Ben Affleck im Interview

„Ich bin ein Bücherwurm“

Von Patrick Heidmann
24.01.2022
, 07:10
Der Mann hinter der Theke: Ben Affleck spielt Onkel Charlie, der sich im Film „The Tender Bar“ um seinen Neffen J.R. (Tye Sheridan) kümmert.
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Hollywoodstar Ben Affleck spielt auch gerne Nebenrollen, wie im neuen Film „The Tender Bar“, bei dem George Clooney Regie führte. Im Interview verrät er, wer seine Vorbilder sind – und was für Bücher er mit seiner Tochter liest.
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Herr Affleck, nach „The Last Duel“ ist „The Tender Bar“ nun der zweite Film, in dem Sie sich mit einer Nebenrolle be­nügen. Gefällt es Ihnen, nicht im Mittelpunkt zu stehen?

Abgesehen von der schlechteren Be­zahlung, habe ich Nebenrollen eigentlich immer schon bevorzugt. Man hat eine ­Freiheit, die man als Hauptdarsteller nie haben wird.

Warum nicht?

Weil es im Mainstreamkino – nicht ganz unberechtigt – die herkömmliche Meinung gibt, dass ein Protagonist oder eine Protagonistin grundsätzlich sympathisch genug sein muss, um beim Publikum Empathie zu wecken und es mit auf eine Reise zu nehmen. Bestimmte Charakterzüge oder Verhaltensweisen können dazu führen, dass Zuschauer sich distanzieren, und dann hat ein Film sie meist verprellt. Entsprechend ist eine gewisse Tugendhaftigkeit nötig, die aus erzählerischer Sicht sinnvoll ist, aber darstellerisch beengend sein kann. In einer Nebenrolle hat man die Möglichkeit, ­komplizierte, widersprüchliche oder alles andere als perfekte Figuren zu spielen.

Aber kompliziert und widersprüchlich sind doch eigentlich in der Realität fast alle Menschen.

Na klar. Deswegen finden wir diese Figuren ja auch meistens so interessant. Im Zentrum einer Geschichte wollen wir im Kino allerdings – so die traditionelle Meinung – lieber jemanden sehen, der vielleicht nicht ganz so unserer Alltags­erfahrung entspricht. Da sind facetten­reichere Nebenrollen eher schmückendes Beiwerk. So wie damals Jeremy Renner in meinem Film „The Town – Stadt ohne Gnade“. Er war spektakulär als mörderischer Bankräuber, das Publikum war begeistert von ihm. Aber als Protagonist hätte die Figur kaum funktioniert, weil dann immer die Frage im Raum gestanden hätte, ob man mit jemandem wie ihm überhaupt mitfiebern darf.

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In „The Tender Bar“ spielen Sie nun einen Sympathieträger, den Onkel und Mentor des jungen Protagonisten J. R. Wer waren in Ihrem Leben die Männer, die bei Ihnen als Junge die bleibendsten Eindrücke hinterlassen haben?

Mein Vater und mein Großvater waren und sind für mich auf jeden Fall echte Vor­bilder, die mich sehr geprägt haben. Aber auch meinem Schauspiellehrer habe ich viel zu verdanken.

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© YouTube/Amazon Prime Video

Mehr als das reine Vermitteln der Schauspielkunst?

Auf jeden Fall. Er unterrichtete nicht nur Schauspielerei, sondern auch Regie und Drehbuch, und zu erkennen, wie eng diese drei Disziplinen verwoben sind, war für mich von großer Bedeutung. Gerade das Regieführen wird manchmal etwas mystifiziert, es kann viel Respekt einflößen. Dass ich mich immer recht unbefangen getraut habe, mehr auszuprobieren, als nur vor der Kamera zu stehen, liegt wirklich an diesem Mann. Fast noch wichtiger war aber, was er mir, Matt Damon und anderen Schülern jenseits des Fachlichen vermittelt hat. Integrität sich selbst und Respekt anderen gegenüber, wie man das eigene Tun ernst nimmt und was es heißt, professionell zu sein, harte Arbeit, Pünktlichkeit – das alles habe ich von ihm gelernt. Klingt nach naheliegenden, fundamentalen Dingen, aber wenn sie einem von jemandem bei­gebracht werden, den man bewundert und den man zufriedenstellen möchte, dann brennt sich das besonders ein. Ich habe ­diese Dinge als Prinzipien in meiner Arbeit verinnerlicht – und sie leisten mir bis heute gute Dienste.

Der von Ihnen gespielte Onkel Charlie betreibt in „The Tender Bar“ nicht nur eine Bar, er ist auch eine Leseratte. Wie sieht Ihr Verhältnis zu Büchern und Literatur aus?

Oh, ich bin auch ein Bücherwurm. Das habe ich von meinen sehr klugen Eltern, allen voran von meinem Vater, der großes Interesse an Literatur und Sprache hatte. Die Wirkungsmacht der Worte, ihre ­Eleganz und wofür man sie einsetzen kann, das hat ihn wirklich umgetrieben. Und durch nichts vermittelt sich das so sehr wie durch Lesen. Deswegen ist es mir eine besondere Freude zu sehen, dass meine Kinder, jetzt, wo sie ein bisschen älter sind, auch zu Leseratten heranwachsen.

Und haben Sie im Blick, was sie lesen?

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Na klar! Wobei sie natürlich in sehr unterschiedlichen Lesestadien sind. Der Jüngste ist neun Jahre alt, die Mittlere zwölf und meine Älteste 16. Sie ist besonders viel­seitig interessiert, und mir macht es Spaß, Bücher parallel zu ihr zu lesen. „Macbeth“ zum Beispiel oder Romane aus der Harlem-Renaissance. Solche Klassiker nach vielen Jahren wieder in die Hand zu nehmen, fand ich enorm spannend. Aber ich suche auch Lektüre für sie aus, um sie ein bisschen herauszufordern. Zuletzt haben wir zum Beispiel „Ulysses“ von James Joyce gelesen und „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ sowie „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace.

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Keine leichte Lektüre.

Aber phantastische. Die Art und Weise, wie Wallace schreibt, in diesen fließenden, hypnotischen, kreisförmigen Mustern, ist überwältigend. Zunächst erscheint das so kompliziert und verschnörkelt, dass man kaum den Zusammenhang sieht. Bis sich dann eben doch erschließt, wie prägnant und bedeutungsvoll er schreibt. Für mich ist der Kerl der außergewöhnlichste Autor seiner Zeit. Und ich habe nicht nur meine Tochter, sondern auch meine Mutter dazu gekriegt, diesen dicken Schinken „Unend­licher Spaß“ zu lesen. Beide Male mit dem Trick, dass ich anfangs gesagt habe: Das schafft ihr nie. Das hat beide geärgert und angespornt.

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George Clooney hat bei „The Tender Bar“ Regie geführt, er war vor etlichen Jahren auch schon Produzent Ihres Films „Argo“. Sind Sie gut befreundet?

Wir kennen uns schon eine ganze Weile. Seinen Produktionspartner Grant Heslov kenne ich noch besser, der war bei der Arbeit an „Argo“ praktisch wie mein Bruder. George ist jemand, der jeden kennt und den jeder liebt. Beinahe so etwas wie der Bürgermeister von Hollywood. Charmant, liebenswert, einnehmend und sehr überzeugend. Ich finde es aber spannend, noch eine andere Seite an ihm kennen­gelernt zu haben: den komplexen Ge­schichtenerzähler, der mehr Menschenkenntnis besitzt als die meisten anderen und als Regisseur seine Vision besser kommunizieren kann als viele andere. Wer mit ihm dreht, kann sich glücklich schätzen.

Ben Affleck (rechts) und George Clooney bekamen schon im Jahr 2013 für ihren Thriller „Argo“ den Oscar für den besten Film.
Ben Affleck (rechts) und George Clooney bekamen schon im Jahr 2013 für ihren Thriller „Argo“ den Oscar für den besten Film. Bild: AFP

Ihren Freund Matt Damon, mit dem Sie zuletzt bei „The Last Duel“ wieder zusammengearbeitet haben, hatten Sie schon erwähnt. Ist Ihre Freundschaft bis heute unverändert eng?

Ja. Seit 40 Jahren, unerschütterlich. Wir sind zusammen aufgewachsen. Wir lieben uns und wissen sehr zu schätzen, was wir aneinander haben. Eine Freundschaft wie unsere ist für mich mit das Wichtigste, was ich im Leben habe. Und mit Matt dann auch noch hin und wieder zusammen­arbeiten zu können ist wirklich ein echtes Glück.

„The Tender Bar“ läuft auf Prime Video.

Quelle: F.A.Z.
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