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Inflation der Nazi-Vorwürfe

Auf Twitter sind jetzt ALLE Rassisten

Von Sebastian Eder
 - 15:16
Hat jetzt eine Diskussion ausgelöst: Enissa Amani 2015 bei der Verleihung des Deutschen Comedypreises

In diesem Artikel werden viele Zitate von Twitter vorkommen, also kann er auch gleich mit einem beginnen. Der Journalist Martin Schneider schrieb am Dienstag: „Wegen Ostern paar Tage nicht auf Twitter. Offenbar sind hier nun alle Rassisten.“ Tatsächlich hatten in den Tagen davor mehrere Twitter-Nutzer, die sonst vor allem für ihr Engagement gegen Rechtsradikale bekannt sind, Serien von Tweets veröffentlicht, die etwa so anfingen: „Heute wurde mir auf Twitter Rassismus vorgeworfen. Wer wissen möchte, wie es dazu kam, und was ich dazu zu sagen habe, liest den folgenden Thread.“ Diese Formulierung hatte Ralph Ruthe gewählt, ein Cartoonist, der seinen Bekanntheitsgrad immer wieder nutzt, um sich gegen Rechtspopulisten und Rechtsradikale zu positionieren – und dafür entsprechend angefeindet wird.

Am Wochenende war Ruthe ausnahmsweise nicht ins Visier von AfD- oder Trump-Fans geraten, sondern in das einer linksradikalen, feministischen Filter-Blase, die sich auf Twitter als Gralshüter des Antifaschismus versteht. Auslöser war, dass sich Ruthe mit der Journalistin Anja Rützel solidarisieren wollte, die nach einem kritischen Artikel über die deutsch-iranische Moderatorin Enissa Amani von deren Fans als Nazi beschimpft worden war. Auf „Spiegel Online“ hatte Rützel, die für ihre bissigen TV-Kritiken bekannt ist, einen Artikel über eine Preisverleihung geschrieben und das Jurymitglied Amani immer wieder „Komikerin“ genannt, weil Amani angekündigt hatte, nach Nicaragua auszuwandern, wenn sie noch einmal „Komikerin“ genannt werde. Amani verglich Rützel in den sozialen Medien daraufhin mit „AFDlern“, die sie aufforderten, das Land zu verlassen.

Seine Solidarität mit Rützel wollte Ruthe dann zeigen, indem er Amani auf Twitter noch mal „Komikerin“ nannte – und einen Link zu Flügen nach Nicaragua ergänzte. In seinem Rechtfertigungs-Thread schrieb er später dazu: „Augenblicklich hatte ich das Gefühl, dass der Tweet falsch verstanden werden könnte. Und dass es Leute geben würde, die ihn falsch verstehen WOLLEN. (...) 47 Sekunden (!) nachdem ich ihn getwittert hatte, löschte ich den Tweet wieder.“ In diesen 47 Sekunden war allerdings schon ein Screenshot gemacht worden, anhand dem ein Twitter-Nutzer Ruthe vorwarf, „in guter alter NPD-Manier ,guten Heimflug‘“ zu wünschen. Ruthe schrieb dazu: „Weder (...) schrieb ich ,Guten Heimflug‘, noch stammt Enissa Amani aus Nicaragua. Ich hatte mich ganz klar auf ihren ,Witz‘ bezogen. Ab hier hatten aber einige einfach Lust, mich für einen Rassisten zu halten.“

Diese Lust ist auf Twitter weit verbreitet. Auch den „Creative Director“ Alf Frommer erwischte es über Ostern, nachdem er Amani eine Komikerin genannt hatte, „die es nicht erträgt, dass man sie nicht lustig findet“. Frommer arbeitet sich auf Twitter regelmäßig an der AfD ab, steht seinen Angaben zufolge seit Anfang des Jahres auf einer Drohliste von Nazis, und hat „mehrere Wahlkämpfe für eine weltoffene und klar antirassistische Partei gemacht“. Am Montag schrieb er: „Es ist Wahnsinn zu erleben, was passiert, wenn hier auf Twitter eine Bubble über dich herfällt.“ Für ihn sei eine „Grenze überschritten, wenn sich da Leute zusammenschließen und man von denen einfach das Etikett ,Rassist‘ drangepappt bekommt“.

„Diese Leute verwässern Begriffe wie Nazi oder Rassist“

Noch absurder war der Shitstorm, der vor einer Weile über Shahak Shapira hereinbrach. Der deutsch-israelische Komiker wurde auch mit Aktionen gegen Rechtsradikale bekannt. Schon als Jugendlicher musste er vor Nazis wegrennen, in seiner Familie haben die meisten den Holocaust nicht überlebt. Trotzdem wird Shapira auf Twitter regelmäßig als „Nazi“ beschimpft, seit er infrage gestellt hat, dass Kampagnen bei Change.org hilfreich im Kampf gegen Rassismus sind. Im Gespräch mit der F.A.Z. sagte er dazu: „Diese Leute spielen sich bloß auf und verwässern Begriffe wie Nazi oder Rassist. Damit schaden sie der Sache.“

Und genau das muss sich diese Blase vorwerfen lassen: Die Aufregung über wirkliche Skandale, zum Beispiel über ein Gedicht, in dem ein FPÖ-Politiker Menschen mit Ratten vergleicht, geht in den ganzen Nichtigkeiten unter. Wen soll ein Nazi-Vorwurf auch noch treffen, wenn damit regelmäßig Leute wie Shapira, Ruthe und Frommer überzogen werden, die sich teilweise unter großen Gefahren gegen Nazis engagieren (Shapiras Mutter stand mehrere Wochen unter Polizeischutz)? Frommer schrieb dazu: „Schon Monty Python wusste: Für die judäische Volksfront ist die Volksfront aus Judäa schlimmer als die Römer. Eigentlich hat sich daran bis heute nichts geändert.“

Auch im Feminismus ist dieses Phänomen zu beobachten. Die Autorin Sophie Passmann wurde für ihr Buch über „alte weiße Männer“ von anderen Feministinnen attackiert, bevor sie es überhaupt veröffentlicht hatte. Kritisiert wurde sie unter anderem dafür, aus der Sicht einer privilegierten weißen Frau zu schreiben. Diese Vorwürfe machten sich dann genüsslich Männer in Streitgesprächen mit Passmann zu eigen, zum Beispiel der „Spiegel“-Kolumnist Jan Fleischhauer, der zu Passmann sagte: „,Check your privileges' heißt der Satz, der Männern wie mir entgegengeschleudert wird. Gilt der nicht auch für Sie?“

All diese Beispiele machen ein Grundproblem vieler linker Bewegungen oder Parteien deutlich: Man zerfleischt sich wegen Nichtigkeiten gegenseitig, anstatt gemeinsam gegen den angeblich so gefährlichen Gegner zu kämpfen. Die Nutzerin Jasmin Schreiber twitterte im März: „Gibt so ne Gruppe Leute, die Twitter für alle zu nem toxischen Ort machen, weil sie jeden fronten, der zwar auf derselben Seite, aber nicht ~auf Linie~ ist. Das sei ,Aktivismus'. Können nach der ungestörten Machtergreifung der AfD ja im Knast ausknobeln, wer am wokesten ist.“ Mit „Woke“ ist die Wachsamkeit gegenüber sozialen Ungerechtigkeiten und Rassismus gemeint.

Auch wenn solche Phantasien von einer „Machtergreifung der AfD“ übertrieben sind – die linken Aktivisten geben zumindest Leuten wie Boris Palmer die Möglichkeit, sich in die Gruppe der zu Unrecht Kritisierten einzureihen. Der umstrittene Grünen-Politiker begann seinen jüngsten Facebook-Post, in dem er die Hautfarbe von Menschen auf der Internetseite der Bahn kritisierte, mit den Worten: „Der Shitstorm wird nicht vermeidbar sein.“ Dass berechtigte Kritik als „Shitstorm“ einer verblendeten Blase abgetan werden kann, dafür ist auch diese Blase verantwortlich. Twitter-Nutzerin Gianna Mariella schrieb dazu: „Feminismus und Antifaschismus ist auf Twitter anscheinend nicht dafür geeignet Menschen zu verbinden. Hier herrscht diesbezüglich eher der GNTM-Spirit: ,Ich bin nicht hier, um Freunde zu gewinnen, sondern um das Ding zu gewinnen.‘“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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