ihren Freunden peinlich war. Zum Beispiel, dass sie ihre Kinder nicht im Griff hatte. Sie schämte sich dafür, genauso wie für das, was sie ihre „schlimme Geschichte“ nennt. Es ist eine Geschichte, die sie immer wieder einholt. „Ich komme mir vor wie in einem kleinen Boot im Ozean, aber ich habe nur ein Paddel und drehe mich immer im Kreis.“

„Ich war wie ein Tennisball, mal hier, mal da“

Die Geschichte von Sidika beginnt irgendwo in der Türkei. Ihre Eltern kennt sie kaum. Sidikas Mutter war im Alter von 13 Jahren verheiratet worden. Sie muss unglücklich gewesen sein und versuchte, sich zu befreien. Mit 15 verschwand sie. Ihre kleine Tochter verstand das damals nicht, sie wusste nur: Die Mutter war weg.

Für das Kleinkind war es wie der Fehlstart auf einem Weg, der sehr schwierig werden sollte. Sidika besuchte nie eine Schule, lernte weder lesen noch schreiben. Nach einigem Hin und Her nahm eine Großmutter sie auf, als neuntes Kind. „Ich war wie ein Tennisball, mal hier, mal da.“ So ging es auch weiter. Als sie 17 war und ihre Großmutter wusste, dass sie nicht mehr lange da sein würde, um sich um ihre Enkelin zu kümmern, arrangierte sie eine Adoption nach Deutschland zu einem Onkel.

Keine Zeit zu trauern

Sidika kam nach Frankfurt. Doch auch dort ging es ihr nicht gut. Ihr Onkel wollte nicht, dass sie zur Schule ging. Sie sollte sich lieber um den Haushalt und seine Kinder kümmern. Wenn sie davon spricht, unterbricht sie manchmal ihre Erzählung. „Ich brauch kurz“, sagt sie dann, legt ihre Hand auf die Augen. Was noch alles in dieser Zeit passiert ist, bleibt im Dunkeln. Sidika möchte nicht alles erzählen, und es ist auch nicht nötig, um zu begreifen, dass es ihr sehr lange nicht gutging, dass es ihr unmöglich war, so für ihre Kinder zu sorgen, wie sie es gern getan hätte.

Lange hält sie es jedenfalls nicht aus. Sie haut ab, nimmt einen Job in einer Küche an und verliebt sich in den Koch. Die beiden heiraten, bekommen vier Kinder. Dann stirbt ihr Mann, Sidika ist allein. „Ich hatte keine Zeit zu trauern“, sagt sie. „Ich wollte die Kinder nicht belasten.“ So ganz klappt das nicht. Ihre damals zweijährige Tochter habe irgendwann gesagt: „Mama, ich hab doch nichts Schlimmes gemacht.“ Denn sie sieht ihre Mutter immer traurig. Ein paar Jahre versucht es Sidika noch. Und schafft es einfach nicht.

Das Jugendamt übernimmt. Obwohl es ihr droht, die Kinder wegzunehmen, sagt sie heute: „Das war mein Rettungsanker.“ Es arbeitet eng mit der Therapeutin der „Starken Bande“ zusammen, und Schrittchen für Schrittchen geht es voran. „Anfangs war ich unpünktlich, unordentlich und habe die Sache nicht ernst genommen, obwohl ich bis zum Kopf im Chaos saß“, sagt Sidika. „Ich war sehr unglücklich, und das hat auch auf meine Kinder abgefärbt.“

Eine Zukunft für die Kinder

Sidika bespricht ihre Geschichte, traut sich erstmals, alles zu erzählen. Die Diagnose: Depression und posttraumatische Belastungsstörung. Sie bearbeitete die Traumata in vielen Sitzungen, steckte Grenzen ab, entwickelte Strategien, um im Alltag klarzukommen. Fast drei Jahre dauerte die Therapie, wenn es brenzlig wurde, kehrte Sidika auch in den vergangenen Jahren immer wieder mal zu ihrer Therapeutin zurück. Sie bekam auch Medikamente, die ihr halfen zu schlafen. Die nimmt sie noch heute. Denn wenn es still wird um Sidika, dann kommen die Fragen, die Erinnerungen und das schlechte Gewissen, wie sie sagt.

Auch die Kinder wurden therapeutisch unterstützt. Die Bilanz nach sieben Jahren lässt sich sehen: Ein Sohn ist ausgezogen und hat Arbeit, die Tochter geht zur Schule, der Kleinste, der offenbar sehr phantasievoll und begabt ist, ebenfalls. Sidika sagt, sie habe noch immer „Herzklopfen“, ob alles gutgeht. Manchmal mache ihre Tochter Witze, dass sie vielleicht, statt die Schule zu besuchen, in einem Supermarkt anfangen könnte. Sidika verzieht den Mund. „Sie müssen nicht schlau, schlau, schlau sein, aber sie sollen sich“, hier sucht Sidika kurz nach dem richtigen Wort – „retten.“ Sie weiß, wie schwer ihr Leben ohne Schulbildung war. Für die Kinder will sie etwas Besseres. Weil sie es geschafft hat, Hilfe anzunehmen, sind sie auf dem Weg dahin.

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für die Stiftung „Starke Bande“, die Familien in schwierigen Lebenssituationen durch aufsuchende, individuelle Psychotherapie unterstützt, sowie für das Projekt „Lokale niederschwellige Krisenintervention in Frankfurt“ (LoKI) der Universitätsklinik Frankfurt, das Menschen mit Suizidabsichten hilft. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94.5019.0000.0000.1157.11 - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43.5005.0201.0000.9780.00 Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weiß, Theresa
Theresa Weiß
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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