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Hitze-Interview mit Kranführer

„Ich dachte, die Klimaanlage kommt“

Von Sebastian Eder
 - 17:00
Im T-Shirt über den Dächern: Syla sitzt am Mittwoch in seiner Führerkanzel über der Baustelle am Güterplatz in Frankfurt.

Syla, Sie sind 59 Jahre alt und Kranführer. Danke, dass Sie für ein Interview von Ihrem Kran heruntergekommen sind.

Als ich angefunkt wurde, habe ich mich gefreut, weil ich dachte, dass die Klimaanlage für mein Kranführerhaus endlich angekommen ist. Stattdessen soll ich jetzt mit Ihnen reden. Aber ich habe vom Chef ja wenigstens ein Eis bekommen.

In Ihrem Häuschen gibt es keine Klimaanlage?

Nein. In den neueren Kränen gibt es Klimaanlagen. Aber nicht in allen. Das ist nicht normal, in anderen Ländern ist das besser. Aber in Deutschland ist es eben nicht oft so heiß, deswegen lohnt sich das vielleicht nicht. Die Chefs versuchen aber gerade, eine Klimaanlage zu organisieren, die man bei mir einbauen kann. Das wäre schon gut. Wobei: Manchmal kippt man fast um, wenn man aus dem gekühlten Führerhäuschen in die Hitze kommt.

Wie lange sind Sie schon Kranführer?

Seit 30 Jahren. Ich komme aus dem Kosovo, habe meinen Schein aber in Kroatien gemacht. Dann habe ich im Kosovo gearbeitet. 1993 bin ich nach Deutschland gekommen. Zwei Jahre lang war ich Helfer, weil ich kein Deutsch konnte. Dann habe ich wieder im Kran angefangen.

Hatten Sie im Kosovo Probleme mit der Hitze?

Die Kräne waren dort nicht so hoch, vielleicht 30 Meter. Da konnte man schnell runter, wenn es zu heiß wurde, und sich ein bisschen kaltes Wasser ins Gesicht machen. Hier ist mein Kran 50 Meter hoch, da schimpft der Polier, wenn ich dauernd runterkomme, das dauert ja eine Weile. Und auf dem Weg wird es richtig heiß. Es gibt keinen Aufzug, man muss klettern. Wenn es kühl ist, brauche ich für den Weg zwei bis drei Minuten. Aber bei der Hitze brauche ich fünf.

Wie warm wird es in Ihrem Häuschen?

So warm wie in der Sauna. Bestimmt noch mal zehn Grad wärmer als hier unten. Man hat ja das ganze Glas um sich herum. Wenn du die Scheibe anfasst, verbrennst du dir die Hand, so warm ist es.

Haben Sie Tricks gegen die Hitze?

Was für Tricks? Mit einem Ventilator wird es nicht besser, da bläst es dir die heiße Luft ins Gesicht. Und wenn man die Tür aufmacht, zieht es oft so, dass man nicht mehr arbeiten kann. Also mache ich die Gardine ein bisschen runter, ziehe T-Shirt und Hose aus und arbeite in Unterwäsche.

Sieht Sie ja keiner da oben.

Normalerweise nicht. Aber einmal hat mich ein Bauleiter fotografiert und das Foto überall aufgehängt. Da war ich sauer.

Benutzen Sie Sonnencreme?

Nein, die läuft mir in die Augen, wenn ich schwitze. Aber ich habe die Gardine. Und zwei, drei Flaschen Wasser und einen kleinen Kühlschrank. Das ist gut, den gibt es nicht in jedem Kran. Bei meinem Kollegen ist das Wasser so heiß, als käme es aus dem Kochtopf.

Wie lange am Stück sind Sie auf dem Kran?

Acht bis zehn Stunden. Manchmal gehe ich zwischendurch für eine Pause auch runter. Aber wenn es so heiß ist, bleibe ich lieber auf der Plattform vor dem Führerhäuschen. Da ist ein bisschen Schatten.

Ist der Sommer die härteste Jahreszeit?

Ja, der Winter ist gar nicht schlimm, da habe ich eine Heizung. Und wenn es regnet, freue ich mich, da wird es kühl.

Gibt es eine Temperatur, bei der Sie nicht mehr arbeiten können?

Bisher gab es das noch nicht. Aber wenn es 40 Grad warm wird, kann man vielleicht nicht mehr den ganzen Tag lang arbeiten. Da hat es bei mir oben bestimmt 50 Grad. Wenn es mir nicht mehr gut geht, höre ich auf, das ist kein Problem. Die Chefs fragen immer nach. Man muss sich konzentrieren können, sonst wird es gefährlich – und ungesund.

Graut es Ihnen vor dem Rest des Sommers, wenn es schon im Juni so heiß ist?

Ich sitze schon so lange in diesem Häuschen. Und es ging immer irgendwie weiter. Bis jetzt haben wir es jeden Sommer geschafft. Ich bin mir sicher: Das schaffen wir wieder.

Hitzefrei auf dem Bau?

Fast jeder kennt es aus der eigenen Schulzeit: An heißen Sommertagen gab es „Hitzefrei“, also raus aus dem Klassenzimmer und ab an den See oder ins Schwimmbad. Während die Bundesländer für die Schulen genaue Vorgaben machen, ab wie viel Grad „hitzefrei“ ist, sucht man solche Vorgaben im Arbeitsrecht und innerhalb der Baubranche vergeblich. Regelungen über Pausen oder witterungsbedingte Umverteilung von Arbeiten können die Unternehmen über Betriebsvereinbarungen oder mündliche Absprachen vereinbaren. Tagelange Pausen aufgrund des heißen Sommerwetters können aber nicht im Interesse eines Unternehmers liegen. Denn jede Verzögerung kann eine Vertragsstrafe nach sich ziehen.

Ein Arbeitgeber hat aber Fürsorgepflichten gegenüber seinen Mitarbeitern, gerade wenn es um den Arbeitsschutz geht. Auch wenn Bauarbeiter per se keinen gefüllten Kühlschrank mit Getränken erwarten sollten, gibt es verschiedene Möglichkeiten auf die Arbeitsrechtler hinweisen: So können die Arbeitszeiten auf die früheren Morgenstunden oder auf den Abend verschoben werden. Besonders schwere körperliche Arbeit sollte, falls es der Baufortschritt zulässt, völlig unterlassen werden. Arbeitgeber sollten ausreichend Möglichkeiten für Ruhepausen einplanen und während der Hitzewelle keine Überstunden von ihren Mitarbeitern anfordern. Mehrarbeit auf dem Bau ist ohnehin nur zulässig, wenn es im Arbeits- oder Tarifvertrag oder einer Betriebsvereinbarung vereinbart ist. (mj.)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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